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Veröffentlicht am 19.09.2017

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Die andere Hälfte der Hoffnung
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Der Roman spielt zwischen Tschernobyl und Düsseldorf, wird ganz leise aus verschiedenen Aspekten erzählt, handelt von harten Schicksalen und erst mit der Zeit erkennt der Leser die gesamte Katastrophe.

Walentyna, ...

Der Roman spielt zwischen Tschernobyl und Düsseldorf, wird ganz leise aus verschiedenen Aspekten erzählt, handelt von harten Schicksalen und erst mit der Zeit erkennt der Leser die gesamte Katastrophe.

Walentyna, die Mann und Sohn in Folge des Tschernobyl Unfalls verloren hat, schreibt Tagebuch und erzählt die Familiengeschichte von der Zwangsarbeit der Mutter im Dritten Reich, dem Mann, der viel zu früh verstarb, über den zweiten Mann, der zuviel trank und sie schlug. Sie schreibt dies alles für ihre Tochter Kateryna auf, die spurlos verschwunden zu sein scheint. Kateryna wurde mit ihrer Freundin Olena als Austauschstudentin nach Deutschland gelockt. Die Mädchen fielen allerdings auf Menschenhändler herein und wurden zur Prostitution gezwungen. Kateryna flüchtet, Olena bleibt, wird drogenabhängig und irgendwann von den Zuhältern grausam entsorgt. Kateryna landet nach ihrer Flucht, bei Lessmann, der seit dem Tod seiner Frau alleine auf seinem Hof lebt. Die junge Russin stellt seinen Alltagstrott auf den Kopf und ihn vor neue Aufgaben, u.a. soll er nach Katharinas Freundin suchen, die in einem Bordell in den Niederlanden anschaffen soll. Lessmann findet sie auch, informiert Katharina aber nicht darüber. Nicht nur er sucht nach den Mädchen, sondern auch Leonid, ein suspendierter Kriminalbeamter, versucht die Mädchen zu finden und geht davon aus, dass ein Mädchenhändlerring dahintersteckt, der bis in hohe Kreise Unterstützung findet.

Diese Handlungsstränge (Walentyna, Kateryna und Lessmann sowie Leonid) verdichten sich zu einem Gesamtbild, das div. aktuelle Themen anspricht. Nicht nur das, Borrmann verknüpft sehr geschickt die Vergangenheit mit der Gegenwart. Alle Handlungen der Protagonisten kann ich nicht nachvollziehen, muss ich aber auch nicht. Die Geschicht ist komplex, nicht immer einfach, auch nicht schön, dafür aber berührend, ganz ehrlich und sie wirkt nach dem Lesen nach.

Veröffentlicht am 10.09.2017

Die grüne Goldgrube

Green Bonanza
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Es ist ein schönes Buch. Das Titelbild mit Gemüsepfanne aus goldbraunem Rosenkohl macht bereits Lust auf mehr, auch wenn m.E. es die Granatapfelkerne für den Geschmack nicht gebraucht hätte.
Der Titel ...

