»Was du hier für einen zärtlichen Krach geschaffen hast!«
Saša Stanišić
Ein wunderbares Buch über eine Mutter-Tochter-Beziehung in einer nicht enden wollenden Ausnahmesituation, mal zärtlich und poetisch, mal wütend, humorvoll und sehr direkt erzählt mit einer überraschenden Wendung, die das Ende eines Lebens und unseren Umgang damit in ein völlig neues und unbekanntes Licht rückt.
Georg stirbt, und das schon viel zu lange. Während Ruth ihren Mann selbstvergessen zu Hause pflegt und sich darüber von ihrer fünfzehnjährigen Tochter Lea entfremdet, möchte die endlich Normalität und ungebremst ein jugendliches Leben führen. Ruth und Lea brauchen sich, driften aber immer weiter voneinander weg. Und dann passiert etwas mit Georg, mit dem keiner gerechnet hat.
»Das Moos tröstet, der Vater wiehert, das Sterben ist nicht Abschied, sondern Verwandlung, und wer pflegt denn bitte einen fremden Mann mit langen pinken Fingernägeln?! Willkommen, Nefeli Kavouras, in der deutschsprachigen Literatur, ja, was du hier für einen zärtlichen Krach geschaffen hast!«
Saša Stanišić
"Gelb, auch ein schöner Gedanke" ist kein Buch, das sich einfach lesen lässt – nicht wegen einer komplizierten Handlung, sondern weil es emotional an Stellen trifft, die still und gleichzeitig unglaublich ...
"Gelb, auch ein schöner Gedanke" ist kein Buch, das sich einfach lesen lässt – nicht wegen einer komplizierten Handlung, sondern weil es emotional an Stellen trifft, die still und gleichzeitig unglaublich laut sind. Nefeli Kavouras erzählt von Krankheit, Abschied und Familie, aber vor allem davon, was mit Menschen passiert, wenn ein Ausnahmezustand zum Alltag wird.
Besonders berührend ist die Beziehung zwischen Ruth und Lea. Beide leiden, beide brauchen einander und trotzdem entfernen sie sich immer mehr voneinander. Ruth verliert sich in der Pflege ihres Mannes, während Lea sich nach etwas sehnt, das für andere Jugendliche selbstverständlich scheint: Normalität. Genau diese Spannung zwischen Verantwortung, Überforderung und dem Wunsch nach einem eigenen Leben wirkt unglaublich authentisch.
Was mir besonders gefallen hat, ist die Art, wie das Buch erzählt wird. Die Geschichte bewegt sich zwischen poetischen Bildern, leisen Beobachtungen, Wut, Humor und Momenten, die plötzlich mitten ins Herz treffen. Es gibt Sätze und Gedanken, die sich nicht einfach lesen und wieder vergessen lassen. Trotz des schweren Themas wirkt das Buch dabei nie ausschließlich bedrückend – immer wieder blitzen Wärme, Zärtlichkeit und auch unerwartete Leichtigkeit auf.
Auch die ungewöhnlichen und teilweise fast surreal wirkenden Elemente verleihen der Geschichte etwas Eigenes. Dadurch entsteht eine Atmosphäre, die sich schwer einordnen lässt und gerade deshalb so besonders wirkt.
Wer eine geradlinige Handlung oder eine klassische Familiengeschichte erwartet, sollte wissen, dass das Buch seinen eigenen Rhythmus hat. Es lebt weniger von großen Ereignissen als von Gefühlen, Stimmungen und Zwischentönen.
GELB, AUCH EIN SCHÖNER GEDANKE
Nefeli Kavouras
ET: 12.02.26
„Wir waren schon einmal an diesem Punkt. Nur anders. Damals legte ich die Hand auf Mamas Schulter. Damals konnte ich meinen Vater nicht anschauen ...
