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Veröffentlicht am 03.09.2025

Zwei Perspektiven zu Deutschlands Osten

Die neue Mauer
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"Die neue Mauer: ein Gespräch über den Osten" ist genau das, was der Titel sagt: ein Gespräch zweier prominenter Männer - auf der einen Seite der in der DDR aufgewachsene Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, ...

"Die neue Mauer: ein Gespräch über den Osten" ist genau das, was der Titel sagt: ein Gespräch zweier prominenter Männer - auf der einen Seite der in der DDR aufgewachsene Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, auf der anderen Seite der ehemalige Ministerpräsident Thüringens und Linke-Politiker Bodo Ramelow - über vielfältige Themen, die mehr oder weniger mit dem ehemaligen Ostdeutschland und den jetzigen neuen Bundesländern im Osten Deutschlands verbunden sind.

Thematisch lose in einige wenige längere Kapitel gegliedert, unterhalten sich die beiden Männer miteinander über diese Themen, über das, was diese Region ihrer Meinung nach geprägt hat und wie diese Prägungen bis heute nachwirken und sich in Gesellschaft und Politik zeigen. So einige im Buch erwähnte Themen setzen einiges an Vorwissen zur Geschichte der DDR und der Deutschen Einheit sowie zu den Entwicklungen danach voraus. So wendet sich das Buch grundsätzlich an politisch und historisch gut gebildete und interessierte Leserinnen und Leser. Besonders ist, wie sich die beiden Männer in manchen ihrer Ansichten unterscheiden, aber doch immer in einem wertschätzenden und offenen Dialog miteinander bleiben - etwas, das in der heutigen Zeit selten geworden ist und umso mehr wert ist, erwähnt und bewahrt zu werden.

Inhaltlich geht es um die DDR-Zeit, um die Aufarbeitung oder Nicht-Aufarbeitung der NS-Zeit in den beiden deutschen Staaten und danach, um den "Freiheitsschock" (so heißt auch ein weiteres Buch eines der Autoren) nach der Wende und viel darum, was aus Sicht der beiden Autoren den Boden für die jetzigen Erfolge der AfD bereitet hat.

Mir persönlich war die Perspektive insgesamt eine doch bei allem Bemühen und der Betonung des ursprünglichen Arbeiterhintergrundes der beiden Männer akademisch und distanziert gebliebene, für mich ist beim Lesen nicht fühlbar geworden, was die Menschen im ehemaligen Ostdeutschland heute wirklich bewegt. Dennoch habe ich insgesamt viel Interessantes, Neues und Lesenswertes aus dem Buch mitgenommen, auch wenn es naturgemäß durch die Art des Buches eine einseitigere Perspektive ist, als wenn es zusätzlich statistische Daten, wissenschaftliche Quellen oder Ergebnisse aus Interviews stärker miteinbezogen hätte.

Insgesamt kann ich das Buch aber allen, die sich für diesen speziellen Blick auf das Thema interessieren, als eine von mehreren Quellen durchaus empfehlen.

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Veröffentlicht am 03.09.2025

Anspruchsvoller Krimi für psychisch stabile Menschen

Noch fünf Tage
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Amanda ist um die 50 Jahre alt und kämpft schon ihr Leben lang mit der Dunkelheit. Aufgewachsen mit einer Mutter, von der sie sich nie geliebt gefühlt hat, trägt sie eine schwere Last mit sich herum. Mit ...

Amanda ist um die 50 Jahre alt und kämpft schon ihr Leben lang mit der Dunkelheit. Aufgewachsen mit einer Mutter, von der sie sich nie geliebt gefühlt hat, trägt sie eine schwere Last mit sich herum. Mit 18 wurde sie nach einem Streit von der Mutter hinausgeworfen und gerade, als sie sich ihr wieder anzunähern begann und selbst schwanger war, nahm sich die Mutter das Leben, wie auch schon die Großmutter vor ihr. Wie soll Amanda das Leben ertragen, mit solchen Vorbildern in Düsternis? Dennoch zieht sie gemeinsam mit ihrem Mann ihren Sohn groß, doch als dieser volljährig ist und sie um die 50, meint sie, die Kraft habe sie nun endgültig verlassen und sie habe ihre Pflicht getan. In fünf Tagen will sie sich das Leben nehmen.