Es ist ein schönes Buch. Das Titelbild mit Gemüsepfanne aus goldbraunem Rosenkohl macht bereits Lust auf mehr, auch wenn m.E. es die Granatapfelkerne für den Geschmack nicht gebraucht hätte.
Der Titel "Green Bonanza" hätte sich mir allerdings nicht erschlossen, wenn da nicht direkt auf dem Titelbild eine große Fußnote stünde, die erklärt, dass Bonanza auf Spanisch Goldgrube heißt. Dann macht das ganze Sinn, denn Mia Frogners Rezepte sind zwar nicht durch die spanische, jedoch durch die mexikanische Küche stark geprägt. Die Rezepte wiederholen sich, es gibt viel Tacos und Tortillas, Pizzas, Suppen, Salate und div. Falaffel, Bällchen und Burger. Ganz im Stil der modernen Köche vermischt sie Alt-Bewährtes mit Weltküche.
Unsere Kindheitserfahrungen sind ähnlich, wir hatten beide Großmütter, die mit 100%iger Gewissheit etwas Leckeres auf den Tisch brachten, egal was gerade da war und wieviel. Die jedoch nicht nur kochen konnten, sondern die Gemüse anbauten, wussten wann sie reif waren, wie sie besonders gut schmeckten und v.a. wie man nichts vergeudete oder wegwarf. Auch mich haben diese Kindheitserfahrung mit meiner Großmutter stark geprägt und beeinflussen heute meinen Kochstil und den respektvollen Umgang mit Lebensmittel. Mir gefällt gut, wie Frogner den Lesern diese Einstellung vermittelt.
Die Autorin verlässt sich oft auf ihren Backofen, was ich aber nicht schlimm finde, zumal es sich dabei um eine Zubereitungsart handelt, die praktisch und sehr schmackhaft ist. So brät sie Süßkartoffel, Rosenkohl und div. anderes Gemüse auf dem Blech, wagt sich aber auch, Falaffel im Backofen zu machen. Was ich gut finde, da sie doch so nicht so fettig sind. Nicht zu vergessen die div. Arten einer Pizza, die sie ohne Käse zubereitet, für das ich ihr besonders dankbar bin. Manche Zubereitungen erscheinen mir etwas umständlich. Wie z.B. die weltbesten Ofenkartoffeln, die sie zuerst in der Pfanne gar brät, um sie dann wieder für 15 Minuten in den Backofen zu schieben. Oder der Kartoffelsalat, bei dem die Karotten in Stücke geschnitten gekocht werden, wohlgemerkt mit Schale, damit die Vitamine nicht verloren gehen. Da wäre es vermutlich besser, die Kartoffeln ganz zu kochen und danach zu schneiden. Bei den Blumenkohl-Wings ist die Zubereitung zurecht aufwändig, da sie nur so richtig schön kross werden.

So wirklich neue Dinge hat mir Mia Frogner nicht gezeigt, ich finde ihre Küche aber lecker, kann für mich einige Rezepte gut abwandeln und in meinen Alltag einfließen lassen und sie bekommt ein dickes Lob, dass mal wieder jemand gezeigt hat, wie man ohne Fleisch und Fisch sowie mit nur wenigem tierischem Eiweiß ganz tolle Gerichte zaubern kann.

Veröffentlicht am 09.09.2017

Hervorragendes Debüt

Der Frauenchor von Chilbury
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Jennifer Ryan greift in ihrem ersten Werk die Geschichte ihrer Großmutter in einem kleinen englischen Dorf während des 2. Weltkrieges auf. Auf 480 Seiten schafft sie es, über die Zeit von März bis August ...

Jennifer Ryan greift in ihrem ersten Werk die Geschichte ihrer Großmutter in einem kleinen englischen Dorf während des 2. Weltkrieges auf. Auf 480 Seiten schafft sie es, über die Zeit von März bis August 1940 flüssig und kurzweilig zu berichten.

Die Männer des Dorfes wurden entweder eingezogen oder sind in London und nun soll auch noch aufgrund von mangelnden Männerstimmen der Chor aufgelöst werden. Doch die Frauen lehnen sich gegen die Entscheidung auf und stellen mit Hilfe von Primrose, einer Musikprofessorin, einen Frauenchor auf die Beine. Sie benötigen nicht nur beim Chor keine Bässe und Tenöre, sondern bewerkstelligen auch ihren oft schwierigen Alltag alleine.

Das Buch beinhaltet Briefe und Tagebucheintragungen von fünf ganz unterschiedlichen Frauen. Diese lassen uns, jede aus ihrem Blickwinkel, in die damaligen Geschehnisse blicken. Der Leser kann auf die Charaktere der Schreiberinnen schließen, die Intrigen planen und heimliche Liebschaften haben. Es werden aber auch Themen angesprochen, die weit über das Dorfleben hinausgehen wie der Luftkrieg zwischen Deutschen und Briten, die fürchterlichen Schlachten in der Normandie, geflüchtete Juden, die in England aufgenommen wurden uvm. Ryan vermittelt dem Leser aus der Sichtweise dieser Frauen ein ganzheitliches, wie ich finde sehr realistisches Bild der damaligen Zeit.

