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Veröffentlicht am 08.05.2026

Erwachsenwerden in einer rauen Welt

Big Sky Country
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August wächst auf einer Milchvieh-Farm in Michigan auf. Es gibt viel zu tun, jede Hand wird gebraucht. Darwin, der Vater ist ein wortkarger, pragmatischer Typ, tut, was getan werden muss. Und wenn die ...

August wächst auf einer Milchvieh-Farm in Michigan auf. Es gibt viel zu tun, jede Hand wird gebraucht. Darwin, der Vater ist ein wortkarger, pragmatischer Typ, tut, was getan werden muss. Und wenn die Katzen auf dem Hof überhand nehmen, muss man sie eben erschlagen. So kommt August zu seinem ersten bezahlten Job: Katze erschlagen, Schwanz abschneiden, auf ein Brett nageln. Pro Schwanz 1 Dollar. Bonnie, die Mutter, ist nicht glücklich mit diesem Leben, träumt sich mit ihren Büchern und Filmen davon und hat sich auch räumlich distanziert. Ist in ein leerstehendes Haus auf dem Grundstück gezogen. Sie wünscht sich ein anderes Leben für ihren Sohn. Deshalb packt sie eines Tages ihre Sachen und überzeugt August, dass er mit ihr geht. Ihr Ziel ist Montana, Big Sky Country, so der Beiname des US Bundesstaates im Nordwesten, wo sie eine Stelle als Bibliothekarin annimmt. August geht zur Schule, spielt Football, erfährt Ablehnung und Freundschaft, die erste Liebe. Ein typisch amerikanisches Teenagerleben. Seine Mutter wünscht sich, dass er aufs College geht, aber er verdingt sich nach seinem Schulabschluss als Hilfsarbeiter auf einer Farm. Die harte Arbeit macht ihm nichts aus, er liebt das menschenleere Land und den weiten Himmel ohne Grenzen. Ist es dieser grenzenlose Himmel, der ihn dazu bringt, sein Leben und seine Möglichkeiten zu reflektieren?

„Big Sky Country“ ist eine Geschichte über das Erwachsenwerden in einer rauen Welt, einer Männerwelt, in der die Väter ihre Söhne auf das spätere Leben vorbereiten, allerdings ohne Hinweis auf die Möglichkeiten, die noch auf sie warten könnten.

Ein ruhiger Roman, stellenweise melancholisch, es passiert nicht viel, eine lethargische Abfolge wiederkehrender Tätigkeiten. Selten geschieht etwas, aber wenn doch, verwundert den/die Leser/in die Empathielosigkeit der Beteiligten, die des Protagonisten nicht ausgenommen. Das Bild des „harten“ Mannes in der ländlichen Umgebung, das hier transportiert wird, entspricht dem, wie wir es aus den alten Western kennen, Frauen sind quasi nicht existent, und wenn doch, haben sie keinen Einfluss. Die Sprache des Autors ist präzise und klar, meist lakonisch, wenn es um Zwischenmenschliches geht. Zumindest in Ansätzen poetisch wird sie nur dann, wenn es um die Beschreibung der Landschaft geht. Und die Story? Langatmig und ohne Fortschritte, ohne besondere Höhepunkte, alles in allem eher enttäuschend. Aber vielleicht habe ich die Genialität des Autors auch nicht erkannt…

Veröffentlicht am 08.05.2026

Vom Gehen und Bleiben

Aus und davon
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Elisabeth, die „Eli-Oma“, hat Enkel-Dienst. Ihre Tochter gönnt sich eine Verschnaufpause in den Vereinigten Staaten und sie managt derweil den Familienalltag in der Stuttgarter Ostendstraße mit den beiden ...

Elisabeth, die „Eli-Oma“, hat Enkel-Dienst. Ihre Tochter gönnt sich eine Verschnaufpause in den Vereinigten Staaten und sie managt derweil den Familienalltag in der Stuttgarter Ostendstraße mit den beiden Kindern. Raus aus dem vertrauten Habitat in Hedelfingen in eine Umgebung, die ihr äußerst suspekt ist, die so gar nichts mit der gewohnten Aufgeräumtheit zu tun hat, die ihr bisheriges Leben bestimmt hat, sie mit Herausforderungen konfrontiert, denen sie sich anfangs nicht gewachsen fühlt, schlussendlich aber doch bewältigt. Auch – und vor allem – durch den Blick zurück.