Soweit zur Rahmengeschichte. An dieser Stelle gleich eine Triggerwarnung: das Erleben einer suizidalen Person wird sehr authentisch und in vielen Details beschrieben. Wer also auch nur ein bisschen zur Depressivität oder gar zur Suizidalität neigt, der halte sich von diesem Buch fern, vieles daran kann triggernd wirken und es ist zwar insgesamt ein guter Krimi, aber auch ein äußerst dunkles Buch, was sich an vielen Stellen zeigt.

Wir erleben das Buch teilweise aus Amandas Perspektive, aber in einzelnen kurzen Kapiteln auch aus der anderer Familienmitglieder bis hin zu den Großeltern. Dabei kommt so einiges Überraschendes ans Licht und es gibt einige Twists. Insgesamt ist es ein sehr spannender und unterhaltsamer Krimi, der interessant erzählt ist, sich gut liest und auch zum Nachdenken anregt. Jenen Menschen, die anspruchsvolle Krimis mögen und selbst psychisch gerade sehr stabil sind, kann ich das Buch auf jeden Fall empfehlen.

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Veröffentlicht am 01.09.2025

Von den Mühen und Risiken einer Kinderwunschbehandlung

Unter anderen Umständen
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Hanna wünscht sich schon lange Kinder, doch in der Vergangenheit ist sie immer nur an Männer geraten, die sich diesbezüglich noch nicht festlegen wollten und meinten, alle Zeit der Welt zu haben. Umso ...

Hanna wünscht sich schon lange Kinder, doch in der Vergangenheit ist sie immer nur an Männer geraten, die sich diesbezüglich noch nicht festlegen wollten und meinten, alle Zeit der Welt zu haben. Umso größer ist ihre Freude, als sie mit Mitte 30 mit dem Lehrer Taner zusammenkommt, dem jüngeren Bruder ihrer besten Freundin, und dieser klar sagt, er wolle Kinder und das demnächst. Somit beginnen sie es bald zu versuchen, doch nichts passiert, und nach längerem erfolglosen Probieren landen die beiden in der Kinderwunschklinik, doch auch da stellt sich nicht so leicht ein Erfolg ein.

"Unter anderen Umständen" von Verena Teke ist also eines von mehreren aktuellen Büchern, das detailliert die Sorgen, Nöte und Hoffnungen eines ungewollt kinderlosen Paares in Kinderwunschbehandlung beschreibt. Allein deshalb ist es ein wichtiges Buch. Seit kurzem gibt es mehrere Bücher zu diesem Thema, doch das ist noch nicht lange so: sehr lange war dieses Thema tabuisiert und die heutigen Millenials, von denen viele mit diesem Thema zu kämpfen haben, sind noch mit den Botschaften aufgewachsen, nur ja nicht ungeplant schwanger zu werden, aber niemand hat sie davor gewarnt, wie schwierig dieses Thema sein könnte, wenn man es dann bewusst versucht - eine Realität, mit der in meinem Bekanntenkreis unzählige Menschen in ihren 30ern konfrontiert sind.

Somit ist es ein wichtiges Thema und alle, die sich dem detailliert literarisch annehmen, haben meinen Respekt. Die Kinderwunschbehandlung ist in allen Details glaubwürdig und authentisch dargestellt, offenbar hat die Autorin entweder selbst Erfahrung mit diesem Thema oder sich tief eingearbeitet. Fühlbar wird auch, wie die Behandlungsversuche die Beziehung immer mehr belasten, auch das ist etwas, das ich aus meinem Bekanntenkreis zu dem Thema kenne. Das Buch informiert somit insgesamt gut über dieses Thema und ich würde es insbesondere allen, die sich dafür interessieren, aber noch nicht viel darüber wissen, empfehlen.