Ich wage es, diesen Roman als Frauenroman einzustufen. Er berichtet über Frauen, von Frauen und ich glaube, dass die Erzähl- und Sichtweisen der einzelnen Frauen, Leserinnen weitaus näher stehen als einem Leser.

Dieser Debütroman ist unbedingt lesenswert und ich hoffe sehr, bald weitere Werke von Jennifer Ryan lesen zu können.

Veröffentlicht am 01.09.2017

Kopfschütteln ohne Ende

Am Ende der Welt ist immer ein Anfang
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Bei "Am Ende der Welt ist immer ein Anfang" handelt es sich um einen autobiografischen Roman. Maria von Blumencron liest das Hörbuch selbst und wie wir ja schon wissen, hat nicht jeder Autor eine geeignete ...

Bei "Am Ende der Welt ist immer ein Anfang" handelt es sich um einen autobiografischen Roman. Maria von Blumencron liest das Hörbuch selbst und wie wir ja schon wissen, hat nicht jeder Autor eine geeignete Stimme für Hörbücher. Allerdings habe ich mich an das zarte Kleinmädchenstimmchen gewöhnt und muss zugeben, dass es passt, denn es handelt sich ja genau um ihre Geschichte.

Von der Mutter ignoriert, von einer liebevollen Großmutter aufgezogen, die sie aber nicht vor jahrelangem sexuellem Missbrauch schützen konnte, zu guter Letzt wieder vom Vater und dessen neuer Frau, die auch mal zuschlug, zurück in die Stadt gebracht, verlief Marias Kindheit alles andere als geregelt, behütet und liebevoll. In dieser Kindheit liegen sicherlich viele Gründe für die Schwierigkeiten in ihrem Erwachsenenleben - kranke Beziehungen zu Männern, zu ihrem Kind und zu ihrem Körper.

Auf den ersten Seiten fing mein Kopfschütteln an, wurde zwar etwas schwächer, hielt aber bis zur letzten Seite an. Maria schafft es nicht, ihr Leben im herkömmlichen Sinn in geordnete Bahnen zu lenken. Sie ist chaotisch, planlos, aber auch egozentrisch und verantwortungslos. Durch ihr Verhalten schafft sie die meisten Probleme selbst. Mit der Zeit begann ich aber das kleine Mädchen, dass die Autorin immer noch ist, besser zu verstehen, ohne ihr Verhalten gutzuheißen. Ich unterstelle ihr sogar, dass sie die Rolle des kleinen Mädchens, das keine Verantwortung übernehmen muss, liebt. Da die Autorin so sehr von Indien begeistert ist, möchte ich ihr Verhalten mit den Worten des Ayurveda beschreiben: extremer Vata-Überschuss! D.h. ihr fehlt die Erdung. Ich habe aber nicht den Eindruck, dass sie etwas an ihrer Situation ändern möchte. Sie nimmt die Dinge so hin wie sie sind, rutscht von einer Beziehung in die andere, von der sie ihr Glück abhängig macht. Nicht dass ich ihr dies nicht gönne, als Mooji-Anhängerin müsste sie jedoch wissen, dass man wahres Glück allein aus sich selbst erfahren kann.

