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Veröffentlicht am 03.01.2022

Die Hölle im Herzen der Bösen

Tod im Hohen Venn
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„Warum die Hölle im Jenseits suchen? Sie ist schon im Diesseits vorhanden. Im Herzen der Bösen“
Dieses Zitat des Schweizer Schriftstellers, Philosophen, Pädagogen und Naturforschers Jean-Jacques Rousseau ...

„Warum die Hölle im Jenseits suchen? Sie ist schon im Diesseits vorhanden. Im Herzen der Bösen“
Dieses Zitat des Schweizer Schriftstellers, Philosophen, Pädagogen und Naturforschers Jean-Jacques Rousseau stellt der Autor Stephan Haas seinem Kriminalroman „Tod im Hohen Venn“ voraus – und, wie man während der umfangreichen Lektüre feststellen kann, es könnte nicht passender sein! In der Tat stockt einem der Atem während der langsamen Enthüllung eines perfiden Verbrechens, mit der Kommissar Piet Donker und seine Kollegen betraut sind, bei dessen Aufklärung Eile geboten ist, um die Opfer einer Entführung, Tom Keyzer, seine Frau Grit und den gemeinsamen Sohn Paul, zu finden, bevor es zu spät ist.
Die gesamte Handlung, die der Autor ersonnen hat, spielt sich in einem Zeitraum von kaum zwei Tagen ab, obwohl dem Leser diese Zeit viel länger erscheint, so viel, wie da geschieht und peu a peu dank der fieberhaften Nachforschungen und dem, was sie an Unfassbarem zu Tage bringt, vielmehr aber noch dank einiger glücklicher Zufälle, schließlich aufgelöst, besser noch enthüllt wird. Spannend ist der Krimi von Anfang an – und hätte eine neutrale, nicht genannte Person die Rolle des Erzählers eingenommen, hätte es also einen auktorialen Erzähler gegeben anstatt des belgischen Kommissars höchstselbst, hätte er noch spannender, noch zügiger und letztend viel gestraffter sein können. Viele Längen weist der Roman nämlich auch auf, die vor allem der Tatsache geschuldet sind, dass der ausschweifende und detailverliebte Piet Donker eine Unzahl von persönlichen Wahrnehmungen einfließen lässt, die vom Wesentlichen ablenken und, wie man feststellen wird, mit dem Entführungsfall selbst und seinen Hintergründen allesamt rein gar nichts zu tun haben.
Fast das gesamte Geschehen – fast, denn da gibt es noch zwei weitere Perspektiven, die hier allerdings ausgespart werden müssen, um dem potentiellen Leser nicht zuviel zu verraten – wird aus der Sicht des Kommissars erzählt, wir blicken mit seinen Augen auf das, was an den beiden Tagen hektischer Spurensuche geschieht, was natürlich jeglicher Objektivität entbehrt, sehen nur das von den handelnden Personen, was Donker wahrnimmt, was ihm wichtig ist zu erwähnen – und für mich doch zum Großteil Trivialitäten sind. Dass beispielsweise Kollege Jacky leidenschaftlicher Teetrinker und -kenner ist, das belebende Getränk pausenlos zubereitet, es mit Honig versetzt und dann mit Genuss schlürft, muss nicht ein ums andere Mal hervorgehoben werden, um es zu kapieren. Die honigverklebte Schranktür, hinter der Donker hofft, ein paar Krümel Kaffee zu finden, ist uninteressant, genauso wie die ebenfalls klebende Farbe in der derzeit renovierten und somit eigentlich nicht benutzbaren Polizeiwache, mit der die Ermittler nicht nur einmal in unliebsamen Kontakt kommen. Diese Informationen sorgen für Leerlauf, ihr Weglassen hätte dem Krimi gutgetan.
Dies gilt gleichermaßen für die Personenbeschreibungen, die Donker mit uns teilt und von denen mir vor allem die immer kleinen Augen der Menschen, mit denen er es zu tun hat, im Gedächtnis geblieben sind, sowie die dünnen Haare, die nicht recht kämmbar sind und die stets nach hinten fallen (wie geht denn das?), und die bei den männlichen Charakteren in der Regel um einen Mittelscheitel angeordnet sind. Diese Beschreibungen erweckten in mir den – sicherlich falschen – Eindruck, dass besagte, fortwährend herausgestellten Merkmale typisch sein müssen für die Bürger Belgiens...
Obendrein bringt sich der Kommissar Donker durch die mit dem Leser geteilten subjektiven Eindrücke dessen, was er sieht, in den Mittelpunkt der Handlung – eine Stellung, in der ich einen Ermittler in einem guten Kriminalroman, wie ich ihn definiere, nicht sehen möchte, womit ich sicher nicht für die Mehrzahl der Leser sprechen kann. Dieser Platz steht den jeweiligen Fällen zu, die zu lösen sind, den Opfern und den Verdächtigen, die nicht dadurch mehr oder weniger verdächtig werden, indem man über ihre Marotten, über die Beschaffenheit ihrer Augen und Haare oder gar Fingernägel aufgeklärt wird. Das betrachte ich als überflüssiges Füllmaterial!
Ja, einschätzen können möchte ich die jeweiligen Detektive, Kommissare, Ermittler von eigenen Gnaden schon, auch verstehen, warum sie so sind und nicht anders, was sie antreibt, wie sie vorgehen. Das kann jedoch subtiler erreicht serden als mit der hier vorherrschenden Holzhammermethode, die letztlich nur zu Unverständnis des sich selbst ins Zentrum stellenden belgischen Kommissars geführt hat.
Als Getriebener stellt er sich dar, als jemand, der auf der Suche nach Gerechtigkeit ist, der am liebsten ganz alleine die bösen Buben und Mädchen, denen er habhaft wird, aus dem Verkehr ziehen möchte. Dies tut er mit einer Besessenheit, die der des freilich auf der anderen Seite stehenden Mörders oder der Mörderin dieses Romans in nichts nachsteht. Dafür riskiert er die Entfremdung von seiner Tochter, die er – wir erfahren es schon frühzeitig und werden dann stets aufs Neue daran erinnert – mit unschöner Regelmäßigkeit versetzt, was auch für seine langmütige Lebensgefährtin Sina gilt, die er immer wieder vertröstet mit dem Versprechen, sein Leben umkrempeln zu wollen.
Herrscht Personalknappheit bei der belgischen Polizei, so frage ich mich? Ist es nicht unverantwortlich, drei Polizisten 40 Stunden am Stück arbeiten zu lassen, ohne für Wachwechsel zu sorgen? Piet Donker und seine Kollegen sind infolge Schlafmangels – auch dieser wird breitgewalzt und es tut beinahe weh, Donkers Anstrengungen zu verfolgen, seiner überwältigenden Müdigkeit Herr zu werden - kaum noch einsatzfähig. Wie sollen sie dann einen so dringenden Fall lösen können? Alldieweil der arbeitssüchtige Donker nur durch Zufall auf die Entführung gestoßen ist, denn im Dienst war er nicht und in seinen Zuständigkeitsbereich fiel das Verbrechen auch nicht, soweit ich das verstanden habe...
Wie dem auch immer sei – abgesehen von der Figur des Piet Donker fand ich den Krimi enorm spannend, die Auflösung, die sich wirklich erst ganz am Schluss vollzog, sehr überraschend, aber nachvollziehbar, vorstellbar, logisch, nicht aus der Luft gegriffen, tief berührend. Und so banal wie schrecklich! Wäre der Kommissar nicht so weitschweifig und zunehmend erschöpft gewesen, hätte er seine Energie durch die Ermittlungen hindurch nicht darauf verschwendet, von einem Verdächtigen zum nächsten zu springen, immerzu der Meinung, dass jeweils diejenige Person, die gerade in sein Blickfeld geraten war, etwas zu verbergen hatte und auf jeden Fall der Täter sein musste, und hätte schlussendlich der Titel gehalten, was er versprochen hatte, beziehungsweise, was ich hineininterpretiert und mir davon erhofft hatte, dass nämlich das Hohe Venn eine echte Rolle spielen würde in dem Roman und nicht nur Staffage ist – es hätte so viel mehr hergeben können, wäre es in seiner Düsternis und Unwirtlichkeit als eigentliche Kulisse der Handlung aufgebaut worden -, dann wäre dieser Krimi einfach perfekt gewesen!

