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Veröffentlicht am 14.05.2018

Kopfkino beim Lesen, verbindet Fantasie mit Realität der 1950er

Lovecraft Country
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„Lovecraft Country“ ist ein Roman des US-Amerikaners Matt Ruff, der in den 1950ern spielt und Elemente der Phantastik enthält. Er ist benannt nach einem Landstrich in Massachusetts/USA, den sich Howard ...

„Lovecraft Country“ ist ein Roman des US-Amerikaners Matt Ruff, der in den 1950ern spielt und Elemente der Phantastik enthält. Er ist benannt nach einem Landstrich in Massachusetts/USA, den sich Howard Phillips Lovecraft ausgedacht und viele seiner Horrorgeschichten dort angesiedelt hat. Der Ort Ardham liegt in dieser Gegend. Bereits die Titelgestaltung führte mich dorthin, denn ebenda gibt es ein Haus auf einem Hügel, das schon mal gebrannt hat und von einem Vorfahren des Protagonisten Atticus Turner Ende des 18. Jahrhunderts erbaut wurde. Zu Beginn der Erzählung treffen sich hier die Logenmitglieder des Adamitischen Ordens von der Alten Morgenröte, allesamt Weiße. Atticus gehört keinesfalls zu dieser Loge, soll ihnen aber als Mittel zum Zweck dienen. Im unteren Bereich ist das Cover so düster gestaltet wie die Grundstimmung im Roman und zwar nicht nur wegen dem schaurigen Inhalt sondern auch wegen des vorherrschenden Rassismus.

Atticus Turner, 22 Jahre alt, hat in Jacksonville/Florida gearbeitet und fährt aufgrund eines Briefs seines Vaters in seine Heimat nach Chicago. Dort erzählt ihm sein Onkel George, dass sein Vater Montrose auf dem Weg ist, ein Geheimnis um ein Geburtsrecht von Atticus zu lüften. Das Ziel von Montrose war Ardham und er ist mit einem Weißen gemeinsam gereist. Atticus ist so beunruhigt, dass er beschließt seinen Vater zu suchen. George, der sich mit Reisen sehr gut auskennt, weil er einen Reiseführer verlegt, in dem Unterkünfte und Gaststätten aufgelistet sind, in denen Schwarze mit weniger Ressentiments zu rechnen haben, begleitet ihn. Außerdem schließt sich ihnen Letitia Dandridge an, die unterwegs ihren Bruder besuchen möchte. Sie ist nur ein Jahr jünger als Atticus und mit ihm von Kind an befreundet.

Nicht nur in Ardham, sondern in allen folgenden sieben Kapiteln und dem Epilog geschehen phantastische, beunruhigende, horrende Geschichten in denen immer ein Familienmitglied von Atticus oder Letitia im Mittelpunkt steht. Als Gegenspieler begegnet man in fast jeder Erzählung dem jungen weißen Caleb Braithwhite und der Loge, die die Weltherrschaft an sich ziehen möchten. Matt Ruff verbindet auf überzeugende Weise eine lebhafte Fantasie mit der Realität der Schwarzen im Nordwesten der USA in den 1950ern. Weil der Autor es liebt, mit Gegensätzen zu spielen, hat er sich ausgerechnet den Landstrich Lovecrafts, der als Rassist bekannt ist, als Ort für einige seiner schaurigen Handlungen ausgesucht. Während mir in jeder Geschichte die unterwerfende Behandlung der Schwarzen bedrückend vor Augen geführt wurde, war ich gleichzeitig gruselig fasziniert von Spuk, einer anderen Welt, der Möglichkeit zur Gestaltänderung und den Machenschaften des Ordens.

Geschickt verknüpft der Autor die Begebenheiten der einzelnen Kapitel miteinander und führt sie stringent zu einem großen Ganzen, wobei der Spannungsbogen nicht abreißt und es kapitelweise immer wieder zu Highlights kommt. Bis in die Nebenhandlungen hinein spinnt er die Schilderungen unterhaltsam aus. Die Charaktere haben ihre eigenen kleinen Geheimnisse, die sie geschickt vor ihren Verwandten und Freunden verbergen und die den Roman teils auch einen amüsanten Touch geben.

