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Veröffentlicht am 16.03.2026

Klassiker von 1908

Das Tränenhaus. Roman
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„Ein feines Surren und Sirren, ein Flirren und Säuseln schwebte über dem Gräsergewoge“.

An der blumigen und farbenfrohen Schreibweise merkt man von Beginn an, dass das Buch vor langer Zeit geschrieben ...

„Ein feines Surren und Sirren, ein Flirren und Säuseln schwebte über dem Gräsergewoge“.

An der blumigen und farbenfrohen Schreibweise merkt man von Beginn an, dass das Buch vor langer Zeit geschrieben wurde. Was mich anfänglich mit Ausdrücken wie „Schelmerei", „wunderbar hold“ und „beseligte Erinnerung“ begeisterte, erschwerte mir mit zunehmender Seitenzahl die Freude am Lesen. So ausschweifende Ausschmückungen zu lesen sind wir heute nicht mehr gewohnt.

Wobei das Erzählte schon interessant ist: Eine junge Frau aus gutem Haus, der einst die Ehe versprochen wurde, sitzt schwanger und verlassen im „Haus der Tränen“, das sehr einfach und alles andere als heimelig ist. Sie teilt ihr Los mit mehreren, viel jüngeren Leidensgenossinnen, die ihre Kinder hinter verschlossenen Türen zur Welt bringen müssen, um die Moral zu halten. Dazu kommt, dass die Herbergsmutter nicht gerade zimperlich mit den Mädchen umgeht.

„Keine von ihnen ließ sich die Kosten für ihren Aufenthalt bei der Uffenbacher von ihrem Liebhaber bezahlen – durch Erniedrigung der bittersten Art, durch Schluchzen und Jammern vor Basen und Onkels hatten sie es alle erreicht, die jungen Männer von dieser Steuer zu befreien, um nur ja nicht darüber ihrer Neigung verlustig zu gehen.“

Einzig Cornelie versuchte sich die Ausgaben durch das Schreiben von Artikeln, also durch eigene Arbeit zu verdienen. Sie erreichte dadurch Anerkennung und konnte es sich so auch erlauben, sich nicht jede Boshaftigkeit ihrer Wirtin gefallen zu lassen. Es gelang ihr sogar, auch für ihre Leidensgenossinnen eine Milderung der Umstände zu erreichen.


Dieses Buch gewährt einen tiefen Einblick in den Beginn des vorigen Jahrhunderts, als die besser gebildeten Frauen kräftig für ihre Emanzipation kämpften, die Mädchen auf dem Land aber noch völlig dem Einfluss von Eltern und Mann ausgesetzt waren. Im Tränenhaus kämpften sie füreinander und versuchten alles, um sich gegenseitig zu unterstützen.

Während ich nach der anfänglichen Begeisterung im Mittelteil meine Schwierigkeiten mit dem blumigen Text hatte, hat mich das Ende des Romans mitgerissen. Das sind wahrscheinlich gerade die Stellen, die beim Erscheinen des Buches den Skandal auslösten. Hier wird sehr ausführlich das Leid der Frauen bei der Geburt beschrieben, von dem Männer häufig nichts wissen wollten.


Gabriele Reuter wurde 1859 in Ägypten geboren. Die Schriftstellerei war der Tochter eines Import- und Exporthandels von der Urgroßmutter in die Wiege gelegt worden. Ihre Kindheit verbrachte sie zwischen Alexandria und Dessau. Nach dem Tod des Vaters begann sie schon 16jährig mit Texten für die Magdeburger Zeitung das Familieneinkommen aufzubessern. Ihren ersten Roman „Aus guter Familie“ veröffentlichte sie mit 19. Er wurde zum ersten Bestseller des S. Fischer Verlags und war damals sogar bekannter als die gleichzeitig erschienene „Effie Briest“ von Theodor Fontane. Wie ich dem Anhang des vorliegenden Buches, das übrigens sehr ansprechend aufgemacht ist, entnehmen konnte, hat sie im Tränenhaus auch Teile ihres eigenen Lebens aufgearbeitet.


Fazit: eine durchaus empfehlenswerte Leseerfahrung.

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Veröffentlicht am 21.12.2025

Gedanken einer alten Frau

Die späten Tage
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Pünktlich zu ihrem 80sten Geburtstag hat der Rowohlt-Verlag Natascha Wodins neuesten Roman herausgebracht. Darin erzählt die Autorin aus ihrem Leben. Hautnah können wir LeserInnen ihre Sorgen und Nöte ...

