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Veröffentlicht am 08.05.2026

Verkehrte Welt(-geschichte). Grandiose Idee!

Der Platz an der Sonne
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Christian Torkler bedient sich in seinem Roman "Der Platz an der Sonne" eines gewieften Tricks, er verändert "eine Kleinigkeit" in der Weltgeschichte, um Nord und Süd zu vertauschen. Aber von vorn: Josua ...

Christian Torkler bedient sich in seinem Roman "Der Platz an der Sonne" eines gewieften Tricks, er verändert "eine Kleinigkeit" in der Weltgeschichte, um Nord und Süd zu vertauschen. Aber von vorn: Josua Brenner, der Protagonist und Ich-Erzähler des Romans beschreibt in Notizheften seine Lebensgeschichte bis zu zum Punkt, an dem der Roman startet, nämlich hinter Gittern. Die - ziemlich genau - erste Hälfte des Romans spielt dabei in Berlin, welches, wie das restliche Europa durch einen dritten Weltkrieg, welcher bis 1961 anhielt, vollkommen zerbombt und rückständig geblieben ist. Die Länder Afrikas sind allerdings ungeschoren aus der Sache herausgegangen und bilden mittlerweile als Union die erste Welt, wohingegen Europa der dritten Welt zugeordnet werden könnte. Nach vielen Schiksalsschlägen macht sich Brenner in der zweiten Hälfte des Romans auf den Weg in eine bessere Zukunft... auf dem Kontinent Afrika.

Durch detailierte (manchmal erschöpfende) Schilderungen des durchaus nicht leichten Lebens in Berlin, entsteht beim Leser eine große Empathie für den Protagonisten und seine Entscheidung, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen, oder vielmehr die Füße in die Hand. So fiebert man im zweiten Teil im Rahmen der schrecklichen Fluchtgeschichte von Brenner richtiggehend mit und es entsteht ein großes Mitgefühl und Verständnis nicht nur für Brenner, sondern generell für Flüchtlinge, die sich dafür entscheiden ihre Heimat zu verlassen und auf eine entbehrungsreiche und gefährliche Reise zu begeben. Besonders in den Erlebnissen des Protagonisten in den deutschen Staaten (es gibt nicht das "Deutschland" mehr) erinnert die Fluchtgeschichte an Boschwitz' "Der Reisende" und macht eins klar: Egal aus welchen Gründen sich jemand gezwungen fühlt zu flüchten, einfach wird es nie und er ist der Gunst von anderen Menschen überlassen aber auch deren Willkür.

Torkler bedient sich damit eines grandiosen Tricks, um Leser des Romans durch eine alternative Realität die aktuelle Situation von Hilfe suchenden Flüchtlingen näher zu bringen und Verständnis zu wecken. Auch wenn das Buch mit seinen fast 600 Seiten durchaus Längen hat, so sind diese unverzichtbar, um den zähen Kampf um ein besseres Leben darzulegen. Ein sehr empfehlenswertes Buch.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Leider zu kurz geraten und damit emotionale Tiefe eingebüßt

Wie die Freiheit schmeckt
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Tamika Campbell hat so einiges in ihrem Leben erlebt, leider zum größten Teil psychische und physische Gewalt, Missbrauch und die Abwesenheit von bedingungsloser Liebe. Umso unglaublicher, wie diese Person ...

Tamika Campbell hat so einiges in ihrem Leben erlebt, leider zum größten Teil psychische und physische Gewalt, Missbrauch und die Abwesenheit von bedingungsloser Liebe. Umso unglaublicher, wie diese Person trotzdem so erfolgreich ihren eigenen Weg gehen konnte.

Leider wird dieser Weg - sowohl innerhalb der Sekte, als auch heraus und danach - nur im Zeitraffer erzählt. Ganz selten verweilen wir in einer einzelnen Lebensituation und erfahren mehr über die Gefühls- und Gedankenwelt der Autorin. So kommt dem Buch leider die emotionale Tiefe abhanden, die diese Lebensgeschichte eigentlich für den Leser haben könnte. Auch fehlen detailierte Beschreibungen, sodass das innere Bild vom Leben in der Sekte etc. nicht so recht entstehen kann.