Es ist ein riesiges Kopfkino, das Matt Ruff in seinem abenteuerlichen Roman beim Lesen in Gang setzt. Er spielt auf vielen Seiten meiner Gefühle und konnte mich so in seinen Bann ziehen. Sehr gerne vergebe ich eine Leseempfehlung für dieses Buch, vor allem an Leser die das Ungewöhnliche in Form von phantastischen Elementen mögen.

Veröffentlicht am 11.05.2018

Eine fiktive Geschichte, die unter die Haut geht und ein Schicksal, das betroffen macht

Mädchen in Scherben
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Charlotte, genannt Charlie, ist 17 Jahre alt und wohnt in Minneapolis/Minnesota in den USA. Sie ist „Das Mädchen in Scherben“ in dem gleichnamigen Debütroman von Kathleen Glasgow. Der Titel auf dem Cover ...

Charlotte, genannt Charlie, ist 17 Jahre alt und wohnt in Minneapolis/Minnesota in den USA. Sie ist „Das Mädchen in Scherben“ in dem gleichnamigen Debütroman von Kathleen Glasgow. Der Titel auf dem Cover wirkt blutigrot zerschnitten und spielt damit auf die Einschnitte an, die Charlie sich meist an Armen und Oberschenkeln mit Glasscherben selber gesetzt, hat um förmlich ihre Probleme raus zu schneiden. Der Schmerz übertönt ihre stummen Schreie nach Hilfe und gleichzeitig werden Endorphine freigesetzt, die bei ihr ein angenehmes Gefühl auslösen, das sie kurzfristig genießt. Doch nicht nur äußerlich sind Narben zurück geblieben, die tief in Ihrem Inneren bleiben unsichtbar.

Charlies Vater hat Selbstmord begangen als sie noch ein Kind war, ihre beste Freundin hat sie verloren und ihre Mutter verletzt während sie sich gegen deren Angriff gewehrt hat. Bei ihr wurden nicht suizidales selbstverletzendes Verhalten, eine Impulskontrollstörung und eine posttraumatische Belastungsstörung diagnostiziert. Verschiedene Medikamente, die sie in den Vorjahren verschrieben bekommen hat, haben nicht die nötige Wirkung gezeigt. Einige Monate hat sie ohne feste Unterkunft und von der Hand in den Mund gelebt. Schließlich hat sie aufgrund ihrer desaströsen Situation versucht sich umzubringen und wurde in Folge dessen auf der psychiatrischen Station eines Krankenhauses eingewiesen. Nach dem Sozialrecht der USA kann sie hier nur solange bleiben wir ihr Aufenthalt von jemandem bezahl wird. Während ihres Aufenthalts meldet sich ein Freund bei ihr, der sie dazu einlädt vorübergehend bei ihm in Tucson/Arizona zu wohnen, obwohl er selbst zunächst nicht zu Hause sein wird. Charlie sieht darin ihre Chance. Wird es ihr gelingen, ein von ihr gewünschtes eigenständiges Leben mit Wohnung, Job und Freunden aufzubauen, ohne sich je wieder selber zu verletzen oder Suchtmittel zu konsumieren?

Die Geschichte von Charlie geht unter die Haut, ihr Schicksal hat mich betroffen gemacht. Um ihre Erzählung noch eindringlicher zu gestalten, arbeitet Kathleen Glasgow mit dem Stilmittel der Hyperbel. Bereits zu Beginn trifft ihre Protagonistin in der Klink auf Jugendliche mit ähnlichen Erkrankungen. Sie stellt nicht nur verschiedene Symptome heraus, sondern macht auch bewusst, dass es kein Allheilmittel gibt. Im weiteren Verlauf ist das Glück auf Charlies Seite. Auf ihrem neu eingeschlagenen Weg versucht sie, die Anweisungen und Ratschläge aus der Klinik umzusetzen. Die Suche nach einem Job und nach einer eigenen Wohnung beschreibt die Autorin durchaus glaubhaft. Die Menschen auf die sie in ihrem Umfeld trifft haben allerdings durchweg psychische Probleme, was ich nicht unbedingt realistisch, aber von der Einarbeitung in den Roman her interessant fand. Die Handlungsweisen von Charlie versucht die Autorin zu begründen, obwohl sie gerade in Bezug auf eine neue Liebesbeziehung nicht immer leicht nachvollziehbar sind.

