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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 26.11.2019

Verbotene Liebe im Zweiten Weltkrieg

Luzies Erbe
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Luzie stirbt mit fast hundert Jahren und lässt Töchter, Enkeltochter und Urenkelin mit unterschiedlichen Empfindungen und Erinnerungen zurück. Alle sind geprägt von Luzies Vergangenheit und ihrer Liebe ...

Luzie stirbt mit fast hundert Jahren und lässt Töchter, Enkeltochter und Urenkelin mit unterschiedlichen Empfindungen und Erinnerungen zurück. Alle sind geprägt von Luzies Vergangenheit und ihrer Liebe zu Jurek, einem polnischen Zwangsarbeiter. Wenig wissen die Hinterbliebenen, Luzie hat lieber geschwiegen, ihr Leben lang. Das ist Luzies schweres Erbe, das sie den Frauen hinterlässt. Ihr Erbe ist aber auch eine Dose mit Papieren und Fotos. Können diese Zeugen der Vergangenheit erzählen was damals geschah?

Helga Bürster hat ein wunderschönes Buch über eine verbotene Liebe im 2. Weltkrieg geschrieben. Einfühlsam und leise beschreibt sie Luzies Leben und das ihrer Familie über mehrere Generationen in einem kleinen Dorf in der Wildeshauser Geest. Die Figuren sind ausgesprochen lebendig gezeichnet und die Atmosphäre treffend geschildert. Im Dorf wird viel platt geschnackt (und nicht übersetzt), das mag für einige beim Lesen möglicherweise sperrig gewirkt haben, trägt aber ungemein zur dörflichen Atmosphäre bei. Im Plattdeutschen kann so manches direkter und treffender gesagt werden und wirkt doch anders als im Hochdeutschen. Auch wäre es nicht authentisch gewesen, die Dorfbewohner Hochdeutsch sprechen zu lassen.
Die Autorin beschränkt sich auf Wesentliches und wälzt die Geschichte nicht bis ins Kleinste aus. Knapp dreihundert Seiten hat der Roman, der in kurze Kapitel unterteilt ist. Dabei wechseln sich zwei Erzählebenen ab, die in der Gegenwart Fragen aufwerfen und in der Vergangenheit Antworten geben. Die historische Ebene der Kriegsjahre enthüllt dem Leser ein Gesamtbild, das den Hinterbliebenen verborgen bleibt. Am Ende sind dennoch alle versöhnt mit Luzies Schweigen.

Mir hat der Roman ausgesprochen gut gefallen, nicht nur weil ich aus der gleichen Gegend komme wie die Autorin. Eine eindrucksvolle, menschliche Geschichte, die den Leser berührt. Eine absolute Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 24.11.2019

Toller Thriller in ungewöhnlicher Schreibe

Der Fund
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Was macht man, wenn man beim Auspacken eines Bananenkartons mehr als zehn Kilo Kokain findet? Diese Frage stellt sich Supermarktverkäuferin Rita Dalek, dreiundfünfzig Jahre alt, unglücklich verheiratet ...

Was macht man, wenn man beim Auspacken eines Bananenkartons mehr als zehn Kilo Kokain findet? Diese Frage stellt sich Supermarktverkäuferin Rita Dalek, dreiundfünfzig Jahre alt, unglücklich verheiratet mit einem spielsüchtigen Trinker und gefangen in einem tristen und arbeitsreichen Alltag. Meint es das Schicksal einmal gut mit der leidgeprüften, gutherzigen Frau? Wohl nicht: Rita ist bereits auf der ersten Seite des Thrillers tot.

Tja, und nun erfährt der Leser was passiert ist, nachdem Rita sich entschieden hat, den Karton mit den Bananen und dem „Fund“ in den Kofferraum ihres Kleinwagens zu stellen. Und da passiert eine ganzen Menge. Die Drogen eröffnen ihr eine völlig neue Welt, voller bizarrer Ereignisse und schräger Figuren. Aber es läuft nicht nach Plan...

Die Geschichte wird auf zwei Ebenen erzählt, einmal aus Ritas Perspektive und einmal aus der Perspektive eines Polizisten, der unterschiedliche Personen befragt, um Licht in Ritas Tod zu bringen. Beide Ebenen zusammen ergeben dann ein Bild der Ereignisse, die aber nicht immer übereinstimmen.
Wenn man sich erstmal in den ungewöhnlichen Schreibstil Aichners eingelesen hat, dann macht das richtig Spaß. Die wörtliche Rede in den Rita-Kapiteln wird nicht in Anführungszeichen gesetzt. In knappen Sätzen wird die Handlung vorangebracht. Bei den Befragungen wird konsequent auf die Inquit-Formeln (Begleitsätze) verzichtet, der Text besteht ausschließlich aus direkter Rede. Das macht die Befragungen ungemein flott und dramatisch.

