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Veröffentlicht am 16.03.2018

Skandinavisches Viertel

Skandinavisches Viertel
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Einst ist Matthias Weber als Teenie durch die Straßen des Skandinavischen Viertels gestreift, diesem kleinen Ostberliner Viertel in Sichtnähe der Mauer. Auch als Erwachsener fühlt er sich dem Viertel verbunden, ...

Einst ist Matthias Weber als Teenie durch die Straßen des Skandinavischen Viertels gestreift, diesem kleinen Ostberliner Viertel in Sichtnähe der Mauer. Auch als Erwachsener fühlt er sich dem Viertel verbunden, arbeitet dort als Makler, wohnt in der Wohnung, die einst den Großeltern gehörte. Viel hat sich dort geändert, genau wie in Matthias‘ Familie.

Torsten Schulz springt in seinem Roman immer wieder zwischen Heute und den 70er Jahren hin und her. Trotzdem ergibt sich so ein flüssiges großes Ganzes, erst durch die Vergangenheit kann man das Heute der Weberfamilie und mit ihr Matthias verstehen. Bei den Webers gibt es viel Ungesagtes, Totschweigen scheint für die meisten Familienmitglieder immer die bevorzugte Verhaltensweise zu sein. Die Beziehungen untereinander kann man als Leser erst mit der Zeit durchschauen. Durch diese langsame Entfaltung entsteht auch eine Art Spannung, manchmal hätte ich mir jedoch etwas mehr Tempo gewünscht. Man kann gut nachvollziehen, warum Matthias heute so ist wie er eben ist, nach außen hin wirkt er sehr erfolgreich, nach einiger Zeit schleicht sich bei mir aber doch der Verdacht ein, dass er a) kein glücklicher Mensch ist und b) auch kein sehr erfolgreicher. Ich stand ihm die ganze Zeit sehr neutral gegenüber, wirklich nahe konnte ich dieser Hauptfigur nicht kommen. Leider versäumt es der Autor ein wenig, einem das von Matthias heißgeliebte Viertel etwas näher zu bringen, abgesehen von vielen Straßennamen hat sich bei mir kein Berlin-feeling eingestellt, weder fürs Skandinavische noch für sonst ein Viertel. Der Ton ist der Handlung angepasst, irgendwo zwischen verloren und etwas traurig bis hin zu erstaunlich heiterer Stimmung. So richtig hat mich das Buch nicht abgeholt, auch wenn ich einige Passagen sehr gerne gelesen habe.

Veröffentlicht am 16.03.2018

Bewegend

Der Zopf
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In Indien kämpft die Unberührbare Smita dafür, dass ihre Tochter einmal ein besseres Leben führen kann. In Italien kämpft Giulia für das Überleben ihrer traditionsreichen Perückenfabrik. Und in Montreal ...

In Indien kämpft die Unberührbare Smita dafür, dass ihre Tochter einmal ein besseres Leben führen kann. In Italien kämpft Giulia für das Überleben ihrer traditionsreichen Perückenfabrik. Und in Montreal kämpft Sarah eigentlich vor Gericht für Gerechtigkeit; auf einmal jedoch um ihr Leben.

Laetitia Colombani ist für ihr Debüt bereits international gelobt worden und auch ich habe ihren Roman sehr gemocht. Sie flicht die drei Frauenschicksale sehr schön zu einer wunderbaren Geschichte, die einen berührt. Die Handlungsstränge um Smita und Sarah haben mir mehr zugesagt als der in Italien, sinnbildlich ist er aber ja auch das Bindeglied zwischen den anderen beiden und muss vielleicht einfach nicht so gehaltvoll sein. Die drei Frauen sind alle auf ihre Weise sehr stark, da immer jeweils aus ihrer Perspektive erzählt wird, kann man ihre Gedanken sehr gut nachvollziehen. Allen gemein ist auch der weitgehend einsame Kampf gegen widrige Umstände, die sich aus dem sozialen Gefüge ihrer jeweiligen Umgebung ergeben. Selbst im aufgeklärten Kanada zeigt Sarahs Schicksal, dass man auch als erfolgreiche und starke Frau schnell aufs Abstellgleis geschoben werden kann; und man sich dann am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen muss. Auf jeden Fall bietet „Der Zopf“ viel Stoff zum Nachdenken über die Stellung der Frauen in aller Welt. Ab und an schießt die Autorin etwas übers Ziel hinaus und lässt sich auf Klischees ein, doch dann besinnt sie sich wieder und man verzeiht den Ausrutscher schnell.
Colombani erzählt sehr mitfühlend und trotz des oft traurigen Stoffes wirkt ihre Geschichte nicht zu melodramatisch oder süßlich. Der mitunter poetische Ton hat es mir sehr angetan, sodass ich die kleinen Schwächen in der Handlung dann auch verschmerzen konnte und den Roman sehr genossen habe. Ein schönes Debüt, das Lust auf weitere Werke aus der Autorenfeder macht.