Sprachlich störten zu Beginn des Buches noch die zu häufig verwendeten umgangssprachlichen Formulierungen. Diese erscheinen im Zusammenhang mit der schrecklichen Geschichte irgendwie unpassend. Da stockte der Lesefluss, kam jedoch mit Fortschreiten des Textes - und Reduktion der Umgangssprache - wieder in Gang. Zuletzt, wenn es um den Weg in die Comedy-Szene geht, passen dann witzige Kommentare wieder gut inhaltlich in den Text.

Insgesamt eine bewegende Lebensgeschichte, wenn auch leider kein bewegendes Buch. Dafür fehlten die emotionale Tiefe. Aus meiner Sicht hätte das Buch auch gut doppelt so dick sein können und damit weniger abrupte Sprünge in der Biografie stattfinden müssen. Hier macht es als aktuelles Beispiel Deborah Feldman mit ihrem "Unorthodox" und "Überbitten" dem Leser leichter, mit ihr mitzufühlen und -fiebern.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Absolut keine "große Dystopie"

Das Tor
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Zum Inhalt des Buches will ich gar nicht viele Wörter verschwenden. Hier trifft es die Inhaltsangabe des Verlags mal ganz gut. Leider bietet die Geschichte nicht viel mehr als eine relativ zusammenhangslose ...

Zum Inhalt des Buches will ich gar nicht viele Wörter verschwenden. Hier trifft es die Inhaltsangabe des Verlags mal ganz gut. Leider bietet die Geschichte nicht viel mehr als eine relativ zusammenhangslose Aneinanderreihung von Eindrücken aus einem arabischen, stark religiösen, totalitären Regime (hier darf natürlich Ägypten vermutet werden) nach einer versuchten Revolution ("Arabischer Frühling). Dies alles geschieht im Rahmen der - zugegebenermaßen doch recht kreativen - Plotidee, dass plötzlich das sogenannte "Tor" jegliche Entscheidungsgewalt über die Bürger innehat.

Leider wird aus dieser dystopischen Idee nicht viel gemacht. Die Handlung bleibt bis zum Schluss unübersichtlich, die Figuren flach, die Szenerien unvorstellbar. Und mit diesem "unvorstellbar" ist gemeint, dass sich aufgrund der sehr simplen, gewöhnlichen, einfallslosen Erzählweise und des mangelhaften Schreibstils einfach keine innere Vorstellung (ihr wisst schon, der inner Film, der in einem abläuft, wenn man ein gutes Buch liest) einstellen will. Mit den Figuren wollen weder Sympathien noch Antipathien entstehen, da diesen jegliche Tiefe fehlt. Überraschend, da die Autorin ja scheinbar als Psychiaterin tätig ist.

Tatsächlich bleibt die Szenerie vor dem Tor bis zum Schluss "kafkaesk", wobei festzuhalten ist, dass das Buch in keinster Weise mit dem Werk von Kafka vergleichbar ist. Dies möchte uns nämlich eine Kritikerstimme - zitiert auf der Rückseite des Buches - der New York Times weismachen. Dort steht: "Das Tor muss in einem Atemzug mit großen Klassikern wie George Orwells 1984 und Franz Kafkas Der Prozess genannt werden." Dazu fällt mir abschließen nur ein, dass wenn ich dies wörtlich nehme, dann kann diese Nennung nur folgendermaßen aussehen: "Das Tor ist bei weitem nicht so gut wie George Orwells 1984 und Franz Kafkas Der Prozess und verdient den Vergleich nicht."