Kathleen Glasgow bringt im Roman mehrere Beispiele, warum Jugendliche sich selbst verletzen oder Zuflucht in Alkohol und Drogen suchen. Ihre Figur Charlie lässt sie einen möglichen Weg aus der Misere suchen. Depression, Drogen, Alkoholismus, Rauchen und Selbstmord sind Auswirkungen davon, dass Menschen sich im Leben nicht zurecht finden, doch sie können mit professioneller Hilfe überwunden werden. Die Autorin plädiert dafür, dass man sich nicht unterkriegen lassen soll. Auch wenn ein Plan scheitert, wird es einen weiteren geben, den man ausprobieren sollte. Dabei lernt man seine Fähigkeiten kennen und vielleicht wird man wie im Falle von Charlie ein Talent an sich entdecken. Das Buch ist für Jugendliche ab 14 Jahren gedacht. Gerade den jüngeren Lesern empfehle ich mit Erwachsenen über den Inhalt zu sprechen.

„Mädchen in Scherben“ beschreibt intensiv das Desaster, in jungen Jahren auf Abwege zu geraten. Obwohl Kathleen Glasgow nicht verschweigt, dass Fehlschläge möglich sind, gibt sie ihrer Geschichte die Hoffnung mit, sein Leben auch nach schrecklichen Erlebnissen wieder in den Griff bekommen zu können. Der Roman ist ergreifend und bleibt in Erinnerung und daher vergebe ich eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 07.05.2018

Thriller mit komplexer Handlung, der von Beginn an Spannung aufbaut

Der Preis des Todes
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„Der Preis des Todes“ von Horst Eckert ist ein Politthriller. Nach drei Kriminalfällen, in denen der Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Che Veih ermittelte, ist das vorliegende Buch ein Einzelband. Die ...

„Der Preis des Todes“ von Horst Eckert ist ein Politthriller. Nach drei Kriminalfällen, in denen der Düsseldorfer Hauptkommissar Vincent Che Veih ermittelte, ist das vorliegende Buch ein Einzelband. Die Geschichte spielt auf drei Handlungsebenen, die miteinander verknüpft sind. Eine davon nimmt den Leser mit nach Berlin in ein Apartmenthaus, in dem der Bundestagsabgeordnete und Pharmakologe Christian Wagner erdrosselt aufgefunden wird. In Düsseldorf wird unterdessen nach dem Mörder einer jungen Frau gesucht und schließlich führt die Handlung die Protagonistin Sarah Wolf in ein Flüchtlingslager nach Kenia. Bereits im ersten Kapitel erfuhr ich von beunruhigenden Vorkommnissen, die sich dort ereignet haben sollen. Der Titel erzählt davon, dass den Preis des Todes diejenigen zu zahlen haben, die aufgrund der Umstände in das Visier skrupelloser Akteure geraten, ihnen notwendigerweise vertrauen und dabei ihr Leben verlieren.

Sarah, Mitte 30 und erfolgreiche Moderatorin einer Talkshow im Fernsehen, hat in einer ihrer Sendungen Christian kennen gelernt. Beide haben sich ineinander verliebt und führen ihre Beziehung abseits der Medien. Für ihre nächste Sendung recherchiert das Team um Sarah zum Thema der vorgesehenen Fusion zweier großer Krankenhausbetreiber und der dadurch vorherzusehenden Preissteigerung im Gesundheitswesen. Christian vertritt die Interessen eines der Unternehmen, sein Tod wirft die Frage nach einem Zusammenhang damit auf. Sarah überlässt die Ermittlungen nicht nur der Kriminalpolizei von Berlin, sondern beginnt damit, das Leben ihres Geliebten zu hinterfragen. Sie findet auf seinem Rechner eine Liste mit Medikamenten, die sie schließlich neben anderen Hinweisen auf eine Spur zu einem Krankenhaus nach Ostafrika führen. Außerdem stellt sich heraus, dass die Tote, die am Unterbacher See abgelegt wurde, kurz vor ihrer Ermordung Kontakt zu Christian hatte und für eine humanitäre Organisation arbeitete, die auch in Kenia tätig ist. Sarah beginnt aus der Sachlage heraus, Querverbindungen zu ziehen und unbequeme Fragen zu stellen.