Ich könnte jetzt endlos Ernährungsempfehlungen, Erziehungstipps usw. usf. geben, doch diese interessieren Maria nicht. Sie liebt ihr Leben wie es ist und hat trotz oder vielleicht gerade aufgrund ihres Chaos und ihrer Planlosigkeit ganz schön viel erreicht und div. Preise gewonnen. Nicht zuletzt gilt ihr meine Anerkennung, dass sie den Westen über das Leid der Tibeter in China informiert und selbst Kinder adoptiert und ihnen durch viel Engagement zu guten Ausbildungen verholfen hat. Es ist vielleicht für viele, wie für mich auch, vollkommen unverständlch wie sie lebt, aber sie ist erfolgreich und hat ein klares Ziel. Da es mir außerdem nicht zusteht, über die Lebensform inkl. aller Naivität anderer zu urteilen und weil ich meinen Respekt der Autorin gegenüber, die sich mit dieser offenen Biografie nackt macht und somit auch extrem angreifbar, gibt es von mir drei Sternchen.

Evtl. könnte ich Maria von Blumencorn besser verstehen, wenn ich sie persönlich kennenlernen würde. Ich habe den Verdacht, dass einige wichtige Punkte im Hörbuch bzw. Buch nicht transportiert werden.

Veröffentlicht am 18.08.2017

Alles muss man selber machen!

Weltretten für Anfänger
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Ich habe dieses Hörbuch im Rahmen einer Hörrunde gehört, die wie folgt angekündigt war: "... Gute Laune garantiert! Ihr werdet euch vor Lachen den Bauch halten!" Diese Erwartung erfüllt das Hörbuch nicht. ...

Ich habe dieses Hörbuch im Rahmen einer Hörrunde gehört, die wie folgt angekündigt war: "... Gute Laune garantiert! Ihr werdet euch vor Lachen den Bauch halten!" Diese Erwartung erfüllt das Hörbuch nicht. Das Thema ist ernst, von der Lippes humorvolle Art, jeder Person eine eigene Stimme zu verleihen sowie die skurrile Art des Autors Arto Paasilinna, die ganz gut zwischen der traurgen Realität hervorkriecht, haben mich jedoch oft zum Schmunzeln gebracht.

Der finnische Gutmensch und Philologe Surunen macht sich auf nach Mittelamerika, in ein Land mit fiktivem Namen, um den politischen Gefangenen Lopez zu befreien. Auf dem Weg dahin trifft er in Russland auf den Pinguinforscher Sergej Lebkov, der einen Adler hat und viel Wodka trinkt. In der Diktatur Kalmatien angekommen, schafft es Surunen tatsächlich mit viel List politische Gefangene zu befreien. Unter ihnen war auch Lopez, der aber aufgrund der jahrelangen Folter und schlechten medizinischen Versorgung in der Gefangenschaft auf der Flucht stirbt. Den zweiten Gefangenen, einen Arzt, rettet Surunen jedoch, nimmt ihn mit zu seinem Freund Lebkov nach Moskau und findet sogar im kommunistischen Kytislawonien eine Stelle für ihn. Dem nicht genug, auch dort befreit der Philologe wieder kurzerhand zwei politische Gefangene, die in der psychiatrischen Abteilung eines kytislawonischen Krankenhauses zugedröhnt mit Psychopharmaka vor sich hin vegitieren. Nach einer Odysee durch div. politische Regime kommt Surunen wohlbehalten nach Finnland zurück und findet ebenfalls sein Glück.

Paasilinna hat das Buch bereits 1986 geschrieben, und lehnt sich an das damalige politische Weltgeschehen wie z.B. die Sowjetunion an. Erst 2016 wurde Weltretten für Anfänger ins Deutsche übersetzt; hat aber nichts an Aktualität und Brisanz verloren. Man denke nur an die politischen Gefangenen in der Türkei.

Ich habe mir nicht vor Lachen den Bauch gehalten, dafür aber umso mehr geschmunzelt. Von der Lippe liest hervorragend, wenn auch oft leicht übertrieben und die Betrunkenen, die recht häufig in der Geschichte auftauchen, liest er mit so viel Inbrunst, dass sie manchmal sehr schlecht zu verstehen sind.

Für mich ist Weltretten für Anfänger ein durchaus gelungener Hörgenuss.

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