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Veröffentlicht am 27.01.2025

Wissenschaftlich fundiertes Buch zur Mensch-Hund-Beziehung

Warum Hunde uns zu besseren Menschen machen
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Der Verhaltensbiologe und emeritierte Professor der Universität Wien Kurt Kotrschal erzählt in seinem Sachbuch mit eingängiger, verständlicher Sprache vom Team Mensch-Hund, dessen evolutionäre Geschichte, ...

Der Verhaltensbiologe und emeritierte Professor der Universität Wien Kurt Kotrschal erzählt in seinem Sachbuch mit eingängiger, verständlicher Sprache vom Team Mensch-Hund, dessen evolutionäre Geschichte, ihre Besonderheiten gegenüber anderen Partnern, den Einfluss von Hunden auf das menschliche Verhalten und Gesundheit sowie die Unterschiede zwischen Hund und Wolf, die eine so intensive Verbindung zwischen Mensch und Hund überhaupt erst ermöglichen.

Ohne seine Leser:innen aus den Augen zu verlieren, formuliert Kotrschal den aktuellen wissenschaftlichen Wissensstand zur Beziehung zwischen Mensch und Hund konkret und nachvollziehbar aus. Er mystifiziert nicht das scheinbar unbegreifliche Band zwischen den beiden Arten, sondern erklärt es anhand wissenschaftlicher Untersuchungen und rationalen Überlegungen. So fand ich ganz toll, wenn er direkt im ersten Satz nach der eingängigen Kapitelüberschrift „Das Wunder der zwischenartlichen Beziehungsfähigkeit: Die menschliche Seite“ schreibt: „‘Wunder‘ entziehen sich der rationalen Erklärung, sonst wären es ja keine. Versuchen wir es also mit einer Zusammenschau unterschiedlicher Ergebnisse aus der Forschung.“ Herrlich! Das lässt mein wissenschaftlich-orientiertes Herz höher schlagen. Hier wird nichts verniedlicht, sondern immer alles sachlich untermauert.

Nachdem der Autor die Besonderheiten (entwicklungspsychologisch, kognitiv, behavioral, bindungsbezogen etc.) von Hunden herausstellt, widmet er sich sogar noch kurz in den letzten beiden Kapiteln des Buches zum einen den negativen Seiten des Zusammenlebens von Hunden und Menschen auf diesem Planeten als auch einem Ausblick, wie diese Beziehung in der (zunehmend digitalisierten und technisierten) Zukunft aussehen könnte. Hier merkt man, dass dem Autor der Zustand unseres Planeten vor allem bezogen auf die Klimakrise keineswegs egal ist und er die Möglichkeit nutzt, auf Missstände hinzuweisen.

Insgesamt empfand ich die Lektüre als sehr erhellend, obwohl ich schon so einige Sachbücher zum Thema gelesen habe. Besonders die psychologischen Aspekte und der aktuellste Wissensstand fand ich gerade erfrischend umgesetzt. Und die Tatsache, wie häufig ich während und nach der Lektüre Menschen aus meinem direkten Umfeld von dieser oder jener Erkenntnis oder Studie, die im Buch erwähnt wurde, erzählte, zeigt mir, wie eindrücklich diese war. Allein zum Schluss wirkte mir gerade das Kapitel zu den „Dunkeln Seiten“ etwas zu hektisch runtererzählt. Hier hätte der Autor meines Erachtens durchaus noch mehr ins Detail gehen können.

Insgesamt handelt es sich um eine lohnenswerte Lektüre, selbst wenn man das Gefühl hat, schon viel zum Thema gelesen zu haben. Und natürlich gibt es zwischendurch auch noch wunderschöne Farbfotografien, da freut sich der:die Hundefreund:in zusätzlich.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 26.01.2025

Erschreckende Entwicklungen fachlich hervorragend dargestellt

Digitale Diagnosen
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In ihrem Sachbuch zum Umgang mit psychischer Gesundheit im Rahmen von Social Media Kanälen beleuchtet die österreichische Soziologin Laura Wiesböck ein internationales Phänomen der letzten 20 Jahre, welches ...

