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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 04.08.2025

Anders als erwartet und trotzdem oder gerade deswegen richtig gut.

Alles, was wir geben mussten
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GAIAvor 5 Jahren

An dieses Buch kann man durchaus mit falschen Erwartungen herangehen und trotzdem äußerst positiv überrascht werden. Ich bin von einem hochspannenden Wissenschaftsthriller um das Geschäft ...


GAIAvor 5 Jahren

An dieses Buch kann man durchaus mit falschen Erwartungen herangehen und trotzdem äußerst positiv überrascht werden. Ich bin von einem hochspannenden Wissenschaftsthriller um das Geschäft mit den Organen von Klonen, die als Waisen in einem Heim aufwachsen, ausgegangen. Grundsätzlich beschreibt dies schon die Handlung, nur ist dieses Buch etwas ganz anderes und viel mehr als „nur ein Thriller“. Dass die Ich-Erzählerin Kathy und damit eine der drei Hauptfiguren des Buches, wie auch Ruth und Tommy, in einer Art Internat für sogenannte „Spender“ mit dem Wissen eine solche (Organ-)Spenderin zu sein aufwächst, ist hier nur die Hindergrundgeschichte. Haupthemen des Buches sind vielmehr das Erwachsen werden unter besonderen Bedingungen, die Beziehungsstrukturen zwischen Gleichaltrigen und die Komplexität von Freundschaft und Liebe.

Ishiguro stellte die großen Fragen des Menschseins und dies in meisterhafter Art und Weise. Die Leserin erfährt in Form eines memorierten Berichtes von Kathy von ihrem Aufwachsen als sogenannte „Kollegiatin“ unter Ihresgleichen und nähert sich auch nur in der Geschwindigkeit ihres Erkenntnisprozesses als Kind bis zur jungen Erwachsenen ihrem wahren Zweck in der Welt als geklonte Organspenderin an. Dies kann mitunter ein bisschen langatmig wirken, minderte für mich jedoch abschließend nicht stark die Freude an der Lektüre. Wenn man sich nämlich auf die leisen Zwischentöne konzentriert, mit denen Ishiguro Verhaltenskodizes zeichnet und zwischenmenschliche Beziehungen darlegt, wird dieses Buch zu einem feinen Psychogramm. Zum Ende hin bekommt das Buch dann doch noch einen starken Spannungsbogen, der die zunächst „enttäuschte“ Erwartung an den Wissenschaftsthriller wieder wett macht.

In diesem Buch lernt man nicht viel über Klonverfahren oder Lebendorganspende, dafür aber unglaublich viel über das Miteinander im Aufwachsen und durchaus auch eigene Verhaltensmuster als Kind und Jugendliche. Ein hochklassiges Buch, auf das man sich völlig offen einlassen sollte. Man wird mit dem hochklassigen Werk eines Weltliteraten belohnt.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Interessante Sichtweisen

Das Licht der letzten Tage
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Mich hat der Roman von Emily St. John Mandel (was für ein Name!), welcher in einer Zeit 20 Jahre nach dem Ausbruch einer äußerst tödlichen sowie sich schnell verbreitenden SARS-Mutation als auch auch mithilfe ...

Mich hat der Roman von Emily St. John Mandel (was für ein Name!), welcher in einer Zeit 20 Jahre nach dem Ausbruch einer äußerst tödlichen sowie sich schnell verbreitenden SARS-Mutation als auch auch mithilfe von Rückblicken in unserer prä-corona-Gegenwart spielt, durch seine teilweise überraschende Unkonventionalität überzeugen.

Zum einen finde ich den gewählten Zeitraum von 20 Jahren Abstand zur Apokalypse einen bisher selten bis gar nicht beluchteten. Wenn man nicht nur wissen will, was akut in dem Moment passiert, wenn eine Zivilisation zusammenbricht oder wie es ihr erst Jahrjunderte später geht, so erhält man hier einen guten Eindruck davon. Auch wirken die Rückblicke zunächst wie Null-Acht-Fünfzehn-Geschichten, entwickeln mit zunehmender Seitenzahl jedoch auch einen zunehmenden Sog und eine unerwartete psychologische Tiefe. Die Autorin tut natürlich den Lesenden einen Gefallen, wenn sie sorgfältig alle Erzählstränge im Blick behält und diese am Schluss auch gekonnt zusammenführt. Die Charaktere sind glaubwürdig konstruiert und man begibt sich gern mit ihnen auf die Reise durch eine neue, vielleicht gar nicht so düstere Zeit. Übrigens finde ich es sehr erfrischend, dass die Autorin in diesem Endzeitroman mal nicht ausnahmslos Hoffnungslosigkeit verbreitet noch die Schilderung von Gewalt zum Schockeffekt verkommen lässt.

