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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 06.10.2024

Zwischen Wahn und Wohl

Das Wohlbefinden
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Anna ist Patientin in den Heilstätten von Beelitz und hat übersinnliche Fähigkeiten. »Ich sehe manchmal, wie die Dinge wirklich sind. Wie etwas wirklich ist, oder auch sein wird. Das sehe ich.« Johanna ...

Anna ist Patientin in den Heilstätten von Beelitz und hat übersinnliche Fähigkeiten. »Ich sehe manchmal, wie die Dinge wirklich sind. Wie etwas wirklich ist, oder auch sein wird. Das sehe ich.« Johanna ist Schriftstellerin und findet durch Anna Inspiration für ein Buch.
„Das Wohlbefinden“ wird in vier Handlungssträngen erzählt, die von Anna und Johanna Anfang des 20. Jahrhunderts, Johannas in den 1960er Jahren und der ihrer Urenkelin Vanessa im aktuellen Jahrzehnt. Dadurch fügen sich verschiedene Sichten zu einem Gesamtbild, denn die späteren Figuren reflektieren die Geschichte später anders als zum Zeitpunkt des Geschehens.
So lernen wir drei Frauen intensiv kennen. Anna ist die schillerndste Figur, erleben wir sie doch bei ihren Voraussagen ganz authentisch, während sich „Wissenschaftler“ nur mit ihr schmücken wollen. Johanna ist eine zwiespältige Protagonistin, der man auch vorwerfen mag, sie würde sich persönlich an der Situation bereichern. Vanessa fungiert kaum mehr als als Rezipientin des Lebens ihrer Vorfahrin, bildet aber eine gute Rahmenhandlung.
Mir hat unglaublich gut gefallen, wie die Atmosphäre des Gesundheitsinstituts mit seinen modernen Ansätzen eingefangen und wie eine mystische Stimmung verbreitet wurde. Das Hin-und-Herspringen zwischen den Zeiten fiel mir nicht schwer, vielmehr hatten sie jeweils ihre eigene spezifische Erzählweise. Zwar hatte ich nach dem Anfang einen krasseren Verlauf erwartet, doch habe ich hier einen faszinierenden Ausflug an einen besonderen Ort erhalten, der im Kopf bleibt.

Veröffentlicht am 05.10.2024

Stille im Kopf

Genug gegrübelt, lieber Kopf!
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Die Gedanken drehen sich im Kreis um ein Thema, und der Kopf gibt einfach keine Ruhe. „Wir glauben, dass wir nur noch ein bisschen intensiver nachdenken müssen, um endlich wieder klar sehen zu können und ...

Die Gedanken drehen sich im Kreis um ein Thema, und der Kopf gibt einfach keine Ruhe. „Wir glauben, dass wir nur noch ein bisschen intensiver nachdenken müssen, um endlich wieder klar sehen zu können und den Weg aus dem Labyrinth zu finden.“ Dieses Buch soll Abhilfe vom Grübeln schaffen.
Es spricht schon durch sein Äußeres an: ein handliches Hardcover mit mattem Hintergrund und glänzendem Titel. Innen wird der Text durch Bilder, meist Fotos, aufgelockert, die den Inhalt abstrakt darstellen. Es wurde jedoch keine besondere Formatierung für wichtige Textstellen verwendet, die somit schwerer wiederzufinden sind.
Der Schreibstil ist angenehm zu lesen, auch wenn es Geschmackssache sein mag, dass man von der Autorin geduzt wird. Beispiel-Charaktere veranschaulichen die verschiedenen Denker-Typen und deren Herausforderungen. Tatsächlich bietet dieser Ratgeber einige Ideen, wie im Krisenfall vorzugehen ist, wie das Verschriftlichen von Gedanken.
Für mich ergab sich bloß der Eindruck, dass er nur an der Oberfläche kratzt, statt einen konkreten Handlungsplan zu liefern. Der Link zum Anwenden des Wissens im Online-Training führt schließlich nicht etwa zu Zusatzmaterial, sondern bloß zu einer Warteliste. Ich hatte mir etwas mehr Tiefgang von der Lektüre versprochen.

Veröffentlicht am 29.09.2024

Irgendwo dazwischen

Verlassene Nester
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Ein Ort in Ostdeutschland kurz nach der Wende, drei Mädchen im Teenager-Alter spielen Machtspielchen, die Erwachsenen hängen noch irgendwo zwischen den Systemen. Die 13-jährige Pilly wächst beim Vater ...