Für jene, die selbst gerade in einer Kinderwunschbehandlung stecken, könnte manches in dem Buch triggernd oder auf andere Weise emotional zu viel sein, diesen Menschen empfehle ich es nur unter Vorbehalt. Auch waren mir die porträtierten Charaktere in einigen ihrer Handlungen nicht sehr sympathisch, weil sowohl die Frau als auch der Mann in einigen Einstellungen und Handlungen sehr unreif auf mich wirkten und nicht zu der Übernahme an Verantwortung bereit waren, die ich persönlich mir von werdenden Eltern wünschen würde. Das ist nicht unbedingt eine Schwäche des Buches, denn solche Menschen gibt es ja tatsächlich viele.

Gegliedert ist das Buch in 9 Kapitel, die jeweils gemäß den Monaten einer Schwangerschaft benannt sind: 1. Monat, 2. Monat usw. Das heißt aber nicht, dass es in diesem Buch um eine erfolgreiche Schwangerschaft gehen würde, diese ist nicht das Thema, sondern die vielen Versuche der Kinderwunschbehandlung und ihre Auswirkungen auf die Beziehung.

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Veröffentlicht am 29.08.2025

Witzig, schräg und makaber

Gym
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"Gym", nach den "Geistern von Demmin" und "Eva" nun das dritte Buch von Verena Keßler, liest sich leicht und schnell. In kurzweiligen Szenen erleben wir die namenlose Ich-Erzählerin, die ihren früheren ...

"Gym", nach den "Geistern von Demmin" und "Eva" nun das dritte Buch von Verena Keßler, liest sich leicht und schnell. In kurzweiligen Szenen erleben wir die namenlose Ich-Erzählerin, die ihren früheren prestigeträchtigen Job wohl verloren hat, auf Bewährung ist und nach einer Anstellung sucht und diese im Mega-Gym-Fitnesscenter findet.

Ihren nicht ganz perfekten Körper erklärt sie mit der Lüge, gerade erst entbunden zu haben, doch bald wird sie dem Fitnesshype verfallen und immer mehr trainieren, immer stärker und kräftiger werden und dafür vieles aufs Spiel setzen, bis zum sehr schrägen Ende des Buches, das ich hier natürlich nicht verraten möchte.

Das Buch ist eine sarkastisch-bissige Kritik an den überzogenen Maßstäben, die insbesondere an weibliche Körper von der Gesellschaft angelegt werden, und zeigt in humorvoll-übertriebener Art auf, wozu der daraus resultierende Selbstoptimierungshype und die damit verbundene Konkurrenz führen können: zur Selbstzerstörung und zur Zerstörung sozialer Bindungen. Insofern ist es ein gut geschriebenes, unterhaltsames Buch, das wichtige Themen anspricht.

Mich persönlich hat es aber irgendwo im letzten Drittel verloren, als mir einige Entwicklungen doch bei weitem zu überzogen und für mich nicht mehr lustig waren. Das ist aber wohl persönliche Geschmackssache. Dieses Buch wird sicher nicht allen gefallen, aber für viele doch zumindest eine gute Unterhaltung mit Anregung zum Nachdenken sein.

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Veröffentlicht am 29.08.2025

Über vielfältige Verbindungen zwischen Menschen

Wohin du auch gehst
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Der Roman "Wohin du auch gehst" von Christina Fonthes heißt im englischsprachigen Original "Where you go, I will go". Das bezieht sich auf den Bibelspruch aus dem Buch Rut: "Rut antwortete: Dränge mich ...

Der Roman "Wohin du auch gehst" von Christina Fonthes heißt im englischsprachigen Original "Where you go, I will go". Das bezieht sich auf den Bibelspruch aus dem Buch Rut: "Rut antwortete: Dränge mich nicht, dich zu verlassen und umzukehren. Wohin du gehst, dahin gehe auch ich, und wo du bleibst, da bleibe auch ich. Dein Volk ist mein Volk, und dein Gott ist mein Gott. Wo du stirbst, da sterbe auch ich, da will ich begraben sein. Der Herr soll mir dies und das antun – nur der Tod wird mich von dir scheiden.", der gerne bei Hochzeiten zitiert wird. Dabei geht es ursprünglich darin gar nicht um eine heterosexuelle Paarbeziehung, sondern um die Verbindung zwischen der verwitweten Rut und ihrer Schwiegermutter.

