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Veröffentlicht am 08.05.2026

Eher ein morastiges als ein flüssiges Land

Das flüssige Land
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Bei diesem Debüt von Raphaela Edelbauer kann man nach der Lektüre gut nachvollziehen, warum es auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gelandet ist. Ein hohes Ansehen bei den (professionellen) Kritikern ...

Bei diesem Debüt von Raphaela Edelbauer kann man nach der Lektüre gut nachvollziehen, warum es auf der Shortlist für den Deutschen Buchpreis gelandet ist. Ein hohes Ansehen bei den (professionellen) Kritikern wird der Autorin gewiss sein. Für den ambitionierten (Amateur-) Leser ist es wahrscheinlich weniger befriedigend.

Der Plot dreht sich um eine theoretische Physirkerin, welche seit vielen Jahren an ihrer Habilitation schreibt, unter diesem Druck medikamentenabhängig geworden ist und nun aus der Bahn geworfen durch den plötzlichen Unfalltod der Eltern in deren Heimatort "Groß-Einland" zurückkehrt. Dieser Ort scheint in Österreich, aber auch wieder nicht dort, zu liegen. Edelbauer beschreibt eine abgeschottete Gemeinschaft, die in einer sozialistischen Dikatatur zu leben scheint. Hier werden viele Metaphern zum Umgang mit Geschichte und dem Wunsch nach Vergessen eingeflochten in die bizarre und mitunter recht surreale Handlung des Buches. Es gibt eingeschobene fiktive Stadtarchiveinträge sowie metaphysisch-physikalische Textstellen.

Die Sprache der Autorin ist zu Beginn für den ungeübten deutschen Leser, gespickt mit österreichischem Termini, gewöhnungbedürftig. Wer sich darauf einlässt wird mit durchaus anspruchsvollen und interessanten Formulierungen, Gleichnissen und Beschreibungen belohnt. Dies ist kein Buch, was man mal eben nebenher lesen kann und sollte.

Trotz interessanter Betrachtungen zu Geschichtsvergessenheit und Verdrängung von Gräultaten wirkt das Buch mit der Zeit eher zäh als flüssig. Es werden viele interessante Thesen aufgeworfen, dann aber einfach links liegen gelassen. Nichts wird zuende diskutiert, alles angestoßen. Nach der Lektüre bleibt man ratlos zurück. Natürlich ist dies als Anregung der eigenen Gedanken in einem gewissen Maße nie schlecht. Aber eben in einem gewissen Maße.

Eindeutig ein interessantes Buch, welches mir gut gefallen, mich jedoch nicht umgehauen hat. Da hätte ich mir bei der Ankündigung mehr erwartet. Die Autroin zeigt aber definitiv ihr massives kreatives Potential, welches den Leser aber mitunter überrollt.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Diffuses Aneinanderreihen von Familienanekdoten

Otto
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Bei diesem ersten Roman von Dana von Suffrin hatten mich zunächst die ersten zwanzig, dreißig Seiten gefangen genommen und ich freute mich sehr auf ein schwarzhumoriges Buch über eine verquere, jüdische ...

Bei diesem ersten Roman von Dana von Suffrin hatten mich zunächst die ersten zwanzig, dreißig Seiten gefangen genommen und ich freute mich sehr auf ein schwarzhumoriges Buch über eine verquere, jüdische Familie in der heutigen Zeit.
Prinzipiell erzählt auch der Roman genau davon, indem er die Ich-Erzählerin Timna von ihrem Vater Otto, ihrer kleinen Schwester Babi aber auch ihre Mutter und der Halbschwester erzählen lässt. Otto liegt zunächst schwerkrank im Krankenhaus und wird wieder entlassen, um nun (wie schon in der Vergangenheit) das Leben der Töchter auf sich und seine Bedürfnisse auszurichten.

