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FranziskaBo96

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 12.02.2023

Gestern und Heute

Sibir
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1945 wird Josef Ambacher mit seiner Familie von der sowjetischen Armee unter grausamsten Bedingungen in die kasachische Steppe umgesiedelt, wo sie die nächsten zehn Jahre bleiben werden. Anfang der 90er, ...

1945 wird Josef Ambacher mit seiner Familie von der sowjetischen Armee unter grausamsten Bedingungen in die kasachische Steppe umgesiedelt, wo sie die nächsten zehn Jahre bleiben werden. Anfang der 90er, nun in Niedersachsen lebend, holt ihn die Kindheit und die damals erlebten Traumata wieder ein. Erzählt wird das Ganze aus der Sicht von Leila, Josefs Tochter, die als junges Mädchen eine Veränderung in ihrem Vater erlebt und mit ansehen muss, wie er sich vor ihren Augen verändert.

"Sibir" konnte mich wirklich positiv überraschen - und ich kann gar nicht mal so richtig sagen warum. Ich habe in letzter Zeit unbeabsichtigt viele Geschichten über die Schicksale der sogenannten "Umsiedler" gelesen und keine konnte mich auch nur ansatzweise so mitreißen wie "Sibir". Die Traumata werden hier sehr gut dargestellt, ohne (wie es leider in vielen anderen Büchern ist) sich irgendwie im Elend zu suhlen oder auch zu sehr in den Kindheitskitsch zu verfallen.

Die Tatsache, dass die Geschichte aus Leilas Sicht erzählt wird, finde ich super spannend, auch wenn sie teilweise die Rolle des allwissenden Erzählers einnimmt. Auf diese Weise wird immer gut eine Brücke zwischen Gestern und Heute geschlagen und wir bekommen eine gute Vorstellung davon, warum Josef so ist wie er ist. An keiner Stelle wurde mir einer der Handlungsstränge langweilig, was tatsächlich auch eher selten vorkommt. Auch die Vater-Tochter-Beziehung fand ich sehr schön geschrieben.

Für alle, die die Thematik interessiert, spreche ich hiermit eine dicke Empfehlung aus. Mein erstes 5-Sterne-Buch des Jahres - lange hat es gedauert, aber "Sibir" hat es meiner Meinung nach wohl verdient!

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Veröffentlicht am 06.02.2023

Interessanter, aber oft auch überdrehter Familienepos

Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao
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"Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao" handelt von... nun ja, dem kurzen, wundersamen Leben von Oscar Wao. Als übergewichtiger Nerd mit dominikanischen Wurzeln hat es Oscar oft nicht leicht und so ...

"Das kurze wundersame Leben des Oscar Wao" handelt von... nun ja, dem kurzen, wundersamen Leben von Oscar Wao. Als übergewichtiger Nerd mit dominikanischen Wurzeln hat es Oscar oft nicht leicht und so begleiten wir ihn durch seine teils doch sehr aufregenden jungen Jahre. Des weiteren lernen wir die weiblichen Mitglieder von Oscars doch sehr illustren Familie kennen und erfahren nebenbei eine Menge über dominikanische Geschichte und Kultur.

Für mich war dieses Buch ein Wachrüttler, dass der magische Realismus und ich einfach keine Freunde mehr werden - auch wenn er hier gar nicht so extrem ausgeprägt ist. Die Rückseite des Buches verfügt über ein Zitat, dass die Geschichte als "Gabriel García Márquez auf Speed" bezeichnet, und tatsächlich findet man doch einige Parallelen, obwohl mir "Leben in den Zeiten der Cholera" deutlich besser gefallen hat. Auf den ersten 100 Seiten von "Oscar Wao" war ich immer wieder kurz davor abzubrechen. Ich weiß nicht, ob das ein wesentliches Merkmal des Genres ist oder ob mir das einfach immer bei Büchern des magischen Realismus unterkommt, aber es stößt mich einfach unheimlich ab, wenn Frauenkörper auf extrem detaillierte und ekelhafte Weise beschrieben werden, auch vor minderjährigen Figuren wird da selten Halt gemacht. Allgemein gefiel mir überhaupt nicht, wie über Frauen und ihre Sexualität in diesem Buch geschrieben wird. Die Tatsache, dass Oscar eigentlich der uninteressanteste Charakter des Buches ist, er aber unbedingt Hauptfigur sein muss, spricht auch irgendwie Bände. An dieser Stelle ist sicher auch erwähnenswert, dass gegen den Autor Vorwürfe der sexuellen Belästigung im Raum stehen, was ich erst nach der Lektüre erfahren habe.