Insgesamt kann ich allen von einer Lektüre dieses Romans nur abraten, die ihre Lese- und Lebenszeit sinnvoller nutzen möchten.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Ganz anders als erwartet

Die Tanzenden
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In diesem Roman erwartet die Lesenden viel mehr, als der Klappentext verspricht. Merkwürdig, meist ist es andersherum: Es wird zu viel versprochen, was dann nicht gehalten werden kann.

Die Geschichte ...

In diesem Roman erwartet die Lesenden viel mehr, als der Klappentext verspricht. Merkwürdig, meist ist es andersherum: Es wird zu viel versprochen, was dann nicht gehalten werden kann.

Die Geschichte um die kluge, aufmüpfige Eugénie, welche im Paris des Fin de Ciécle Visionen von Geistern hat und daraufhin im Irrenhaus landet, sowie die dienstälteste Krankenschwester dort Geneviève, als Hauptfiguren ist klug und vor allem zügig erzählt. Interessante Wendungen in der Geschichte, lassen die Leserschaft ständig eigene Überzeugungen zu geistiger Gesundheit und Wahnsinn hinterfragen. Die Geschichte zeigt brutale, ungerechte Handlungen gegen Frauen, bleibt währenddessen jedoch stets kurzweilig. Das klingt im ersten Moment widersinnig, fasst den Schreibstil der Autorin jedoch am besten zusammen. Atemlos zieht man diesen Pageturner ein, dem man höchstens vorwerfen könnte, dass er etwas zu direkt, zu plakativ die gesellschaftlichen Missstände der damaligen Zeit ausformuliert, ohne den Lesern viel Interpretationsspielraum zu lassen.

Insgesamt hat mir die Lektüre dieses Romans von Victoria Mas sehr gut gefallen. Die Geschichte ist sowohl informativ als auch spannend erzählt.

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Veröffentlicht am 08.05.2026

Diese Rezension wird Ihr Leben verändern! (Lesen Sie jetzt, was Sie im Buch erwartet...)

QualityLand 2.0 (QualityLand 2)
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Gewohnt witzig beschreibt Marc-Uwe Kling in seiner Fortsetzung für seine erste lustige Dystopie "Qualityland" eine nicht ganz so ferne Zukunft, in der die Technik und der Kapitalismus das Leben der Menschen ...

Gewohnt witzig beschreibt Marc-Uwe Kling in seiner Fortsetzung für seine erste lustige Dystopie "Qualityland" eine nicht ganz so ferne Zukunft, in der die Technik und der Kapitalismus das Leben der Menschen bestimmen. Die Handlung setzt dabei nur kurze Zeit nach dem ersten Teil ein, sodass es sich auch gut anbietet, den ersten gleich vorher noch einmal zu lesen.

Dies braucht man jedoch nicht, da Kling durch die Beschreibung der "Dramatis Personae" nicht nur die Erinnerung an die Figuren aus dem ersten Teil, sondern auch gleich dessen Handlung wieder wachruft. Von der ersten Seite an besticht das Buch vor allem dadurch: Klassische wie auch digitale Elemente - von Disclaimer über Dramatis Personae über die Fußzeilen bis hin zu den eingeschobenen Werbetafeln - , die in der Form perfekt zum Gesamtkonzept passen. Beim Lesen stellt sich dadurch sofort das altbekannte Gefühl ein, dass hier alles einen doppelten Boden hat, dass es hier die kaberettistische Metaebene überall durchscheint. Wissenswertes aus dem Bereich Kapitalismus- udn Technikkritik verwebt Kling gekonnt und stets humorvoll mit dem Inhalt des Buches. Leider hinkt aus meiner Sicht der Plot leider dem ersten Teil ein wenig nach. Er ist zwar spannend geschrieben, trotzdem fehlte am Ende das gewisse Etwas zur Großartigkeit.

Von meiner Seite gibt es für das Buch eine eindeutige Leseempfehlung, genauso wie für den Vorgänger sowie die Känguru-Chroniken. An Marc-Uwe Kling geht gerade kein Weg vorbei.

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