In ihrem Sachbuch zum Umgang mit psychischer Gesundheit im Rahmen von Social Media Kanälen beleuchtet die österreichische Soziologin Laura Wiesböck ein internationales Phänomen der letzten 20 Jahre, welches sich aktuell immer stärker zuspitzt, absurder aber auch gefährlicher wird. Dabei stellt sie heraus, dass psychische Belastungen in den sozialen Medien zu schnell krankhaft dargestellt werden und damit profunde psychische Störungen von User:innen und allgemein in der Gesellschaft mehr und mehr verschwimmen. Dabei weißt sie durchaus darauf hin, dass „krank“ und „gesund“ keine objektiven Parameter sind, sondern sozial konstruiert. Somit werden sie auch gesellschaftlich vermittelt und es kommt zu spezifischen „Moden“ bezüglich der Nutzung dieser Begrifflichkeiten und Diagnosen. Da für Nutzer:innen die Grenze zunehmend verschwimmt zwischen psychiatrischer Diagnose und Fragen der emotionalen Ausgeglichenheit und Funktionalität werden „normale“ Schwankungen im psychischen Befinden schnell pathologisiert. So bewegt sich das Themengebiet der psychischen Gesundheit in einer post-faktischen Gegenwart der sozialen Medien zwischen einer durchaus wichtigen Enttabuisierung, einer verharmlosenden Glamourisierung sowie einer hoch gefährlichen Kommerzialisierung und Aneignung von psychischen Erkrankungen.

Als Diplom-Psychologin bin ich fachlich von diesem Sachbuch wirklich massiv angetan. Trends, die mir in den letzten Jahren – verstärkt seit der Covid-19-Pandemie – in der Praxis zunehmend aufgefallen und auch unangenehm aufgestoßen sind, finden hier eine Entsprechung in Buchform. Bei jedem Satz gerade im anfänglichen, beschreibenden Teil des Buches hätte ich am liebsten laut „Ja, genauso ist es!“ ausgerufen. Sehr präzise stellt die Autorin dar, wie gefährlich ungenaue Beschreibungen von psychischen Zuständen bis hin zu tatsächlich „behandlungswürdigen“ Erkrankungen in den sozialen Medien auf die Menschen wirken und welche katastrophalen Folgen die Generierung von Inhalten ausgehend von gewinnorientierten Algorithmen wirken können. Sie zeigt auf, wie die Praxis, ambivalentes menschliches Verhalten und Empfinden mit eindeutigen (aber eben in dieser eindeutigen Form nicht sinnvollen) Zuschreibungen zu vereinfachen, zu kategorisieren und zu standardisieren, im derzeitigen technologischen Design verankert sind (S.61). Sehr genau beschäftigt sie sich mit den Anreizsystemen der verschiedenen Social Media Plattformen und wie diese – passend zum neoliberalen Gesellschaftsmodell – eine Spirale nach unten bilden können. Immer wieder verknüpft die Autorin sehr nachvollziehbar, wie das aktuell vorherrschende Gesellschafts- und Geschäftsmodell auf psychische Gesundheit einwirkt und durch die sozialen Medien verstärkt wirkt.

Mit gefällt besonders der Aufbau des Buches, der vom Mikrobereich einzelner Beispiele aus Kanälen sozialer Medien sich zum Ende hin im Makrobereich zu einer allgemeineren Gesellschaftskritik bezogen auf das Themengebiet entwickelt. Dort spart die Autorin auch nicht an Kritik gegenüber der aktuellen Psychologie und Psychiatrie und das Konzept der psychischen Erkrankung als solches, da doch letztlich alles eine Frage der Abweichung von einer normativ gesellschaftlich und auch politisch entstandenen Krankheitsdefinition. Man nehme das Beispiel der Homosexualität, die zunächst als krankhaft eingestuft wurde und mit der Streichung aus den Kriterienkatalogen plötzlich ein großer Teil der Bevölkerung als nicht mehr krank galt, was zuvor noch der Fall gewesen ist.

Als einziger, klitzekleiner Kritikpunkt muss ich anmerken, dass ich das Gefühl hatte, die Autorin wiederholt sich zum Ende hin bezüglich mancher Aussagen. Dies mag daran liegen, dass diese die für sie wichtigsten Take-Home-Messages sind und sie daher diese besonders unterstreichen wollte. Aber dies ist Meckern auf hohem Niveau, denn insgesamt ist dieses Buch ein echter Gewinn in der Betrachtung moderner Einflüsse auf ein (durchaus zu hinterfragendes) System von psychischer Krankheit und Umkehrschluss Gesundheit.

Ich kann das Buch eigentlich allen ans Herz legen. Es gibt keinerlei fachliche Ungenauigkeiten, ist präzise formuliert, vertritt eine starke Haltung.

4,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 04.01.2025

Unterhaltsam und gesellschaftlich relevant zugleich

Zwei vernünftige Erwachsene, die sich mal nackt gesehen haben
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Auch mit ihrem zweiten, anspruchsvollen Unterhaltungsroman nach dem großartigen „Wir von der anderen Seite“ weiß die Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker zu überzeugen, wenn auch mit Abstrichen.