Hinzu kam ein teils unnötig komplizierter Schreibstil, bei dem ich manchmal echt den Eindruck hatte, Díaz schreibt absichtlich übermäßig komplexe Satzstrukturen, nur um den Leser zu ärgern und um selbst schlauer zu wirken.

Nachdem ich mich jedoch durch die ersten Seiten gekämpft habe und der Fokus zwischenzeitlich ein bisschen von Oscar wegging, konnte ich dem Buch doch noch einiges abgewinnen. Wie bereits erwähnt, fand ich die weiblichen Nebencharaktere, deren Geschichten wir auch erfahren, deutlich interessanter. Nebenbei lernt man außerdem eines über die Geschichte und die Kultur der Dominikanischen Republik und ihre Menschen. Ich denke, hier kann man dem Buch sicher auch etwas mehr abgewinnen, wenn man aus diesem Kulturkreis stammt oder irgendeine Form von Verbindung dazu hat.

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Veröffentlicht am 27.01.2023

Geheimnis aus der Tiefe

Aquamarin
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In "Aquamarin" entführt uns Andreas Eschbach in das Australien der Zukunft, in dem Saha grundsätzlich einfach nur ihr Teenagerleben überstehen möchte. Sie ist nicht nur unbeliebt in der Schule und lebt ...

In "Aquamarin" entführt uns Andreas Eschbach in das Australien der Zukunft, in dem Saha grundsätzlich einfach nur ihr Teenagerleben überstehen möchte. Sie ist nicht nur unbeliebt in der Schule und lebt als Vollwaise mit ihrer tauben Tante zusammen, sondern verfügt über seltsame Schlitze an ihrem Körper, wegen denen sie nicht ins Wasser gehen soll. Als dies eines Tages doch aus Versehen geschieht, merkt Saha, dass sie in den Tiefen des Meeres bisher unbekannte Gefühle übermannen. Dies nimmt sie zum Anlass, über sich und ihre Geschichte zu forschen.

Als ich dieses Buch begann, habe ich tatsächlich eher mit Fantasy gerechnet, tatsächlich merkt man aber schon auf der ersten Seite, dass man es hier definitiv mit Science Fiction zu tun hat (wenn ich etwas mehr Recherche über den Autor betrieben hätte, hätte mir das eigentlich klar sein sollen). Trotz dieser kurzen Überraschung konnte ich sehr schnell in Eschbachs Vision der Zukunft eintauchen, die er wirklich sehr gut rüberbrachte. Man merkt, dass er sich wirklich fundierte Gedanken dazu gemacht hat, meiner Meinung nach liegt im Wordbuilding die große Stärke des Buches.

Leider hatte ich manchmal auch ein bisschen den Eindruck, dass der Autor etwas zu verliebt in die Welt war, die er erschaffen hat. Manchmal war es mir einfach zu viel Exposition und zu viele umschwängliche Beschreibungen unwichtiger Nebencharaktere, wenn ich mir lieber einen Fortgang der Handlung oder ein detailliertes Eingehen auf die Hauptpersonen gewünscht hätte.

Die größte Schwäche des Buches war meiner Meinung nach, dass man an doch einigen Stellen anmerkt, dass hier ein erwachsener Mann versucht, aus der Sicht eines jungen Mädchens zu schreiben. Viele Gedankengänge in dieser Hinsicht wirkten für mich irgendwie unnatürlich und bestimmte Charaktere waren für mich einfach überholte Tropen. Bestes Beispiel: Ich kenne keine Jugendlichen, die unironisch das Wort "Lover" verwenden, wenn sie über ihren Freund oder ihre Freundin reden.

Trotz der Kritik habe ich Lust auf den zweiten Teil der Reihe bekommen. Wer Lust auf eine umfangreiche, aber jugendfreundliche SciFi-Welt hat, wird hier sicher viel Freunde haben.

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Veröffentlicht am 24.01.2023

Liebe und Widerstand im besetzten Frankreich

Die Nachtigall
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In "Die Nachtigall" lernen wir zwei grundverschiedene Schwestern in der Zeit der deutschen Besetzung Frankreichs während des Zweiten Weltkrieges kennen. Vianne versucht das Leben ihrer Tochter so normal ...