Die Erzählerin berichtet dabei nicht nur von Vorkomnissen aus der Gegenwart sondern springt immer wieder zurück in ihre eigene Kindheit und die Geschichte der jüdischen Familie bevor sie geboren worden ist. Leider verlor sich mein Interesse mit zunehmendem Fortschreiten des Buches, an Timna und an ihren Familienmitgliedern. Die Figuren bleiben leider für mich allesamt blass. Natürlich gibt es die ein oder andere amüsante Episode zu erzählen, diese werden - durcheinander aneinander gereiht - aber leider zu abstrust. Ich bin mir nicht sicher, was die Autorin in das Zentrum ihres Romans stellen wollte. Die Figuren oder die Familienanekdoten? Aus meiner Sicht sind es nun beide Themen, diese aber nur halbherzig. Obwohl das Büchlein nur 240 Seiten kurz ist, habe ich mich ab der Hälfte gelangweilt und wurde mit einem eher faden Ende in die Welt entlassen. Bei mir hat der Roman wenig aufgewühlt, wenngleich er schon auch die ein oder andere kluge Überlegung zu problematischen, familiären Beziehungen beinhaltet.

Ich kann das Buch leider nicht aus vollem Herzen empfehlen. Es ist zwar gut geschrieben, bleibt aus meiner Sicht jedoch mittelmäßig. Ich hätte mehr Tiefgang und/oder auch mehr "jüdischen" (wenn es den einen überhaupt gibt) Humor darin erwartet.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ein sehr gutes Buch, welches man gar nicht mehr weglegen möchte

Der Sprung
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In Simone Lapperts Roman bekommen wir in einem sehr definierten Zeitraum von drei Tagen die Seelenwelt von zehn verschiedenen Personen, die - mal direkter mal indirekter - mit dem drohenden Sprung einer ...

In Simone Lapperts Roman bekommen wir in einem sehr definierten Zeitraum von drei Tagen die Seelenwelt von zehn verschiedenen Personen, die - mal direkter mal indirekter - mit dem drohenden Sprung einer jungen Frau von einem Hausdach zu tun haben.

Da in jedem Kapitel aus Sicht der jeweiligen Person erzählt wird, bekommen wir langsam einen Einblick in das Netz, welches sich zwischen den Personen spannt. Dieses Netz und auch die Erzählung als solche baut Lappert hochspannend auf, sodass man das Buch gar nicht mehr aus der Hand legen möchte. Sie verwendet eine einfache Sprache, die trotzdem eine starke Doppelbödigkeit aufweißt und häufig in einfachen Beobachtungen eine Vielzahl ein Deutungen zulässt. Das empathische Mitschwingen mit den Akteuren fällt bei der Schreibkunst der Autorin nicht schwer.

Leider ist mir der dritte und damit letzte Teil des Buches etwas zu kurz geraten. Liebgewonnene Charaktere tauchen nicht mehr - oder lediglich als Randnotiz - wieder auf, Handlungsstränge werden fallen gelassen. Insgesamt hätte ich mir im letzten Abschnitt 30-50 Seiten mehr gewünscht. Es muss nicht jede Geschichte zuende erzählt werden, aber nachdem wir so sehr in die Psyche der Beteiligten geblickt haben, wurden sie mir dann doch zu schnell abgefertigt.

Schlussendlich finde ich das Buch trotzdem großartig und definitiv empfehlenswert. Ich war gebannt vom Geschehen und wollte das Buch gar nicht mehr weglegen.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Wenn aus einer Beregnungsgemeinschaft eine Begegnungsgemeinschaft wird

Vom Miteinander
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Victoria Hohmann versammelt in ihrem Band "Vom Miteinander" in ihrer - wie aus vorherigen Veröffentlichungen - bekannten Manier 13 Texte, welche inhaltlich durch verschiedene Beschreibungen von Möglichkeiten ...

Victoria Hohmann versammelt in ihrem Band "Vom Miteinander" in ihrer - wie aus vorherigen Veröffentlichungen - bekannten Manier 13 Texte, welche inhaltlich durch verschiedene Beschreibungen von Möglichkeiten des Miteinanders zusammengehalten werden. Wir treffen Individuen, welche sich versuchen aus der Einsamkeit wieder zurück in die dicht bevölkerte Welt zu integrieren. Aber auch Paare, Verwandte und ganze Dorfgemeinschaften, die so einiges miteinander verbindet oder auch trennt. Dieser Band unterscheidet sich sichtbar durch den Umfang von den vorherigen Bänden zu den Themen "Vom Dazwischen" und "Von Verwandlungen". Umfassten diese beiden noch ca. 200 Seiten, so sind es hier schon fast 300. Es gibt viel zu sagen zum Thema Miteinander. Das auf das im Design Wesentliche reduzierte Cover reiht sich angenehm zu den Vorgängern.