Veröffentlicht am 13.03.2018

Was für ein Debüt!

Blauer Hibiskus
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Die 15-Jährige Kambili lebt mit ihrer Familie in Nigeria ein gutes Leben. Der Vater nennt mehrere Fabriken sein eigen, Kambili und ihr Bruder sind in der Schule die Besten ihres Jahrgangs, die Familie ...

Die 15-Jährige Kambili lebt mit ihrer Familie in Nigeria ein gutes Leben. Der Vater nennt mehrere Fabriken sein eigen, Kambili und ihr Bruder sind in der Schule die Besten ihres Jahrgangs, die Familie gehört zu den Angesehensten in ihrer Gemeinde. Doch hinter der Fassade bröckelt es, der Vater ist von seinem Glauben völlig verblendet und lässt die eigene Wut gerne mal an der eigenen Familie aus. Auch im Land bröckelt es, die drohende Revolution macht sich zuerst an den Universitäten bemerkbar, wo Kambilis Tante sich plötzlich im Auge des Sturms wiederfindet.

Was für ein Debüt! Ich habe Adichies Erstlingswerk inzwischen mehrfach gelesen, und trotzdem nimmt es mich immer wieder mit. Die Geschichte wird aus Kambilis jugendlicher Sicht erzählt, trotzdem handelt es sich mitnichten um ein leichtes Jugendbuch. Der unglaubliche Druck durch den Vater, die ständige unterschwellige Angst vor seinem Zorn und die immer wiederkehrende Brutalität sind für den Leser nur schwer zu ertragen. Ebenso Kambilis zunächst hilflos blinder Gehorsam, ihr verquerer Glaube, den sie vom Vater eingeimpft (oder –geprügelt?) bekommen hat. Die Erzählweise ist ganz leise und sanft, was Gewalt und Brutalität noch mehr hervorstechen lässt. Nichts ist in diesem Buch nur schwarz oder weiß, nur gut oder böse. So ist der fanatische Haustyrann gleichzeitig jemand, der anderen unter die Arme greift oder eine der letzten Zeitungen des Landes herausgibt, in der überhaupt noch eine freie Meinungsäußerung stattfinden kann. Man kommt ins Grübeln beim Lesen, und das nicht nur einmal, so facettenreich ist die Geschichte, sind ihre Figuren. Kambilis Entwicklung kann einen als Leser nicht kaltlassen und so entwickelt die Handlung ihren ganz eigenen Sog, dem man sich nur schwer entziehen kann. Gekonnt lässt Adichie die tragische Familiengeschichte zudem mit den Geschehnissen im ganzen Land verschmelzen, sodass der Fokus auch immer wieder auf Putsch und Aufstand, auf staatlicher Macht und deren Auswirkung auf das gemeine Volk liegt. Durch die Verwendung vieler Begriffe auf Igbo (Glossar findet sich am Buchende) wird man noch mehr ins heiße Nigeria versetzt und hat am Ende der Geschichte nicht nur einen einfühlsamen und doch harten Roman gelesen, sondern auch noch etwas über Land und Leute gelernt. Ein toller Erstling!

