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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 16.11.2025

Charakterstudie

Dius
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Dius war etwa 20, als er seinen Professor einlud, sein Freund zu werden.. Entstanden ist über die Jahre eine nicht ganz einfache Beziehung, die beider Leben beeinflusste.

Im Mittelpunkt des gesamten Romans ...

Dius war etwa 20, als er seinen Professor einlud, sein Freund zu werden.. Entstanden ist über die Jahre eine nicht ganz einfache Beziehung, die beider Leben beeinflusste.

Im Mittelpunkt des gesamten Romans steht die Kunst. Gemälde werden auf eine Weise beschrieben, die mich neugierig machten, so dass ich nicht umhin kam, sie im Internet zu suchen. Auch alte Musik spielt eine große Rolle. Doch zu Beginn, das muss ich ehrlich zugeben, hat mich das Buch gelangweilt. Schließlich geschieht die meiste Zeit nicht allzu viel. Wie so oft im Leben, wird die Lethargie dann glücklicher Weise immer mal wieder durch Geschehnisse unterbrochen, die einen aufwachen lassen.

Was mich aber ab etwa der Hälfte nicht mehr losgelassen hat, waren die hervorragenden Charakterisierungen der im Mittelpunkt stehenden Figuren. Da schreibt der inzwischen promovierte Professor auf Seite 175 über seinen Eleven, der sich kaum mal im Unterricht sehen ließ: „Immer wieder beobachtete ich ihn; er war ein Mensch, der nicht in die Zeit passte, in der er lebte, und dadurch zur Verkörperung all dessen wurde, woran es in der heutigen Zeit mangelte …“ Während Anton Dius’ Talente voller Bewunderung anerkennt, beschreibt er sich selbst so: „Ich bin ein Mann vieler halber Talente, nichts Ganzes…, war kaum mit der rohen Übermacht wahrer Begabung konfrontiert … So bin ich ein Mann geblieben,der stets davon träumte, kreativ zu sein, der aber zu gelehrt, zu kultiviert, vielleicht auch zu sensibel war, um das Joch einer echten Begabung zu ertragen.“ (Seite 260).

Fasziniert hat mich, wie der wechselhafte Dius, der sich häufig über den Dingen stehend wähnte, seinen älteren Freund manipulierte. Meist hat er an sich und sein Wohlergehen gedacht und dabei Anton in so mancher Situation vor den Kopf gestoßen. Im zweiten Teil des Romans ist er ganz aus Antons Leben verschwunden und der fällt – schlimmer als zuvor - in seine Lethargie zurück, um dann im dritten Teil Dius trauriges Ende unmittelbar mitzuerleben. Aber nicht, dass ein falsches Bild entsteht: Hier geht es nicht um homosexuelle Liebe, sondern um eine echte, tiefe Freundschaft. Beide Männer lieben Frauen, was aber auch nicht komplikationslos verläuft.


Fazit: Nach einer viel zu langen Einlesezeit, während der ich schon über einen Abbruch nachdachte, hat mich das Buch schließlich doch gepackt. Aber die volle Punktzahl kann ich nach der anfänglich negativen Erfahrung nicht vergeben.

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Veröffentlicht am 30.10.2025

Ein selbstbestimmtes Leben

Die Knef
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Auf dieses Buch war ich neugierig. Noch nie hatte ich einen Comic dieser Art in der Hand. Natürlich kenne ich Asterix und Co, habe sie mir früher auch gerne mal angeschaut. Doch eigentlich empfand ich ...

Auf dieses Buch war ich neugierig. Noch nie hatte ich einen Comic dieser Art in der Hand. Natürlich kenne ich Asterix und Co, habe sie mir früher auch gerne mal angeschaut. Doch eigentlich empfand ich sie nur als nette Unterhaltung für Lesefaule. Dieses Buch hat mich eines besseren belehrt.

Hildegard Knef ist 1925 geboren, im gleichen Jahr wie meine Mutter. Ihre Chansons haben mich durch meine Jugend begleitet. Doch eigentlich wusste ich kaum etwas über sie. Außer, dass sie – wie meine Mutter auch – in Berlin aufgewachsen ist.

