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Veröffentlicht am 16.04.2023

Kulinarischer Rückblick

Spargel in Afrika
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In einem Monolog setzt sich ein Mann mit seinem altersschwachen Vater auseinander, lässt sein Leben Revue passieren und findet sich mit dessen baldigen Ende ab.
Die Erzählung webt mit sprachlicher Finesse ...

In einem Monolog setzt sich ein Mann mit seinem altersschwachen Vater auseinander, lässt sein Leben Revue passieren und findet sich mit dessen baldigen Ende ab.
Die Erzählung webt mit sprachlicher Finesse insbesondere kulinarische Erfahrungen in die Auseinandersetzung des Ich-Erzählers mit der Vergangenheit ein und schafft entsprechende sprachliche Bilder. „In meinem Bauch, tief in meinem Bauch, eine [sic] Fingerbreit unter dem Nabel, da liegt das apfelige Vaterkompott und breitet sich in mir aus als der Teil, den ich mir einverleibt habe aus Liebe und Stolz.“
In den Worten des Sohns schwingen anfangs Sorge und Vorwürfe mit, doch im weiteren Verlauf scheint er sich mehr und mehr mit seiner neuen Rolle als das nächste Familienoberhaupt abzufinden. Der Fokus auf das Gefühlsleben der Figur bietet Raum für Interpretation; in jedem Fall regt die feinfühlige Darstellung aber zum Nachdenken über die Vergänglichkeit an.

Veröffentlicht am 10.04.2023

Freischwimmen

22 Bahnen
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Tilda studiert Mathematik, arbeitet nebenher als Kassiererin im Supermarkt und geht gerne schwimmen, und zwar genau 22 Bahnen. Die Herausforderung liegt eher im familiären Bereich, denn die Mutter trinkt ...

Tilda studiert Mathematik, arbeitet nebenher als Kassiererin im Supermarkt und geht gerne schwimmen, und zwar genau 22 Bahnen. Die Herausforderung liegt eher im familiären Bereich, denn die Mutter trinkt und sorgt nicht für Tildas kleine Schwester.
Der Roman ist aus der Ich-Perspektive geschrieben und nutzt wiederkehrende Elemente zur Schilderung von Tildas Routinen, wie ihr Spiel, anhand der Waren auf dem Kassenband zu erkennen, was für eine Person diese erwerben möchte. „Bifi-Roll-Dreierpack, Bifi-Roll-Dreierpack, Bifi-Roll-Dreierpack. Sonst nichts. Ferdinand, rate ich, sage ‚7,47 Euro’ und schaue in Ferdinands emotionsloses Gesicht.“ Dialoge werden mit Nennung der Figuren, aber ohne Anführungszeichen gekennzeichnet.
Neben solchen stilistischen Mitteln lebt das Buch von der Stärke und dem Zusammenhalt der Figuren, die mit Alkoholismus, Geldknappheit und Tod umgehen müssen. Mir hat gut gefallen, wie feinfühlig und originell diese Themen zu einer authentischen Geschichte verarbeitet wurden.

Veröffentlicht am 10.04.2023

Ein Schatz für Stadtgärtner

Stadtgemüse
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„Stadtgemüse“ ist ein Ratgeber für den Anbau von Obst, Gemüse und Kräutern in der Stadt, so dass jeder im Kleinen den Folgen der Urbanisierung entgegenwirken und sich eine gewisse „Ernährungssouveränität“ ...