Wie ...

Auch mit ihrem zweiten, anspruchsvollen Unterhaltungsroman nach dem großartigen „Wir von der anderen Seite“ weiß die Drehbuchautorin und Regisseurin Anika Decker zu überzeugen, wenn auch mit Abstrichen.

Wie man sich schon aufgrund des Titels denken kann, schreibt Decker - wieder einmal - mit leichter Feder und viel Sprachwitz ihre Geschichte über Nina, eine geschiedene Frau im Alter von 49 Jahren, die nicht nur eine neue Liebe entdeckt und damit aneckt, ist doch der Auserwählte zwanzig Jahre jünger als sie, sondern auch noch mit ihrer Rolle als Tochter einer gezeichneten Frau und Mitarbeiterin einer von männlicher Dominanz durchzogenen Medienproduktionsfirma hadert. Ihre jüngere Schwester Lena indes hadert mit ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter in einer Zeit, in der Instagram-Supermütter alles richtig zu machen scheinen und dabei auch noch durchgängig glücklich wirken. Als im Unternehmen ein metoo-Skandal an die Öffentlichkeit zu treten droht und einige Männer aus den höheren Etagen (darunter Lenas Ehemann) versuchen diesen zu vertuschen, müssen die Schwestern ihren eigenen Standpunkt finden und sich entscheiden, ob sie wegschauen oder solidarisch kämpfen wollen.

Der Inhalt zeigt schon einmal auf, in welche Richtung der aktuelle Roman von Anika Decker geht. Oberflächlich wie ein Liebesroman anmutend, da die Annäherung an den viel jüngeren David zunächst im Zentrum steht, entwickelt der Roman schnell einige weitere Facetten, die im Verlauf sogar wichtiger wirken, als der immer wieder einmal auftauchende Liebesplot. Dieser konnte mich auch nur zu Beginn einfangen, denn später fehlte mir die Möglichkeit darin so richtig einzutauchen, da nur kurze Schlaglichter auf einzelne Szenen geworfen werden. Hier entspinnt sich eine Geschichte zwischen zwei Menschen, die von Missverständnissen und nicht ausgesprochenen Gedanken durchzogen ist, was prinzipiell sehr realistisch ist, mich über die Länge des Buches hinweg allerdings ab und an auch genervt hat. Das liegt an der Natur der Sache, da ich persönlich kein Fan von Geschichten mit viel Hin und Her und Gehader bin.

Stilistisch ist für mich der leichte Schreibstil, der sich süffig einsaugen lässt, ausschlaggebend für meine Freude über ein neues Anika Decker-Buch. Was meines Erachtens nicht ganz so gut gelungen ist, ist der Perspektivwechsel zwischen den Figuren. Wir beginnen den Roman aus der Ich-Perspektive von Nina zu lesen, wechseln später aber auch immer wieder in Lenas oder andere Perspektiven, die dann aber im personalen Erzählstil gehalten sind. In einem Lena-Kapitel rutscht die Autorin sogar mal aus Versehen für einen Absatz in die Ich-Perspektive. Nur David bekommt noch eine Ich-Perspektive zugestanden, was ihn scheinbar als wichtige zweite Hauptfigur markieren soll. Leider blieb er für mich trotzdem nur eine kleine Nebenfigur, weshalb dies irgendwie nicht stimmig wirkte. Seine „Ich-Gedanken-Anteile“ bleiben nur recht kurz gehalten und versuchen zwar einen Einblick in seine Geschichte zu geben, dieser formt sich allerdings nicht zu einem runden, stimmigen Bild. Ganz zum Schluss bekommt auch Lenas Mann noch ein Kapitel zugeordnet, welches mit allerdings recht edukativ angelegt wirkte.

Somit muss ich sagen, dass mir zwar der neue Roman von Anika Decker sehr gut gefallen hat, mich aber nicht annähernd so vollständig von sich überzeugen konnte wie „Wir von der anderen Seite“. Ich glaube, ich hätte mir entweder einen Roman mit größerem Fokus auf die Liebesgeschichte oder einen, der diese fast ganz herauslässt und damit nicht die Sicht auf die gesellschaftlich relevanten Themen verstellt, gewünscht.