Die zweite Hälfte des Romans, nachdem ich vollkommen in die Geschichte eingetaucht war, las sich wie Butter runter und war unglaublich spannend geschrieben. Damit bekommt dieser post-apokalyptischer Roman insgesamt eine klare Leseempfehlung von mir.

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Veröffentlicht am 01.08.2025

Was wäre wenn,…

Im Leben nebenan
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In ihrem Romandebüt erforscht Anne Sauer, wie es sich anfühlen würde, wenn man kognitiv plötzlich in ein anderes Leben „gebeamt“ werden würde. Wie das Leben weiter verlaufen würde und ob man sich dort ...

In ihrem Romandebüt erforscht Anne Sauer, wie es sich anfühlen würde, wenn man kognitiv plötzlich in ein anderes Leben „gebeamt“ werden würde. Wie das Leben weiter verlaufen würde und ob man sich dort zurechtfinden kann. Thematisch dreht sich in „Im Leben nebenan“ um die Frage der Mutterschaft. Eine ungewollt kinderlose Frau, die nach einer Kinderwunschbehandlung mal wieder eine Fehlgeburt hatte, erwacht am nächsten Morgen in einer für sie fremden Wohnung mit einem Baby, ihrem Baby, auf der Brust liegend. Was nun?

Antonia, kurz Toni, ist mit ihrer großen Liebe zusammen. Nur können Jakob und sie keine Kinder bekommen. Sie scheinen zu spät dran zu sein, haben scheinbar zu lange damit gewartet. Ansonsten ist dieses Leben genauso, wie es sich Toni wünscht. In dem anderen Leben, in dem sie plötzlich erwacht, befindet sie sich zwar noch in ihrem Körper, dieser ist jedoch von einem Kaiserschnitt gezeichnet. Sie kann sich an keine Ereignisse aus diesem Leben erinnern, wie sie bis an diesen Punkt mit einem Neugeborenen gekommen ist und natürlich glaubt ihr keiner, als sie es verwirrt versucht zu erklären. „Keiner“ ist hier Adam. Ihre frühere Jugendliebe, von dem sich Toni vor 13 Jahren getrennt hat. Sie liebt ihn nicht mehr, muss nun aber notgedrungen mit ihm Familie spielen.

Ich finde den Roman von Anne Sauer sehr klug entworfen. Sie stellt in wechselnden Kapiteln sowohl Tonis „altes“ Leben als auch das „neue“, hineingerutschte Leben dar. Ab diesem einen Punkt der Fehlgeburt befindet sich das Bewusstsein von Toni quasi in zwei Leben. Es läuft nicht so ab, wie in anderen Büchern/Filmen mit diesem „Was wäre wenn“-Thema, dass den Lesenden einfach zwei Versionen vorgesetzt werden und die Lesenden vergleichen und „bewerten“ die beiden Versionen dann selbst. Dadurch, dass Tonis Bewusstsein mit übernommen wird in das „neue“ Leben, erleben wir sie dabei, wie sie sich dort zurechtfinden muss, wie sie selbst damit hadert, jetzt zwar das langersehnte Kind vor sich zu haben, es aber nicht ausgetragen zu haben. Wie kann man ein Kind lieben, was so plötzlich existiert? Wie kann man einen Mann lieben, gegen den man sich vor 13 Jahren bewusst entschieden hat, während das Herz sich nach dem eigentlichen Partner sehnt?

Sauer erklärt nicht, wie es zu dieser Bewusstseinsabspaltung in ein neues Leben gekommen ist. Das ist auch gar nicht nötig, sonder würde es sich um einen Sci-Fi oder Phantastik-Roman handeln. Es ist wie es ist und Toni muss damit leben. Oder besser: die zwei Tonis. Genau diesen Kniff mag ich sehr gern an diesem Roman. Über mehrere Monate hinweg begleiten wir also diese beiden Tonis. Die alte und die neue-alte. Beide treffen auf Hindernisse, beide zweifeln. Auch die alte Toni, die weiterhin in der Kinderwunschbehandlung feststeckt und sich fragen muss, ob dies noch wirklich das ist, was sie will. Das Ende lässt Sauer wunderbar offen. So kann man als Leser:in selbst weiterspinnen, welche Möglichkeiten von Mutterschaft, Schwanger-werden und vielleicht auch bewusste Nicht-Mutterschaft auf Toni zukommen.

Die Buch liest sich leicht, obwohl mitunter heftige Themen behandelt werden. Ein gelungenes Debüt.

4/5 Sterne

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Ist unser Lebensweg und unser Ende vorgezeichnet?