„Aus und davon“ ist aber mehr als ein bloßer Familienroman. Hahn richtet ihren Blick entlarvend, aber nie wertend, auf die kleinen und großen Fluchten aus brüchigen Beziehungen, auf das Weggehen und das Dableiben, auf das sich Davonstehlen aus Lebensumständen, die die Freude am Leben im Keim ersticken. Elisabeth hat es schon einmal geschafft, konnte sich aber dennoch nicht völlig von ihrer pietistischen Sozialisation lösen, auch wenn sie glaubte, ihr durch die Heirat mit Hinz entkommen zu sein. Jetzt hat er sie nach seinem Schlaganfall verlassen, ist weg mit einer Reha-Bekanntschaft. Auch ihre Tochter Cornelia braucht wieder Luft zum Atmen, nachdem ihr Mann sie verlassen hat und zurück in seine griechische Heimat gegangen ist. Ob ihr die USA-Reise auf den Spuren ihrer ausgewanderten Großmutter dabei helfen kann?

Drei Ebenen aus Vergangenheit und Gegenwart, die Hahn gekonnt verbindet. Natürlich der Stuttgarter Alltag mit Elisabeth und den beiden Enkeln, Cornelias Erlebnisse während ihrer Reise und dazu dann noch der Rückblick auf die Geschichte der Großmutter. Vergangenheit und Gegenwart fließen ineinander, bedingen und beeinflussen sich gegenseitig, zeigen Zusammenhänge auf und heilen am Ende. Jeden einzelnen. Zumindest ein bisschen.

Veröffentlicht am 08.05.2026

Erwartungen leider nicht erfüllt

Aus dem Ofen
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Diana Henry ist eine der beliebtesten britischen Food-Autorinnen. Ihre sämtlichen Kochbücher wurden mit Preisen ausgezeichnet. So auch „Aus dem Ofen“ („From the oven to the table“), das von fast allen ...

Diana Henry ist eine der beliebtesten britischen Food-Autorinnen. Ihre sämtlichen Kochbücher wurden mit Preisen ausgezeichnet. So auch „Aus dem Ofen“ („From the oven to the table“), das von fast allen namhaften Zeitschriften in Großbritannien als bestes Kochbuch des Jahres genannt wurde. Meine Neugier war geweckt, die Erwartungshaltung hoch, da ich ihre anderen Kochbücher sehr schätze.

Die Gliederung des Buches orientiert sich überwiegend an den Zutaten, die ersten beiden Kapitel sind Fleisch, Fisch, Wurst und Hähnchenschenkeln gewidmet, wobei diese aber auch bei den Gemüsegerichten zum Einsatz kommen. Es folgen Frühjahrs- und Sommer- sowie Herbst- und Wintergemüse. Danach Getreide und Hülsenfrüchte, Wochenende und besondere Anlässe und als Abschluss Desserts und Kuchen.

In der Praxis funktionieren die Rezepte, werden allerdings dem Untertitel „Einfache Gerichte schnell zubereitet“ leider nicht gerecht. Zum einen sind die Zutatenlisten ellenlang, zum anderen sind viele der benötigten Bestandteile, wie beispielsweise Nduja, eine italienische Rohwurst, weder im italienischen Feinkostladen noch im italienischen Supermarkt verfügbar. Hier sollte man auf die eigene Erfahrung zurückgreifen und beherzt nach einem Ersatz suchen, dann klappt es auch.

Die „schnelle Zubereitung“ bezieht sich anscheinend lediglich auf das Garen im Backofen, denn nicht nur bei den Gemüse- sondern auch bei den Fleischgerichten sollte man schon einiges an Zeit für die Vorbereitung mitbringen. Da muss geputzt, gewaschen, geschnippelt, vorgekocht und mariniert oder in relativ kurzen Abständen gewendet, gerührt und gerüttelt werden. Also nichts mit in den Ofen schieben und beim Signal des Timers zum Essen kommen.

Neben den Rezepten lebt ein Kochbuch auch von dem fotografischen Anschauungsmaterial, und das ist leider ist für mich das große Manko. Sehr viele Fotos wirken durch die dunkle Tönung wenig appetitanregend und verleiten nicht unbedingt zum Nachkochen. Man hat eher den Eindruck, dass hier Fleisch und/oder Gemüse im Backofen vergessen wurde und deshalb verbrannt ist.

Verglichen mit „Change your appetite“, „Simple“ und „Alle meine Hähnchen, den Kochbüchern der Autorin, die ich gerne und ausgiebig nutze, hat „Aus dem Ofen“ sein Versprechen nicht eingelöst und meine Erwartungen leider nicht erfüllt.

Veröffentlicht am 04.05.2026

Leider „nur“ ein Coffee Table Kochbuch

Dirty Bistro
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Max Strohe kannte ich bisher nur von seinen launigen Spiegel-Kolumnen und seiner Autobiografie „Kochen am offenen Herzen“. Besonders gerne mag ich aber auch dem kreativen Namen seines Restaurants in Berlin: ...

