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Veröffentlicht am 24.06.2024

And Now for Something Completely Different

Erebus
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Sir Michael Palin war nicht nur Mitglied von Monty Python, sondern auch Präsident der Royal Geographical Society in London und hat zahlreiche Dokumentationen gedreht und Bücher veröffentlicht. Das vorliegende ...

Sir Michael Palin war nicht nur Mitglied von Monty Python, sondern auch Präsident der Royal Geographical Society in London und hat zahlreiche Dokumentationen gedreht und Bücher veröffentlicht. Das vorliegende erzählt die Geschichte der HMS Erebus, die während der sogenannten Franklin-Expedition, die 1845 in See stach, um die Nordwestpassage zu entdecken, verschwand. Das Buch handelt jedoch nicht nur reißerisch von dieser verhängnisvollen Fahrt in die Arktis, sondern widmet sich detailreich und hoch interessant allen Fahrten des Segelschiffes und seiner Besatzung. Das 1826 vom Stapel gelaufene Schiff unternahm unter dem Kommando von James Clark Ross bereits von 1839 bis 1843 drei Fahrten innerhalb einer Antarktisexpedition, gemeinsam mit dem Schwesterschiff Terror, das ebenso Teil der Franklin-Expedition war und verschwand.

Ohne Zweifel ist dies ein Sachbuch, das sicherlich nicht für jede und jeden interessant ist, aber es ist unterhaltsam und einfühlsam geschrieben. Die vielen Sachverhalte, Namen und Details wurden kenntnisreich zusammengetragen und vermitteln ein Bild der Strapazen, denen die Männer während aller Fahrten ausgesetzt waren. Es wird aber auch auf die Erfolge der ersten Expeditionsfahrten eingegangen, auf die Erkundung neuer Küsten, die verbesserte Seekarten zur Folge hatte, sowie die Vielfalt der Flora und Fauna, die von den Botanikern an Bord der Segelschiffe dokumentiert wurde. Palin verliert sich nicht in Phantasien und Spekulationen, sondern bleibt bei den überlieferten Zeugnissen und den bisherigen Kenntnissen und Forschungsergebnissen. Er hat sich zudem selbst auf den Weg gemacht und viele Stationen, die die Erebus und ihre Mannschaft angelaufen haben, besucht. Noch heute sind Spuren erhalten, so z. B. die Überreste einer Versorgungsstation, die von einer der Rettungsmannschaften 1850 errichtet wurde. Erst 2014 wurden das Wrack der Erebus und zwei Jahre später das der Terror entdeckt. Viele Fragen sind immer noch unbeantwortet und werden es vielleicht auch bleiben.

Das Buch wird durch zahlreiche zeitgenössische Zeichnungen, Fotos, Landkarten und eine Zeittafel sehr bereichert, es gibt außerdem ein hilfreiches Personen- und Sachregister.

Bei allem Drama, das sich damals abgespielt hat, hat es mir dennoch großen Spaß gemacht, die Erebus und ihre Mannschaft auf den Fahrten zu begleiten und so viel über die Menschen, das Schiff und das Leben an Bord auf über 400 informativen Seiten zu erfahren.

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Veröffentlicht am 24.06.2024

In einer kleinen Stadt

Mit Blick aufs Meer
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Eine US-amerikanische Kleinstadt an der Küste von Maine. Im beschaulichen Crosby spielt sich ab, was sich jeden Tag in tausenden von Kleinstädten abspielt: Das Leben in all seinen Facetten. Wir treffen ...

Eine US-amerikanische Kleinstadt an der Küste von Maine. Im beschaulichen Crosby spielt sich ab, was sich jeden Tag in tausenden von Kleinstädten abspielt: Das Leben in all seinen Facetten. Wir treffen hier auf Ehepaare, die sich noch lieben oder auch nicht, auf Unfälle, Überfälle, Selbstmordgedanken, Hochzeiten und Scheidungen, Hinterhältigkeit und Liebe, Magersucht und Alkoholabhängigkeit, Affären und Schlaganfälle, Beerdigungen und Trost, Brandstiftung und viel Einsamkeit.

In jedem der 13 Kapitel stehen andere Personen im Mittelpunkt, eine ist aber immer dabei: Olive Kitteridge, einst strenge Mathelehrerin in der örtlichen Schule. Sie ist verheiratet mit Henry, dem pensionierten Apotheker, und hat einen Sohn. Chris entflieht Crosby, was Olive schwer verkraftet kann. Sie ist insgesamt eine notorisch schlecht gelaunte Person, nachtragend und stänkert gerne. Mit jedem vorgestellten Charakter steht sie irgendwie in Verbindung, meistens durch ihre Tätigkeit als Lehrerin. Sie hat allerdings eine gute Menschenkenntnis und durchschaut vieles und viele. Olive ist kein Charakter, den man mögen muss, aber sie hat irgendwas. Immer wieder blitzt etwas zutiefst Menschliches durch, Humor und Hilfsbereitschaft.

