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FranziskaBo96

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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 24.08.2023

Liebe auf drei Ebenen

Wellenkinder
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"Wellenkinder" erzählt die Geschichte von drei Menschen: Margit, die als Kind 1945 aus Ostpreußen flieht und währenddessen Grausames erlebt; Oda, die 1970 beim Fluchtversuch aus der DDR erwischt wird; ...

"Wellenkinder" erzählt die Geschichte von drei Menschen: Margit, die als Kind 1945 aus Ostpreußen flieht und währenddessen Grausames erlebt; Oda, die 1970 beim Fluchtversuch aus der DDR erwischt wird; und Jan, der 2022 nach langer Zeit in seine Heimat Rügen zurückkehrt, um sich um seinen sterbenden Vater zu kümmern. Wir begleiten die drei durch ihre Schicksale und erfahren erst nach und nach, inwieweit die drei miteinander verknüpft sind.

Dass ich es hier mit einem so wilden Buch zu tun bekomme, hätte ich am Anfang der Lektüre echt nicht gedacht. Dabei fängt es gerade zu Anfang sehr ruhig an - für meinen Geschmack ein bisschen zu ruhig. Es dauert ziemlich lange, bis erste Zusammenhänge zwischen den Handlungssträngen der Figuren sichtbar werden (was sicher auch die Intention der Autorin war) und an manchen Ecken wirkte es ein bisschen so, als würde sich die Geschichte etwas zu sehr in historischem Leid suhlen, ohne wirklich etwas daraus zu machen.

Dafür ging es ab ungefähr der Hälfte Schlag auf Schlag. Alle drei Geschichten entwickeln sich sehr spannend und tatsächlich hatte ich echte Probleme, das Buch aus der Hand zu legen - auch wenn ständig Dinge passierten, über die ich etwas mit den Augen rollen musste. Am absurdesten fand ich mehrere, relativ kurz aufeinanderfolgende Plottwists, die in ihrer Menge die Geschichte einfach absolut unrealistisch machten, was eigentlich schade ist, da ja durchaus reale Schicksale, z.B. der Umgang mit gescheiterten Republikflüchtlingen in der DDR, thematisiert werden.

Gerade das Ende war mir dann doch ein bisschen zu hanebüchen und machte ein bisschen eine Geschichte kaputt, die interessant aufgebaut war und wichtige Aspekte der deutschen Geschichte ansprach. Vor allem im Nachhinein fällt mir immer mehr auf, wie gut die Handlungsstränge doch eigentlich miteinander verwoben waren und wie die Autorin es eigentlich gut geschafft hat, immer das zentrale Thema der Liebe eines Elternteils anzusprechen. Leider ist das alles etwas unter der übertriebenen Thematik und etwas zu viel Kitsch untergegangen. Schade!

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Veröffentlicht am 20.08.2023

Auf Spurensuche in der Vergangenheit

Simone
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Anja Reich nimmt uns in diesem Buch mit Memoir-Elementen mit auf eine Spurensuche in der Vergangenheit Ostdeutschlands. Sie möchte herausfinden, was genau hinter dem Suizid ihrer Schulfreundin Simone vor ...

Anja Reich nimmt uns in diesem Buch mit Memoir-Elementen mit auf eine Spurensuche in der Vergangenheit Ostdeutschlands. Sie möchte herausfinden, was genau hinter dem Suizid ihrer Schulfreundin Simone vor über 25 Jahren steckt. Zu diesem Zweck interviewt sie Familie und Freunde, spürt wichtige Orte in Simones Leben und versucht, Zusammenhänge zwischen der politischen Lage der Zeit und Simones turbulentem Leben herzustellen.

Ein Thema, was mich in Büchern in letzter Zeit unheimlich interessiert ist, wie die DDR und die Folgen der Wende bis heute das Leben in Ost- und Gesamtdeutschland beeinflussen. Besonders private Konsequenzen dieser turbulenten Zeit werden sehr gut in "Simone" diskutiert. Man merkt deutlich, dass die Autorin passionierte Journalistin ist, erleben ihre schiere Wissbegierde und Drang, immer mehr in das Leben ihrer alten Schulfreundin einzutauchen. Dabei schafft sie es gut, ihre eigenen Erlebnisse und die von Simone mit historischen Zusammenhängen und auch wissenschaftlichen Experteninterviews zu verknüpfen. In diesem Rahmen fand ich besonders den Abschnitt über Statistik und Umgang mit Suizid in der DDR und Ostdeutschland interessant.