In "Die Nachtigall" lernen wir zwei grundverschiedene Schwestern in der Zeit der deutschen Besetzung Frankreichs während des Zweiten Weltkrieges kennen. Vianne versucht das Leben ihrer Tochter so normal wie möglich zu halten, während sie mit den Schikanen der Deutschen und den Sorgen um ihren kämpfenden Mann umgehen muss. Ihre jüngere Schwester Isabelle ist dagegen rebellisch und möchte sich aktiv gegen das wehren, was ihrem Land angetan wird.

Kristin Hannah zeichnet in diesem Buch ein unheimlich gutes Bild darüber, wie die Besatzung in Frankreich aussah - was tatsächlich ein Aspekt des Zweiten Weltkrieges ist, über den ich bisher nie großartig nachgedacht habe. Von Charles de Gaulle über Judendeportationen zu Lebensmittelknappheit werden wirklich unheimlich viele Elemente hineingebracht. Ab und zu hatte ich tatsächlich das Gefühl, dass es etwas überladen wirkte, gleichzeitig kann ich mir doch vorstellen, dass die Realität genauso aussah. Besonders gut hat mir gefallen, wie die Methoden und die Organisation der Résistance beschrieben wurde. Hier bekam man als Leser einen wirklich sehr interessanten Einblick darüber, wie genau deren Arbeit abgelaufen ist.

Einen Stern Abzug bekommt das Buch von mir, da es mir an einigen Stellen einfach zu kitschig wurde. Hier spielt sicher auch mit rein, dass die Autorin Amerikanerin ist, aber oft haben mir die etwas schwülstigen Formulierungen und die ständige Rückbesinnung auf die Liebe die Ernsthaftigkeit der Thematik irgendwie untergraben. So war mir nicht unbedingt bewusst, warum eine Figur relativ spät nochmal einen Love Interest brauchte, um ihre Motivationen zu begründen, wenn die sowieso vorher omnipräsent waren. Auch das Ende war mir dahingehend doch eine Spur drüber. Auch warum ständig ziemlich sinnlos französische Wörter wie "Oui" oder "Merde" eingefügt wurden, war mir nicht so richtig klar.

Nichtsdestotrotz war "Die Nachtigall" ein toller historischer Roman, bei dem ich einiges lernen konnte. Die über 600 Seiten ließen sich dank der spannenden Handlung sehr schnell lesen.

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Veröffentlicht am 18.01.2023

Ungewöhnlicher Einblick in die Gedanken eines 14-jährigen

Frankie
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Der titelgebende, 14-jährige Frankie und seine Mutter holen zu Beginn des Buches Frankies Großvater vom Gefängnis ab, wo dieser die letzten 18 Jahre verbracht hat. Auf den folgenden knapp 200 ...

Der titelgebende, 14-jährige Frankie und seine Mutter holen zu Beginn des Buches Frankies Großvater vom Gefängnis ab, wo dieser die letzten 18 Jahre verbracht hat. Auf den folgenden knapp 200 Seiten begleiten wir Frankie durch die nächsten Wochen, in denen er eine Beziehung zu seinem Großvater aufbaut, seine Familie aus einer anderen Sichtweise kennenlernt und ein paar wilde Abenteuer erlebt.

Bei dem Buch scheinen sich die Geister zu scheiden und ich kann total verstehen wieso. Die Geschichte ist nicht so ganz das, was der Klappentext verspricht, der Schreibstil ist etwas ungewöhnlich und am Ende hat man irgendwie mehr Fragen als Antworten. Auch ich brauchte ein paar Tage, um mir darüber im Klaren zu werden, was ich von dem Buch halte. Mein Fazit ist dabei ziemlich positiv, ich kann aber auch viele kritische Stimmen verstehen.

Die Geschichte wird komplett aus der Sicht des 14-jährigen Frankie erzählt. Tatsächlich wirkte Frankie für mich doch eher unreif für sein Alter, gerade was seine Gedankengänge angeht, zwischendurch war ich mir nicht ganz sicher, ob er auf dem Spektrum sein soll oder eine andere psychische Beeinträchtigung hat. Grundsätzlich hätte die Geschichte für mich etwas mehr Sinn gemacht, wenn er ein paar Jahre jünger gewesen wäre.

Nichtsdestotrotz bleibt "Frankie" eine Geschichte, die mir sicher lange im Gedächtnis bleiben wird. Ich fand den außergewöhnlichen, zeitweise überraschend philosophischen Schreibstil sehr anregend, sodass ich das Buch innerhalb kürzester Zeit durch hatte, auch die Charaktere und ihre Probleme fand ich durchaus spannend geschrieben.

Das Buch ist sicher nichts für jeden, doch wer auf der Suche auf eine etwas andere Geschichte ist, findet hier einen guten Kandidaten.

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