Veröffentlicht am 11.03.2018

Nette Fortsetzung

Die Seiten der Welt
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Vor noch nicht allzu langer Zeit hat sich Furias Familie bedeckt gehalten, auf dem Familiensitz versteckt und ihre Existenz als Letzte aus dem Haus Rosenkreutz geheim gehalten. Damit ist es nun vorbei, ...

Vor noch nicht allzu langer Zeit hat sich Furias Familie bedeckt gehalten, auf dem Familiensitz versteckt und ihre Existenz als Letzte aus dem Haus Rosenkreutz geheim gehalten. Damit ist es nun vorbei, denn der Familiensitz ist zur Kommandozentrale des organisierten Widerstands gegen die Adamitische Akademie geworden. Gemeinsam gehen Bibliomanten, Exlibri und andere Geächtete gegen die Agenten vor. Und müssen sich dabei erst mal an die neuen Gesetze der Bibliomantik gewöhnen, die Furia mal so eben aus Versehen umgeschrieben hat.

Teil 1 der Trilogie hatte mir sehr gut gefallen, auch „Nachtland“ hat mich über weite Strecken gut unterhalten. Es gibt ein Wiedersehen mit alten Figuren, die einen trotzdem noch überraschen können und neuen Charakteren, die sich gut ins große Ganze einfügen. Ich hätte mir gewünscht, dass man noch mehr über die Bibliomantik an sich erfährt, und zwar über den Teil, den man nicht zum Kämpfen benötigt. Natürlich handelt es sich hier um eine Geschichte des Widerstands, da bleiben Kämpfe nicht aus. Für meinen Geschmack hat das jedoch zu viel Raum eingenommen und so die schönen Seiten der Buchliebe in den Hintergrund gedrängt. Trotzdem hat mir „Nachtland“ gut gefallen, die Spannung wird auf einem guten Level gehalten, und gerade das Ende macht Lust auf Band 3, den Abschluss der Reihe. Der Erzählstil hat mir – wie immer bei Büchern aus Meyers Feder – wieder sehr gut gefallen, auch wenn ich wie gesagt inhaltlich doch ein bisschen zu mäkeln habe.

Veröffentlicht am 11.03.2018

Endlich mal wieder ein toller Thriller

Zu nah
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Frankie Sheenan kämpft noch mit den Folgen ihres letzten brisanten Einsatzes, bei dem sie schwer verletzt wurde. Doch das Verbrechen in Dublin kennt keine Pause und so wird sie nach kurzer Rekonvaleszenz ...

Frankie Sheenan kämpft noch mit den Folgen ihres letzten brisanten Einsatzes, bei dem sie schwer verletzt wurde. Doch das Verbrechen in Dublin kennt keine Pause und so wird sie nach kurzer Rekonvaleszenz direkt wieder ins kalte Wasser geworfen. Was zuerst wie der Selbstmord einer erfolgreichen Wissenschaftlerin aussieht, wird schon bald zum Mordfall. Frankie rennt die Zeit davon, denn der Mörder ist noch lange nicht fertig.
Irgendwie konnte mich in letzter Zeit kein Thriller so richtig packen und fesseln. Bis mir „Zu nah“ in die Finger gekommen ist. Olivia Kiernans Geschichte ist spannend und überraschend, legt zwischenzeitlich ein hohes Tempo vor. Gleichzeitig kann sie sich aber auch Zeit lassen einzelne Aspekte herauszuarbeiten, auf Land und Leute einzugehen. Ich fand diesen Spagat sehr gelungen. Frankie als Hauptperson fand ich sehr sympathisch. Es gibt schon viele Thriller mit „angeschlagenen“ Ermittlern, die Autorin hat hier trotzdem etwas Eigenes geschaffen. Umso mehr freut es mich, dass Sheenan wohl in einem zweiten Band wieder ins Rennen geschickt werden wird.
Kiernan erzählt sehr flüssig und angenehm, zusammen mit den spannenden Entwicklungen führt das dazu, dass man förmlich an den Seiten klebt. Ich habe „Zu nah“ quasi in einem Rutsch durchgelesen und mich dabei bestens unterhalten gefühlt. Endlich mal wieder ein packender Thriller, der dieser Bezeichnung auch gerecht wird.