Tatsächlich war ich jedoch von der ersten Hälfte des Buches noch nicht allzu sehr begeistert. Wir lernen eine Vielzahl von Charakteren und ihre Geschichte kennen, die zwar alle wichtig sind, mit der Zeit aber etwas unübersichtlich werden. Zwar kommt man mit der Zeit dahinter, warum diese zahlreichen Biografien von Bedeutung sind und lernt auch besser, die Menschen zuzuordnen, trotzdem hätte mir z.B. ein kleines Figurenregister anfangs ganz gut geholfen. Wer mit diesem Teil des Buches etwas Schwierigkeiten hat, sollte durchhalten, es lohnt sich definitiv.

Ein toller Beitrag zur Diskussion über die DDR, die Wendezeit und wie wir heute mit ihnen umgehen sollten!

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Veröffentlicht am 05.08.2023

Freunde & Familie

Vatermal
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Schon auf den ersten Seiten des Buches erfahren wir, dass Protagonist Arda im Sterben liegt. Er schreibt nämlich einen Abschiedsbrief an seinen Vater, der die Familie verlassen hat, als Ardas Mutter mit ...

Schon auf den ersten Seiten des Buches erfahren wir, dass Protagonist Arda im Sterben liegt. Er schreibt nämlich einen Abschiedsbrief an seinen Vater, der die Familie verlassen hat, als Ardas Mutter mit ihm schwanger war und den Arda daher nie kennenlernen konnte. So erfahren wir einiges über Ardas kurzes, aber ereignisreiches Leben, das vor allem von seinem Migrationshintergrund, aber auch von seinen Freunden und seiner Familie geprägt war. Außerdem bekommen wir die Sichtweisen von seiner Mutter und seiner Schwester zu hören, die seit Jahren nicht mehr miteinander geredet haben und selbst ihre eigenen Päckchen tragen müssen.

Zu Beginn der Lektüre war ich von "Vatermal" noch gar nicht begeistert. Das Erzähltempo beginnt eher ruhig und hat wirklich Probleme zu erahnen, wo es inhaltlich hingeht. Da dies doch länger andauerte, hat das Buch da einen Stern Abzug von mir bekommen.

Als die Geschichte dann jedoch so richtig in den Gang kam, wurde sie auch schnell zu einer spannenden Familiengeschichte, wie ich sie gerne lese. Die Menschen in Ardas Kosmos haben alle unheimlich interessante, aber natürlich auch teilweise erschreckende Schicksale. Öziri macht meiner Meinung besonders deutlich, wie sich diese gegenseitig beeinflussen und wie man erkennen kann, warum eine Person so handelt, wie sie es tut, wenn man erst ihre Geschichte kennt. Gerade generationsübergreifende Traumata sowie wie man sie eventuell überwinden kann, werden hier eindrucksvoll dargestellt. Auch das System von Freunden als "Chosen Family", aber auch die Fragilität dieses Systems, spielen in dieser Geschichte eine besondere Rolle.

Wer wie ich Fan von gut geschriebenen Familiengeschichten ist und gern in die (fiktionalen) Lebensgeschichten anderer eintaucht, wird mit etwas Geduld sicher viel Freude an "Vatermal" finden.

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Veröffentlicht am 01.08.2023

Nostalgie im Gepäck

Sylter Welle
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In seinem autobiografisch angehauchtem Roman "Sylter Welle" nimmt uns Max Richard Leßmann mit auf eine Reise, nicht nur auf die Nordseeinsel, sondern auch in seine Kindheit. Zum wahrscheinlich letzten ...

In seinem autobiografisch angehauchtem Roman "Sylter Welle" nimmt uns Max Richard Leßmann mit auf eine Reise, nicht nur auf die Nordseeinsel, sondern auch in seine Kindheit. Zum wahrscheinlich letzten Mal begleitet er seine Großeltern zum Sehnsuchtsort Sylt, der in der Vergangenheit stets mit dem eigenen Wohnmobil besucht wurde, dieses Jahr muss jedoch ein Hotel herhalten. Im Laufe des Aufenthalts wird Max immer klarer, dass sich das Leben von Oma und Opa bald dem Ende zuneigt und schwelgt daher in Kindheitserinnerungen.