Max Strohe kannte ich bisher nur von seinen launigen Spiegel-Kolumnen und seiner Autobiografie „Kochen am offenen Herzen“. Besonders gerne mag ich aber auch dem kreativen Namen seines Restaurants in Berlin: „Speiselokal Tulus Lotrek“, mal so ganz anders benamt als die klassischen Fine Dining Tempel.

Nun ist also sein erstes Kochbuch „Dirty Bistro“ erschienen, auf das ich mich sehr gefreut hatte. Aber bereits beim ersten Durchblättern wich die Freude großer Ernüchterung, sind doch samt und sonders die Hauptzutaten fast aller Rezepte nicht nur sehr kostenintensiv, sondern auch – wenn überhaupt - nur mit immensem Aufwand zu beschaffen, insbesondere dann, wenn man nicht in der Großstadt lebt.

Erwartet hatte ich aufgepeppte Gerichte aus der klassischen Bistro-Küche, gerne auch noch mit besonderen Strohe typischen Twists, die innerhalb eines akzeptablen Zeitrahmens zu realisieren sind. Keine Frage, die Rezepte sind ausgefallen, innovativ und überraschend, allerdings nur eingeschränkt für Menschen mit einer Fisch-und/oder Krustentier-Allergie geeignet. Dazu kommt, dass die Zubereitungen auch für erfahrene Hobbyköche und –köchinnen selbst dann, wenn man die Zutaten beschaffen konnte, extrem zeitintensiv und deshalb leider nicht alltagstauglich sind. Schade.

Mein Fazit: „Dirty Bistro“ ist ein repräsentatives Coffee Table Book mit schönen Bildern und netten Geschichten für Strohe-Fans bzw. Fans von Köchen, die aus der Reihe tanzen. In unserem Haushalt wird es sich aber wohl aus den oben genannten Gründen keinen festen Platz im Küchenregal erobern, in dem die regelmäßig genutzten Kochbücher stehen.

Veröffentlicht am 03.05.2026

Langatmige Mogelpackung

Home Before Dark
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Die „Mörderisches Island“ Reihe habe ich mit Ausnahme von Band 4 „Verlassen“ sehr gerne gelesen, und gerade deshalb hätte ich gewarnt sein sollen, denn genau das, was ich bei diesem kritisiert habe, treibt ...

Die „Mörderisches Island“ Reihe habe ich mit Ausnahme von Band 4 „Verlassen“ sehr gerne gelesen, und gerade deshalb hätte ich gewarnt sein sollen, denn genau das, was ich bei diesem kritisiert habe, treibt die Autorin in „Home Before Dark“ auf die Spitze.

Aber first things first. 1977, zehn Jahre sind vergangen, seit Kristin (Stina) spurlos verschwunden ist. Und noch immer leidet die Familie, insbesondere ihre Schwester Marsibil (Marsi), unter dem Verlust, insbesondere, da offenbar niemand, weder die Eltern noch die Polizei, großes Interesse daran hatte, diesem Vermisstenfall nachzugehen. Was ist damals geschehen? Und hat der geheimnisvolle Brieffreund Marsis, mit dem sie damals im Namen der Schwester, etwas mit dem Verschwinden dieser zu tun? Hat er sie während seines angekündigten Besuchs getötet? Diese Fragen stellt sich Marsi und lässt die damaligen Ereignisse während des Besuchs bei ihren Eltern Revue passieren. Marsibil und Kristin, 1977 und 1967, zwei Zeitebenen, zwei ich abwechselnde Perspektiven, die Licht ins Dunkel bringen sollen.

Gelabelt ist „Home Before Dark“ als Psychothriller, wird als „atemberaubender Nordic Noir“ bezeichnet, was natürlich hohe Erwartungen weckt. Aber leider werden diese nicht erfüllt. Anstelle eines Thrillers bekommt man das Porträt einer dysfunktionalen Familie, in der jede/r bemüht ist, die Realität auszublenden bzw. zu verleugnen. Über 300 Seiten nichtssagende Nabelschauen und Wiederholungen, durch die man sich durchquälen muss, in denen die Handlung auf der Stelle tritt, bevor das letzte Viertel an den Haaren herbeigezogenen Erklärungen gewidmet ist, die leider durch die Vielzahl unglaubwürdiger Twists ad absurdum geführt werden.

Fazit: Eine langatmige Mogelpackung, über weite Strecken ermüdend, die die Erwartungen nicht erfüllt und mit „Nordic Noir“ noch nicht einmal in Ansätzen etwas zu tun hat. Das Einzige, was gelungen ist, sind die Naturbeschreibungen, aber das ist definitiv zu wenig, als das man „Home Before Dark“ als gelungenen Thriller bezeichnen bzw. empfehlen könnte.