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Veröffentlicht am 24.12.2025

Gute Idee – schwierig in der Umsetzung

Ruf der Leere
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Felix, 25, möchte seinem langjährigen Freund Ben eine Willkommensparty geben. Perfekt scheint hierfür die Hütte seines Vaters im Wald für Gespräche und Entspannung. Ben war längere Zeit in Australien. ...

Felix, 25, möchte seinem langjährigen Freund Ben eine Willkommensparty geben. Perfekt scheint hierfür die Hütte seines Vaters im Wald für Gespräche und Entspannung. Ben war längere Zeit in Australien.
Doch es kommt anders als gedacht, Gäste erscheinen, die nicht eingeladen waren – und dann auch noch ein alter Mann, der meint, er sei der Tod. Soweit so gut – ein spannender Anfang.
In Rückblenden werden die Mitspieler vorgestellt und deren Verknüpfungen untereinander.
Wichtige Lebensabschnitte werden beleuchtet. Nach und nach verdichten sich die Charakterdarstellungen, während die Feier in der Hütte voranschreitet. Die Spitze des Eisbergs sozusagen, denn was psychologisch darunter liegt, sind Frustrationen, enttäuschte Lieben, Rivalität und Neid. Jede der Personen ist belastet, auch dadurch, nicht offen sein zu können. Felix, die Hauptperson wird dargestellt durch ein sehr facettenreiches Bild, das eine Palette von Sympathie bis Abneigung erzeugt, denn er scheint seine eigene Vorstellung von ethischen und moralischen Grenzen zu haben. Parallel zur Innenschau zeigt der Handlungsstrang ein Ethikseminar, in dem genau diese Fragestellungen diskutiert werden.
Der Roman besticht durch die feine Erzählstruktur die gelungen auf psychologische Verdichtung setzt und moralische und ethische Fragen einwebt. Kein leichtes Unterfangen. Auf großen Strecken war ich gut unterhalten. Dennoch fand ich die Figur des Vaters nicht überzeugend, die des alten Mannes ebenso wenig, auch nicht den Professor des Ethikseminars – Randfiguren die doch entscheidend zum Erzählstrang beitragen sollen.
Das Ende des Romans lässt eine völlig neue Sichtweise auf die Vorfälle fallen und zu viele Fragen bleiben offen. Der Titel des Romans „Ruf der Leere“ hört sich erst einmal gut an, er beschreibt den plötzlichen, unkontrollierbaren Drang, eine gefährliche Handlung auszuführen, das Gehirn funktioniert in dieser Sekunde falsch, oft unter Stress. Dies ist anregend für den Schluss des Romans. Mir erschließt sich jedoch nicht, warum dieser Titel für die Gesamtgeschichte vergeben wurde.

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Veröffentlicht am 20.12.2025

Anregende, fantasievolle und witzige Parabel!

Alexander
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Alexander lebte in der Antike. Sein Vater war Tuchhändler und ein begabter Zeichner und Maler. Als der Krieg in ihrem Heimatort, Kaliste, ausbrach, musste der Vater an die Kriegsfront. Er ging mit seinen ...

Alexander lebte in der Antike. Sein Vater war Tuchhändler und ein begabter Zeichner und Maler. Als der Krieg in ihrem Heimatort, Kaliste, ausbrach, musste der Vater an die Kriegsfront. Er ging mit seinen Zeichen- und Malutensilien, die jedoch für einen Krieg nicht brauchbar waren und starb. So auch viele andere Einwohner von Kaliste. Niemand wollte nach dem Krieg jemals wieder von einem Tyrannen beherrscht werden. Die Einwohner bekamen 7 Tage Zeit, zu begründen, wie sie einen neue Regierung aufbauen wollen. Es wurde Alexander ausgewählt, denn „er ist einer, der unschuldig ist, einer der klug ist, aber nichts weiß. Ein Kind“ . Da Alexander der einzige war, der das Rätsel der Sphinx lösen konnte, wurde er erwählt, sich auf die Reise in die Hauptstadt zu machen, um gerechte Gesetze zu finden. So macht sich Alexander auf, Prämissen zu finden, die denen der Menschenrechte und den demokratischen Grundlagen entsprechen.

