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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 29.10.2024

Die alte Müllgrube

Wenn Eulen schrein
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Als die neuseeländische Autorin Janet Frame ihren ersten Roman (1955/56) schrieb, war sie gerade aus einer Nervenheilanstalt entlassen worden. Sie kam in der spartanischen Gartenhütten von Frank Sargeson, ...

Als die neuseeländische Autorin Janet Frame ihren ersten Roman (1955/56) schrieb, war sie gerade aus einer Nervenheilanstalt entlassen worden. Sie kam in der spartanischen Gartenhütten von Frank Sargeson, einem befreundeten Schriftsteller, zur Ruhe und ließ viele Aspekte ihres bisherigen Lebens in den Roman einfließen. Sie erzählt die Geschichte der Familie Withers und ihrer vier Kinder. Die älteste Tochter stirbt, der Sohn leidet an Epilepsie, die jüngere Schwester gründet im Norden eine Familie, Daphne, das mittlere Mädchen, kommt in eine Heilanstalt.

Geschickt verwebt die Autorin Fakten, ohne dass sie einen autobiographischen Anspruch erhebt. Die Überschneidungen sind jedoch unverkennbar. Der erste Teil des Romans beschreibt die Kindheit, als alle Withers noch beisammen sind und das erklärte Ziel der Geschwister die nahegelegene Müllhalde ist, bis es dort zu einem folgenschweren Unfall kommt. Der zweite Teil spielt 20 Jahre später und wird in drei Abschnitten jeweils aus der Sicht eines der Kinder erzählt. So kann die Autorin jede Figur von Innen heraus beschreiben, das macht sie jedesmal auf ganz individuelle Weise. Insgesamt ist - wie auch schon in ihrer Autobiografie - der Sprachstil geprägt von poetischen und bildhaften Elementen. Eine sehr ausdrucksstarke und kraftvoller Sprache.

Der Roman hat mir gut gefallen, liest sich aber nicht so nebenbei. Ich denke, wenn man die Autobiografie kennt, kann man vieles besser einordnen und nachvollziehen. Mir hat es sehr geholfen und das Leseerlebnis sicherlich bereichert.

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Veröffentlicht am 29.10.2024

Trollalarm!

Die Nachricht
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Ruth ist eine gestandene Frau. Seit einigen Jahren Witwe, mit zwei fast erwachsenen Söhnen und einer Stieftochter mit Baby. Gerade hat sie sich wieder eingerichtet in ihrem Leben, hat jemanden neues kennengelernt, ...

Ruth ist eine gestandene Frau. Seit einigen Jahren Witwe, mit zwei fast erwachsenen Söhnen und einer Stieftochter mit Baby. Gerade hat sie sich wieder eingerichtet in ihrem Leben, hat jemanden neues kennengelernt, da beginnen die bösartigen Nachrichten in ihr Leben zu brechen. Es geht um ihren verstorbenen Mann, der sie ja sowieso verlassen wollte, um sie, um ihren neuen Freund. Die Hassnachrichten vergiften langsam ihr Leben und treiben Keile zwischen Ruth und ihre Freunde, denn auch diese erhalten anonyme Texte.

Die Geschichte entwickelt einen Sog. Zunächst scheinen die Nachrichten und das Leben von Ruth parallel zu verlaufen. Einerseits das Leben auf dem Land, in dem Holzhaus, das ihr verstorbener Mann selbst gebaut, mit Freunden und der Familie und einem neuen Liebesglück. Dann die bösartigen Nachrichten, die an ihr kratzen, sie verunsichern, denen sie machtlos gegenübersteht. Dann verquicken sich die beiden Bereiche immer mehr und die Botschaften beeinflussen Ruths gesamtes Leben.

Doris Knecht schreibt darüber, dass Opfern immer noch oft zumindest eine Mitschuld gegeben wird. Dass wohl schon irgendwas dran sein wird an solchen Beschimpfungen, dass provoziert worden sein muss, was auf einen zurückfällt, dass das ja alles gar nicht so schlimm sei. Es ist spannend zu lesen, wie sich die Situation zuspitzt und man fühlt sich selbst ganz hilflos dabei. Mir hat das Buch gut gefallen und gleichzeitig auch Angst gemacht, weil es zeigt, wie schnell man zum Opfer werden kann.

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Veröffentlicht am 29.10.2024

Farbenprächtige Einblicke

Das Leben ist ein Fest
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Dieser Roman über Frida Kahlo hat mir sehr gut gefallen. Er konzentriert sich auf die Jahre mit Diego Rivera, die geprägt sind von extremer Anziehung, körperlichen Schmerzen und seelischen Verletzungen, ...

Dieser Roman über Frida Kahlo hat mir sehr gut gefallen. Er konzentriert sich auf die Jahre mit Diego Rivera, die geprägt sind von extremer Anziehung, körperlichen Schmerzen und seelischen Verletzungen, Affären, Schaffenskraft und Lebensfreude. Mit 18 Jahren wird Frida das Opfer eines schrecklichen Busunglücks und leidet von nun an unter schrecklichen Schmerzen. Aber das Gefesseltsein ans Bett läßt sie zum Pinsel greifen und begründet ihre Karriere als Künstlerin. Wenige Jahre später trifft sie auf den bereits weltbekannten Künstler Rivera, die beiden heiraten. Frida ist 22, ihr Mann über 20 Jahre älter. Ihre turbulente Beziehung ist ein Auf und Ab der Gefühle.


