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Veröffentlicht am 27.03.2023

Und der Schnee deckt alles zu

Der Morgen (Art Mayer-Serie 1)
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Die Tom Babylon-Reihe hatte mir gut gefallen, daher hatte ich natürlich auch hohe Erwartungen an die neue Serie von Marc Raabe. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Im verschneiten Berlin wird auf spektakuläre ...

Die Tom Babylon-Reihe hatte mir gut gefallen, daher hatte ich natürlich auch hohe Erwartungen an die neue Serie von Marc Raabe. Und ich wurde nicht enttäuscht.

Im verschneiten Berlin wird auf spektakuläre Weise eine Frauenleiche gefunden. Sie ist keine Unbekannte. Was jedoch den gesamten Polizeiapparat in Aufruhr versetzt, ist die Adresse, die auf den Körper der Toten geschrieben wurde: Ein großes Grundstück mit Villa im Westend und dort wohnt kein Geringerer als der Bundeskanzler. Artur Mayer, kurz Art genannt, wird zur Ermittlungsgruppe des BKA hinzubeordert. Typ einsamer Wolf und keinem Widerwort abgeneigt, muss er sich mit einer jungen Kommissar-Anwärtin zusammentun. Nele Tschaikowski hat als Nichte des Polizeipräsidenten ohnehin einen schwierigen Stand innerhalb des BKA, da kommt ihr der aufmüpfige Mayer gerade recht. Gemeinsam versuchen sie Licht in den Todesfall zu bringen, der nicht der einzige bleiben wird und immer wieder stößt Nele auf Hinweise, dass Arts Vergangenheit irgendwie eine Rolle in diesem ganzen Chaos spielen könnte.

Wie schon bei der vorherigen Tetralogie, spielt die Vergangenheit der Protagonisten eine große Rolle. Die aktuelle Handlung wird immer wieder durch Kapitel aus der Kindheit der Charaktere unterbrochen. Da zunächst alle nur mit Spitznamen versehen werden, ist lange unklar, wer wer ist. Das ist richtig gut gemacht und sorgt für so manche Überraschung. Dieses Eintauchen in die Psyche der Figuren, was bestimmte Ereignisse in ihnen auslösen und wie sie in ihrem späteren Leben damit umgehen, scheint schon eine Art Spezialität des Autors zu sein. Neben diesem spannenden Aspekt spielt die Welt der Politik eine große Rolle und die Macht von Social Media. Insgesamt eine gelungene Mischung aus lebendigen und einnehmenden Protagonisten, berührenden Schicksalen und einem sehr guten Schreibstil, der sich auch besonders in den Dialogen zeigt. Diese interessant, informativ und "echt" zu Papier zu bringen, gelingt nicht jedem. Zudem kommt Raabe in seinem Thriller ohne allzu viel Blut und Gemetzelszenen aus.

Mich hat dieser Reihenauftakt auf die folgenden Bände sehr neugierig gemacht. Denn obwohl der Fall aufgeklärt wird, bleiben einige Fäden in der Luft schweben, die noch eingefangen werden müssen. Es wurde eine Gruppe von Nebencharakteren eingeführt, die neben Art und Nele sicherlich in den nächsten Thrillern auch eine Rolle spielen werden. Auf Teil zwei ("Dämmerung" 2024) freue ich mich schon, auch wenn es noch etwas dauern wird.

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Veröffentlicht am 24.03.2023

Eine unpersönliche Autobiografie

Die Jahre
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Da mich "Der Platz" erst kürzlich beeindruckt hat, habe ich nun auch "Die Jahre" gelesen und es hat mir sogar noch besser gefallen. Der spröde, eher sachliche Ton im Schreibstil bleibt, dennoch schwingt ...

Da mich "Der Platz" erst kürzlich beeindruckt hat, habe ich nun auch "Die Jahre" gelesen und es hat mir sogar noch besser gefallen. Der spröde, eher sachliche Ton im Schreibstil bleibt, dennoch schwingt immer Melancholie und ein wenig Nostalgie mit. Ernaux schreibt sich durch die Jahrzehnte ihres Lebens, sieht und beschreibt Fotos von sich selbst. Welche Gefühle, Wünsche und Hoffnung damals in ihr steckten, wie sich dies in die jeweilige Zeitstimmung und die gesellschaftliche Entwicklung einfügte. Ihre individuellen Erinnerungen sind oft Kleinigkeiten oder alltägliche Begebenheiten, die aber konzentriert betrachtet werden und mit dem großen Ganzen, der französischen Geschichte und dem politischen Weltgeschehen verschmelzen. Filme, Bücher und Musik, die Ernaux und ihre Altersgenoss*innen zu bestimmten Zeiten geprägt haben, werden ebenso genannt, wie die voranschreitende Emanzipation. Nie spricht die Autorin von "ich", sondern sie nimmt sich selbst im "man" und "wir" zurück und schreibt daher die Erinnerungen einer ganzen Generation.