Mir war relativ früh klar, wie das Ende aussehen könnte und so war es dann auch. Trotzdem gab es zwischendurch überraschende Einfälle, die alle logisch und gut durchdacht waren.
Eine wirklich spannende und außergewöhnliche Geschichte, sehr kurzweilig und auf ganz spezielle Art geschrieben. Dafür gibt es alle Thriller-Sterne.

Veröffentlicht am 22.11.2019

Thriller aus der Feder der Kluftinger-Autoren

Draussen
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Ja, sie können auch Thriller.
Volker Klüpfel und Michael Kobr, die geistigen Väter des kultigen Allgäuer Kommissars Kluftinger, haben sich an ein für sie neues Genre gewagt.
Das Ergebnis ist gar nicht ...

Ja, sie können auch Thriller.
Volker Klüpfel und Michael Kobr, die geistigen Väter des kultigen Allgäuer Kommissars Kluftinger, haben sich an ein für sie neues Genre gewagt.
Das Ergebnis ist gar nicht so schlecht. Hier werden ausgefallene Milieus gewählt (Prepper-Szene), um die Geschichte der Geschwister Cayenne und Joshua zu erzählen. Die beiden halten sich mit einem Beschützer im Wald verborgen, ständig bereit, gegen einen unbekannten Feind um ihr Leben zu kämpfen. Das Dasein draussen im Wald, außerhalb der Gesellschaft wird jedoch von Cayenne zunehmend in Frage gestellt.

Das Buch beginnt mit einem Angriff auf das Mädchen und diese Szene ist nur eine von vielen, die es in einem der humoristischen, gemütlichen Alpen-Krimis nicht gegeben hätte. Da knacken Knochen und spritzt das Blut. Für einen Thriller immer ein guter Einstieg, dann ist der Leser sofort mitten im Geschehen und die Spannung von Beginn an gegeben. Anschließend kann dann in Ruhe erzählt werden, was vorher geschah.
Neben dem Erzählstrang im Wald gibt es noch die komplett gegensätzliche Welt der Politik in der Bundeshauptstadt. Wie die beiden Ebenen miteinander verknüpft sind, lässt sich zunächst nicht erahnen. Als dritter Strang werden Tagebucheintragungen eines Soldaten aus der französischen Fremdenlegion gewählt. Es wird jeweils aus einer anderen Perspektive erzählt.
Obwohl man dann doch eher früher als später die Zusammenhänge erkennt, ist das Buch sehr spannend. Kurze Kapitel, die oft mit einer fesselnden Entwicklung enden und zum Weiterlesen drängen.
Es gibt außerdem einige Szene, in denen Klüpfel/Kobr ihre humoristische Ader ausleben; der Besuch auf dem Hof von Horst Deutz gehört unbedingt dazu.

Die Hauptfiguren sind mir aber nicht nahe genug gekommen. Da fehlte mir noch etwas mehr Tiefe in den Charakteren. Cayenne war mir zudem irgendwie nicht sympathisch genug.

Trotzdem ein gelungener Ressortwechsel der Autoren. Ich habe mich gut unterhalten und das Buch sehr schnell durchgelesen. Und ja - nach gut 100 Seiten treffen wir auch kurz auf Kommissar Kluftinger.

Veröffentlicht am 19.11.2019

Hochspannung und persönliches Trauma für Assad

Opfer 2117
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Ein absolut spannender achter Teil der Serie.

Eine ältere Frau wird tot auf Zypern angespült. Ein erfolgloser Journalist in Barcelona steht kurz vor dem Selbstmord. Ein junger Mann in Kopenhagen wartet ...

Ein absolut spannender achter Teil der Serie.

Eine ältere Frau wird tot auf Zypern angespült. Ein erfolgloser Journalist in Barcelona steht kurz vor dem Selbstmord. Ein junger Mann in Kopenhagen wartet nur auf ein bestimmtes Level in seinem Computerspiel, um Rache zu üben. Ein gewaltiger Terroranschlag steht kurz bevor.
Dazu noch die Rückkehr von Rose ins Team und endlich, endlich kommt Licht in die ominöse Vergangenheit von Assad. Die private Entwicklung von Carl ist ebenfalls beachtlich, tritt aber in den Hintergrund.

Ganz schön viel Inhalt für den neuen Band von Jussi Adler-Olsen; aber dramatisch, explosiv und erschütternd wie die Bände zuvor. Mir hat diese Band sogar besser gefallen, als einige ältere Teile.
Die Spannung ist von Beginn da und wird durch den rückwärts laufenden Countdown ständig gesteigert.
Carls zynisch-ironische Art sorgt immer wieder für Schmunzeln im spannungsgeladenen Verlauf der Handlung.
Alle Fäden führen natürlich zusammen und das Finale ist wirklich aufwühlend. Übrigens spielt ein nicht unerheblicher Teil des Thrillers in Deutschland.