Schon das erste Kapitel deutete an, dass im Flüchtlingslager in Dadaab/Kenia nicht alles rechtens läuft. Doch zunächst einmal baut Horst Eckert seine Protagonisten Sarah und Sellin, den im Düsseldorfer Mordfall ermittelnden Krimalhauptkommissar, auf. Noch ahnte ich nichts von dem Band, das diese beiden verbindet. Die Spannung wuchs anfangs eher ruhig, bis Sarah die Spur nach Ostafrika entdeckt und mit ihrem Team zu Aufnahmen für eine Reportage hinfliegt. Der Autor erzählt von einzelnen Schicksalen im Lager, die jeden Leser berühren werden. Ab diesem Zeitpunkt hatte die Geschichte mich voll ergriffen und in ihren Sog gezogen.

Neben der spannenden Thrillerhandlung hat es mir zusätzliches Vergnügen bereitet, einmal hinter die Kulissen einer Talkshow zu schauen. Bei den Ermittlungen in Düsseldorf waren mir die Schauplätze meistens bekannt, so dass ich mir das Geschehen besonders gut vorstellen konnte. Horst Eckert recherchiert sehr gut, so dass die von ihm beschriebenen Charaktere und deren Handlungen überaus realistisch erscheinen. Als Hintergrund für seine Thriller nutzt er aktuelles politisches Geschehen, das er verfremdet und darin seine fiktiven Figuren spielen lässt. Am Ende der kurzen Kapitel kommt es häufig zu kleinen Cliffhangern und die Szene wechselt, was für mich als Leser die Spannung noch erhöhte.

„Der Preis des Todes“ ist ein Thriller mit komplexer Handlung, der von Beginn an Spannung aufbaut und bis zum Schluss hält. Markante Charaktere und interessante Themen, die den Hintergrund bilden, sind auffällig und bleiben im Gedächtnis. Mich konnte Horst Eckert mit der Geschichte in seinen Bann ziehen und gerne vergebe ich hierzu eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 03.05.2018

Einfühlsam, nachvollziehbar und amüsant

Gemischte Gefühle
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„Gemischte Gefühle“ von Katherine Heiny beschreibt das Familienleben des New Yorkers Graham, 56 Jahre alt. Er ist in zweiter Ehe mit der 15 Jahre jüngeren Audra verheiratet. Beide haben einen 10-jährigen ...

„Gemischte Gefühle“ von Katherine Heiny beschreibt das Familienleben des New Yorkers Graham, 56 Jahre alt. Er ist in zweiter Ehe mit der 15 Jahre jüngeren Audra verheiratet. Beide haben einen 10-jährigen Sohn der Matthew heißt und mit großer Wahrscheinlichkeit das Asperger-Syndrom hat. Graham denkt häufiger darüber nach, warum er welche Entscheidung im Leben getroffen hat. Gemischte Gefühle stellen sich bei ihm ein, wenn seine Gedanken in Richtung Ehe schweifen oder er sich eine selbstbestimmte Zukunft für Matthew vorstellt.

Nach einem Beginn in der medizinischen Forschung arbeitet Graham schon seit Jahren bei einem Arzneimittelunternehmen. Sein Job lässt ihm genügend Zeit dazu, abends und an den Wochenenden für die Familie zu kochen. Audra geht ihrem Beruf als Graphikdesignerin in Teilzeit nach. Der gemeinsame Sohn und dessen Entwicklung liegen ihnen beiden am Herzen. Aber häufig bleibt die Familie nicht unter sich, sondern bewirtet und beherbergt Übernachtungsgäste, die auch mal tage- und wochenlang bleiben. Hierzu gehören beispielsweise eine Bekannte, die von ihrem Ehemann betrogen wird, aber davon noch nichts weiß und der Portier der Wohnanlage, dessen Mutter seine Wohnung benutzt weil sie selber Gäste zu Hause beherbergt. Audra sieht die Unterbringung und Bewirtung der Gäste allein schon von ihrem Wesen her als selbstverständlich an, Graham fügt sich gerne ihren Wünschen. Dadurch kommt es immer wieder zu Überraschungen und Wendungen im Alltag der drei.

