Zwei Perspektiven zu Deutschlands Osten
Die neue Mauer"Die neue Mauer: ein Gespräch über den Osten" ist genau das, was der Titel sagt: ein Gespräch zweier prominenter Männer - auf der einen Seite der in der DDR aufgewachsene Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, ...
"Die neue Mauer: ein Gespräch über den Osten" ist genau das, was der Titel sagt: ein Gespräch zweier prominenter Männer - auf der einen Seite der in der DDR aufgewachsene Historiker Ilko-Sascha Kowalczuk, auf der anderen Seite der ehemalige Ministerpräsident Thüringens und Linke-Politiker Bodo Ramelow - über vielfältige Themen, die mehr oder weniger mit dem ehemaligen Ostdeutschland und den jetzigen neuen Bundesländern im Osten Deutschlands verbunden sind.
Thematisch lose in einige wenige längere Kapitel gegliedert, unterhalten sich die beiden Männer miteinander über diese Themen, über das, was diese Region ihrer Meinung nach geprägt hat und wie diese Prägungen bis heute nachwirken und sich in Gesellschaft und Politik zeigen. So einige im Buch erwähnte Themen setzen einiges an Vorwissen zur Geschichte der DDR und der Deutschen Einheit sowie zu den Entwicklungen danach voraus. So wendet sich das Buch grundsätzlich an politisch und historisch gut gebildete und interessierte Leserinnen und Leser. Besonders ist, wie sich die beiden Männer in manchen ihrer Ansichten unterscheiden, aber doch immer in einem wertschätzenden und offenen Dialog miteinander bleiben - etwas, das in der heutigen Zeit selten geworden ist und umso mehr wert ist, erwähnt und bewahrt zu werden.
Inhaltlich geht es um die DDR-Zeit, um die Aufarbeitung oder Nicht-Aufarbeitung der NS-Zeit in den beiden deutschen Staaten und danach, um den "Freiheitsschock" (so heißt auch ein weiteres Buch eines der Autoren) nach der Wende und viel darum, was aus Sicht der beiden Autoren den Boden für die jetzigen Erfolge der AfD bereitet hat.
Mir persönlich war die Perspektive insgesamt eine doch bei allem Bemühen und der Betonung des ursprünglichen Arbeiterhintergrundes der beiden Männer akademisch und distanziert gebliebene, für mich ist beim Lesen nicht fühlbar geworden, was die Menschen im ehemaligen Ostdeutschland heute wirklich bewegt. Dennoch habe ich insgesamt viel Interessantes, Neues und Lesenswertes aus dem Buch mitgenommen, auch wenn es naturgemäß durch die Art des Buches eine einseitigere Perspektive ist, als wenn es zusätzlich statistische Daten, wissenschaftliche Quellen oder Ergebnisse aus Interviews stärker miteinbezogen hätte.
Insgesamt kann ich das Buch aber allen, die sich für diesen speziellen Blick auf das Thema interessieren, als eine von mehreren Quellen durchaus empfehlen.