Jedes Kapitel ist mit einer Farbe betitelt, die entweder als solche im Text auftaucht oder eine Stimmung aufgreift. Es geht von blau über rot zu gelb und endet in wenigen Nuancen von schwarz. Ist wirklich schön gemacht. Immer wieder werden auch Bilder von Frida beschrieben, die sie in bestimmten Situationen gemalt hat. Ich habe diese dann auch gleich gegoogelt, das war sehr interessant und aufschlussreich.


Insgesamt erfährt man viel über die zahlreichen Bekanntschaften und Beziehungen der beiden, über die Verstrickung mit Politik und Gesellschaft und die Familie Fridas. Die farbigen Kapitel sind recht kurz, so dass man das Buch sehr rasch gelesen hat. Das Titelbild passt wunderbar zu diesem farbenprächtigen Roman über diese ganz besondere mexikanische Künstlerin. Ich kann es nur empfehlen.

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Veröffentlicht am 29.10.2024

Ich möchte eine guter Mutter sein

Der Verdacht
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Aber Blythe kann keine gute Mutter sein. Als ihre Tochter Violet geboren wird, ist von Beginn an eine Distanz zwischen Mutter und Kind da, die sich auch im Laufe der Zeit nicht verringert. Ganz im Gegenteil, ...

Aber Blythe kann keine gute Mutter sein. Als ihre Tochter Violet geboren wird, ist von Beginn an eine Distanz zwischen Mutter und Kind da, die sich auch im Laufe der Zeit nicht verringert. Ganz im Gegenteil, aus der Kluft wird eine offene Abneigung. Wie kann das sein? Durch Rückblenden erfahren wir mehr über die Familiengeschichte von Blythe. Wir lernen ihre Großmutter Etta und ihre Mutter Cecilia kennen und erkennen bald einen roten Faden, der sich durch alle Mutter-Tochter-Beziehungen zieht. Dann wird Blythe erneut schwanger.

Dieser Roman baut ganz langsam Spannung auf. Durch die ersten Abschnitte muss man sich schon ein bisschen durchkämpfen. Wie sich das Verhältnis zwischen Violet und Blythe langsam verschärft, ist ein schleichender Prozess, der immer mehr Spannung aufbaut und Fragen aufwirft. Das liegt zunächst natürlich daran, dass Blythe als Ich-Erzählerin fungiert und wir nur ihre Sicht der Dinge zu lesen bekommen. Immer wieder fragt man sich, wer hier eigentlich der "Störfaktor" ist, zumal Blythes Umwelt nicht so reagiert, wie sie es sich wünscht. Das ist ganz geschickt aufgebaut, weil der Prolog damit beginnt, dass die Familie nicht mehr zusammen ist und Blythe durch ein Fenster das fröhliche Treiben der neuen Familie ihres Mannes betrachtet und dabei von Violet erwischt wird. Aber mit dieser Szene ist das Buch nach über 300 Seiten noch nicht am Ende der Geschichte angelangt.

Ein schwieriges Thema, das hier verarbeitet wird und das weit über die mehr oder weniger bekannte pränatale Depression hinausgeht. Das mag nicht für jede Leserin geeignet sein. Mich hat das Buch nicht derart aus der Bahn geworfen, weil ich alle Figuren unsympathisch fand - bis auf eine mütterliche Nebenfigur. Das hat mir den Roman insgesamt nicht so nahe gebracht. Dennoch spannende Unterhaltung für diejenigen, die das Thema aushalten können. Gut geschrieben und in kurzen Kapiteln, so dass man das Buch auch schnell ausgelesen hat.

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Veröffentlicht am 16.10.2024

Der Greifer

Finster
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Den Anfang fand ich richtig gut: Eine Kirmes in einem kleinen Dorf, das einzige Highlight des Jahres 1986 und aller anderen Jahre zuvor. (Das hat mich irgendwie an meine Kindheit auf dem Dorf erinnert.) ...

Den Anfang fand ich richtig gut: Eine Kirmes in einem kleinen Dorf, das einzige Highlight des Jahres 1986 und aller anderen Jahre zuvor. (Das hat mich irgendwie an meine Kindheit auf dem Dorf erinnert.) Das Grauen hält jedoch mit der Kirmes Einzug in Katzenbrunn, als ein Junge spurlos verschwindet. Seit 1969 bereits das fünfte Kind. Den früheren Kommissar Hans Stahl läßt sein eigener Fall von 1976 nicht mehr los. Er hatte damals der Mutter des dreizehnjährigen Stefan versprochen, ihr den Sohn wieder nach Hause zu bringen. Bis jetzt hat er dieses Versprechen nicht halten können. Nun setzt er alles daran, den Greifer endlich zu fassen.

Vielleicht habe ich einfach schon zu viele Thriller gelesen, jedenfalls konnte mich dieser nicht überraschen. Man kann das Buch sehr schnell lesen, da der Sprachstil nicht besonders anspruchsvoll ist. Natürlich ist ein Thriller in erster Linie kein literarisches Werk mit künstlerischem Anspruch, aber mir war die Sprache fast schon ein wenig zu "seicht". Die Kapitel sind durchweg sehr kurz und die Handlung springt zwischen den verschiedenen Personen, die sich in Katzenbrunn tummeln, hin und her. Dabei bleiben die Charaktere recht oberflächlich. Den Charme der 1980er Jahre durch die Erwähnung zahlreicher zeitgenössischer Details zu verbreiten, ist eine clevere Idee, mag aber bei den Generationen nach den Babyboomern seine Wirkung verfehlen.

Wer nach einem Thriller sucht, den man in kürzester Zeit durchlesen kann und wer noch nicht (fast) jeden Kniff kennt, für den ist "Finster" sicher spannende Unterhaltung.

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