Ein Ort in Ostdeutschland kurz nach der Wende, drei Mädchen im Teenager-Alter spielen Machtspielchen, die Erwachsenen hängen noch irgendwo zwischen den Systemen. Die 13-jährige Pilly wächst beim Vater auf, ihre Mutter ist irgendwann verschwunden, die Tanten bieten ihr weibliche Fürsorge.
Große Teile des Buchs nimmt die Dynamik der „Freundinnen“ ein, die im Freien herumhocken und gelangweilt scheinen. Pilly, die dazugehören will, wird erniedrigt, und das hätte für meinen Geschmack nicht ständig wiederholt werden müssen.
Die eigentlich spannenden Fragen, die sich beispielsweise um Verrat oder Verlassen drehen, werden angedeutet, aber nicht vollständig aufgeklärt. „Mein Vater gab der »Wende« die Schuld am »Personalmangel«, und wie immer, wenn es in den Gesprächen der Erwachsenen um die Wende ging, verstand ich kein Wort.“ Nun betrifft dies zwar mehr die ältere Generation, doch auch in der präsenteren Kinderebene wäre das Wahrnehmen des anderen Systems ein interessanter Aspekt gewesen, doch dieser wird gar nicht beleuchtet.
Und so bin ich nach der Lektüre dieses Buchs etwas unbefriedigt in Anbetracht meiner Erwartungen an den Inhalt. Die Sprache, die das Vokabular von Ort und Zeit berücksichtigt, und die Erzählweise, die durch den Wechsel von Perspektiven für Einblicke sorgt, habe ich als sehr ansprechend empfunden.

Veröffentlicht am 25.09.2024

Von Texten und Füßen

Die vorletzte Frau
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Eine Beziehung mit einem 19 Jahre älteren Mann, sie sorgt für ihr Kind, sie sorgt für ihn, als er krank wird, er liest ihre Texte gegen und bleibt trotz intensiver Momente immer fern.
“Er nächtigte in ...

Eine Beziehung mit einem 19 Jahre älteren Mann, sie sorgt für ihr Kind, sie sorgt für ihn, als er krank wird, er liest ihre Texte gegen und bleibt trotz intensiver Momente immer fern.
“Er nächtigte in einem Doppelbett, aber dort, wo bei anderen Leuten die Frau lag, häuften sich bei Tosch die Bücher.” Sind Worte, die sie beide schreiben, noch ihre größte Gemeinsamkeit, fallen beim Lesen eher die vielen Unterschiede auf: sie in der DDR geboren, er in der Schweiz, sie ein Niemand, er bekannt, sie baut ein Nest, er sucht seine Unabhängigkeit.
Die Autorin zeichnet ihre Figuren mit spitzer Feder und Humor. Ich habe die pointierte Darstellung des Alltäglichen als besonders empfunden. Auch wenn es im Prinzip hauptsächlich um das Hin und Her in einer Beziehung geht, macht die Lektüre Spaß und Lust auf mehr. Wir erleben hier, wie die Protagonistin einen Wandel durchmacht und zur Fußpflegerin umschult, worüber wir in „Marzahn, mon amour“ direkt weiterlesen können.

Veröffentlicht am 09.09.2024

Kursbuch, natürlich

Kursbuch 218
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Das Kursbuch 218 enthält eine Sammlung von Beiträgen, die unter der Überschrift „Von Natur aus“ zusammengefasst werden. Es handelt sich dabei vorwiegend um Essays, aber auch Grafiken, Fotos und Interviews ...

Das Kursbuch 218 enthält eine Sammlung von Beiträgen, die unter der Überschrift „Von Natur aus“ zusammengefasst werden. Es handelt sich dabei vorwiegend um Essays, aber auch Grafiken, Fotos und Interviews sind enthalten.
Mir gefällt am Kursbuch, dass durch die unterschiedlichen Urheber verschiedene Aspekte eines Themas beleuchtet werden. Diesmal geht es beispielsweise um natürliche Ernährung, um Müll oder aber um künstliche Intelligenz.
Und wie das bei solch einer bunten Mischung nicht anders sein kann, nehme ich jeden Beitrag anders auf und mal mehr, mal weniger daraus mit. Soll heißen: Einige Texte habe ich als derart wissenschaftlich-speziell empfunden, dass es mir schwerfiel, der Argumentation zu folgen. Andere Texte haben mir neue Blickwinkel geboten oder mich durch ihre Art sogar zum Lachen gebracht. „Und selbstverständlich kann man sich auch aus radioaktiven Abfällen eine Halskette basteln - man wird sie nur nicht lange tragen.“ (Roman Köster: Alles Müll, oder was?)
Das Kursbuch ist jedenfalls immer eine gute Empfehlung für die Auseinandersetzung mit der Welt, in der wir leben.