GELB, AUCH EIN SCHÖNER GEDANKE
Nefeli Kavouras
ET: 12.02.26
„Wir waren schon einmal an diesem Punkt. Nur anders. Damals legte ich die Hand auf Mamas Schulter. Damals konnte ich meinen Vater nicht anschauen – ohne Scham, ohne Ekel, ohne Schuld und ohne Distanz.“ (Tolino S. 203)
Leas Vater hatte vor sieben Jahren einen Schlaganfall. Seitdem reiht sich eine Krankheit an die nächste. Schon lange kann er nicht mehr ohne Hilfe aufstehen oder zur Toilette gehen. Das Krankenhaus empfahl, ihn in einem Hospiz anzumelden, doch ihre Mutter weigert sich. Sie holt ihn zurück nach Hause.
„Mama würde wollen, dass Papa für immer in diesem Zustand bleibt. Wem kann ich erzählen, dass ich mir den Tod meines Vaters wünsche?“ (Tolino S. 37)
Ihre Mutter schließt sich mit ihrem sterbenden Mann in ein Zimmer ein – das Sterbezimmer, wie Lea es nennt. Und obwohl sie sich von ihr verlassen, ja vernachlässigt fühlt, ist es ihr zugleich recht. So kann sie ihre Freunde treffen, sich zurückziehen – und muss sich nicht eingestehen, wie sehr sie sich vor ihrem Vater ekelt: vor seinem Schleim, dem Geruch von Urin und seiner pergamentartigen Haut.
Dabei waren sie früher ein Team. Gemeinsam gegen die Mutter, voller Leichtigkeit, voller Nähe. Lea versucht, sich daran zu erinnern – doch vor ihrem inneren Auge erscheint nur noch der alte, sterbende Mann.
Lea ist 16 und will eigentlich nur eines: ihren eigenen Weg finden, rebellieren, ein ganz normaler Teenager sein. Doch zu Hause wird Rücksicht erwartet, in der Schule begegnet man ihr mit Mitleid. Die Geschichte nimmt schließlich eine überraschende Wendung, die zunächst irritiert, dem Ganzen aber eine neue Tiefe verleiht – und Lea auf eine unerwartete Weise wieder näher zu ihrem Vater bringt.
Dieses Buch ist ohne Frage außergewöhnlich. Der erzählerische Bruch hat mich zunächst ratlos zurückgelassen, doch rückblickend fügt er sich stimmig in die Geschichte ein.
Fazit:
Ein intensives, ungewöhnliches Buch über das Sterben – direkt, poetisch und in einem ganz eigenen Ton. Ich empfehle dieses Buch Leserinnen und Leser, die unkonventionelle Geschichten schätzen.
4/5
Georg liegt im sterben und das schon eine ganze Weile. Seine Frau Ruth kümmert sich zu Hause um ihn, pflegt ihn hingebungsvoll. Tochter Lea versucht trotzdem ein normales Teenagerleben zu führen. Das ist ...
Georg liegt im sterben und das schon eine ganze Weile. Seine Frau Ruth kümmert sich zu Hause um ihn, pflegt ihn hingebungsvoll. Tochter Lea versucht trotzdem ein normales Teenagerleben zu führen. Das ist nicht ganz so einfach. Die beiden entfernen sich immer mehr voneinander. Lea fühlt sich alleingelassen von ihrer Mutter. Ruth versteht Lea nicht. Eigentlich brauchen sich beide gerade jetzt so dringend, doch können nicht füreinander da sein.
Ein sehr bewegender Roman über Krankheit und Familie. Wie kann eine Familie so einen Ausnahmezustand eigentlich aushalten? Im Alltag dreht sich alles um den Vater und seine Pflege. Hier denkt niemand an Weihnachten oder Urlaub. Das ist gerade für Lea sehr schwierig. So wünschen sich doch gerade Teenager Stabilität und Normalität. Der Schreibstil hat mir sehr gut gefallen. Kurze und prägnante Sätze, emotional und poetisch. Ließ sich ganz wunderbar lesen. Auch die Story ist gut. Es gab nur eine sehr überraschende Wendung, die ich etwas schräg fand. Allerdings verändert gerade diese Wendung die Sicht der Mutter und der Tochter. Machte also schon Sinn. War nur sehr überraschend.