Veröffentlicht am 02.01.2022

Alte Sünden werfen lange Schatten

Teufels Tod
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Ein gefühlskalter Egoist wer er, der alte Teufel, ein Tyrann, wie er im Buche steht, jemand, der zeitlebens rücksichtslos seine eigenen Ziele verfolgt hat, nach dessen Pfeife alle, die das Pech hatten, ...

Ein gefühlskalter Egoist wer er, der alte Teufel, ein Tyrann, wie er im Buche steht, jemand, der zeitlebens rücksichtslos seine eigenen Ziele verfolgt hat, nach dessen Pfeife alle, die das Pech hatten, mit ihm zu tun zu haben, tanzen mussten, ein Mensch, der das Wort Anstand vielleicht kannte, nicht aber seine Bedeutung. Ein Teufel in Menschengestalt, ganz dem nacheifernd, dessen Namen er trug? Man mutmaßt es bereits zu Beginn des Romans und findet sich, je weiter die Handlung voranschreitet, immer mehr bestätigt!
Nun ist er tot, der durch Heirat zu Wohlstand gekommene Friedrich Teufel, während eines Spaziergangs in der Massener Heide von unbekannter Hand erschlagen – und niemand weint ihm eine Träne nach. Im Gegenteil ist jeder, der den bösen Mann kannte, insgeheim oder gar offen erleichtert, dass ihm endlich ins Jenseits verholfen wurde, in dem er sich jetzt mit seinem Namensvetter ein Stelldichein geben kann.
Doch nun, da ist aber das fünfte Gebot, das da sagt „Du sollst nicht töten“! Und es stimmt schon – wo käme man denn hin, wenn man jeden unliebsamen Zeitgenossen einfach ungestraft abmurksen dürfte, so bald man dieses niedere Bedürfnis verspürt? Also rückt die Polizei an, in Gestalt der beiden Kommissare Maike Graf und Max Teubner, zwei Ermittler, derer sich die Autorin Astrid Plötner bereits in einigen Vorgängerbänden bedient hat, denen ich selbst aber in dem hier zu besprechenden Kriminalroman zum ersten Mal begegne.
Sie beginnen mit der Spurensuche, der Befragung von Zeugen und möglichen Verdächtigen, wiewohl sie recht rasch ins Leere laufen. Jeder, der in irgendeiner Weise mit dem alten Teufel in Verbindung stand, hätte ein Motiv gehabt, ihm das Lebenslicht auszublasen, doch für die Tatzeit scheinen alle ein Alibi zu haben! Der Leser lernt sie kennen, die Familie Teufel und die Nachbarsleute, genau so wie all die dienstbaren Geister in und um das Anwesen des Getöteten – langsam, ganz allmählich, und bekommt einen Einblick in das, was sie umtreibt, erfährt dabei immer mehr Unliebsames über den Verblichenen, an dem so gar nichts war, was für ihn gesprochen hätte.
Gleichzeitig bekommt man einen, wie ich meine sehr realistischen, Einblick in die Polizeiarbeit, die mühselig ist, in der die Puzzleteile nicht vom Himmel fliegen und sich wie von selbst zusammenfügen sondern sich störrisch widersetzen gefunden zu werden und dann einfach nicht passen wollen! Polizisten sind nur in Filmen und leider oft genug auch in Kriminalromanen Superhelden, deren ständige Geistesblitze und nimmermüde Umtriebigkeit die Lösung eines jeden ihnen anvertrauten Falles als Kinderspiel erscheinen lassen. Und selbstverständlich müssen sie strahlender – oder immer häufiger auch gebrochener, denn letzterer Typ scheint in Mode gekommen zu sein – Mittelpunkt der Detektivgeschichte sein, die gesamte Handlung ist um sie herum aufgebaut, der Kriminalfall selbst und dessen Aufklärung nur Mittel zum Zweck, um bloß keine Zweifel an der Genialität des Detektivs oder Kommissars oder Hobbyermittlers, die schon an Zauberkräfte grenzt, aufkommen zu lassen!
Umso erfreulicher ist für mich denn die Begegnung mit Astrid Plötners angenehm zurückhaltendem Ermittlerpaar. Die beiden stehen, wie es sich für einen guten Kriminalroman gehört, weitgehend im Hintergrund; man lernt sie aber auch in ihren Nebenrollen durchaus kennen, kann ebenso ihr Privatleben erahnen, ohne dass es unnötig ausgewalzt wird. Besagtes Privatleben, an dessen Bloßlegung allzu viele Schreiberlinge ihre Leser gewöhnt haben, spielt aber nur dann eine Rolle bei der Klärung eines Verbrechens, wenn es direkt mit jenem in Verbindung steht – was es bei den Bemühungen um das Auffinden des Mörders von Friedrich Teufel entschieden nicht tut.
