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Veröffentlicht am 29.01.2024

"...eine konturlose Form, die wegbröselt wie grauer Sand."

Serge
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Viel erwartet habe ich mir von diesem Roman der jüdischen Autorin Yasmina Reza, welche schon die Vorlage zu dem grandiosen Kammerspiel "Der Gott des Gemetzels" geschrieben hat, über die Reise von drei ...

Viel erwartet habe ich mir von diesem Roman der jüdischen Autorin Yasmina Reza, welche schon die Vorlage zu dem grandiosen Kammerspiel "Der Gott des Gemetzels" geschrieben hat, über die Reise von drei jüdischen Geschwistern und der Tochter des titelgebenden Serge nach Auschwitz nach dem Tod der Mutter dieser Geschwister.

Tatsächlich lassen sich die stärksten Sequenzen des Romans auf den wenigen Seiten des tatsächlichen Besuchs der Gedenkstätten zu den ehemaligen KZs Auschwitz sowie Birkenau finden. Nur 70 Seiten des Romans umfasst diese Reise, welche nicht nur berechtigte Kritik an dem skandalösen, freizeitparkhaften Katastrophentourismus zu den Gedenkstätten übt, sondern ebenso (meines Erachtens zu hinterfragende) Kritik an der allgemeinen Sinnhaftigkeit solcher Gedenkstätten und der Erinnerung an die Vernichtung in solchen Lagern, nun da die letzten Überlebenden versterben.

"Vergesst nicht. Aber warum? Um es nicht wieder zu tun? Aber du wirst es wieder tun. Ein Wissen, das nicht zutiefst mit einem selbst verbunden ist, bleibt folgenlos. Von der Erinnerung ist nichts zu erwarten. Dieser Fetischismus der Erinnerung ist bloßer Schein."

Der Rest des Romans besteht aus nervtötendem und ziellosem Geplauder diverser Familienangehöriger der Pariser Familie. Die Figuren - erzählt aus der Sicht von Jean, dem mittleren Bruder, - bleiben flach und unsympathisch. Unsympathisch dürfen sie durchaus sein, aber sie sollten schon ein Anliegen vermitteln. So wird im Roman über einen fernen Bekannten der Familie gesagt: "André Ponchon ist dorthin zurückgekehrt, wo er hergekommen war, eine konturlose Form, die wegbröselt wie grauer Sand." Das beschreibt nicht nur alle Figuren des Romans, sondern auch die Erzählung an sich. So kann man nach der Lektüre nur Jean zustimmen, der auf eine Frage zur vergangenen Auschwitz-Reise sagt: "Ich antwortete, ich hätte mir nichts Bestimmtes von dieser Reise erwartet und sei noch unschlüssig, was sie gebracht habe." Auch von diesem Buch sollte man nichts Bestimmtes erwarten und wird unschlüssig, was die Lektüre gebracht hat, zurückgelassen. Für einen Familienroman ist es nicht tiefgründig genug, für eine amüsante Geschichte einfach nicht witzig genug (m.E.), das Thema Tod und Sterben wird immer wieder angerissen aber nicht zu Ende gedacht und die Auseinandersetzung mit der Gedenkkultur zum Holocaust zu schlicht ausgearbeitet. Die Erzählperspektive aus den Berichten Jeans heraus hat Probleme mit zu allwissenden Schilderungen sowie essayistischen Passagen, die die - in einigen Interviews kundgetane - Meinung der Autorin darlegen. Diese werden mir nicht stimmig genug aus der Figurenzeichnung Jeans ersichtlich.

An vielen Stellen hat der Roman also nicht meine Erwartungen erfüllen können und bleibt hinter seinen Möglichkeiten bzw. den Möglichkeiten, die der Themenkomplex zu bieten gehabt hätte, weit zurück. Der Stil der Autorin sagt mir, zumindest in der vorliegenden prosaischen Form, gar nicht zu. Nach einem sehr bizarren Einstieg in dem Roman überwiegt das groteske Geplänkel der Familienmitglieder untereinander und das Erzählen von mitunter stark unerheblichen Familien- und Bekanntenkreisanekdoten. Man springt beim Lesen ständig zwischen diesen Sequenzen hin und her und kommt dadurch den Figuren kaum bis gar nicht nahe, höchstens ihren meist wenig interessanten Befindlichkeiten. Die Familiendynamik hätte als solche besser ausgearbeitet werden können und bleibt mir bis zur Abschlussszene mit den drei Geschwistern über weite Strecken nicht authentisch.