Insgesamt ein eindringlicher Roman, der sehr zum Nachdenken anregt. Empfehle ich euch gern weiter.
Einen Auszug aus diesem Buch hat Nefeli Kavouras schon beim Bachmannpreis-Wettbewerb gelesen. Jetzt ist der Text ein wenig erweitert, doch inhaltlich und vom Stil ist er gleich geblieben.
Es geht um eine ...
Einen Auszug aus diesem Buch hat Nefeli Kavouras schon beim Bachmannpreis-Wettbewerb gelesen. Jetzt ist der Text ein wenig erweitert, doch inhaltlich und vom Stil ist er gleich geblieben.
Es geht um eine Mutter-Tochterbeziehung und vom Sterben des Vaters.
Ruth pflegt ihren todkranken Mann Georg, die jugendliche Tochter Lea muss mit der Situation zu Recht kommen, aber der lange Sterbeprozess beeinflusst das normale Leben. Doch Mitte des Buches gibt es einen erstaunlichen Wandel.
Die Erzählperspektiven wechseln zwischen Ruth und Lea ab. Das funktioniert gut. Nur auf einer Seite komt auch Georg zu Wort.
Die Autorin hat einen Ton gefunden und ein lesenswertes Buch geschaffen.
„Gelb, auch ein schöner Gedanke“ von Nefis Kavouras ist ein wirklich berührender, intensiver Roman.
Ruth pflegt zuhause ihren Mann Georg, der seit Jahren schwer krank ist. Doch das Sterben zieht sich ...
„Gelb, auch ein schöner Gedanke“ von Nefis Kavouras ist ein wirklich berührender, intensiver Roman.
Ruth pflegt zuhause ihren Mann Georg, der seit Jahren schwer krank ist. Doch das Sterben zieht sich dahin. Unter dieser Ausnahmesituation leidet auch die 15jährige Tochter Lea sehr.
In wechselnden Kapiteln fühlen wir mit Mutter und Tochter mit.
Ruth hat ihre Arbeit schon lange aufgegeben und verliert sich während der Dauerpflege ihres Mannes immer mehr selbst: „Pflegejahre sind Jahre ohne Details. Alles wird im Groben zusammengehalten, für mehr reicht es nicht.“
Die Kapitel, in denen sie von den täglichen An- und Überforderungen beim Pflegen, beim Warten auf das Sterben ihres Mannes erzählt, haben mich sehr bewegt:
„Ich pflege, bis ich fertig gepflegt habe, und dann sitze ich da und langweile mich neben meinem Mann, bis es wieder etwas zu tun gibt und ich weiterpflegen kann.
Ich fange wieder an, ihm vorzulesen. Das tat ich lange nicht, mir kam es so mühselig vor, und meistens schlief er eh ein. Aber jetzt, wo er gar nicht mehr redet, wo jegliche Kommunikation einfach verschollen ist, muss ich diesen leeren Raum füllen, auch für mich. Ich lese ihm die Zeitung vor, und Georg guckt ins Nichts, ich lese Romananfänge vor, aber sie langweilen mich, und Georg guckt weiter ins Nichts, also höre ich auf zu lesen, mein Mund ist trocken, ich frage mich, wie sich Georg fühlt. Da ist keine Regung, und trotzdem sind da die körperlichen Veränderungen. Ich kann gar nicht sagen, wann es genau anfing, dass er immer und immer weniger wurde. Aber in diesem Prozess des Wenigerwerdens passiert so viel.