So alltäglich wie das Leben für Graham sein kann, so kompliziert erscheint es ihm immer wieder. Während er sich manchmal über die direkte und ungehemmte Ansprache von Fremden durch seine Frau wundert und sie nicht immer für angebracht hält, schätzt er Audra gleichzeitig für ihr unkompliziertes Auftreten mit dem sie oft ihr Ziel erreicht. Sie versucht allen gerecht zu werden und jedem ein positives Lebensgefühl zu vermitteln. Dieser Wesenszug machte mir Audra sympathisch. So ganz hat Graham das Aus seiner ersten Ehe nie verwunden. Er gibt sich eine Mitschuld daran. Seiner Frau und seinem Sohn bringt er nicht nur Liebe entgegen, sondern respektiert auch deren Eigenheiten. Das Miteinander der Familie strahlt auch nach außen und wird reflektiert durch ein Netz von Freunden und deren Hilfsbereitschaft in schwierigen Situationen.

Aus Grahams Gefühlschaos ergeben sich immer wieder amüsante Situationen. Katherine Heiny schreibt mit leichter Hand und sehr einfühlsam. Ihre Beschreibungen sind ehrlich und nachvollziehbar. „Gemischte Gefühle“ vermittelte mir als Leser, dass jeder auf seine Art und Weise eigen und liebenswert ist. Wer sich auf darauf einlässt, wird mit neuen Eindrücken und Erfahrungen belohnt. Gerne vergebe ich hierfür eine Leseempfehlung.

Veröffentlicht am 29.04.2018

Realitäten, die nur schwer durchschaubar sind

Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt
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Christoph ist Schriftsteller und hat einen einzigen Roman mit viel Herzblut geschrieben, in dem er die Trennung von seiner Freundin Magdalena thematisiert hat. 15 Jahre später trifft er Lena, die wie seine ...

Christoph ist Schriftsteller und hat einen einzigen Roman mit viel Herzblut geschrieben, in dem er die Trennung von seiner Freundin Magdalena thematisiert hat. 15 Jahre später trifft er Lena, die wie seine frühere Freundin Schauspielerin ist. Er schreibt ihr eine Nachricht mit der Bitte um ein Treffen, denn er hat ihr eine Geschichte zu erzählen. Darauf geht sie ein. Während ihrer Zusammenkunft erzählt er Lena sein Leben, in dem sie Ähnlichkeiten zu dem ihres Freunds Chris erkennt, der ebenfalls Schriftsteller ist und an einem Roman arbeitet.

Im Buch „Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ gibt es viele Parallelen zwischen dem Leben unterschiedlicher Personen, die sich ähnlich sehen aber vom Alter her verschieden sind. Den Faden durch den Roman bildet die Geschichte von Christoph, die er Lena erzählt. Auf seinem Lebensweg ist der Protagonist durch Zufall immer wieder jüngeren Versionen seiner selbst begegnet. Dabei sind durchaus Abweichungen in bestimmten Aspekten möglich, aber dennoch so, dass er sich wieder erkennt. Auch einem älteren Mann ist Christoph schon begegnet von dem er sich auf seltsame Weise angesprochen gefühlt hat.

Ich bin Erstleser von Peter Stamm, aber von Beginn an fasziniert über die Aussagefähigkeit seiner reduzierten Sprache. Mit bewusstem, konzentriertem Lesen bin ich der Handlung gefolgt. Wie in einem Vexierbild schafft der Autor Realitäten, die nur schwer zu durchschauen sind. Es entsteht ein spannendes Spiel mit Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, ein Verwirrspiel mit der Identität von Personen.

Der Autor brachte mich ins Grübeln darüber, ob es ein Schicksal gibt, das den Lebensweg vorherbestimmt und ob man es ändern würde, wenn man die Konsequenzen seiner Handlungen kennt. Möchte ich überhaupt die Zukunft kennen? Möchte ich nicht das Recht haben, meine Fehler zu machen? Bin ich verantwortlich für das Scheitern einer anderen Person, wenn ich in deren Leben korrigierend eingreife?

„Die sanfte Gleichgültigkeit der Welt“ ist kein einfach zu lesenden Buch, aber ein Roman, den es zu lesen lohn. Peter Stamm schafft es mit klaren Worten den Leser darauf hinzuweisen, dass wir Menschen nur ein Rädchen im Getriebe des Lebens sind und Verantwortung für unser Tun im Hier und Jetzt haben. Gerne gebe ich hierzu meine Leseempfehlung.