Damit ist es eine äußerst klug und passend gewählte Referenz für ein besonderes Buch, in dem es um vielfältige Beziehungen zwischen Menschen geht, die über klassische heterosexuelle Paarbeziehungen, aber auch über leibliche Eltern-Kind-Beziehungen weit hinaus gehen.

Wir erleben das Buch aus zwei Perspektiven, die abwechselnd geschildert werden. Da ist zum einen die lebenslustige, fröhliche, freche Mira, ein 16-jähriger Teenager, die unbeschwert mit ihrer älteren Schwester Eugenie und den gemeinsamen Eltern in Kinshasa in Zaire (jetzt "Demokratische Republik Kongo") in Afrika lebt. Die Mädchen wachsen geliebt und unterstützt auf, die Familie ist finanziell sehr gut situiert, hat ein schönes großes Haus mit Garten, sie sprechen perfekt Französisch und Lingala, dürfen eine gute Schulbildung genießen und haben scheinbar alles, was sie brauchen. Doch die Familie ist auch konservativ und auf ihren Ruf bedacht, insbesondere, da der Vater gerade für den Posten des Gouverneurs kandidiert. So brechen Ereignisse über Mira herein, die sie sehr von ihrer Familie entfremden und für viele Jahre alleine nach Europa führen werden.

Die zweite Perspektive des Buches ist die der jungen Bijoux, etwa 15 bis 25 Jahre später (je nach Kapitel). Es werden Erlebnisse aus verschiedenen Lebensphasen der jungen Frau geschildert, in den meisten Kapiteln ist sie Anfang bis Mitte 20. Bijoux ist bis zu ihrem 12. Lebensjahr bei ihren Eltern Sylvain und Eugenie in Zaire aufgewachsen, als Teil der dortigen Oberschicht mit beiden Eltern in gesellschaftlich hochstehenden Positionen (die Mutter ist etwa Ärztin), jedoch in einer von politischen und militärischen Konflikten überschatteten, unsicheren Zeit. Mit 12 musste sie plötzlich und ungefragt zu ihrer schweigsamen und erzkonservativen Tante Mireille nach Europa ziehen und fortan dort aufwachsen. Nun ist Bijoux seit einigen Jahren volljährig und formal erwachsen, weiß eigentlich, dass sie lesbisch ist, doch es ist eine Herausforderung, gegenüber ihrer Mutter, die eine leitende Position in einer charismatischen Bibelgemeinde einnimmt, dazu zu stehen.

Das Buch ist sehr zugänglich und interessant geschrieben. Ich habe dabei viel über ein mir bisher unbekanntes Land gelernt: Zaire/Kongo. Wie schon beschrieben, ist es die Position einer sehr privilegierten afrikanischen Familie, aus der wir auf dieses Land schauen, und dadurch ganz spezifische Möglichkeiten und Herausforderungen kennen lernen, mit denen die Charaktere zu tun haben. Die Charaktere sind tiefgründig, authentisch und liebevoll gezeichnet, sodass ich mich beim Lesen mit beiden weiblichen Hauptfiguren verbunden gefühlt habe und sehr mitgefiebert habe. Das Thema des Coming-of-Age und Outing speziell als lesbische Frau mit afrikanischem Hintergrund ist für mich gut in die Gesamtkonstruktion des Buches eingewoben. Dabei war es für mich sehr interessant zu lesen, mit wie vielen Schwierigkeiten speziell Bijoux zu kämpfen hat und wie sie ihren Weg findet, aber auch Mira/Mireille ist eine sehr spannende Persönlichkeit mit einer Geschichte, die Mitgefühl erregt und zum Nachdenken anregt, und auch interessante Twists und Turns aufweist.

Ich kann das Buch allen, die sich für Migrationsgeschichten, Afrika, vielschichtige Familienbeziehungen und das Thema Queerness interessieren, oder zumindest für all diese Themen offen sind, sehr empfehlen. Ich habe es sehr gerne gelesen, dabei mit den Charakteren mitgefiebert, wurde gut unterhalten und habe so einiges gelernt.

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