Seine Haare wachsen schneller, oder mir fällt es schneller auf. Ich rasiere täglich seine Bartstoppeln, weißer Schaum, ganz sachte. Ich denke an Baiser, niemand backt mir Kuchen. Wenn jemand Geburtstag hat, gibt es Kuchen, aber wenn der eigene Ehemann einem wegstirbt, gibt es gar nichts.“
„Es ist ein heißer Sommertag, als ich realisiere, dass er sterben wird. Das heißt aber nicht, dass ich es akzeptiere.
[....]
Sterben sieht so aus:
Ich schaue ihm beim körperlichen Abbau zu. Wie er schmaler und auch kleiner wird. Wie seine Haut an Farbe verliert. Grau sieht er aus, als wäre er schon eine Statue im Museum. Niemand wird für meinen Mann eine Statue errichten, ich denke jetzt schon an sein Grab. Ich lausche seiner Atmung, sie klingt nicht mehr menschlich, Georg muss noch seinen Sterberhythmus finden. Ich beobachte das Heben und Senken seiner Brust, das zeigt uns, dass er lebt, dass irgendwas von ihm noch da ist. Manchmal öffnet er die Augen, aber nie schaut er mich an. Kein Gespräch ist mehr möglich. Auch keine Gesprächsfetzen. Mir fällt ein, wie im Supermarkt eine ältere Frau zu einer anderen Frau mal sagte: ‚Mein Mann, der ist nur noch Gemüse, liegt im Bett, kann nichts, sagt nichts‘, und ich bin nun eine dieser Frauen.“
Auch Leas Hilflosigkeit und Überforderung sind deutlich spürbar:
„Ich denke seit Jahren täglich an Papas Tod, er begleitet mich schweigend und manchmal lachend und manchmal schon fast sehnsüchtig auf all meinen Wegen, das Wasser kocht und ich denke mir, jetzt könnte es so weit sein, und ich gehe zur Schule und ich trinke Kaffee und ich gehe wandern und ich stehe an der Bushaltestelle und ich warte auf den Bus und eigentlich warte ich immer nur auf Papas Tod, und dann kommt der Bus und ich frage mich, was wäre, wenn es, ja, jetzt, ja, in drei Minuten, passieren würde, aber es passiert nicht, seit Jahren passiert nichts, aber ich habe das Gefühl, genau zu wissen, wie es sich anfühlt, wenn es passiert.“
Wie allein und verloren Mutter und Tochter sind, ist schwer zu ertragen:
„‘Brauchst du noch was?‘, fragt sie und guckt mich noch nicht einmal an.
Ich bräuchte so viel, aber wo fange ich da an, und darf ich in so einem Ausnahmezustand überhaupt etwas brauchen? Aber immer sind wir im Ausnahmezustand, nie hört das auf, bald bin ich erwachsen, und meine ganze Jugend über begleitet mich das Sterben meines Vaters.“
Bis etwa zur Hälfte des Romans war ich absolut begeistert: So heftig und schonungslos, schmerzhaft und berührend!
Doch dann kann eine kafkaeske Wendung (mehr sage ich nicht dazu), mit der ich irgendwie nicht umgehen konnte. Nichts gegen Kafka, aber hier fand ich das irgendwie nicht passend. Oder es hat mich einfach überfordert?
Jedenfalls tat ich mir dann etwas schwer mit dem Verlauf der Geschichte. Erst gegen Ende hin fand ich dann wieder hinein. Und der Schreibstil von Nefis Kavouras hat mich auf jeden Fall sehr begeistert!
Da mir die unerwartete Wendung leider nicht so gefallen hat, vergebe ich final „nur“ 4 von 5 Sternen, aber dennoch eine unbedingte Leseempfehlung: Ein Roman, der sich auf so empathische Weise mit unbequemen Themen wie Pflegen und Sterben beschäftigt, ist auf jeden Fall lesenswert.
Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag und an NetGalley für dieses Rezensionsexemplar! 📚💚