Insgesamt: Die Bloßstellung der Touristenströme in die ehemaligen KZs ist gut gelungen und die Gedanken von Jean währenddessen finde ich durchaus nicht schlecht umgesetzt. Nach dem bekannten Motto: "There's no business like shoah business." Dem Rest des Romans kann ich hingegen nicht viel abgewinnen. Schade, obwohl ich sehr optimistisch in die Lektüre gegangen bin, gibt es meinerseits hierfür keine Leseempfehlung.

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Veröffentlicht am 29.01.2024

In die Arme der Absurdität

In die Arme der Flut
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Während der Lektüre von „In die Arme der Flut“ ist mir etwas passiert, was bisher in der Form noch nie vorgefallen ist: Ich hatte eine Vorahnung, die mir nach den ersten 110 Seiten sagte, ich solle lieber ...

Während der Lektüre von „In die Arme der Flut“ ist mir etwas passiert, was bisher in der Form noch nie vorgefallen ist: Ich hatte eine Vorahnung, die mir nach den ersten 110 Seiten sagte, ich solle lieber jetzt aufhören zu lesen, wenn es am schönsten ist und das Buch weglegen. Natürlich habe ich das Buch bis zum Ende gelesen. Aber der überwiegende Teil von dem, was nach diesen ersten Seiten geschrieben steht, hat mich enorm enttäuscht. Tatsächlich konnte meines Erachtens der Autor im späteren Verlauf des Romans nicht mehr annähernd zu seiner anfänglichen Stärke zurückfinden.

Den Beginn dieser grotesken Geschichte stellt die ausführliche, wertfreie und sogar poetische Betrachtung eines Menschen dar, der im Begriff ist, sich das Leben zu nehmen. Luke will von einer Brücke springen, verweilt dort jedoch eine ganze Stunde. Wir erleben in Rückblicken, dass dies nicht Lukes erster Versuch ist, in messerscharfen Sätzen erfahren wir etwas über seine Kindheit und in ausufernden Beschreibungen verbinden sich diese Schilderungen mit den Naturgewalten, die sich unter der Brücke und in der Luft zusammenbrauen. Selten war ich so gepackt von einem Romanbeginn. Selten so überzeugt davon ein Meisterwerk vor mir zu haben. Und noch nie hatte ich die Vorahnung nach 110 Seiten: Hör auf zu lesen, alles was jetzt noch kommt, könnte dieses einmalige Lektüreerlebnis zunichte machen.

Vorahnungen sollte man vielleicht doch ab und an folgen. Bei diesem Roman wäre das im Rückblick eindeutig die ratsamste Entscheidung gewesen. Denn nun schwenkt der Roman von einem menschlichen, mitreißenden Drama zu einer Medien- und danach zu einer Plotgroteske. Donovan versucht äußerst plakativ mittels der bekannten Holzhammermethode die Gefahren von Social Media in Kombination mit aufgewühlten Menschenmengen aufzuzeigen. Dabei ist er sich nicht zu schade einen unnötigen Trump-Verschnitt auftauchen zu lassen, der per Twitter die Massen aufwiegelt. Der gezogene Vergleich zum Erstürmen des Kapitols in Washington scheint dabei im Rahmen dieser Kleinstadtposse jedoch anmaßend. Zwischendrin gibt es noch einmal eine richtig große Portion Kitsch, die es einem hochkommen und an jeglicher schriftstellerischer Ernsthaftigkeit des Autors zweifeln lässt und fast zuletzt muss man auch noch einem Kind bei seinem schrecklichen Selbstmord beiwohnen. Das ist der Punkt, der über die Grenze des Erträglichen hinausragt und einfach nur fehl am Platze ist. Das Buch wirkt an der Stelle meilenweit entfernt vom poetischen Anfang und eher wie ein billiger Snuff-Streifen. Der Plot verkommt zu einem himmelschreienden Unsinn mit Zufällen, die verzweifeln lassen ob der Absurdität. Insgesamt wird mit zunehmender Seitenzahl Subtilität immer kleiner geschrieben und ist teilweise gar nicht mehr vorhanden. Kurz flimmert am Ende des Romans noch einmal das Potential der Geschichte sowie des Autors über dem Horizont auf, bevor es sich selbst im Meer versenkt.

Zur Übersetzung ist darüber hinaus erwähnenswert, dass diese zwar grundsätzlich ganz gut gelungen ist, aber auch starke Schnitzer aufweist, namentlich wenn mindestens viermal im Laufe der Erzählung ein Auto irgendwohin „braust“. Das ist ein Wort, welches ich in einer literarisch anspruchsvollen Übersetzung einfach nicht lesen möchte. Punkt.