Pünktlich zu ihrem 80sten Geburtstag hat der Rowohlt-Verlag Natascha Wodins neuesten Roman herausgebracht. Darin erzählt die Autorin aus ihrem Leben. Hautnah können wir LeserInnen ihre Sorgen und Nöte über das Alter und das sich nähernde Lebensende miterleben. Dabei erfahren wir viel über ihre bewegte Vergangenheit, in der sie gereist ist und gelebt hat. Besonders emotional beschreibt sie ihre jetzige Liebe zu einem um einige Jahre älteren Mann, die sie folgendermaßen definiert: Sie ist das Einzige, was zählt, alles andere ist vergeblich. Sie ist mehr als ein schönes Gefühl; sie erfordert Anstrengung und Freiheit.

Nataschas Wodins Erinnerungen sind innig, aber sie leidet immer wieder unter ihrer Lebenssattheit, die für mich erschreckend war.

Da ich selbst schon über 70 bin, sind mir viele ihrer Gedanken vertraut. Gerne ziehe ich aus den Schilderungen ihres Lebens meine Schlüsse und halte mir ständig vor Augen, wie wichtig tägliche Bewegung ist, um nicht in die körperliche Starre und Schwäche zu fallen, unter der sie zunehmend leidet. Gefallen haben mir ihre Erinnerungen an alte Freundschaften mit Schriftstellern. Außerdem erfuhr ich so manches Neues aus der alten Sowjetunion.

Da mir das Werk als Hörbuch aus dem Argon-Verlag vorlag, möchte ich unbedingt noch Martina Gedeck erwähnen. Achteinhalb Stunden dauert ihre gefühlvolle Lesung, die mir die Schriftstellerin Natascha Wodin, die 2017 für ihren Roman „Sie kam aus Mariupol“ mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnet wurde, sehr nah gebracht hat.


Fazit: 5 Sterne für diesen in poetischer Sprache verfassten Roman, der wohl am ehesten ältere Personen anspricht. Junge Leute könnten damit überfordert sein.

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Veröffentlicht am 16.11.2025

Charakterstudie

Dius
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Dius war etwa 20, als er seinen Professor einlud, sein Freund zu werden.. Entstanden ist über die Jahre eine nicht ganz einfache Beziehung, die beider Leben beeinflusste.

Im Mittelpunkt des gesamten Romans ...

Dius war etwa 20, als er seinen Professor einlud, sein Freund zu werden.. Entstanden ist über die Jahre eine nicht ganz einfache Beziehung, die beider Leben beeinflusste.

Im Mittelpunkt des gesamten Romans steht die Kunst. Gemälde werden auf eine Weise beschrieben, die mich neugierig machten, so dass ich nicht umhin kam, sie im Internet zu suchen. Auch alte Musik spielt eine große Rolle. Doch zu Beginn, das muss ich ehrlich zugeben, hat mich das Buch gelangweilt. Schließlich geschieht die meiste Zeit nicht allzu viel. Wie so oft im Leben, wird die Lethargie dann glücklicher Weise immer mal wieder durch Geschehnisse unterbrochen, die einen aufwachen lassen.

Was mich aber ab etwa der Hälfte nicht mehr losgelassen hat, waren die hervorragenden Charakterisierungen der im Mittelpunkt stehenden Figuren. Da schreibt der inzwischen promovierte Professor auf Seite 175 über seinen Eleven, der sich kaum mal im Unterricht sehen ließ: „Immer wieder beobachtete ich ihn; er war ein Mensch, der nicht in die Zeit passte, in der er lebte, und dadurch zur Verkörperung all dessen wurde, woran es in der heutigen Zeit mangelte …“ Während Anton Dius’ Talente voller Bewunderung anerkennt, beschreibt er sich selbst so: „Ich bin ein Mann vieler halber Talente, nichts Ganzes…, war kaum mit der rohen Übermacht wahrer Begabung konfrontiert … So bin ich ein Mann geblieben,der stets davon träumte, kreativ zu sein, der aber zu gelehrt, zu kultiviert, vielleicht auch zu sensibel war, um das Joch einer echten Begabung zu ertragen.“ (Seite 260).

Fasziniert hat mich, wie der wechselhafte Dius, der sich häufig über den Dingen stehend wähnte, seinen älteren Freund manipulierte. Meist hat er an sich und sein Wohlergehen gedacht und dabei Anton in so mancher Situation vor den Kopf gestoßen. Im zweiten Teil des Romans ist er ganz aus Antons Leben verschwunden und der fällt – schlimmer als zuvor - in seine Lethargie zurück, um dann im dritten Teil Dius trauriges Ende unmittelbar mitzuerleben. Aber nicht, dass ein falsches Bild entsteht: Hier geht es nicht um homosexuelle Liebe, sondern um eine echte, tiefe Freundschaft. Beide Männer lieben Frauen, was aber auch nicht komplikationslos verläuft.


