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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 17.11.2016

Nagasaki

Damals in Nagasaki
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Etsuko hat Japan verlassen. Gemeinsam mit ihrer Tochter Keiko baut sie sich in England ein neues Leben auf. Sie heiratet und hat noch eine Tochter. Niki. Nach Keikos’ Tod besucht Niki die Mutter und sie ...

Etsuko hat Japan verlassen. Gemeinsam mit ihrer Tochter Keiko baut sie sich in England ein neues Leben auf. Sie heiratet und hat noch eine Tochter. Niki. Nach Keikos’ Tod besucht Niki die Mutter und sie beginnen Gespräche zu führen. Gespräche über ihre gemeinsamen Erinnerungen, über Keiko, über die Kindheit der Mädchen.

Immer wieder taucht Etsuko in ihre Vergangenheit ab, die Zeit als sie mit Keiko schwanger war. Sie erinnert sich an eine Frau, die für einen Sommer ganz in ihrer Nähe wohnte und mit der sie eine seltsame Freundschaft verband.

Etsuko erlebt die traumatische Stille in der sich die Menschen nach dem Krieg befanden erneut und muss erkennen, dass sie auch jetzt nach dem Tod der Tochter in einer unheilvollen Stille gefangen scheint.

Ishiguro erzählt das Schicksal einer Frau mit einfachen und doch beklemmenden Worten, er lässt uns tief in die geschundene japanische Volksseele nach dem verlorenen Krieg blicken und zeigt, wie schmerzhaft, das Aufbrechen einer in sich abgeschlossenen Kultur durch eine gänzlich andere Kultur sein kann. Dabei bedient sich der Autor keiner Wertungen für oder gegen die eine oder andere Kultur, er zählt vielmehr die Unterschiedlichkeiten auf und betont das Nicht-Verstehen der jeweils anderen Seite.

Ein Buch das sanft berührt und es vermag das Gefühl der Leere nach einem großen Verlust spürbar zu machen.

Veröffentlicht am 17.11.2016

In der Verzweiflung

Das Maikäfermädchen
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Käthe lebt allein, ihr Mann ist von der Front nicht heimgekehrt. Über seinen Verbleib weiß sie wenig, nur dass er in Gefangenschaft geriet. Während sie immer und immer wieder ihr gemeinsames Leben reflektiert, ...

Käthe lebt allein, ihr Mann ist von der Front nicht heimgekehrt. Über seinen Verbleib weiß sie wenig, nur dass er in Gefangenschaft geriet. Während sie immer und immer wieder ihr gemeinsames Leben reflektiert, macht sich das geschundene und zerstörte Deutschland rund um sie herum auf, seine Wunden zu lecken und wieder aufzubauen was vernichtet wurde.

Käthe lebt in einem kleinen Zimmer unterm Dach, bespitzelt von ihren Nachbarn aber auch von den alliierten Kräften versucht sie sich mit ihrem Beruf als Hebamme durchzuschlagen.

Als sie plötzlich eine junge Frau um eine Abtreibung bittet, wirft Käthe von Hunger und Auszehrung getrieben schließlich ihre moralischen Bedenken über Bord.

Gina Mayer gelingt es die Hoffnungslosigkeit und Rastlosigkeit der ersten Nachkriegsjahre in Deutschland lebensnah zu beschreiben. Ein beklemmendes Gefühl beschleicht die LeserInnen und immer wieder stellt man sich als LeserIn selbst bang die Frage: „Wie würde ich entscheiden?“ oder „Steht es mir zu, zu entscheiden welches Leben zu beschützen und welches zu töten ist?“

Einzig die Charaktere bleiben ein wenig farblos und grenzen sich nicht überdeutlich voneinander ab, dennoch sind sie realistisch genug formuliert um die Geschichte zu tragen und die LeserInnen durch das Buch zu begleiten.

Keine einfache Kost, aber dieses Buch wagt sich an eine Thematik heran, die auch in unserer Zeit die Geister scheidet und unglücklicherweise noch vielerorts ein Tabu darstellt.

Veröffentlicht am 17.11.2016

Berührend

Die unwahrscheinliche Pilgerreise des Harold Fry
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Harold ist seit sechs Monaten pensioniert, aber auch vorher bestand sein Leben aus mehr Routine und wenig Abwechslung.

Eines Tages erreicht ihn ein Brief einer Frau mit der ihn einmal eine Freundschaft ...

Harold ist seit sechs Monaten pensioniert, aber auch vorher bestand sein Leben aus mehr Routine und wenig Abwechslung.

Eines Tages erreicht ihn ein Brief einer Frau mit der ihn einmal eine Freundschaft verband und die genauso lautlos wie sie in sein Leben trat, dieses auch wieder verließ. Queenie hat Krebs, sie wird sterben und sie will Harold davon informieren. Nach 20 Jahren das erste Lebenszeichen von ihr.

Harold ist überrumpelt, er verfasst eine kurze Antwort und will den Brief in den nächstgelegenen Briefkasten einwerfen. Doch während er losgeht, verändert sich etwas in ihm, ein Drang, manches zurecht zu rücken und dem eigenen Leben einen Sinn zu geben, eine Spur zu hinterlassen beseelen Harold von einer Sekunde auf die andere. Er beschließt den Weg zu Queenie quer durch England zu Fuß zu gehen und er geht einfach los.

Menschliche Schicksale begegnen ihm auf seiner Wanderung und mit jedem Schritt kommt Harold nicht nur Queenie näher sondern ganz langsam auch sich selbst und seiner eigenen Wunde, seinem eigenen Schicksal.