Es beginnt auch eine persönliche Heldenreise, die Alexander herausfordert und ihm Mut und Klugheit abverlangt, „Niemand kann dir raten, du musst alles allein herausfinden“, sagt der Leuchtturmwärter..„ schlimm ist es nur, das Richtige erst gar nicht zu versuchen“.
So begegnet er den unterschiedlichsten und erstaunlichsten Menschen, die ihm mit ihrem Sosein und ihren Lebenseinstellungen Botschaften vermitteln und ihn zum Überdenken anregen. Und jeder dem Alexander auf seiner Heldenreise begegnet, kann ihn weiterleiten zu einer anderen Person, die Wichtiges beizusteuern hat.

Sehr gut aufgebaut, anschaulich und phantasievoll und unterstützt mit Zeichnungen des Autors. Die Geschichte ist kindgerecht erzählt, erscheint wie ein Märchen, so aus unserer Zeit geworfen doch zeitlos. Sie lässt nicht nur Kinder sondern auch Erwachsene bezaubert und nachdenklich zurück. Trotz der Handlung in der Antike – die Stadt Kaliste gab es wirklich – ist diese Geschichte erfrischend und jederzeit hochaktuell, lässt staunen und berühren und klärt auf ohne zu belehren.
Es gibt ungewöhnliche, Szenen, witzige Beschreibungen, wie den Schaumschläger.
Schön ist die ergänzende Fotografie des Autors als Kind inmitten der von seinem Vater bemalten Wand – so eine hätte ich als Kind auch gerne gehabt. denn gerade als Kind lässt man die Fantasie inspirieren und taucht ein in Welten – so wie es auch in diesem Buch gelungen passiert. Sie zeigt auch Erwachsenen auf, was oft in ihrer Wichtigkeit in Vergessenheit geraten ist auf eine begreifliche und auch heitere Art. Ein besonderes und wichtiges Buch nicht unbedingt nur für junge Leserinnen und Leser.

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Veröffentlicht am 11.12.2025

Zeitgebunden doch zeitlos – großartig!

Was vor uns liegt
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In den 1930ger Jahren treffen sich acht junge Frauen in einem katholischen Internat für Frauen in Rom um zu studieren. Das Grimaldi-Konvikt, ist der Ausgangspunkt, der Startpunkt zu Entscheidungen für ...

In den 1930ger Jahren treffen sich acht junge Frauen in einem katholischen Internat für Frauen in Rom um zu studieren. Das Grimaldi-Konvikt, ist der Ausgangspunkt, der Startpunkt zu Entscheidungen für das spätere Leben der Protagonistinnen. Die Kameradschaft ist zwar notgedrungen, doch die jungen Frauen sind sich sympathisch. Sie setzen sich trotz Verdunkelung aus Stromsparmaßnahmen jeden Abend bei Kerzenschein zusammen, lernen und tauschen sich aus. Alle sind in dem Alter auszubrechen – von der Moral und von den Eltern: mit Lebenshunger, Verliebtheiten, Sehnsüchten und Vorstellungen - und auch von den Regeln des Konvikts ( um 22.00 Uhr schließt das Tor). Sie nannten das Konvikt liebevoll „Nonnenkäfig“ Und die Nonnen wollten ihren Ruf wahren – niemand sollte weglaufen alles sollte normal und anständig sein und bleiben. Doch was liegt vor ihnen – sie wissen es nicht. Das Frau-Werden, Frau-Sein und sich finden ist schwierig.
Und jede der Frauen, Emanuela, Vinca, Augusta, Silvia Milly, Xenia, Valentina und Anna birgt oder hat auch Geheimnisse, die sie nicht äußert und jede hat Beweggründe, warum es sie in das Konvikt verschlagen hat. Allen ist deutlich, dass diese Kameradschaft durch das Leben im Konvikt besteht, doch, sowie eine geht, diese nicht wiederkehrt. „Niemand kehrt zurück“ (direkte Übersetzung des italienischen Originaltitels), nachdem eigene Lebensentscheidungen gefallen sind.

