Klassiker von 1908
Das Tränenhaus. Roman „Ein feines Surren und Sirren, ein Flirren und Säuseln schwebte über dem Gräsergewoge“.
An der blumigen und farbenfrohen Schreibweise merkt man von Beginn an, dass das Buch vor langer Zeit geschrieben ...
„Ein feines Surren und Sirren, ein Flirren und Säuseln schwebte über dem Gräsergewoge“.
An der blumigen und farbenfrohen Schreibweise merkt man von Beginn an, dass das Buch vor langer Zeit geschrieben wurde. Was mich anfänglich mit Ausdrücken wie „Schelmerei", „wunderbar hold“ und „beseligte Erinnerung“ begeisterte, erschwerte mir mit zunehmender Seitenzahl die Freude am Lesen. So ausschweifende Ausschmückungen zu lesen sind wir heute nicht mehr gewohnt.
Wobei das Erzählte schon interessant ist: Eine junge Frau aus gutem Haus, der einst die Ehe versprochen wurde, sitzt schwanger und verlassen im „Haus der Tränen“, das sehr einfach und alles andere als heimelig ist. Sie teilt ihr Los mit mehreren, viel jüngeren Leidensgenossinnen, die ihre Kinder hinter verschlossenen Türen zur Welt bringen müssen, um die Moral zu halten. Dazu kommt, dass die Herbergsmutter nicht gerade zimperlich mit den Mädchen umgeht.
„Keine von ihnen ließ sich die Kosten für ihren Aufenthalt bei der Uffenbacher von ihrem Liebhaber bezahlen – durch Erniedrigung der bittersten Art, durch Schluchzen und Jammern vor Basen und Onkels hatten sie es alle erreicht, die jungen Männer von dieser Steuer zu befreien, um nur ja nicht darüber ihrer Neigung verlustig zu gehen.“
Einzig Cornelie versuchte sich die Ausgaben durch das Schreiben von Artikeln, also durch eigene Arbeit zu verdienen. Sie erreichte dadurch Anerkennung und konnte es sich so auch erlauben, sich nicht jede Boshaftigkeit ihrer Wirtin gefallen zu lassen. Es gelang ihr sogar, auch für ihre Leidensgenossinnen eine Milderung der Umstände zu erreichen.
Dieses Buch gewährt einen tiefen Einblick in den Beginn des vorigen Jahrhunderts, als die besser gebildeten Frauen kräftig für ihre Emanzipation kämpften, die Mädchen auf dem Land aber noch völlig dem Einfluss von Eltern und Mann ausgesetzt waren. Im Tränenhaus kämpften sie füreinander und versuchten alles, um sich gegenseitig zu unterstützen.
Während ich nach der anfänglichen Begeisterung im Mittelteil meine Schwierigkeiten mit dem blumigen Text hatte, hat mich das Ende des Romans mitgerissen. Das sind wahrscheinlich gerade die Stellen, die beim Erscheinen des Buches den Skandal auslösten. Hier wird sehr ausführlich das Leid der Frauen bei der Geburt beschrieben, von dem Männer häufig nichts wissen wollten.
Gabriele Reuter wurde 1859 in Ägypten geboren. Die Schriftstellerei war der Tochter eines Import- und Exporthandels von der Urgroßmutter in die Wiege gelegt worden. Ihre Kindheit verbrachte sie zwischen Alexandria und Dessau. Nach dem Tod des Vaters begann sie schon 16jährig mit Texten für die Magdeburger Zeitung das Familieneinkommen aufzubessern. Ihren ersten Roman „Aus guter Familie“ veröffentlichte sie mit 19. Er wurde zum ersten Bestseller des S. Fischer Verlags und war damals sogar bekannter als die gleichzeitig erschienene „Effie Briest“ von Theodor Fontane. Wie ich dem Anhang des vorliegenden Buches, das übrigens sehr ansprechend aufgemacht ist, entnehmen konnte, hat sie im Tränenhaus auch Teile ihres eigenen Lebens aufgearbeitet.
Fazit: eine durchaus empfehlenswerte Leseerfahrung.