Einige (notwendige) Rückblende ziehen sich etwas, der junge Gamer ist zunehmend nervig und die Handlung um Hardy ist dieses Mal eindeutig zu kurz gekommen. Aber mehr Inhalt hätte der Band auch nicht verkraftet.
Der Zufall wurde außerdem recht häufig bemüht. Trotz der kleinen Mängel eine eindeutige Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 09.11.2019

Als „Dr. Shiwago“ zur Waffe der CIA wurde - und doch ein Liebesroman

Alles, was wir sind
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Liebesroman oder Spionagegeschichte? „Alles, was wir sind“ von Lara (!) Prescott ist beides, so wie Pasternaks Weltbestseller Liebesgeschichte und Kriegsgeschichte ist. Von beiden Romanen bleibt die Liebesgeschichte ...

Liebesroman oder Spionagegeschichte? „Alles, was wir sind“ von Lara (!) Prescott ist beides, so wie Pasternaks Weltbestseller Liebesgeschichte und Kriegsgeschichte ist. Von beiden Romanen bleibt die Liebesgeschichte stärker im Gedächtnis.

Prescott zeichnet die Entstehungsgeschichte von „Dr. Shiwago“ nach, deren Hauptfigur Lara an Pasternaks Geliebter Olga angelehnt ist. Während Sowjetrussland das Buch verbietet und einen Druck verhindert, wird das Manuskript nach Italien geschmuggelt und zunächst dort gedruckt. Schließlich lässt die CIA das russische Original vervielfältigen und schmuggelt das Buch wieder zurück in die Sowjetunion; „Bücher als Waffe“ lautet das Motto. 1958 wird Pasternak der Nobelpreis für Literatur verliehen, auf Druck der Regierung verzichtet er jedoch auf den Preis. Nach seinem Tod wird Olga ein zweites Mal zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt.
Auf Basis dieser und weiterer historischer Fakten hat Prescott einen wirklich interessanten und allemal lesenswerten Roman geschrieben.

Die Geschichte spielt über einen Zeitraum von etwas über zehn Jahren an zwei Schauplätzen, nämlich denen des Kalten Krieges: Osten und Westen. Obwohl Prescott auf freigegebene CIA-Unterlagen zurückgreifen kann, ist der Großteil der West-Geschichte fiktiv. Hier spielen die Stenotypistinnen des Schreibpools eine wichtige Rolle. Über ihre Schreibmaschinen gehen alle Geheimnisse und mit ihnen beginnt und endet auch der Roman. Während Olga 1949 das erste Mal verhaftet wird, sind die Stenotypistinnen an ihren Schreibmaschinen gefangen. Trotz hoher Qualifikationen scheint ihr einziger Ausweg eine Heirat zu sein. Olgas Freiheit wäre der Verrat von Pasternak.
Wenige CIA- Damen werden für Sonderaufgaben ausgewählt und ausgebildet. Zu ihnen gehört Irina, deren Familie aus Russland stammt. Sie arbeitet mit an der Shiwago- Mission.

Der Ost-Teil der Geschichte, der das schwere Schicksal von Olga und ihrer Familie sowie die Beziehung zu Pasternak erzählt, hat sehr eindrückliche Stellen; besonders die Szenen, die im Lager Potma spielen.
Insgesamt ist die West-Geschichte um Irina aber die interessantere. Das hat nicht (nur) mit der CIA zu tun. Auch wenn man einiges über Spionage erfährt, ist das vorliegende Buch kein klassischer Spionageroman, dafür fehlt die Spannung. Die „Geschichte“ ist einfach lebendiger, vielleicht gerade, weil hier die Fiktion große Lücken füllen muss. Auch werden diesem Erzählstrang 100 Seiten mehr Raum gegeben.

Die 15 Osten/Westen-Teile sind in 28 Kapitel unterteilt. Dabei verwendet die Autorin die Überschriften, um die Entwicklung der Personen zu verdeutlichen. Wenn Irina in Kapitel acht zur Überbringerin wird, steht ihr alter Status als Bewerberin noch durchgestrichen darüber. Olga bringt es in Kapitel 28 auf sieben Bezeichnungen. Dies veranschaulicht nochmals auf knappste Weise, was die Figuren durchlebt haben.

Die Ich- Erzählerinnen in Ost und West stehen im Zentrum des Romans und mit ihnen ihre Liebe, Hoffnung, Verzweiflung und Enttäuschung. Der Autorin ist ein großartiger Debütroman gelungen, der geschickt Fakten und Fiktion verknüpft. Ein Lesevergnügen, das auch - aber nicht nur - die bisher wenig bekannten Ereignisse rund um die Entstehung und Veröffentlichung von „Dr. Shiwago“ thematisiert.