"Etwas von der Zeit retten, in der man nie wieder sein wird." (S.256)

Das Buch muss in Frankreich noch stärker beeindruckt haben, weil es viel Allgemeingültiges enthält. Wenn Ernaux z.B. über die Schullektüre schreibt, mit denen Kinder seit Jahrzehnten in bestimmten Altersstufen traktiert werden, dann betrifft das ganz Frankreich, den dort ist das Bildungssystem zentralistisch geregelt.

Mir haben diese Erinnerungen sehr gut gefallen. Trotz der episodenhaften Anlage liest es sich flüssig und es war viel zu schnell zu Ende. Ich werde es sicherlich noch öfter zur Hand nehmen. Große Leseempfehlung!

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Veröffentlicht am 24.03.2023

Das Karussell des Lebens

Wellenflug
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Mit dem Romantitel spielt die Autorin auf das Kettenkarussell an, das durch die zusätzliche Neigung den Fahrgästen einen wellenförmigen Flug bietet. Und so liest sich auch der Roman: Die Geschichte einer ...

Mit dem Romantitel spielt die Autorin auf das Kettenkarussell an, das durch die zusätzliche Neigung den Fahrgästen einen wellenförmigen Flug bietet. Und so liest sich auch der Roman: Die Geschichte einer jüdischen Unternehmerfamilie, die sich im Berlin der Kaiserzeit ansiedelt und zunächst mit dem Handel von Stoffen zu Vermögen kommt. Die Handlung ist in zwei Teile untergliedert, in jedem Teil steht eine Protagonistin im Mittelpunkt. Im ersten Teil, der in der Zeit von 1864 bis 1905 spielt, steht Anna im Zentrum. Das kleine Mädchen, dessen Familie von Schlesien nach Leipzig und schließlich nach Berlin zieht, entwickelt sich zur Patriarchin der wohlhabenden weitverzweigten Verwandtschaft. Daher ist es für sie unfassbar, als sich ihr Sohn Heinrich in die Garderobiere Marie verliebt. Als sich die Wege der zwei Frauen kreuzen, wird die Handlung im zweiten Teil aus Maries Sicht (1905-1957) weitererzählt.

Mir hat der Roman sehr gut gefallen, er liest sich flüssig und die Handlung ist durchgehend interessant. Der erste Teil rund um Anna hat mich aber mehr angesprochen. Der Aufstieg der Familie, die sich bewußt in die Berliner Gesellschaft integrieren will, hat mich fasziniert und Anna fand ich als Charakter sehr berührend. Im zweiten Teil war mir der Lebemann und Spieler Heinrich sehr unsympathisch. Es hat sich mir auch nicht ganz erschlossen, was er und Marie so stark aneinander gebunden hat. Dennoch habe ich auch den zweiten Teil sehr schnell gelesen.

Bemerkenswert ist, dass die Autorin die Geschichte ihrer eigenen Familie verarbeitet hat. Ebenso bemerkenswert war für mich, dass meine Tante, die seit den 70er Jahren in Berlin wohnt, in der Rauchstraße am Tiergarten wohnt, genau gegenüber von der Hausnummer 21, wo einst Julius Reichenheim für seine Frau Anna ein wunderschönes Palais erbauen ließ.

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Veröffentlicht am 24.03.2023

Bewerbungsgespräch der besonderen Art

Etage 13 - Es gibt kein Entkommen, und deine Zeit läuft ab
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Der Klappentext klang so interessant, aber leider konnte mich der Thriller nicht überzeugen.

London, im Foyer eines hypermodernen Bürogebäudes: Kate Harding wartet auf Amanda Palmer, die PR-Chefin von ...

Der Klappentext klang so interessant, aber leider konnte mich der Thriller nicht überzeugen.

London, im Foyer eines hypermodernen Bürogebäudes: Kate Harding wartet auf Amanda Palmer, die PR-Chefin von Edge Communications, die mit ihr ein Bewerbungsgespräch führen soll. Doch dann wartet in der 13. Etage Joel White auf sie, extra eingeflogen aus dem New Yorker Büro. Aber bei dieser ersten Irritation bleibt es nicht. Als die Fragen immer verstörender werden, nimmt das Vorstellungsgespräch einen völlig anderen Verlauf, als gedacht. Und plötzlich ist die 13. Etage leer, bis auf Kate und den Mann, der unbedingt etwas von ihr erfahren möchte und das ist nicht: Wo sehen Sie sich in fünf Jahren?