Somit muss ich die schwere Entscheidung treffen, diesem Roman, der für mich bei 2,5 Sternen liegt, eine auf 2 Sterne abgerundete Bewertung zu geben. Ich kann ihn leider nicht guten Gewissens weiterempfehlen, was den Ausschlag zu meiner Bewertungsentscheidung gibt.

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Veröffentlicht am 29.01.2024

Tiefgründige Science-Fiction aus Nigeria

Rosewater
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Dieser Roman von Tade Thompson bringt schon spannende Grundvoraussetzungen mit, ohne dass man ein Wort daraus gelesen hat. Denn der Autor ist ein nigerianischer Psychiater, der sich hier eine ausufernde ...

Dieser Roman von Tade Thompson bringt schon spannende Grundvoraussetzungen mit, ohne dass man ein Wort daraus gelesen hat. Denn der Autor ist ein nigerianischer Psychiater, der sich hier eine ausufernde Welt in nicht allzu ferner Zukunft des Jahres 2066 ausdenkt, in der die Außerirdischen bereits lange auf der Erde angekommen sind. Und sie sind vielleicht laut Plothistorie 2012 erstmals in London angekommen, aber tatsächliche Auswirkungen zeigen sie - ganz ungewohnt - eben nicht in Europa oder Amerika, sondern auf dem afrikanischen Kontinent, speziell auf dem Gebiet Nigerias. Somit krempelt dieser Roman schon einmal vollkommen die Lesegewohnheiten von uns mitteleuropäischen Sci-Fi-Leser:innen gehörig um.

Im Zentrum des Geschehens steht Kaaro, ein Mitte 40-Jähriger sogenannter "Empfänger". Er hat seit seiner Kindheit "übernatürliche" Fähigkeiten (welche später noch sehr gut wissenschaftlich fundiert erklärt werden), durch welche er - einfach gesagt - die Gedanken anderer Menschen lesen kann. Das ist jetzt stark verkürzt dargestellt, denn eigentlich ist er fähig, sich in die sogenannte Xenosphäre einzuklinken. Diese besteht aus zahlreichen miteinander vernetzten pilzartigen Organismen, die durch die Luft schweben und für das menschliche Auge nicht wahrnehmbar sind. Prinzipiell handelt es sich um ein ausgeweitetes Informationsnetzwerk, auf welches nur wenige Menschen (ich lasse hier mal offen weshalb) zugreifen können. Kaaro lebt in Rosewater, einer Stadt, die sich nach dem Auftauchen einer außerirdischen Entität, einer riesigen Kuppel mit einem Durchmesser von 50 km, um diese Kuppel herum gebildet hat. Denn - wieder entgegen der altbekannten Seh- und Lesegewohnheiten - zeigt sich die Entität nicht angriffslustig, sondern gütig in Form von Heilungen kranker Menschen, die einmal pro Jahr in ihrer Nähe stattfinden. Um Kaaro entwickelt sich ein fast schon Agenten-Plot, da er aufgrund seiner Fähigkeiten von einer Regierungsbehörde angeworben wurde.

All dies erfahren wir durch verschiedene Erzählstränge, die jedoch stets beim Ich-Erzähler Kaaro bleiben. Allein die Zeitebene wechselt ständig. Die so betitelte "Jetzt"-Zeit spielt 2066, dann gibt es noch Rückblicke in die "Früher"-Zeit beginnend mit 2031 bis ca. 2059, welche viel Wissen um Kaaros Fähigkeiten und die Geschehnisse bis aktuell vermitteln, sowie "Zwischenspiele" oder "Missionen", die besondere Ereignisse/Missionen in den letzten 10 Jahren von Kaaros Leben bis jetzt darlegen, mit dem Fokus auf seine "Agenten"-Tätigkeit. Das ist tatsächlich der verwirrendste Part dieses Romans. Meines Erachtens hätte es die gesondert betitelten "Zwischenspiele" nicht gebraucht bzw. wirkten diese ab und an überfordernd, wenn man sie gedanklich versucht, in das Gesamtbild chronologisch korrekt einzuordnen. Aber das ist eine minimale Kritik im Rahmen meiner allgemeinen Begeisterung für diesen Roman.