Darüber hinaus gefällt es mir ungemein, wie Graf und Teubner agieren, wie sie mit den Verdächtigen umgehen, auf welch ruhige, freundliche, menschliche, gar ehrlich mitfühlende Art und Weise sie Zeugenbefragungen vornehmen. Sie müssen nicht schreien und die zu Befragenden mit aggressivem Gehabe einschüchtern, um Antworten zu bekommen, denn die bekommen sie sowieso, man vertraut den Beiden, weiß, dass man ihnen keinen Strick aus ihren Aussagen drehen wird. Und so nähern sie sich realistisch-bedächtig aber stetig der Auflösung des immer vertrackter und rätselhafter werdenden Falles oder womöglich auch der Fälle – denn da gibt es plötzlich noch einen Toten! Friedrichs Sohn Andreas, auf dem besten Wege, ein ebensolches cholerisches und selbstherrliches Ekelpaket wie sein Erzeuger zu werden, wird zuerst von der Straße abgedrängt, was die Kommissare zu Recht als Tötungsversuch deuten, und kommt obendrein noch kurz darauf bei einem Brand auf dem Familienanwesen „Gut Gänseheim“, der nicht zufällig entstand, ums Leben.
Parallel zu den Geschehnissen auf besagtem Gut lernt der Leser – und ist damit den Ermittlern lange Zeit einige Schritte voraus! - Edith, die sich als die Sympathieträgerin schlechthin erweisen wird, kennen, Edith in verschiedenen Stadien ihres Lebens, das eng mit dem des alten Tyrannen verknüpft war, Edith, die die alte Frau Teufel, die ihr herzloser Ehemann, nachdem ihre Demenz voranschritt, in ein Seniorenheim abgeschoben hat, erwähnt, nachdem sie während einer Spazierfahrt mit Enkelin Melissa abhanden gekommen war – und mit einem Säugling im Arm wiedergefunden wurde. Um Ediths Kind müsse sie sich kümmern, wiederholt Alma Luise Teufel ein ums andere Mal....
Es ist faszinierend zu lesen, wie die Autorin die unterschiedlichen Stränge ihrer wunderbar aufgebauten Handlung zusammenführt und Schritt für Schritt Licht bringt in eine so rätselhafte wie traurige, recht tragische Geschichte, die vor vielen Jahren im westfälischen Unna, dem Schauplatz der Handlung und gleichzeitig Heimat der Schriftstellerin selbst, ihren Anfang nahm und in der die Ursache für den Tod Friedrich Teufels zu finden ist. Alte Sünden werfen lange Schatten, jahrzehntelanges standhaftes Schweigen sollte nicht gebrochen werden, um nicht eine unkontrollierbare Lawine loszutreten. Fürwahr! Und manchmal, nicht so oft freilich, muss man der Gerechtigkeit eben ein wenig nachhelfen, nicht wahr?
Summa summarum: „Teufels Tod“ hat mich von Anfang bis Ende aufs Beste unterhalten! Der Krimi ist interessant, so spannend wie vielschichtig, läd zum Miträtseln ein, ist ausgewogen und logisch aufgebaut – mit einem geradezu furiosen Finale, das man so nicht erwartet hätte. Die handelnden Personen, ob sympathisch oder ärgerlich oder indifferent lassend, sind vorstellbar, ihre Handlungen sind, ihrem jeweiligen Charakter entsprechend, folgerichtig, egal ob man sie denn gutheißen mag oder nicht. In der Tat gibt es nichts zu kritisieren, aber viel zu loben an Astrid Plötners Roman, dessen Stil und Aufbau mich während des Lesens nicht nur einmal an die Klassiker des perfekt geschriebenen Whodunnits erinnert haben, explizit an die psychologisch aufs Feinste ausgearbeiteten Kriminalromane der unübertrefflichen Dame Agatha Christie, die stilistische Klarheit und Hochklassigkeit der Dorothy L. Sayers und die nachdenkliche Tiefgründigkeit der von ihren Landsleuten vielgeliebten P. D. James, ihres Zeichens Member of Parliament und privat Baroness James of Holland Park. Bleibt zu hoffen, dass schließlich auch nicht nur begeisterte Leser das Potential der Westfälin Astrid Plötner erkennen!