Während der Lektüre dieses Buches habe ich sie besser kennen gelernt. Habe über die „Fehltritte“ der selbstbewussten Frau gestaunt, die ihren eigenen Weg gegangen ist. Die Bilder und die Worte, die an ihre eigenen angelehnt sind, haben mich sehr berührt. Im Schnelldurchgang bin ich durch ihr Leben gerauscht und habe dabei ihre Höhen und Tiefen hautnah miterlebt. Ich habe von den nicht enden wollenden Anstrengungen der Diva erfahren, die Ella Fitzgerald als „the greatest singer without a voice“ bezeichnete.

Alles in allem bewundere ich nun nicht nur ihr Leben, sondern auch die Art der Darstelllung durch Moritz Stetter. Ihm ist es gelungen, mich sogar auf ihr Buch „Der geschenkte Gaul“ neugierig zu machen.

Fazit: Ich muss mein Urteil über Comics revidieren. Sie können viel mehr ausdrücken, als ich bisher angenommen hatte. Chapeau für Moritz Stetter!

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Versuch einer Aufarbeitung

Die Ausweichschule
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Kaleb Erdmann (*1991) hat seinen Ich-Erzähler als Fünftklässler den Schulamoklauf am 26. April 2002 in Erfurt miterleben lassen. Gute zwanzig Jahre später will er ein Buch darüber schreiben. Doch es stellt ...

Kaleb Erdmann (*1991) hat seinen Ich-Erzähler als Fünftklässler den Schulamoklauf am 26. April 2002 in Erfurt miterleben lassen. Gute zwanzig Jahre später will er ein Buch darüber schreiben. Doch es stellt sich heraus, dass das nicht so einfach ist.

Wir begleiten den Autor durch seine Recherche und seine Schreibversuche. Dabei lesen wir von seiner Suche nach den tatsächlichen Ereignissen und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Alltäglichkeiten werden ausgeschmückt und bekommen einen großen Raum.

Herausgekommen ist ein Buch, das sich gut für eine Leserunde eignen würde, da es viel Diskussionsstoff enthält. Während so manche Ausführungen ermüden, war es für mich doch erhellend, wie groß seine Traumatisierung war, ohne dass er es über einen langen Zeitraum bemerkt hatte. Viele Ereignissen scheinen die Erlebnisse seines elfjährigen Ich überlagert zu haben, was vielleicht daran lag, dass er Erfurt bereits zwei Jahre nach den Ereignissen verlassen hatte. Nun verliert er sich bei jedem Versuch, auf den Punkt zu kommen ,in Nebensächlichkeiten. als suche er nach Ausweichmöglichkeiten.

So ist ein Buch entstanden, das im herkömmlichen Sinn kein Roman ist. Die Aufzeichnungen erinnern eher an ein Recherche-Tagebuch. Allerdings nicht mit einem konstanten Ablauf, sondern willkürlich durcheinander gewürfelt. Für mich ist das am ehesten eine gelungene Beschreibung dessen, was ein Trauma bewirken kann.


Fazit: Ich finde es sehr schwer, diesen Roman zu beurteilen. Er hat mir nicht gefallen, hat mich aber an der Zerrissenheit des Erzählers teilhaben lassen. Er hat mich teilweise abgestoßen, aber trotzdem nicht losgelassen, so dass ich es nicht zur Seite legen konnte. Insofern empfinde ich es als literarische Besonderheit.

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Veröffentlicht am 29.09.2025

Eine ungewöhnliche Adlige

Prinzessin Alice
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Schon das Cover macht es deutlich: hier geht es um eine gut gekleidete Frau, die durch ein Gitter von ihrer Umgebung abgeschnitten ist. Die Erzählung handelt vom Leben der Victoria Alice Elizabeth Julia ...

Schon das Cover macht es deutlich: hier geht es um eine gut gekleidete Frau, die durch ein Gitter von ihrer Umgebung abgeschnitten ist. Die Erzählung handelt vom Leben der Victoria Alice Elizabeth Julia Marie Prinzessin von Battenberg (*25. Februar 1885 in Windsor Castle; † 5. Dezember 1969 im Buckingham Palace, London). Sie war die Mutter von Philip Mountbatten und die Großmutter von Charles III.