Rachel Joyce bedient sich eines sehr philosophischen Schreibstils, der durch den geschickten Einsatz von Metaphern es den LeserInnen erleichtert sich mit Harold auf die Reise zu begeben.

Harold ist ein sympathischer Protagonist, dessen Stärken aber auch Schwächen so deutlich dargestellt werden, dass es die LeserInnen oft schmerzt.

Ein gefühlvolles Buch, das ab und an ein wenig zu blumig umschreibt, uns aber dennoch tief im Herzen zu berühren vermag.

Veröffentlicht am 17.11.2016

Vom Leben

Der Winter tut den Fischen gut
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Maria ist 48, Verkäuferin, Witwe und arbeitslos. Die Welt um sie herum entgleitet ihr zunehmend mit jedem Tag, den sie zuhause verbringt, an jedem Tag, an dem sie wieder keine Arbeit findet, wieder keinen ...

Maria ist 48, Verkäuferin, Witwe und arbeitslos. Die Welt um sie herum entgleitet ihr zunehmend mit jedem Tag, den sie zuhause verbringt, an jedem Tag, an dem sie wieder keine Arbeit findet, wieder keinen Anschluss findet, wieder – versagt.

Sie hatte doch alles, aber hatte sie alles was sie sich wünschte? Hat Maria nicht doch auch, wie wir vielleicht alle, vertagt, auf später verschoben, Kompromisse geschlossen, sich abgefunden, akzeptiert um am Ende herauszufinden….

Die Protagonistin Maria, erlebt ihr Leben rückwärts, die LeserInnen begleiten sie auf zermürbenden Gängen zum Arbeitsamt, zählen mit ihr die Minuten und lassen Stunde um Stunde mit ihr gemeinsam vorüberziehen.

Maria ist eine Frau, die in den letzten Kriegsjahren jung gewesen ist und den Wiederaufbau mitgetragen hat, verzichtet hat um ihren Beitrag zu leisten, von dem sie glaubte, er würde ihr mehrfach vergolten werden.

Aber die Welt hat sich weiter entwickelt und Maria erkennt langsam, dass sie sich an ihr vorbei entwickelt hat. Die Welt dreht sich schneller und schneller, nur sie selbst bleibt gefangen in ihren Denkmustern in angelernter Kleinkariertheit und als sie beginnt über den Tellerrand zu blicken, scheint es bereits zu spät.

Der rückwärts gerichtete Schreibstil verstört auf den ersten Blick, aber er animiert die LeserInnen zum konzentrierten Lesen, zum Innehalten und Nachdenken, damit die Ereignisse langsam ins rechte Bild gerückt werden können und das erwähnte Bild sich zu einem großen Ganzen zusammen setzen lässt.

Ein seltsamer Roman, der die LeserInnen verstört, berührt, ins Dunkel stößt, ihnen einen Spiegel vorhält und es doch vermag uns mit unserem Leben zu versöhnen.

Veröffentlicht am 17.11.2016

Der Führer

Er ist wieder da
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Hitler 2011 in Berlin. Er ist – zugegeben – verloren, so gut wie alles, das er kannte hat sich verändert. Sogleich macht er sich daran, sich aus einer misslichen Lage zu befreien und erkundet sogleich ...

Hitler 2011 in Berlin. Er ist – zugegeben – verloren, so gut wie alles, das er kannte hat sich verändert. Sogleich macht er sich daran, sich aus einer misslichen Lage zu befreien und erkundet sogleich sein Umfeld. Dabei hält er sich nicht lange mit der Frage nach dem „Warum?“ auf.

Messerscharf analysiert er die Veränderungen seit dem 2. Weltkrieg, vermisst zwar des öfteren seine geliebte SS erkennt aber schnell, dass es zunächst gilt elementare Dinge sicher zu stellen bevor sich Hitler des Wiederaufbau des 1.000-jährigen Reichs annehmen kann.

Das Schicksal bleibt ihm gewogen, so findet er sich bald in einem Büro mit eigener Schreibkraft wieder und erkundet die Weiten einer Errungenschaft der Gegenwart, genannt „Internetz“.

„Er ist wieder da“ ist eine Zustandsbeschreibung Deutschlands, aus Sicht des Führers und diese fällt durchaus nicht in allen Bereichen positiv aus. Abgesehen vom Wirtschaftswunder liegt Deutschland vor allem was Disziplin und „deutsche Härte“ angeht am Boden. DemokratInnen haben die Regierung wieder übernommen und sind in erster Linie damit beschäftigt sich zu streiten – anstatt das Land zu regieren.

Timur Vermes schaut da hin, wo wir alle hinschauen sollten – auf unsere Oberflächlichkeit und die selektive Wahrnehmung, die wir uns alle angewöhnt haben um in der alltäglichen Welt voller Reizüberflutung zu überleben. Hitler wird wohin er auch kommt, missverstanden und seine Aussagen vom Umfeld so gut wie immer für die eigenen Zwecke umgedeutet und das macht und machte ihn wohl auch 1933 gefährlich.

Da wo wir lieber mal ein Auge zudrücken, da wo wir nicht achtsam sind, da wächst das Unkraut am ehesten. Während wir von einer satirisch perfekt ausgeleuchteten Szene zur nächsten geleitet werden, wächst etwas in unserem Inneren und das ist der Zweifel. Wir lachen aber wir beginnen auch nach zu denken und wir beginnen Parallelen zu ziehen, zu unserem eigenen Tun, zu unserem eigenen Wegschauen und erkennen, dass wir es viel zu oft und zu leichtfertig tun.

Eine Politsatire, die sich gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Unterhaltung und Aufrütteln bewegt, ein Buch dass uns abstößt und trotzdem nicht loslässt.