Veröffentlicht am 26.12.2021

Schönheit kann tödlich sein

Ein Gesicht so schön und kalt
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Mehr als vierzig Jahre lang konnten sich ihre treuen Leser darauf verlassen, dass die amerikanische Autorin psychologischer Spannungsromane Mary Higgins Clark zuverlässig mindestens einen neuen Thriller ...

Mehr als vierzig Jahre lang konnten sich ihre treuen Leser darauf verlassen, dass die amerikanische Autorin psychologischer Spannungsromane Mary Higgins Clark zuverlässig mindestens einen neuen Thriller pro Jahr herausgeben würde. Die Vorfreude war immer groß – und es ist ein eigenartiges Gefühl zu wissen, dass dem nun durch den Tod der Schriftstellerin im Januar 2020, deren Stammverlag Simon & Schuster, dem sie 45 Jahre lang die Treue gehalten hatte, ihr besondere Liebenswürdigkeit und Menschlichkeit und stets gut gelaunte Bereitschaft zur Zusammenarbeit bescheinigte, ein Ende gesetzt ist. Sie wird fehlen, doch zum Glück hat sie eine stattliche Anzahl von Romanen geschrieben, deren Qualität auch einem Wieder- und Wiederlesen standhält!
„Let me Call you Sweetheart“ (deutscher Titel „Ein Gesicht so schön und kalt“) erschien im Jahre 1995, gehört also in ein Jahrzehnt, in dem sich die Autorin von Buch zu Buch steigerte. Die Neunziger Jahre waren eindeutig ihre kreativste Schaffensperiode; die New Yorkerin schien geradezu vor Ideen überzusprudeln, Ideen, die sie als unermüdliche, stets fleißige und aufmerksame Zeitungsleserin der täglichen Lektüre entnahm und bei denen sie Wert darauf legte, dass es sich, wenn eine dieser Ideen Gestalt angenommen hatte, dabei um aktuelle Themen beziehungsweise solche handelte, die ihre in der Mehrzahl weiblichen Leser interessierten.
In ihrem elften Roman baute die Amerikanerin mit den von ihr gerne betonten irischen Wurzeln ihre wie gewohnt schnelle, spannende und immer wieder für Überraschungen sorgende Handlung um das Thema Schönheitschirurgie oder, wie man es inzwischen nennt, Plastische Chirurgie auf, von dem sie sicher sein konnte, damit eine große Leserinnenschar anzusprechen. Schönheit oder das, was man darunter (miss)versteht, ist nun einmal für viele, fälschlicherweise, so möchte ich behaupten, der Schlüssel zur Glückseligkeit!
Selten aber gab sich die wendige und blitzgescheite Erfolgsautorin mit nur einem Thema zufrieden, was natürlich auch für den hier zu besprechenden Thriller gilt: wieder einmal – und man muss mutmaßen, dass dies ihr Herzenskind war – spielt das amerikanische Justizsystem eine wichtige Rolle, verlagert sie das Geschehen immer wieder parallel zur Haupthandlung in den Gerichtssaal, lässt sie ihre Protagonistin passenderweise eine Staatsanwältin mit Ambitionen auf das begehrte Richteramt, ein reines Politikum im Land der Freien, sein.
Besagte Protagonistin, Kerry McGrath, ist eine von Mary Higgins Clarks bemerkenswertesten Hauptfiguren, jemand, auf deren Seite man fast durchgehend sein kann. Sie weist nicht die Brüche und teilweise unverständlichen Handlungsweisen einiger anderer Frauenfiguren auf, die die Autorin ins Zentrum eines jeden ihrer elegant und klug geschriebenen Thriller gestellt hat. Kerry McGrath ist geradlinig, ist nachvollziehbar, authentisch, rational und kontrolliert – die stärkste und überzeugendste der starken und unabhängigen Frauen aus der gehobenen Gesellschaft, in der Regel an der amerikanischen Ostküste ansässig, die man in allen Higgins Clark Romanen antrifft. Und wie alle Protagonistinnen im Werk der „Queen of Suspense“ gerät auch Kerry durch Zufall in die Art von Schwierigkeiten, die sich niemand wünschen kann und die wie eine Lawine über sie einstürzen und sie und ihre zehnjährige Tochter Robin in einem gewohnt grandiosen Finale in höchste Lebensgefahr bringen.
Die ewigen Nörgler unter den sich berufen fühlenden Rezensenten mögen kritisch bemerken, dass Mary Higgins Clarks Thriller immer nach einem bestimmten Schema ablaufen, dass die Handlung, nebst Ausgang der Geschichte, viel zu vorhersehbar ist. Dem wäre zu entgegnen, dass jeder Schriftsteller seine ganz eigene Handschrift hat, die für einen willkommenen Wiedererkennungseffekt sorgen oder sich mit der Zeit abnutzen kann. Bei der renommierten Spannungsautorin Higgins Clark trifft sicherlich ersteres zu, und ausschließlich, denn sie bringt stets auch neue Facetten ein, selten verläuft etwas so, wie es der Leser erwartet. Es gibt eine Menge Stolpersteine und, gerade in vorliegender Geschichte, komplette Kehrtwendungen oder nicht vorhersehbare Entwicklungen, die die Spannung, typisch für Higgins Clark, kontinuierlich anwachsen lassen und ihre Werke zu echten Pageturnern machen, denkbar ungeeignet für langsame und bedächtige Leser, die sich gerne viel Zeit nehmen für ihre Lektüre.
Doch ist es keine oberflächliche Spannung, die die Autorin kreiert, dazu sind ihre Thriller zu tiefgründig, zu detailreich, und zu sorgfältig sind ihre Personencharakterisierungen, die sie im Übrigen hervorragend beherrscht! Da sie, eines ihrer Erkennungsmerkmale, jedes ihrer sehr vielen, teilweise sehr kurzen Kapitel mit einem Spannungsmoment, einem sogenannten Cliffhanger also, enden lässt, fühlt man sich gezwungen, weiterzulesen und immer weiter bis zum selbstverständlich - und natürlich auch hier - verblüffenden Ende, das schließlich die Wahrheit ans Tageslicht bringt über den elf Jahre zurückliegenden Mord an der schönen Suzanne Reardon und die Rolle, die ihr verurteilter Ehemann Skip, ihr Vater, der Schönheitschirurg Smith, der Kunst- und Juwelendieb Arnott, der vor Gericht stehende hoch kriminelle Steuerhinterzieher Weeks, der ausgerechnet von Kerrys opportunistischen Ex-Mann Bob verteidigt wird, und noch eine Reihe anderer sympathischer oder weniger sympathscher Charaktere, dabei gespielt haben.
Summa summarum: „Let me Call you Sweetheart“ ist ein stilistisch, dramaturgisch und inhaltlich hervorragender Thriller, vielleicht gar der beste der „Queen of Suspense“, die ihr Handwerk so perfekt verstand wie kaum eine andere vor oder nach ihr und der ein Muss ist für jeden Mary Higgins Clark Fan!