Denn dem Buch merkt man im allerbesten Sinne die Berufung des Autors als Psychiater an. So entwirft er die Charaktere des Romans nicht nur glaubwürdig sondern stellt psychologische Zusammenhänge, die sich aus der Fähigkeit des "Gedankenlesens" ergeben, schlüssig und fachlich fundiert dar. Auch das mykologische Konstrukt um die außerirdische Entität herum ist plausibel erschaffen. Der technische Fortschritt ist authentisch an das Jahr 2066 angepasst und wird gut erklärt. Was mich aber besonders am Roman begeistert hat: Thompson spart nicht an Gesellschaftskritik. So wird immer wieder das Thema der als "illegal" eingeordneten Homosexualität in Nigeria, welche in unserer Zeit 2022 vorherrscht, aber im Roman auch noch in 2066 dort besteht. Die Verfolgung dieser Menschengruppe bis zum Tod durch den Mob. Weiterhin findet die Vergangenheit Nigerias, als ein durch die Kolonialisierung traumatisiertes Land, Eingang in die Erzählung. Eine despotische, korrupte Herrscherrieger darf natürlich auch in 2066 nicht fehlen. So legt Thompson mit seinem als Science-Fiction "getarnten" Roman den Finger in gleich mehrere gesellschaftliche und politische Wunden seines Heimatlandes.

Insgesamt bin ich also äußerst begeistert von diesem ungewohnten Lektüreerlebnis. Science-Fiction mit Tiefgang auf mehreren Ebenen. Wirklich empfehlenswert für alle, die sich grundsätzlich auf die oben beschriebenen Grundannahmen einlassen können.

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Veröffentlicht am 29.01.2024

Abenteuer Sprache

Stürzen Liegen Stehen
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Als ich „Stürzen Liegen Stehen“ von Jon McGregor aufschlug, erwartete ich einen anspruchsvollen Abenteuerroman. Bekommen habe ich einen facettenreichen Roman über ein menschliches Unglück an einem unwirtlichen ...

Als ich „Stürzen Liegen Stehen“ von Jon McGregor aufschlug, erwartete ich einen anspruchsvollen Abenteuerroman. Bekommen habe ich einen facettenreichen Roman über ein menschliches Unglück an einem unwirtlichen Ort, die Geschichte eines Menschen, der durch eine Schlaganfall die Sprache und Teile seiner Motorik verliert, einer Ehefrau, die sich ihr Leben ganz anders vorgestellt hat und nun zur häuslich-pflegenden Angehörigen wird und den Kampf aller Beteiligten zurück in ein nun neues, aber lebenswertes Leben.

Für mich stellt „die Sprache“ das eigentliche Abenteuer des vorliegenden Romans dar. Mit anbetungswürdigem Können nutzt McGregor Sprache, um nicht nur einen Defekt des Gehirns authentisch darzustellen, sondern auch, um Ereignisse von verschiedenen Blickwinkeln zu beleuchten, Beziehungen punktgenau mit nur wenigen Worten auszuleuchten und unvorstellbare Belastungen herauszuarbeiten. In jedem der drei Abschnitte des Buches (logisch: Stürzen /, Liegen _, Stehen | ) verwendet der Autor verschiedene personale Erzählperspektiven, um die verschiedenen Persönlichkeiten in ihren Eigenarten sowie unterschiedliche Wahrnehmungen von ein und derselben Situation darzustellen. Das überrascht von Kapitel zu Kapitel und hält stets die Spannung und das Interesse am Plot hoch. Allein im letzten Abschnitt waren es mir ein bisschen zu viele neue Figuren, zu viele personale Erzählperspektivwechsel, was der beeindruckenden Gesamtlektüre jedoch keinen Abbruch tut.

Die Recherchearbeit, die hinter diesem Roman steckt, muss enorm gewesen sein und ich finde, McGregor hat es im besten Sinne hinbekommen, dass man trotzdem als Leser:in nur so in den Roman hinein gezogen wird. Äußerst nah an der Realität bewegt sich der Autor gekonnt zwischen den angesprochenen Themengebieten hindurch. Von Antarktismission mit katastrophalen Folgen, über medizinische Behandlung und Diagnostik, zu häuslicher Pflegesituation, hin zu dem ganz individuellen Kampf zurück in ein anderes, neues Leben. Besonders die häusliche Pflegesituation und daraus unweigerlich entstehende Überforderung war für mich besonders aufwühlend dargestellt. Auch hier sprachlich in ganz eigener Art und Weise.

Meines Erachtens sollte an dieser Stelle die Übersetzung von Anke Caroline Burger gesondert hervorgehoben werden. Wie sie mit der Vorlage des Autors umgegangen ist, könnte man virtuos nennen.

Wer also bei diesem Buch allein einen Abenteuerroman erwartet, wird keineswegs enttäuscht mindestens überrascht, nein, sogar begeistert mitgerissen werden in eine zunächst ungewöhnliche und später sehr menschlich tiefgründige Geschichte. Meine Begeisterung für diesen Roman ist so groß, dass ich eine Lektüre nur dringend empfehlen kann.