„Stadtgemüse“ ist ein Ratgeber für den Anbau von Obst, Gemüse und Kräutern in der Stadt, so dass jeder im Kleinen den Folgen der Urbanisierung entgegenwirken und sich eine gewisse „Ernährungssouveränität“ schaffen kann. „Lasst uns die Städte essbar machen! Wir sollten diese Flächen nicht einfach nur mit hübschen Blumen und Sträuchern bepflanzen, sondern mit essbaren Pflanzen.“
Zunächst wird der Leserschaft das Rüstzeug für die Pflanzenzucht an die Hand gegeben. Selbst wer zuvor noch nicht ahnte, welche Anbauflächen ihm zur Verfügung stehen, wird diese nun in seiner Umgebung entdecken - vom Fensterbrett bis zum Dach. Und dann geht es schon ans Vorbereiten, Säen, Düngen…
Einen großen Teil des Buchs nehmen die Pflanzenporträts ein, die sich aus einer tabellarisch-graphischen Übersicht, einem Bild und einem ausführlicheren Text zusammensetzen. Dabei lernt man nicht nur die Bedürfnisse der Zöglinge, sondern auch unbekanntere alte Sorten kennen. Eine Übersicht findet sich auf dem beiliegenden Plakat, so dass der Planung nichts mehr im Wege steht.
Dieses Buch ist so voll von Erfahrungen, Ideen und Informationen, dass mit Leichtigkeit der Funke überspringt und der Wunsch nach etwas Selbstversorgung entsteht. Es ist ein Schatz für mich als Stadtgärtnerin.

Veröffentlicht am 05.04.2023

Das kühle Nass

Wasserzeiten
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„Wasserzeiten“ ist Kristine Bilkaus ganz persönliche Auseinandersetzung mit dem Schwimmen. Sie teilt ihre Erfahrungen, ihr Glücksgefühl und Erlesenes über das Bewegen im Wasser.
Die Orte des Geschehens ...

„Wasserzeiten“ ist Kristine Bilkaus ganz persönliche Auseinandersetzung mit dem Schwimmen. Sie teilt ihre Erfahrungen, ihr Glücksgefühl und Erlesenes über das Bewegen im Wasser.
Die Orte des Geschehens sind vielfältig (von den Thermen der Römer über die Bucht im Meer bis zum Schwimmbad in Pandemiezeiten), und die Autorin liefert ihren Wunschzettel mit, an welchen Orten sie unbedingt mal ins Wasser steigen will.
Kulturelle Aspekte stehen ganz individuellen Momenten gegenüber. „Das Schwimmen an diesem Ort ist mir stark in Erinnerung geblieben, vielleicht werde ich noch im hohen Alter - wer weiß, wenn ich womöglich nicht einmal mehr schwimmen kann -, an diese Ausflüge an die Felsenbucht, an die ersten Momente im Wasser, an dieses Hochgefühl denken.“ Und ohne Frage springt die Begeisterung für das kühle Nass von diesem Büchlein auf seine Leserschaft über.

Veröffentlicht am 22.03.2023

Lüsterne Literaten

Mary & Claire
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Im Zentrum dieses tatsachenbasierten Romans stehen vier Literaten des 19. Jahrhunderts: die titelgebenden Mary Wollstonecraft Shelley und Claire Clairmont neben Percy Shelley und Lord Byron. Sie verbindet ...

Im Zentrum dieses tatsachenbasierten Romans stehen vier Literaten des 19. Jahrhunderts: die titelgebenden Mary Wollstonecraft Shelley und Claire Clairmont neben Percy Shelley und Lord Byron. Sie verbindet ihre Faszination für das geschriebene Wort. “Der einzige Lichtblick lag in den Buchstaben. Diese wunderlich verhexten winzigen Dinger, die sich zu Kohorten rotteten und ordneten in den schönsten Gebilden auf Erden: den Büchern.”
Die Geschichte ist bekannt, dass sie einander in einer Gewitternacht anstacheln, eine Schauergeschichte zu schreiben, woraus „Frankenstein“ entsteht. Doch das ist fast nur eine Randnotiz, verglichen mit dem Stoff, der es in den Roman geschafft hat. Mary & Claire & Percy (so die verwendete Schreibweise) begeben sich auf eine Reise durch Europa und verscherzen es sich durch ihre unehrenhaftes Zusammenleben mit ihren Eltern.
Es hat mich gereizt, mehr über diese historischen Personen zu erfahren, von denen heute noch die Rede ist. Auch wenn ihre Beziehung auf Fakten beruht, blieben mir die Figuren in ihrem Liebeswahn fremd. Ich hätte mir bei Tiefschlägen eine detailliertere Ausführung gewünscht und gerne mehr von ihrem Schaffensprozess erfahren. Als positiv habe ich die mystische Stimmung empfunden, die durch Friedhofsszenen oder Geistererscheinungen entstand; und sprachlich war das Buch ganz wunderbar.