Veröffentlicht am 26.12.2021

Wie viele Leben kann man leben?

Die Mitternachtsbibliothek
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Der britische Autor Matt Haig stellt seinem vielgepriesenen, mit Lobeshymnen geradezu überschütteten, 2020 erstveröffentlichtem Roman „The Midnight Library“ (deutscher Titel „Die Mitternachtsbibliothek“) ...

Der britische Autor Matt Haig stellt seinem vielgepriesenen, mit Lobeshymnen geradezu überschütteten, 2020 erstveröffentlichtem Roman „The Midnight Library“ (deutscher Titel „Die Mitternachtsbibliothek“) ein Zitat der jung durch Suizid aus dem Leben geschiedenen Literatin Sylvia Plath voran, in dem sie beklagt, niemals all die Menschen sein zu können, die sie möchte und die unterschiedlichsten Leben zu leben, dabei gleichzeitig alle nur wünschenswerten Fähigkeiten zu erlangen. Also bleibt ihr nur, das Leben in all seiner Vielfalt so intensiv und bewusst wie möglich auszukosten. Mit diesem so passenden Zitat fasst Matt Haig sowohl das Grundproblem seiner Protagonistin Nora Seed zusammen als auch dessen Lösung, zu der jene Nora, des Lebens gründlich müde, jeoch noch einen langen Weg auf genau 288 Seiten zurückzulegen hat.
Aber der Reihe nach! Durch äußere Umstände, aber auch aufgrund ihrer eigenen Persönlichkeitsstruktur, treibt Nora Sand durch ihr Leben. Zur Depression neigend sieht sie immer weniger Sinn, weiter auf dieser Erde zu verharren. Inzwischen Mitte Dreißig trauert sie verpassten Chancen nach, hält sich für eine Versagerin, die keine ihrer Möglichkeiten genutzt hat und die niemand braucht. Immer tiefer in ihre Depressionen abgleitend braucht es nur einen Anlass, um zu beschließen, die Welt für immer zu verlassen. Soweit, so gut! Nein, natürlich ist gar nichts gut! Aber es könnte gut werden, denn ab jetzt beginnt das Märchen, das dieser Roman strenggenommen ist – und Märchen haben doch zumeist ein Happy End, nicht wahr? Doch lassen wir uns überraschen!
Zunächst einmal landet Nora weder direkt im Himmel noch in der Hölle, sondern vielmehr in einer Art Fegefeuer, wie ich den Ort, an dem sie sich zu ihrem nicht geringen Erstaunen wiederfindet, nennen möchte. Der Autor hat einen Namen dafür: die Mitternachtsbibliothek! Und Nora ist nicht allein, denn da wartet Mrs. Elm auf sie, die freundliche Bibliothekarin aus Noras Schulzeit, die ihr einmal in einer schwierigen Situation zur Seite gestanden hatte – so, wie sie es auch jetzt wieder tut. Sie überreicht der fassungslosen Nora, die eigentlich nichts anderes wollte als zu verschwinden vom Antlitz der Erde, ein ungemein dickes Buch, in dem all das aufgezeichnet ist, von dem Nora meinte, es bereuen zu müssen. Ein Buch der verpassten Chancen könnte man es auch nennen. Mrs. Elm nun fordert Nora auf, die Einträge in diesem unseligen Buch, das zwischen ihr und dem Leben steht, zu löschen – indem sie die Leben lebt, gegen die sie sich zu den unterschiedlichsten Zeiten in der Vergangenheit entschieden hatte. Und wenn ihr eines dieser Leben gefiele, so könnte sie darin verweilen. Eine neue Chance – in vielleicht dem richtigen Leben?
Widerwillig lässt sich Nora darauf ein und erlebt Erstaunliches, doch immer wieder kehrt sie zurück in die Mitternachtsbibliothek, in er sie zwischen Leben und Tod schwebt, solange sie sich nicht für eines der Leben, die sie ausprobiert und die die ihren hätten sein können, hätte sie eine andere Wahl getroffen, entscheidet. Sie macht Sylvia Plaths Wunsch aus dem Zitat wahr, ist, mal für ganz kurze, mal für längere Zeit der Mensch, der auch in ihr schlummert, lebt als solcher ein Leben, das dieser, und nur dieser, leben konnte. Doch was machen all diese Erfahrungen mit ihr, die sie als Wanderin zwischen den Welten sammelt? Vor allen Dingen staunt sie über das unermessliche Potential, das in ihr zu schlummern scheint und das sie niemals in sich vermutet hätte. Doch was sie sucht, das hat sie nicht gefunden, noch nicht, in so viele mögliche Leben sie auch hineingeschlüpft ist. Immer war da etwas, das sie zwang, in die Mitternachtsbibliothek zurückzukehren. Das Buch aber, das dicke Buch, in dem all die Dinge aufgeschrieben waren, die sie bereute, beklagte und bejammerte und quasi abarbeitete, wird immer dünner, immer leichter – und im gleichen Maße wird Noras Lebenslicht schwächer, der Tod nähert sich mit großen Schritten. Mrs. Elm drängt auf eine Entscheidung!
