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Veröffentlicht am 15.08.2022

Chancen muss man ergreifen, wenn sie sich bieten

Die Köchinnen von Fenley
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Worum geht es in „Die Köchinnen von Fenley“? 1941/42 ist auf der britischen Insel die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln (zumindest für das normale Volk) stark eingeschränkt. Lieferketten sind unterbrochen, ...

Worum geht es in „Die Köchinnen von Fenley“? 1941/42 ist auf der britischen Insel die Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln (zumindest für das normale Volk) stark eingeschränkt. Lieferketten sind unterbrochen, Ackerflächen liegen brach, weil die Männer im Krieg sind. Die zurückgebliebenen Frauen landauf, landab, sind kreativ, bemühen sich, aus dem, was die Lebensmittelkarten an verfügbarer Nahrung anbieten, ihre Familien bestmöglich zu versorgen.

Als für die BBC-Kochsendung The Kitchen Front (die es in der Tat wirklich gab) eine Co-Moderatorin gesucht wird, lobt der Moderator einen Kochwettbewerb aus, bei dem die Gewinnerin den begehrten Job erhalten soll. Vier sehr unterschiedliche Frauen bewerben sich: eine junge Witwe, die ihren Mann im Krieg verloren hat und darum kämpft, ihren Kindern das hoch verschuldete Dach über dem Kopf zu erhalten. Ihre hochnäsige Schwester, die über ihren Stand geheiratet hat und nun in einer unglücklichen Ehe gefangen ist. Das schüchterne Küchenmädchen, eine Waise, deren Potenzial die betagte Chefköchin des Landguts erkannt hat. Und eine ausgebildete, ledige Köchin, die wegen ihrer ungewollten Schwangerschaft ihre Stelle in London verloren hat und nun in der Provinz festsitzt. Chancen muss man ergreifen, wenn sie sich bieten, denn jede dieser Frauen hätte durch den Gewinn des Wettbewerbs ohne Frage die Möglichkeit, ihrem Leben eine neue Wendung zu geben.

Frauen und Kochsendungen, da war doch was. Richtig, Bonnie Garmus‘ „Eine Frage der Chemie“, ein kritisch-humorvoller Blick auf die Rolle der Frau im Wissenschaftsbetrieb der sechziger Jahre. Aber damit kann und sollte man Jennifer Ryans historischen Roman „Die Köchinnen von Fenley“ besser nicht vergleichen, bietet dieser doch „nur“ Unterhaltung im historischen Kontext des Zweiten Weltkriegs ist, eine Zeitspanne, die in letzter Zeit häufig bei britischen Neuerscheinungen den Hintergrund für die typischen „Frauenbücher“ bietet. Ob dies mit dem Brexit zusammenhängt? Ich denke schon, denn gemeinsam ist all diesen Romanen die Aussage: Wir schaffen das gegen alle Widrigkeiten.

Und genauso vorhersehbar entwickelt sich die Handlung dieses Romans, der den Schwerpunkt auf die zwischenmenschlichen Beziehungen legt und nicht an den in diesem Genre üblichen Klischees spart. Höchst interessant fand ich allerdings die dem Buch vorangestellte Auflistung der „Wöchentlichen Essensrationen in Kriegszeiten für einen Erwachsenen“ (die auf den ersten Blick nicht besonders kärglich erscheint) und deren kreative Verwendung samt Anreicherung mit dem, was die Natur zu bieten hat, sowie die entsprechenden Rezepte zu den Gerichten, die die Teilnehmerinnen daraus zubereiteten. Und auch wer sich für die Alltagskultur während dieser Zeitspanne interessiert, findet zwischen den Zeilen immer wieder interessante Informationen zu bestimmten Nahrungsmitteln, die auch heute noch mit Sicherheit in britischen Haushalten Verwendung finden und auf den Tisch kommen.

Veröffentlicht am 13.08.2022

Wo komme ich her und wo will ich hin?

Snowflake
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Wo komme ich her, wo will ich hin? Wer bin ich, und wer will ich werden? Das sind die zentralen Fragen in Louise Nealons „Snowflake“, einem Coming-of-Age Roman.

Debbie White, wächst auf einer Milchfarm ...