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Veröffentlicht am 29.01.2024

Leider kein passendes Manifest für mich

Frauen und Macht
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Das Buch „Frauen & Macht“ von Mary Beard wird an verschiedensten Stellen als „Manifest“ bezeichnet, im Klappentext als „ein leidenschaftlicher Aufruf an Frauen, sich jetzt die Macht zu nehmen.“ Leider ...

Das Buch „Frauen & Macht“ von Mary Beard wird an verschiedensten Stellen als „Manifest“ bezeichnet, im Klappentext als „ein leidenschaftlicher Aufruf an Frauen, sich jetzt die Macht zu nehmen.“ Leider kann ich heute, einen Tag nach dem internationalen Frauentag, dem Buch diese Zuschreibungen nicht attestieren.

Das Problem, warum die Stimmen von Frauen durch die Menschheitsgeschichte, von der Antike bis hinein in die Gegenwart, so schwer zu finden sind, ist Thema dieser Veröffentlichung. Wie vielen Leser:innen bekannt sein sollte, gibt es – so auch laut Beard – „in der westlichen Geschichte eine radikale – reale, kulturelle und imaginäre – Separierung der Frauen von der Macht.“ So weit, so schlimm. Beard rekapituliert nun in ihrem schmalen Büchlein, welches nur 90 Seiten inhaltlich relevanten Text beinhaltet und mit vielen Abbildungen bestückt ist, recht kurz angebunden, wie Frauen in ihrer Redefreiheit und Machtausübung bisher eingeschränkt wurden. Leider nennt sie zwar viele Beispiele, geht diesbezüglich jedoch seltenst in die Tiefe, sodass die Ausmaße der historisch untermauerten Paradigmen nicht wirklich zur Geltung kommen. Auch liest sich der Text (eventuelle auch aufgrund einer holprigen Übersetzung?) nicht flüssig. Hier scheint mir auch das Layout der Seiten eine Rolle zu spielen. Durch das kleine Format des Buches, die Schriftgröße usw. schaffen es im Schnitt nur acht Wörter auf eine Zeile. Schachtelsätze lassen sich so nur stockend lesen. Auch werden die dargelegten Gedanken auf fast jeder zweiten Seite von Abbildungen unterbrochen, die nicht in den Text eingefügt sind, sondern – unabhängig von deren Maße – immer eine ganze Seite blockieren. Mitunter passen infolgedessen die Abbildungen inklusive ausführlichen Abbildungsbeschreibungen entweder noch nicht oder nicht mehr zum Gelesenen. Das alles fördert den Lesefluss nicht gerade, sodass der nötige Schwung für ein mitreißendes Manifest verlorengeht und die Aussage hinter dem Text verpufft.

Im Nachwort der Autorin erfährt man dann erst, dass es sich bei diesem Buch um zwei verschriftlichte Vorträge der Autorin handelt, welche das erste und zweite (und damit schon letzte) Kapitel des Buches ergeben haben. Sie habe „der Versuchung widerstanden, drastische Veränderungen vorzunehmen, neue Themen einzuführen oder einige der Ideen, die hier nur angedeutet werden, ausführlicher darzulegen.“ Meines Erachtens hätten genau diese Ergänzungen dem Text durchaus sehr gut getan. Auch machen somit die vielen Abbildungen im Kontext von Vorträgen sehr viel mehr Sinn, da sie sicherlich während der Präsentation im Hintergrund in das Gesagte eingewoben worden sind.

Insgesamt kann ich mich den Worten des Lobes, die ich vor dieser Lektüre in anderen, inspirierenden Büchern („FRAUEN LITERATUR“ von Nicole Seifert und „Handbuch für Zeitreisende“ von Kathrin Passig und Aleks Scholz) über „Frauen & Macht“ gelesen habe und die mich dazu animierten mir die Primärliteratur zuzulegen, nicht anschließen.

Laut Wikipedia ist ein Manifest „eine öffentliche Erklärung von Zielen und Absichten, oftmals politischer Natur.“ Es seien „Sprechakte, die das Ziel hätten, die Welt zu verändern.“ Dieses Ziel hat die Autorin vielleicht auch bei Veröffentlichung im Sinn gehabt, meine Person hat sie damit aber nicht „leidenschaftlich aufrufen“ können. Sicherlich handelt es sich hier um ein geschichtswissenschaftlich solides, lesenswertes Werk für Interessierte. Hinter dem Ofen hervorlocken konnte es jedoch leider nicht so richtig.

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