Der Leser mag ahnen, wie diese aussehen könnte, vielleicht kommt sie auch unerwartet, wird überraschen, denn leicht kann diese Entscheidung nicht sein, schließlich hatte Nora sich selbst als erfolgreichen und bejubelten Rockstar erlebt, als Weltklasseschwimmerin, als Gletscherforscherin in Spitzbergen, Auge in Auge mit einem angriffslustigen Eisbär, und schließlich auch als glückliche Ehefrau eines liebenswerten Mannes und Mutter einer überaus entzückenden Tochter. Auf all diesen 'Reisen' ist der Lebensmüden aber noch etwas ganz anderes klargeworden, sie hat, wenn man so möchte, tief, ganz tief geblickt, hat verstanden, oder besser, mehr als nur eine Ahnung, worum es wirklich geht im Leben. Wünschen wir ihr also, dass sie die richtige Entscheidung getroffen hat!
„The Midnight Library“ ist gewiss im Prinzip eine kluge, eine tiefsinnige Geschichte. In diesem Punkt gehe ich konform mit den so vielen, überschwänglich positiven Kritiken. Und ja, die Geschichte erinnert an den Klassiker „It's a Wonderful Life', der allweihnachtlich über die Bildschirme nicht nur in Deutschland flimmert und der gar manchen Zuschauer immer wieder aufs Neue zu Tränen rührt. In einem, einem wichtigen, dem wichtigsten Punkt jedoch unterscheidet sich der hier zu besprechende Roman von dem ohne Einschränkungen bezaubernden Film – eine zu Herzen gehende Geschichte, voller Wärme und dem Zauber, der einen Neuanfang suggeriert und glaubwürdig macht, ist Matt Haigs Roman nicht! Leidet man mit dem verzweifelten, inständig um sein altes Leben bittenden James Stewart aus voller Seele mit, so lässt einen Nora Seed weitgehend kalt – obwohl ich mir wirklich Mühe gegeben habe, mich in sie hineinzuversetzen, wirklich zu verstehen, was sie umtreibt. Sie ist gesichtslos geblieben, ihr wurde nicht das Leben eingehaucht, das James Stewart so überzeugend seinem altruistischen George Bailey verleihen konnte. Nora Seed ist dauerhaft larmoyant, lässt die Menschen hängen, versteckt sich in sich selbst. Und alles kann man eben nicht ihrer depressiven Veranlagung zuschreiben!
Die Idee einer Bibliothek, eben jene titelgebende Mitternachtsbibliothek als Purgatorium, hat mir gut gefallen, die ständig kryptischen Sätze der eigentlich sympathischen Louise Elm jedoch weniger. Ich habe schlicht und einfach nicht verstanden, was ihre ewigen Andeutungen, die der Autor sie hervorbringen lässt und die sie als sonnenklar anzusehen scheint, bedeuten sollen. Das tut Nora übrigens auch nicht, ohne dass Mrs. Elm tüchtig nachhelfen muss. Auch das Ende bleibt unter meinen Erwartungen, zumal es irgendwie abgehakt erscheint, wenn man es mit vielen, sehr ausführlichen vorangegangenen Szenen vergleicht, die unnötig in die Länge gezogen sind.
Und zu guter Letzt – ein Märchen ist ein Märchen, mit Botschaften, gewiss, mit Einsichten, einer Moral oder allgemeingültiger Weisheit, wenn man es so nennen möchte. Was aber sagt uns dieses Romanmärchen? Dass das Leben unbegrenzte Möglichkeiten bietet, dass man immer wieder von vorne anfangen kann, man eine neue Chance nach der anderen bekommt? Das wäre dann aber scharf an der Realität vorbeigedacht! Unbegrenzte Möglichkeiten, Neuanfänge – all das muss man sich leisten können, dazu sollte man jung und ungebunden sein, niemanden haben, für den man verantwortlich ist. Setzt man sich über Verpflichtungen hinweg, die die meisten von uns haben, nur um die alte Haut abzustreifen und in immer wieder neue zu schlüpfen, wird es alsbald sehr einsam werden um uns herum! Das wäre die Art von Freiheit, die auf Kosten eines anderen geht.
Vielleicht aber möchte uns Matt Haig etwas ganz anderes mitteilen mit der Geschichte seiner nicht einmal mittelmäßigen Nora, nämlich dass man sich so annehmen sollte, wie man nun einmal ist, dass gemachte Fehler zum Leben dazugehören, dass man daraus lernen kann, anstatt sie in einer Schublade zu lagern und zu hüten, auf dass sie uns immer wieder an unser vermeintliches Versagen erinnern? Mit dieser Interpretation, die ich mit weit weniger Kritikern teile, könnte ich durchaus leben – da der Autor aber gleichzeitig für unbegrenzte Chancen auf einen Neuanfang zu plädieren scheint, lege ich sein Werk mit reichlich gemischten Gefühlen zur Seite – und schaue mir dafür lieber noch ein weiteres Mal den herzensguten, im Gegensatz zu der im Selbstmitleid ertrinkenden Nora Seed, überhaupt nicht egozentrischen George Bailey, alias James Stewart, im Fernsehen an! Und dies nicht nur zur Weihnachtszeit...