Ich habe das Buch gerne gelesen, mich in der Kleinstadt bewegt und immer mehr Leute kennengelernt. Die Autorin schreibt sehr vertraut über ihre Charaktere, denen sie mit wenigen Strichen ein Leben zeichnet. Die Geschichten lesen sich ganz leicht, gehen aber tief in das Innere der Figuren. Die chronologischen Geschichten sind in sich abgeschlossen, beziehen sich aber manchmal aufeinander und gewähren Rückblicke.

Manchmal hatte ich den Eindruck, dass Strout die Geschichten mit etwas Abstand geschrieben hat, denn bestimmte Tatsachen werden wiederholt, das ist unnötig, weil man es schon weiß und nicht vergessen hat, weil es gerade erst vor einer oder zwei Geschichten erwähnt wurde.

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Veröffentlicht am 19.06.2024

Der amerikanische Traum

Cold Spring Harbor
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Der gute Wille zählt nicht allein, die äußeren Umstände haben da auch noch ein Wörtchen mitzureden. Charles Shepard hat den Absprung vom Militär verpasst, um sich rechtzeitig ein ziviles Leben aufzubauen. ...

Der gute Wille zählt nicht allein, die äußeren Umstände haben da auch noch ein Wörtchen mitzureden. Charles Shepard hat den Absprung vom Militär verpasst, um sich rechtzeitig ein ziviles Leben aufzubauen. Er, der just dann in Frankreich eintrifft, als der 1. Weltkrieg zu Ende ist, hat diese Enttäuschung nie überwunden. Sie wird sich durch sein ganzen Leben ziehen. Seine Frau, einst lebensfroh und charismatisch, hält das Umsiedeln von einem Militärstützpunkt zum anderen nicht mehr aus. Als sich ein Ausweg bietet, ist Charles nicht wagemutig genug. Schließlich ziehen sie nach Charles Pensionierung nach Cold Spring Harbor auf Long Island. Ein einfaches Haus, ein einfaches Leben und ein schwieriger Sohn, er sich jung in eine überhastete Ehe stürzt. Bereits auf Seite 21 ist diese Ehe schon wieder beendet und wir verfolgen den weiteren Lebensweg der kleinen Familie, die sich bald um eine neue Flamme, deren Bruder und beider Mutter erweitert.

Auf nur 235 Seiten entwirft der Autor eine Studie über gescheiterte Leben. Menschen, die sowohl aus eigener Handlung heraus, aber auch durch äußere Umstände geleitet, selten die richtige Abzweigung nehmen. Dies ist für mich ein typischer amerikanischer Roman, der tiefe Einblicke in eine untere soziale Schicht in einem gewöhnlichen Vorort gewährt. Ich mag diese Art von Roman sehr, weil sie ein anderes Amerika beschreibt, das oft verdrängt wird: deprimierend, traurig, schlicht, manchmal aussichtslos und häufig auch sich selbst verleugnend. Aber Yates schreibt gleichzeitig universell, wenn er darstellt, wie sich Verhaltensweisen und Gemütslagen wiederholen und übernommen werden. Anschaulich stellt er dies durch Handlung dar und weniger durch Beschreibungen.

Ich habe das Buch gerne gelesen, auch wenn ich ganz oft rufen wollte "Tu das bitte nicht!".

Wer den Autor nicht kennt, ist aber vielleicht schon über die Verfilmung einer seiner Romane gestolpert: "Zeiten des Aufruhrs" (2008) mit Kate Winslet und Leonardo DiCaprio.

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Veröffentlicht am 19.06.2024

Am 20. Mai in Paris

Ich hatte vergessen, dass ich verwundbar bin
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An diesem Tag, so die Wahrsagerin, wird sich das Leben von Mathilde ändern, ein Mann werde sie erlösen. Die alleinerziehende Witwe mit drei Kindern befindet sich seit Monaten in einer Abwärtsspirale. Schritt ...

An diesem Tag, so die Wahrsagerin, wird sich das Leben von Mathilde ändern, ein Mann werde sie erlösen. Die alleinerziehende Witwe mit drei Kindern befindet sich seit Monaten in einer Abwärtsspirale. Schritt für Schritt wurde aus ihrem erfüllten Berufsleben ein Martyrium. Nur mühsam kann sie die täglichen Aufgaben außerhalb des Büros erfüllen, hat den Kontakt zu ihren Freunden nahezu komplett abgebrochen. Sie steht kurz vor einem Burnout oder schlimmerem. "In Paris wirft sich alle vier Stunden ein Mann oder eine Frau vor die Metro." (S. 57)

Thibault, Notfallarzt in Paris, fühlt ähnlich. Die tägliche Fahrerei quer durch die überfüllte Metropole zu Notfällen, das Leiden der anderen, die eigene Leere, zermürben ihn.

Wir begleiten die beiden an diesem 20. Mai durch Paris und schauen tief in ihr Inneres. Die Stadt zeigt sich von ihrer unschönen Seite, kein Glamour, keine Boulevards, kein Luxus. Die Geschichte hat mich sofort gepackt und ich habe sie in einem Rutsch zu Ende gelesen. Die Erzählzeit ist hier Präsens, nicht wie üblich Präteritum, und so wird eine Unmittelbarkeit erzeugt, die einen ganz starken Sog ausübt. Die Autorin schreib klar, häufig in kurzen Sätzen, so treibt sie den Tag und die Handlung voran, es bleibt durchweg spannend. Was wird an diesem Tag passieren?