Der Klappentext klang ungewöhnlich und ich hatte mich auf einen entsprechend ungewöhnlichen Thriller gefreut. Allerdings ist die Spannung rasch von der 13. Etage heruntergefahren. Ich konnte mich weder mit der Protagonistin, noch mit ihrem Verhalten anfreunden. Teilweise drehte sich die Handlung im Kreis und ging nur schleppend voran. Tatsächlich hätte man den Text extrem kürzen können.

Der Autor schreibt flott und man konnte die Geschichte gut lesen, das macht es aber nicht spannender. Die wirklich sehr kurzen Kapitel verleiten dazu, doch noch schnell ein bisschen weiterzulesen. Allerdings haben diese kurzen Kapitel auch für viel Leerstand auf den Seiten gesorgt.

Wer noch nicht so thrillererfahren ist, wird sicherlich an einigen Stellen im Buch überrascht werden. Daher sehe ich hier auch eher das Zielpublikum. Für alle anderen bietet der Thriller nicht so viel Neues, sondern eher viele bekannte Versatzstücke. Ärgerlich fand ich die fehlende Logik im Gesamtkonstrukt. Wer das Buch durchgelesen hat, muss sich fragen: Warum um alles in der Welt musste das jetzt in Etage 13 in Form eines Bewerbungsgespräches stattfinden?

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Veröffentlicht am 20.03.2023

Von Ostfriesland nach Paris

Der Traum vom Leben
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Luise ist 1,86 m groß, füttert morgens um kurz nach fünf die Kühe auf dem elterlichen Hof und fährt dann mit dem Rad zum Frisörladen von Gitte, in dem sie arbeitet. In ihrem kleinen Dorf in Ostfriesland ...

Luise ist 1,86 m groß, füttert morgens um kurz nach fünf die Kühe auf dem elterlichen Hof und fährt dann mit dem Rad zum Frisörladen von Gitte, in dem sie arbeitet. In ihrem kleinen Dorf in Ostfriesland ist es Anfang der 1990er Jahre noch recht beschaulich. Größter Aufreger sind die geplanten Windräder auf dem Acker des Nachbarn. Als Luise jedoch in Bremerhaven eine Platzierung beim Preisfrisieren erreicht, wird jemand auf sie und ihr Talent aufmerksam. Udo Hammer, ein bekannte Coiffeur, will sie als seine Assistentin mit nach Paris zu den Prét-à-porter-Shows nehmen. Und tatsächlich verläßt Luise den kleinen Hof in Ostfriesland, um sich für eine Woche in ein Abenteuer zu stürzen und um eine Liebe zu vergessen.

Katharina Fuchs beschreibt das Dorf und den Hof in Ostfriesland ebenso detailfreudig, wie das schillernde Paris 1992/93, als die Supermodels alle Laufstege beherrschten und so bekannt waren wie Popstars. Es werden poppige und glamouröse Frisuren, Kleider und Shows der großen Designer beschrieben; das Nachtleben von Paris und die Arbeit von Modelagenturen. Überall begegnet Luise den weltbekannten Covergirls und Modeschöpfern. Dieser Einblick in die Model- und Designerwelt ist wirklich sehr interessant und lebendig, eine richtige Zeitreise. Die Geschichte liest sich wie ein modernes Aschenputtelmärchen und der Schreibstil der Autorin ist wunderbar flüssig und bildreich. Für die Einstimmung auf die Protagonisten hat sich Katharina Fuchs viel Zeit gelassen und das ist prima gelungen, so hatte man als Leserin eine sehr gute Vorstellung, wer da jetzt im Mercedes von Udo Hammer sitzt und mit nach Paris fährt. Aber gerade weil man Luise gut kennt, ging mir ihre Verwandlung dann doch etwas zu schnell. Besonders schwierig fand ich den Umgang mit der Sprachbarriere. In wenigen Tagen sein Schulenglisch derart aufpolieren zu können und sogar kleine Unterhaltungen in Französisch zu führen und Gehörtes wiedergeben zu können, fand ich schon sehr erstaunlich. In Paris scheint Luise ein ganz anderer Mensch zu sein. Scheinbar mühelos bewegt sie sich in dieser für sie absolut fremden Welt.

Ingesamt ein schöner Schmöker, der in einer wunderbaren Stadt und zu einer interessanten Zeit spielt. Und wenn man den Aspekt Märchen im Auge behält, kann man über die Logiklöcher hinwegsehen. Den Roman habe ich gerne gelesen, er konnte mich allerdings nicht so packen wie z.B. Lebenssekunden, der wirklich mitreißend war.

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