Fazit: Nach einer viel zu langen Einlesezeit, während der ich schon über einen Abbruch nachdachte, hat mich das Buch schließlich doch gepackt. Aber die volle Punktzahl kann ich nach der anfänglich negativen Erfahrung nicht vergeben.

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Veröffentlicht am 30.10.2025

Ein selbstbestimmtes Leben

Die Knef
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Auf dieses Buch war ich neugierig. Noch nie hatte ich einen Comic dieser Art in der Hand. Natürlich kenne ich Asterix und Co, habe sie mir früher auch gerne mal angeschaut. Doch eigentlich empfand ich ...

Auf dieses Buch war ich neugierig. Noch nie hatte ich einen Comic dieser Art in der Hand. Natürlich kenne ich Asterix und Co, habe sie mir früher auch gerne mal angeschaut. Doch eigentlich empfand ich sie nur als nette Unterhaltung für Lesefaule. Dieses Buch hat mich eines besseren belehrt.

Hildegard Knef ist 1925 geboren, im gleichen Jahr wie meine Mutter. Ihre Chansons haben mich durch meine Jugend begleitet. Doch eigentlich wusste ich kaum etwas über sie. Außer, dass sie – wie meine Mutter auch – in Berlin aufgewachsen ist.

Während der Lektüre dieses Buches habe ich sie besser kennen gelernt. Habe über die „Fehltritte“ der selbstbewussten Frau gestaunt, die ihren eigenen Weg gegangen ist. Die Bilder und die Worte, die an ihre eigenen angelehnt sind, haben mich sehr berührt. Im Schnelldurchgang bin ich durch ihr Leben gerauscht und habe dabei ihre Höhen und Tiefen hautnah miterlebt. Ich habe von den nicht enden wollenden Anstrengungen der Diva erfahren, die Ella Fitzgerald als „the greatest singer without a voice“ bezeichnete.

Alles in allem bewundere ich nun nicht nur ihr Leben, sondern auch die Art der Darstelllung durch Moritz Stetter. Ihm ist es gelungen, mich sogar auf ihr Buch „Der geschenkte Gaul“ neugierig zu machen.

Fazit: Ich muss mein Urteil über Comics revidieren. Sie können viel mehr ausdrücken, als ich bisher angenommen hatte. Chapeau für Moritz Stetter!

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Veröffentlicht am 06.10.2025

Versuch einer Aufarbeitung

Die Ausweichschule
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Kaleb Erdmann (*1991) hat seinen Ich-Erzähler als Fünftklässler den Schulamoklauf am 26. April 2002 in Erfurt miterleben lassen. Gute zwanzig Jahre später will er ein Buch darüber schreiben. Doch es stellt ...

Kaleb Erdmann (*1991) hat seinen Ich-Erzähler als Fünftklässler den Schulamoklauf am 26. April 2002 in Erfurt miterleben lassen. Gute zwanzig Jahre später will er ein Buch darüber schreiben. Doch es stellt sich heraus, dass das nicht so einfach ist.

Wir begleiten den Autor durch seine Recherche und seine Schreibversuche. Dabei lesen wir von seiner Suche nach den tatsächlichen Ereignissen und den damit verbundenen Schwierigkeiten. Alltäglichkeiten werden ausgeschmückt und bekommen einen großen Raum.

Herausgekommen ist ein Buch, das sich gut für eine Leserunde eignen würde, da es viel Diskussionsstoff enthält. Während so manche Ausführungen ermüden, war es für mich doch erhellend, wie groß seine Traumatisierung war, ohne dass er es über einen langen Zeitraum bemerkt hatte. Viele Ereignissen scheinen die Erlebnisse seines elfjährigen Ich überlagert zu haben, was vielleicht daran lag, dass er Erfurt bereits zwei Jahre nach den Ereignissen verlassen hatte. Nun verliert er sich bei jedem Versuch, auf den Punkt zu kommen ,in Nebensächlichkeiten. als suche er nach Ausweichmöglichkeiten.

So ist ein Buch entstanden, das im herkömmlichen Sinn kein Roman ist. Die Aufzeichnungen erinnern eher an ein Recherche-Tagebuch. Allerdings nicht mit einem konstanten Ablauf, sondern willkürlich durcheinander gewürfelt. Für mich ist das am ehesten eine gelungene Beschreibung dessen, was ein Trauma bewirken kann.


Fazit: Ich finde es sehr schwer, diesen Roman zu beurteilen. Er hat mir nicht gefallen, hat mich aber an der Zerrissenheit des Erzählers teilhaben lassen. Er hat mich teilweise abgestoßen, aber trotzdem nicht losgelassen, so dass ich es nicht zur Seite legen konnte. Insofern empfinde ich es als literarische Besonderheit.

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