Serpentinen
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Wenn der Urgroßvater, der Großvater und der Vater Selbstmord begangen haben, ist dies dann auch das vorgezeichnete Schicksal für den Sohn? Und den Sohn des Sohnes? Düster zeichnet Bov Bjerg eine (männliche) ...

Wenn der Urgroßvater, der Großvater und der Vater Selbstmord begangen haben, ist dies dann auch das vorgezeichnete Schicksal für den Sohn? Und den Sohn des Sohnes? Düster zeichnet Bov Bjerg eine (männliche) Familiengeschichte von Depressionen, Angst, Aggression. "Ertränkt, erschossen, erhängt. Zu Wasser, zu Lande und in der Luft. Pioniere." so wird das jeweilige Ende der Vorfahren festgehalten in diesem großartigen Roman.

Diese Worte könnten abschrecken vor dem Roman "Serpentinen". Ebenso wie der Einstieg in das Buch. Vor allem die bis auf ein Minimum reduzierte, einsilbige Sprache des Autors macht es der Leserin zu Beginn schwer, eine Verbindung zum Ich-Erzähler aufzubauen. Fragmentarisch - mitunter kryptisch - muten die kurzen Sätze und Absätze an. Manchmal weiß man gar nicht, was der Autor mit einer bestimmten Aussage vermitteln will. Aber hat man sich erst einmal durch die ersten 20 bis 30 Seiten durchgekämpft und noch nicht aufgegeben (auf keinen Fall aufgeben!), öffnet sich die Sprache, das Buch und somit auch die tiefgreifende und ergreifende Lebens- und Familiengeschichte des Ich-Erzählers. Wir begeben uns auf einen tiefschwarz eingefärbten Roadtrip mit dem Erzähler und seinem siebenjährigen Sohn. Durchsetzt von Erinnerungs- und Legendenfetzen. "Legenden" werden hier die Erzählungen, welche von Genereation zu Generation der väterlichen Seite der Familie weitergegeben werden, genannt. Die Situation, die Ungewissheit, was der Erzähler eigentlich vorhat und was er letztendlich tun wird, wird immer spannender. Man bangt um das Leben des Erzählers und seines Sohnes.

Soziologie, Psychologie und Geografie. Vieles spielt in diesem Roman eine Rolle, um die Gedanken und Handlungen des Erzählers zu verstehen. Nach der Lektüre hat man das Gefühl, trotzdem nur die Häfte verstanden zu haben und am besten gleich das Buch noch einmal von vorn lesen zu müssen, zu wollen. Ich verzeihe dem Autor den schwierigen Einstieg und komme zu dem Schluss, dass ich diesen Roman als überwältigend einschätze.

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Veröffentlicht am 25.07.2025

Solide Lektüre für zwischendurch. Sehr ansehnlich!

Die unglaubliche Entdeckung des Mr. Penumbra
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In diesem Prequel zu "Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra" treffen wir Ajax Penumbra als Post-Graduate einer Uni mitten im Nirgendwo an. Er begibt sich auf eine spannende Reise nach San Francisco, ...

In diesem Prequel zu "Die sonderbare Buchhandlung des Mr. Penumbra" treffen wir Ajax Penumbra als Post-Graduate einer Uni mitten im Nirgendwo an. Er begibt sich auf eine spannende Reise nach San Francisco, um ein verschollenes Buch zu finden, und wie Leser des Romans "Die sonderbare Buchhandlung..." wissen, bleibt er auch dort hängen.

Der Plot ist kurzweilig erzählt und hält eine - bei nur 80 Seiten reiner Fließtext - sehr kurze Abenteuergeschichte bereit für zwischendurch. Dies ist auch mein Hauptkritikpunkt am "Büchlein", denn hier wäre noch viel Platz nach oben gewesen für die Geschichte dieser Figur Penumbra. Es erscheint ein bisschen so, als ob durch den unerwarteten und durchschlagenden Erfolg des Hauptromans geschaut wurde, ob noch eine weitere vermarktungswürdige Geschichte zu den liebgewonnenen Charakteren in der Schublade steckt. Die Geschichte hätte anderorts auch als längere Kurzgeschichte durchgehen können. Andererseits ist es gut, dass sie nicht in den USA und UK als E-Book (wie in Deutschland) versandet ist, denn dies ist definitiv eine Erwähnung wert: Die Buchgestaltung von "Ajax Penumbra 1969" ist großartig. Von Schutzhülle, über Buchbindung bis zum Papier und der Schriftart hat man das Gefühl, ein Buch aus dem Jahre 1969 in Händen zu halten. Ich möchte es am liebsten gar nicht mehr weglegen, musst dies aber eben (siehe oben) viel zu schnell wieder tun.

Insgesamt handelt es sich um eine durchaus lesenwerte Lektüre, die leider viel zu kurz geraten ist, dafür aber umso schöner in der Hand liegt.

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