Veröffentlicht am 20.12.2021

Auch eine Weihnachtsgeschichte...

Das Geschenk
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Um es vorweg zu sagen – auf das im Klappentext angekündigte 'Feuerwerk voller Wortwitz' habe ich bis zum Ende dieser Weihnachtsgeschichte der von mir sehr geschätzten Autorin Alina Bronsky vergebens gewartet. ...

Um es vorweg zu sagen – auf das im Klappentext angekündigte 'Feuerwerk voller Wortwitz' habe ich bis zum Ende dieser Weihnachtsgeschichte der von mir sehr geschätzten Autorin Alina Bronsky vergebens gewartet. Auch das 'grenzenlose, bitterböse Lesevergnügen' blieb aus – stattdessen gaben sich zunehmend unhöfliche, garstige und die Würde verletzende Dialoge die Hand, die mir wehtaten und die Geschichte ein wenig verleideten.
Seine Freunde, so fühlte ich mich einmal mehr bestätigt, sollte man sich gut aussuchen – und wenn das, was einen einmal verband, nicht mehr vorhanden ist, sollte man so eine Freundschaft wie diejenige, die hier auf dem Seziertisch liegt, still und leise ausklingen lassen und nicht, aus welchen Gründen auch immer, wieder versuchen aufleben zu lassen. Das kann nur schief gehen, wie man am Beispiel des unerträglich hochnäsigen und vorurteilsbehafteten Ehepaares Kathrin und Peter, die einander rein gar nichts mehr zu sagen haben, und dem übriggebliebenen Part des anderen ehemaligen Freundepaares, Klaus – Ehefrau Almut war vier Jahre vor dem unseligen Weihnachtstreffen gestorben -, in erschreckender Deutlichkeit sehen kann. Und was für Freunde gilt, gilt auch für Paare: wenn die Liebe sich überlebt und Abneigung, Hohn und gar Hass gewichen ist, sollte man sich trennen! Wenn der zum Glück überschaubar kurzen Geschichte überhaupt eine Botschaft zugrunde liegt, dann genau diese.
Und dabei hat alles so menschenfreundlich, so ganz und gar zum uns alljährlich aufs Auge gedrückten Weihnachtsfest passend begonnen! Nach vielen Jahren des Schweigens meldete sich plötzlich der längst in den Tiefen der Vergessenheit schlummernde Klaus bei Kathrin und Peter und schlug vor, doch mal wieder ein paar Tage miteinander zu verbringen, in dem alten Wochenendhaus in einem gottvergessenen Landstrich Nordhessens, in dem man schon einmal angeblich unvergessliche Stunden miteinander verbracht hatte. Warum Klaus ausgerechnet diese beiden Unsympathen einlud, denen er schon in seligen, wahrscheinlich in der Erinnerung stark verklärten, gelegentlich gemeinsam verbrachten Tagen nichts zu sagen hatte, bleibt bis zum Schluss ein Rätsel, es sei denn die Erklärung lautet, dass der eigentlich nette, unkomplizierte und einfach gestrickte Klaus unter masochistischen Schüben leidet. Wie auch immer, die perfekte, aber leider hoffnungslos versnobte Kathrin nimmt die Einladung an, unter dem Vorwand, dem verwitweten Klaus in seiner Einsamkeit beizustehen. Jetzt, nach vier Jahren? Man mag ihr Samaritergehabe nicht recht glauben, bekommt aber bald den Eindruck, dass alles recht war, um bloß nicht in trauter Zweisamkeit mit dem fremdgehenden Zyniker Peter, einem selbstherrlichen Widerling erster Güte, unter dem Weihnachtsbaum sitzen zu müssen, nachdem man sich erstmals dafür entschieden hat, die längst erwachsenen Kinder auszuladen, recht unverständlich, denn die sind alles, was sie an Familie haben und wahrscheinlich die einzigen Menschen, die sie mögen, vielleicht, weil sie ihnen ihr Luxusleben finanzieren oder weil die Stimme des Blutes manchmal doch sehr laut dröhnt. Nach Spiekeroog, wie man irgendwann, viel später, erfährt, hatte man fahren wollen, aber dann kam ja Klaus' Anruf – und vielleicht kam er Kathrin gut zupass? Wer weiß das schon!