Der Roman beginnt 1934 in Italien. Das faschistische Regime betonte, Frauen seien für Schönheit, Freude und Gehorsam gegenüber dem Ehemann bestimmt. Auch hatten Frauen wenig Zugang zu höherer Bildung – Frauen sollten aus dem Erwerbsleben in die Mutterrolle schlüpfen, die Quote der weiblich Studierenden sank.
Wir sind froh, dass es diese staatlichen Restriktionen in einer Demokratie nicht mehr gibt, doch ist der Roman zeitlos im Hinblick auf die Sehnsüchte und gewählten Entscheidungen der jungen Frauen, die so offen dargestellt sind und in denen ihre Zweifel und Gedanken eingeflochten werden, dass es bewegt und zum Überdenken anregt. Wie können Sehnsüchte mit den finanziellen Möglichkeiten, den eigenen Fähigkeiten, den gesellschaftlichen Erwartungen, den staatlichen Begrenzungen übereinstimmen und welche Lebenswege resultieren daraus?
Dieser Roman zeigt unterschiedliche Facetten und Entscheidungen von eben diesen Empfindungen und Gedankengängen, sensibel und einfühlsam werden die einzelnen Charaktere geschildert. Die eingeflochtenen Rückblenden über Herkunft und Beweggründe der Mitspielerinnen finde ich sehr gelungen und zeigt als Ergänzung ein abgerundetes Bild der damaligen Situation als Frau. Eine spannende Erzählstruktur!
Der Kontrast zwischen den Empfindungen der Frauen und der sie umgebenden Männer dominierten Realität lässt einen mitfiebern und nachdenklich werden, so dass der Roman lange nachhallt.
Für mich große Literatur – mein Buch des Jahres!

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Veröffentlicht am 04.11.2025

Sehr umfangreich und bereichernd

Die Kolumne
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Andrea Maria Dusl hat den Umschlag illustriert, mit 33 verschiedenen Schreibtischgegenständen bestückt. Eine schöne bildnerische Einführung in dies überaus vielseitige Buch „Die Kolumne in 33 Versuchen“ ...

Andrea Maria Dusl hat den Umschlag illustriert, mit 33 verschiedenen Schreibtischgegenständen bestückt. Eine schöne bildnerische Einführung in dies überaus vielseitige Buch „Die Kolumne in 33 Versuchen“

Eine Kolumne ist ein informeller Aufsatz oder Kommentar und umfasst 800 Seiten.
Nicht zu lang, nicht zu kurz, jede(r) hat schon einmal eine Kolumne gelesen, hat womöglich eine Lieblingskolumne mit Lieblingskolumnisten. Ein spezielles Fachgebiet, der auf witzige, treffende und stilsichere Art von eigenen Beobachtungen und Erfahrungen zum Fachthema berichtet. Dabei ist der Inhalt weniger wichtig – die Form der Ausführung Ist das Entscheidende, lernen wir da darf auch gern mal geschwurbelt werden.
Eine Kolumne, zuerst gebracht in Zeitungen, später im Radio, heute auf den sozialen Medien, gebloggt und im Podcast, ist wiederkehrend an gleicher Stelle oder gleicher Zeit zu lesen, zu hören.
Erst im 19. Jahrhundert wurde die Kolumne populär und hat sich bis heute in anderen zur Verfügung stehenden Medien gehalten, ist für den Leser oder Hörer von wiederkehrendem Interesse, und warum? So Andrea Maria Dusl „ Nicht wir lesen die Kolumne, sondern die Kolumne liest uns“.

Trotz des relativ kleinen Formats von 180 Seiten ist dies eine umfangreiche Abhandlung, von sehr unterschiedlichen Sichtweisen und Aspekten beleuchtet. Sie nennt es Florilegium, eine literarische Anthologie, eine Sammlung von Texten, Zitaten und Weisheiten.
Andrea Maria Dusl, geb. 1961 in Wien, beschreibt zusätzlich bildreich ihre Erfahrungen als Heranwachsende mit den zu der Zeit üblichen Medien, wie Radio oder Zeitschriften bis hin später zu den heutigen sozialen Medien und Chat GPT.
Es ist wohl in diesem Buch alles gesagt, nichts hinzuzufügen, rundum detailliert und umfangreich recherchiert, zitiert und mit eigenen Erfahrungen bestückt.
Keine einfache Lektüre. So einige Fremdwörter waren mir unbekannt.(Bin ich doch als gelegentliche Kolumnistenleserin mit einer Mainstream-Sprache vertrauter)
Sie beschreibt humorvoll und trifft mit vielen Beispielen den Nagel auf den Kopf.