Irene Dische hat sich damit schon zum zweiten Mal einer ungewöhnlichen historischen Figur gewidmet. Und ebenso wie in Die militante Madonna, in der sie ihre Hauptfigur Chevalier d'Eon de Beaumont zu Wort kommen ließ, lässt sie auch in diesem Buch die Protagonistin selbst erzählen. Doch das macht das Buch nicht unbedingt einfacher zu verstehen.

Während der Beginn einen heiteren Einblick in die Familiengeschichte gewährte, hat der zweite Teil, der das Leben der Protagonistin in der Psychiatrie erzählt, meine Begeisterung etwas gedämpft. Hier habe ich viele Gedanken nicht nachvollziehen können. Aber sicherlich war das Absicht, denn wer kann sich schon in einen verwirrten Kopf hineindenken? Im dritten und letzten Teil durfte ich Alice begleiten, als sie als Nonne verkleidet nach Athen reiste, um sich dort vor den Deutschen zu verstecken. Eine traurige Angelegenheit, die sie aber mit viel Verve zu meistern wusste.

Alles in allem konnte ich einen Blick in ein ungewöhnliches Leben mit werfen. Aber meiner Meinung nach hat die Autorin schon bessere Bücher geschrieben.

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Veröffentlicht am 24.09.2025

Erinnerungskartons

Kairos
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Was tun, wenn einem plötzlich zwei Kartons vor die Tür gestellt werden, in denen sehr emotionale Erinnerungen gestapelt sind? Katharina braucht eine Weile, ehe sie sich daran wagt und damit eine nicht ...

Was tun, wenn einem plötzlich zwei Kartons vor die Tür gestellt werden, in denen sehr emotionale Erinnerungen gestapelt sind? Katharina braucht eine Weile, ehe sie sich daran wagt und damit eine nicht gerade einfache Zeit noch einmal zum Leben erweckt.

Sie war 19, als sie sich in einen Mittfünfziger verliebte. Er war verheiratet und sie nicht seine erste Nebenbei-Gespielin. Es entwickelte sich eine sehr intensive Beziehung, deren Aufs und Abs in diesem Buch sehr ausführlich erzählt werden.

„Wie soll man es aushalten, dass die Gegenwart Moment für Moment hinabrauscht und Vergangenheit wird?"

Hier wird eine Liebe beschrieben, die eigentlich von Anfang zum Sterben verurteilt war. Sie kamen aus völlig unterschiedlichen Generationen: während er als Kind noch Vertreibung miterlebte, fehlte ihr jegliche Lebenserfahrung. Nur spielten die Hormone so verrückt, dass sie beide sich das niemals eingestanden.

Die Geschichte spielt kurz vor dem Mauerfall in Ostberlin. Der im Klappentext erwähnte Satz „Vor dem Hintergrund der untergehenden DDR“ hat mich dazu bewogen, das Buch zur Hand zu nehmen. Denn auch dreißig Jahre danach ist die Zeit für mich immer noch sehr spannend. Leider wurde die Zeitgeschichte im ersten Teil des Buches weitgehend ausgespart, dafür bekam ich als Leserin die Gefühle der Protagonisten sehr detailliert geschildert. So konnte ich erleben, wie sich die beiden in ihre Verlorenheit hineinsteigerten, sich in ihren Unsicherheiten einrichteten und sie nicht mehr aufgeben wollten.

Jenny Erpenbeck (*12. März 1967 in Ostberlin) hat zugegeben, dass sie hier eine autobiographische Erfahrung in Worte gefasst hat. Eine Liebesgeschichte, die sich so oder so ähnlich sicherlich oft ereignet. Dabei hat sie uns ganz tief in die Gefühle der beiden mit hinein genommen.

Bei mir blieb im Nachklang aber vor allem Mitleid mit den Protagonisten. Ich litt mit der jungen Frau, die bei ihrem Liebhaber Halt suchte, während er davon träumte, mit ihr noch einmal jung zu sein, bis ihm der Altersunterschied bewusst wurde und er sich fragte, ob er ihr überhaupt genug sein könnte.

Schade fand ich, dass der entscheidende politische Umschwung erst so spät thematisiert wurde. Allerdings war auch diese Zeit sehr intensiv beschrieben, wodurch ich den etwas undurchsichtigen und verwirrenden Schluss gerne verzeihen konnte.

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