Ich würde den vorliegenden Roman letztlich inhaltlich mit den letzten Romanen von Mareike Fallwickl vergleichen, die zwar einen noch deftigeren, feministischen Einschlag haben und literarisch etwas anspruchsvoller sind, aber Anika Decker schafft es mit dem Verve ihres unterhaltsamen Schreibstils die feministischen Thematiken geschickt in einen Unterhaltungsroman zu verwandeln, der hoffentlich viele Leser:innen ansprechen wird und somit ein größeres Bewusstsein für die Belange von Frauen unterschiedlichster Altersgruppen und gesellschaftlicher Schichten schafft.

3,5/5 Sterne

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Veröffentlicht am 25.12.2024

Sehr merkwürdiges Buch über Trauerbewältigung

Trauer ist das Ding mit Federn
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Von diesem Buch hatte ich mir laut Klappentext unglaublich viel erhofft. Eine mystische, unkonventionelle Trauerbewältigung mit überlebensgroßer Krähe, die einen jungen Wittwer und dessen beide Söhne zuhause ...

Von diesem Buch hatte ich mir laut Klappentext unglaublich viel erhofft. Eine mystische, unkonventionelle Trauerbewältigung mit überlebensgroßer Krähe, die einen jungen Wittwer und dessen beide Söhne zuhause aufsucht. Sogar etwas Witz wurde versprochen.

Das Ganze ist aber leider viel zu künstlerisch angelegt. Dass der Autor damit den Dylan Thomas Prize bekommen hat, ist nachvollziehbar. Kritiker lieben sicherlich diesen Roman. Es ist aber eher eine kryptische Ansammlung von Fragmenten zum Thema Trauer. "Roman" hätte ich es nun nicht unbedingt genannt. Das Buch konnte mich weder berühren (weder durch Tragik noch durch Komik) noch hat es eine Auswirkung auf mich und mein Denken hinterlassen.

Allein die Übersetzung scheint mir hier positiv erwähnenswert. Wer es schafft solch Wortneuschöpfungen ins Deutsche zu übersetzen, gehört gelobt.

Veröffentlicht am 25.12.2024

Kein Mensch ist illegal

Die Frau im blauen Mantel
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Bereits 2010 greift - noch vor der sogenannten "Flüchtlingskrise" - der neuseeländische Autor Lloyd Jones das Thema des lebensgefährlichen, "illegalen" Übertritts von Afrika auf den europäischen Kontinent ...

Bereits 2010 greift - noch vor der sogenannten "Flüchtlingskrise" - der neuseeländische Autor Lloyd Jones das Thema des lebensgefährlichen, "illegalen" Übertritts von Afrika auf den europäischen Kontinent in diesem Roman ergreifend und tief bewegend auf.

Das Buch ist ausschließlich durch Berichte über eine afrikanische Frau, die Europa von der Küste Siziliens bis zu ihrem Ziel Berlin durchquert, gestaltet. All die Berichte werden von Beobachtern erzählt, die nur für einen kurzen Moment oder über mehrere Monate mit ihr zu tun hatten. Für einen großen Teil des Buches erfahren wird nichts über die intimen Gedanken der Frau. Wir erfahren nicht einmal, aus welchem Land die Frau stammt, wie sie wirklich heißt. Wir bleiben außenstehende Beobachter. Im weiteren Verlauf wird klar: Was hier wahr oder wahrhaftig ist, was erfunden, was falsch erinnert, ist nicht so einfach herauszufinden, wie man denkt. Geschickt schafft es der Autor sich zwar nüchtern auszudrücken und doch immer mehr dieser zunächst gesichtslosen Person (einer von vielen), eine Geschichte zu geben. Sie sichtbar zu machen. Genial taucht er ein in die verschiedenen Stimmen der Protokollanten, die mit umso größerem Ego, mehr von sich selbst als von der Afrikanerin berichten. Ergreifend ist das Plädoyer, welches ein befragter Igbo-Pfarrer der Afrikanischen Flüchtlingshilfe zur "Festung Europa" hält und sich damit weigert, dem Befrager irgendwelche Informationen über diese Illegale zu geben. Aus Prinzip. Wozu diese Berichte überhaupt dienen, soll an dieser Stelle nicht verraten werden. Dies erfährt man erst, wenn man sich auf diesen großartigen Roman bis zum Schluss einlässt.

Vieles bleibt in diesem Roman offen, trotzdem setzt sich mit jeder Seite das Puzzlebild dieses unkonventionellen Frauenschicksals ein wenig mehr zusammen. Obwohl es sich um unglaublich schwere Kost handelt, liest sich der Roman nicht tonnenschwer herunter. Nein, man fliegt durch diesen ungewöhnlichen Text nur so. Eine klare Leseempfehlung meinerseits.