Die erste Überraschung kommt alsbald! Der traurige Witwer ist eines gewiss nicht: einsam! An seiner Seite lebt nämlich, und das auch schon seit vier Jahren, die etwas flippige, aber freundliche, sympathische und ganz und gar nicht eingebildete Sharon, die weiland Frau Almut zu Tode gepflegt hatte. In ihrer Bigotterie fassen die beiden verlogenen Schickimickis sofort eine tiefe Abneigung gegen die unkomplizierte und im Gegensatz zu ihnen völlig authentische junge Frau – vielleicht wegen ihres jugendlichen Alters, wiewohl sie bei weitem nicht so jung ist, wie sie aussieht, vielleicht weil ihre eigenen zweifelhaften und darüber hinaus unehrlichen Vorstellungen von Konventionen einen Witwer in ewiger Trauer sehen wollen, der verstorbenen Partnerin bis zum Tode treu. Vielleicht, und dieser Verdacht beschleicht einen zuerst, bis er sich beinahe zur Gewissheit manifestiert, gönnen sie 'Freund' Klaus sein neues Glück nicht, weil es ihnen ihr eigenes Unglücklichsein widerspiegelt.
Bald, ach leider nur allzubald, wird aus versteckten Gehässigkeiten ein offener Schlagabtausch mit unerwarteten Enthüllungen, provoziert einzig und allein von dem unseligen Gästepaar, die vor allem Peter, den scheinheiligen, an seiner Angetrauten Kathrin kein gutes Haar lassenden Erzähler der Geschichte, der sich erhaben dünkt über nicht nur seine Frau, sondern auch über seinen Freund, dem er niemals ein solcher war, und der zudem noch unverständlicherweise stolz ist auf seine – vom Arzt attestierte – Unfähigkeit, sich Gesichter zu merken und Erinnerungen zu bewahren, verbal grob, aber gründlich entlarven und als das armselige Bürschchen dastehen lassen, das er unleugbar nun einmal ist. Und jetzt überkommt ihn das große Flattern, wie es jeden wohl überkommt, der sich in einem kurzen Moment der Einsicht in aller Klarheit so sieht, wie ihn andere sehen: in aller Erbärmlichkeit, und nicht einmal mehr nur mittelmäßig! Wäre das nicht die Gelegenheit für ein Umdenken? Die zweite Chance zu ergreifen? Gar für einen Wendepunkt? Nun, das Ende soll natürlich nicht vorweggenommen werden – vielleicht überrascht es, vielleicht enttäuscht oder verwundert es? Vielleicht aber ist es vollkommen logisch? Das muss dann jeder für sich entscheiden, denn so viele Leser wie ein Buch hat, so viele verschiedene Meinungen gibt es dazu!
Und um meine Gedanken nun einem Abschluss entgegenzuführen – haben wir es hier denn überhaupt mit einer Weihnachtsgeschichte zu tun? Auch in diesem Punkt mögen die Ansichten divergieren. Ich meine ja! Ein traditionelles Weihnachsfest ist heutzutage beinahe schon die Ausnahme, obwohl Sharon ein solches möchte und mit viel Lametta aufwartet, was, das überrascht kaum jemanden, von den beiden, ach so gebildeten, geschmacks- und stilsicheren Eheleuten Kathrin und Peter mit mitleidigem Abscheu beäugt wird. Sie können einem beinahe leid tun, diese beiden, die rein gar nichts verstanden haben von dem, was das Leben ausmacht und denen der Sinn der Weihnacht, denen Freundlichkeit und echte Empathie fehlen oder womöglich, um ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen, irgendwann abhanden gekommen ist auf ihrem Weg in die zynische Kaltherzigkeit. Die, weihnachtlich beschenkt von ihren Gastgebern, die gerne und von Herzen geben, nicht verstehen, dass diese keine Gegenleistung erwarten, dass vielmehr sie selbst, Kathrin und Peter, das Geschenk sind, dessen sie sich aber nicht würdig erwiesen haben! Ja, man kann es nicht bestreiten, Alina Bronsky entlarvt hier vieles – und das gründlich und gnadenlos! Es ist jedoch die Art und Weise, in der sie es tut, die ich weniger ansprechend finde, die gewiss schonungslos ist, aber ohne Witz – und ein Funkeln kann daher zu keinem Zeitpunkt aufkommen, so sehr es auch zu Weihnachten passen würde, dem traditionellen, das ich, da bin ich mit Sharon einig, über alle Maßen wertschätze. Immer noch und trotz allem!