Ich habe dazu gelernt und betrachte oder höre Kolumnen jetzt mit neuer Erfahrung, eben auch analytisch und das ist bereichernd.

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Veröffentlicht am 26.10.2025

Erstklassiger Plot!

Kälter
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Luzy Morgenroth, Dorfpolizistin, ist 50 Jahre alt geworden. Vor 8 Jahren hat sie sich nach Amrum versetzen lassen. Inzwischen hat sie Freunde und Kameraden, kann den Inseldialekt fast verstehen. Doch mit ...

Luzy Morgenroth, Dorfpolizistin, ist 50 Jahre alt geworden. Vor 8 Jahren hat sie sich nach Amrum versetzen lassen. Inzwischen hat sie Freunde und Kameraden, kann den Inseldialekt fast verstehen. Doch mit dem Verschwinden eines Mannes auf der Fähre von Föhr nach Amrum ändert sich ihr beschauliches Dasein. Luzy verspricht ihrer Freundin Ali deren verschwundenen Bruder zu finden und stößt auf Dinge, die weit größer sind als ein vermeintlicher Selbstmord auf einer Fähre.
Auch sie ist weit mehr als eine Dorfpolizistin, klärt den Fall spektakulär und verlässt die Insel, um die Hintermänner zu finden, speziell denjenigen den sie den“Weißclown“ nennt. Einen Mann, den sie wiedererkennt trotz seiner Gesichtsoperationen. Luzy erweckt in sich den Raubvogel. Der Roman beschreibt ihre abenteuerliche gegenwärtige Suche sowie in Rückblenden ihr Leben vor Amrum. Sie war für den BKA eine führende Sherpa, eine Personenschützerin für einen deutschen Minister. Knallhart ausgebildet, gnadenlos im Umgang mit Waffen, zögert nicht zu töten.

Gutes Lokalkolorit, man ist durch die sprachlichen Bilder gleich mittendrin im Geschehen.
Andreas Pflüger weiß, wovon er spricht.
Zeiten bis in die 70ger Jahre zurück, RAF, dann vor, während und nach dem Mauerfall lassen diese Abschnitte noch einmal deutlich Revue passieren – und dies mit dem Insiderwissen Andreas Pflügers zum BKA und weltweiten Geheimorganisationen.
(Sogar tauchen Personen aus dem vorangegangenen Roman Wie Sterben geht – auf).

Was mir gut gefallen hat, ist, dass die beschriebenen 80ger Jahre ergänzt werden durch Schlagermelodien und Filme, die damals liefen und die Pflüger passend einschiebt, um ein Geschehen zu unterstützen.
Die Protagonisten sind greifbar, ihr Leben wird erläutert, es sind Personen, die nie überempfindlich, sondern harte Macher sind, wenn es darauf ankommt; lachen, weinen und trauern sind ihnen dennoch nicht fremd. Eine Bandbreite zwischen tiefen Gefühlen und kaltem Waffeneinsatz. Die Figuren sind so ungewöhnlich, dass trotz Empathie dennoch eine Distanz bleibt, die die eingesetzte Gewalt erträgt. Unglaublich ehrliche, herzliche und aufmerksame Beziehung zu Freunden und Verbündeten mit witzigen Gedanken und Dialogen, die klug und treffend sind, ob philosophisch oder das politische Zeitgeschehen betreffen. Andreas Pflüger weiß viel, bringt es mit Humor in die Konversation.
Besonders hat mir der letzte Teil gefallen, großartig, wie sich die Fäden beim Wiener Riesenrad zusammenziehen und dann nach Amrum zurückführen.
Wie immer eine gelungener Thriller, von Protagonisten bis Nebendarstellern, klug und wissend beschrieben mit internationalen Schauplätzen, die farbig einwirken.
Ein Roman, wie die vorherigen von Pflüger, den man aufmerksam lesen, kombinieren und genau erinnern muss, sonst verliert man womöglich den Faden. Doch das wird kaum passieren, denn auch dieser Roman ist so spannend, dass man die fast 500 Seiten mit Hochspannung genießt und kaum zur Seite legt.
Ein nachhallendes Leseerlebnis!

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