Ich habe bereits mehrere Bücher von De Vigan gelesen und sie haben mir alle sehr gut gefallen, dieser Roman ist keine Ausnahme. Wie die Autorin Gesellschaftskritik betreibt und das stückweise Demontieren einer Frau durch ihren Vorgesetzten darstellt, ist wirklich gelungen und hat mich so wütend gemacht . Auch finde ich es glaubhaft, dass Mathilde das Mobbing zunächst nicht als solches wahrnimmt und dann, in der Annahme, dass sich alles schon wieder einrenken werde, ignoriert, bis es zu spät ist. Eine große Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 19.06.2024

Mobbing auf Japanisch

Die Pilgerjahre des farblosen Herrn Tazaki
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In der japanischen Gesellschaft hat die Gruppenkultur einen hohen Stellenwert. Mitglieder einer Gruppe teilen eine Meinung und halten sich an die Regeln. Wer davon abweicht, wird ausgeschlossen. Hilfe ...

In der japanischen Gesellschaft hat die Gruppenkultur einen hohen Stellenwert. Mitglieder einer Gruppe teilen eine Meinung und halten sich an die Regeln. Wer davon abweicht, wird ausgeschlossen. Hilfe von anderen Gruppenmitgliedern ist nicht zu erwarten, um nicht selbst ausgeschlossen zu werden. Dieses Phänomen ist als Mobbing auch bei uns bekannt, in Japan ist es aber in einer viel stärkeren Form vertreten und treibt jährlich zahlreiche Kinder und Jugendliche in den Selbstmord.


In exakt dieser Situation befindet sich Tsukuru Tazaki, als er in den Sommerferien seines zweiten Studienjahrs in seine Heimatstadt zurückkehrt und sich seine vier engsten Freund*innen von ihm abwenden. Ohne Vorwarnung brechen sie jeden Kontakt zu ihm ab und ein halbes Jahr lang ist der verzweifelte Tazaki dem Selbstmord nahe. Er überwindet die Krise ohne je zu erfahren, was das Verhalten der anderen ausgelöst hat. Als er 16 Jahre später seiner Freundin Sara von diesem Vorfall erzählt, besteht sie darauf, dass Tsukuru der Sache auf den Grund gehen solle, denn dieser Ausschluss stecke immer noch in ihm.


Das Grundgerüst der Geschichte ist schnell erzählt, aber es passiert so viel mehr - auch vieles, das man gar nicht einordnen kann. Und das hat es mir mit meinem ersten Murakami schwer gemacht. Die Alltagskultur in Japan mit ihren vielen möglichen Fallstricken ist mir nicht bekannt und die japanische Literatur mit ihren Eigenheiten ebenso wenig. Ich habe mir ganz viele Stellen mit Post-its markiert, die mir bedeutsam erschienen, aber wenig davon ist irgendwie aufgelöst worden. Es wird unheimlich viel nicht auserzählt und das betrifft auch ganz zentrale Fragen der Geschichte. Das läßt natürlich auf der anderen Seite viel persönlichen Interpretationsraum, aber es hat mich nicht "glücklich" gemacht. Ich kann verstehen, dass der Autor mit seinen Büchern, die philosophische Fragen aufwerfen, kafkaeske Elemente und oft surrealistische Parallel- oder Traumwelten enthalten, ein treues Publikum hat. Zudem ist seine Sprache sehr leicht zu lesen, sie ist weder hochgestochen noch kompliziert. Ich musste mir jedoch in der Sekundärliteratur anlesen, dass Murakami zunächst begann, seine Romane auf Englisch zu schreiben, was er nicht auf muttersprachlichem Niveau beherrscht, und dann ins Japanische zurückübersetzt hat. So ist sein ganz besonderer, reduzierter Schreibstil entstanden. Mir kamen die Dialoge zum Beispiel sehr hölzern und frei von Gefühlen vor, so würde hier niemand sprechen. Ob das aber gerade den extrem höflichen Umgangston in Japan abbildet, kann ich auch nicht beurteilen.


Nicht nur ich tue mich damit schwer, Murakami zu verstehen, auch die Literaturkritikelite ist sich uneinig und versucht oft, den japanischen Erfolgsautor an westlichen Literaturwerten zu messen, was scheitern muss. Bekanntestes Beispiel dafür ist der Weggang von Frau Löffler aus dem Literarischen Quartett aufgrund der Besprechung eines Murakami-Romans.


Letztlich kann ich nur empfehlen, einen Selbstversuch zu starten und einfach ein Buch des Autors zu lesen, sich aber gleichzeitig ein wenig mit der japanischen Literatur insgesamt zu beschäftigen. Geschichten werden in Japan anders erzählt, das sollte man wissen. Man muss und kann nicht alles mögen und ich meine, man darf auch einen Erfolgsautor "auslassen".

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