Stilistisch bleibt Hohmann in ihren Texten stets abwechslungsreich. So wird auch mal fragmentarisch mit Zeilenumbrüchen als Stilmittel gearbeitet. Dies sind zwar zunächst ungewohnte und auch recht anspruchsvolle Texte bzw. Textpassagen, der Leser wird jedoch gerade dort mit hochinteressanten Gedanken und Denkanstößen belohnt. An anderer Stelle wird schnell eine Sympathie für die Protagonisten durch einen liebevollen, amüsierten, auktorialen Blick der Erzählerin auf ihre Figuren hergestellt.

"Vom Miteinander" ist definitiv keine Lektüre für nebenher. Hier werden Ideenräume aufgemacht, die während dessen und nach jeder Geschichte für sich verarbeitet werden müssen. Diese Sammlung lohnt die Beschäftigung damit, denn danach wird man wahrscheinlich anders auf alltägliches und nicht-alltägliches/mitunter abstruses Aufeinandertreffen verschiedenster menschlicher Charaktere sehen. Kommunikation, Antizipation sozialer Handlungen, Intra- und Intergruppenprozesse - kurz das Miteinander in seinen vielen, verschiedenen Facetten. Sehr schön.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Der Colson Whitehead der 60er Jahre

Ein anderer Takt
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57 Jahre nach dem Erscheinen dieses Meisterwerks haben wir nun auch die Möglichkeit den Debütroman von - dem bei uns noch vollkommen unbekannten - William Melvin Kelley auf Deutsch lesen zu können und ...

57 Jahre nach dem Erscheinen dieses Meisterwerks haben wir nun auch die Möglichkeit den Debütroman von - dem bei uns noch vollkommen unbekannten - William Melvin Kelley auf Deutsch lesen zu können und dürfen.
Der Roman erzählt aus verschiedenen Perspektiven ein einschneidendes Ereignis, welches zur massenhaften Migration von schwarzen Amerikanern aus einem fiktiven Südstaat nach Norden führt. Ein schwarzer Farmer versalzt sein Ackerland, zerstört seine Habseligkeiten und brennt sein Haus nieder, um dann den Staat zu verlassen. Ihm folgen alle anderen Schwarzen und nun leitet Kelley aus den Perspektiven verschiedener Weißer her, warum es dazu gekommen sein könnte. Dabei handelt es sich um private einblicke, die natürlich allgemeinere und weitreichendere Interpretationen zulassen.

Der Roman entwickelt einen Sog, wie ich ihn bisher nur von Colson Whitehead kenne. Ob Kelley ein Vorbild für Whitehead war, kann ich nicht beurteilen, beide treiben jedoch den Plot ähnlich voran, indem sie zunächst von einem einzigen Ereignis ausgehen, welches zunächst unverständlich und schwer nachvollziehbar erscheint. Erst zum Ende hin wird durch immer mehr Indizien das ganze (oder vielleicht auch nie ganze) Bild für den leser offenbart. Diese Art des Schreibens beindruckt mich sehr und führt auch zu einer großen Beageisterung für dieses kluge, zeitlose Buch.

Ein wenig zu übertrieben finde ich das Vor- und das Nachwort zusammen. Beide ordnen das vorliegende Werk des Autors aus unterschiedlichen Sichten für den Leser ein. Eins der beiden hätte aber auch ausgereicht. Da das Nachwort von der Tochter Kelleys stammt, würde ich eher das Vorwort weglassen, sodass der Leser sofort und ungehindert mit diesem hervorragenden Roman starten kann.

Dieses Buch empfehle ich dringend allen Fans des aktuell (verhältnismäßig) erfolgreichen Colson Whitehead. Ihr werdet gefangen und begeistert sein.

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