Max Richard Leßmann hat definitiv die Stärke seiner Hauptfiguren erkannt. Oma Lore und Opa Ludwig sind zwei schräge Figuren, die immer wieder für wirklich lustige Momente sorgen, die eigentlich nie fehl am Platze sind oder irgendwie respektlos gegenüber dem Alter wirken. Auch im Rest der Familie gibt es einige illustre Figuren, die der Geschichte durchaus Humor geben und den ein oder anderen vielleicht auch an die eigene Familie erinnern lassen. Ich denke, in diesem Witz und der Identifizierbarkeit mit den Protagonisten steckt definitiv die Stärke dieses Buches.

Leider führte auch genau dieser Punkt zu meinem größten Kritikpunkt. Ich wusste am Ende überhaupt nicht so recht, was das Buch von mir wollte. Zwar waren die Geschichten unterhaltsam, jedoch am Ende auch irgendwie nichts Besonderes, einfach weil viele Menschen sicher auch ähnliche Menschen in ihrer Familie haben. Für ein humoristisches Buch war es nicht witzig genug, für alles andere fehlte auf jeden Fall der Tiefgang. Die guten Denkansätze über Alter und Vergänglichkeit wurden da meiner Meinung nach nicht genug erforscht.

Zwar hatte ich durchaus Spaß mit der Lektüre, jedoch hätte ich mir etwas mehr Tiefe gewünscht. So habe ich ein bisschen die Befürchtung, dass dieses Buch leider schnell in Vergessenheit geraten wird.

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Veröffentlicht am 26.07.2023

Wenn das Leben zur Fotoausstellung wird

Die Erinnerungsfotografen
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Der Himmel in "Die Erinnerungsfotografen" ist ein Fotoladen. Dort trifft man nach dem Tod auf Herrn Hirasaka, der einen dazu einlädt, für jedes Jahr des Lebens ein Erinnerungsfoto auszuwählen und schließlich ...

Der Himmel in "Die Erinnerungsfotografen" ist ein Fotoladen. Dort trifft man nach dem Tod auf Herrn Hirasaka, der einen dazu einlädt, für jedes Jahr des Lebens ein Erinnerungsfoto auszuwählen und schließlich in einer Art Diashow diese noch einmal zu betrachten, bevor man ins Jenseits eintritt. Wer Herr Hirasaka ist und wie er zu dieser Aufgabe gekommen ist, kann er selbst genauso wenig beantworten wie die Frage, was die Toten nach der Fotoschau erwartet. Im Buch begleiten wir ihn bei seiner Arbeit und finden vielleicht doch noch etwas mehr über ihn heraus.

"Die Erinnerungsfotografen" war mein erster Ausflug in die japanische Literatur und ich habe es sehr genossen. Der Schreibstil ist zum Großteil herrlich unaufgeregt und die Autorin geht das Thema Tod mit dem notwendigen, aber gleichzeitig auch nicht übermäßigen, kitschigen Respekt an, was ich sehr mochte. Auch die richtige Portion Humor ist in der Geschichte zu finden. Gleichzeitig lädt die Thematik natürlich auch zum Nachdenken ein und schafft eine neue, interessante Perspektive auf das Leben nach dem Tod.

Gerade gegen Ende des Buches fehlte mir jedoch ein klein wenig der rote Faden und die Geschichte ging für mich nicht so ganz rund zu Ende. Während die Geschichte vorher eher ruhig und nüchtern erzählt wird, überschlagen sich gegen Ende die Ereignisse und es wird für meinen Geschmack etwas zu wild. Ich denke, die Botschaft, die die Autorin vermitteln wollte, hätte man auch etwas wenig dramatischer bzw. passender zum Rest des Buches gestalten können.

Nichtsdestotrotz kann ich "Die Erinnerungsfotografen" allen empfehlen, die ein nicht zu langes Buch lesen wollen, das trotzdem zum Nachdenken anregt.

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