Wo komme ich her, wo will ich hin? Wer bin ich, und wer will ich werden? Das sind die zentralen Fragen in Louise Nealons „Snowflake“, einem Coming-of-Age Roman.

Debbie White, wächst auf einer Milchfarm im irischen Kildare auf. Die Lebens- und Familienverhältnisse sind instabil und nicht unbedingt das, was für eine Heranwachsende hilfreich ist, die ihren Platz im Leben sucht. Mit ihr auf der Farm leben ihre Mutter Maeve, die psychische Probleme hat und davon überzeugt ist, dass ihre Träume Prophezeiungen sind, weshalb sie tagsüber entweder schläft oder damit beschäftigt ist, diese aufzuschreiben und zu analysieren. Und dann gibt es noch Onkel Billy, den melancholischen Alkoholiker, der auf dem Grundstück in einem Wohnwagen und auf dessen Dach haust, Sternbilder nachzeichnet und Geschichten erfindet, in denen griechische Götter die Hauptrolle spielen.

Ländliche Idylle sucht man vergebens, auch wenn der Umgang miteinander durchaus als liebevoll bezeichnet werden kann. Dennoch, Debbie möchte diesem Leben entfliehen, studieren. Sie bewirbt sich am Trinity College in Dublin und wird auch angenommen. Die nächste Herausforderung, vor der sie steht. Und hier kommt eine weitere wichtige Facette ins Spiel, nämlich die Herkunft. Sich im universitären und zwischenmenschlichen Leben zurecht zu finden, stellt Debbie vor große Herausforderungen. Gleichzeitig sind da aber auch noch ihre familiären Verpflichtungen, ein Spagat, der ihr kaum gelingen kann und sie extrem belastet.

Es sind viele Themen, die ihren Platz in diesem Roman finden. Natürlich geht es um Familiendynamik, um Emotionen, um Depression und Alkoholismus, aber auch um Verluste, Identität, die Wurzeln, um die Bewältigung von Herausforderungen, um Freundschaft und um das Leben. Wunderschön geschrieben, in einer teilweise fast schon lyrischen Sprache, dann wieder rau und direkt, aber auch mit sehr humorvollen Passagen, die berühren und mitten ins Herz treffen.

Veröffentlicht am 11.08.2022

Cui bono?...wie Ahmid sagt

Pirlo - Falsche Zeugen
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„Glücksspiel. Drogen. Prostitution. Das alles gibt es sowieso immer. Es kann von Vorteil sein, wenn man zumindest weiß, dass sich ordentlich darum gekümmert wird. Von ernst zu nehmenden Leuten, die wissen, ...

„Glücksspiel. Drogen. Prostitution. Das alles gibt es sowieso immer. Es kann von Vorteil sein, wenn man zumindest weiß, dass sich ordentlich darum gekümmert wird. Von ernst zu nehmenden Leuten, die wissen, was Respekt ist und wie man ihn zeigt.“ (S. 346)

Ingo Bott nimmt uns in „Falsche Zeugen“, dem zweiten Band der Pirlo-Reihe, mit ins Düsseldorfer Milieu, in dem der albanische Maliki-Clan und die Nazi-Rocker sich die genannten „Geschäftsfelder“ brüderlich teilen. Man respektiert sich und spuckt dem Gegenüber nicht in die Suppe, ist ja genug für alle da. Natürlich muss Mann immer wieder mal mit den Muskeln spielen, zeigen, wer der Herr im Ring ist, aber das ist Geplänkel. Ernsthafte Auseinandersetzungen oder Revierkämpfe sind eher selten.

Alles easy bis zu dem Abend, an dem Rainer Waßmer, Boss der Rocker, auf dem Parkplatz eines Bordells erstochen wird und Faruk Malikis Fingerabdrücke auf der Tatwaffe gefunden werden. Von da an bekommt die Aussage „Leben und leben lassen“ eine komplett andere Bedeutung. Die Mühlen der Justiz beginnen zu mahlen, was auch Faruk, dem Kronprinzen der Malikis, klar ist. Hier kommen Pirlo und seine Kollegin Sophie ins Spiel, bei denen er Hilfe sucht. Sie glauben seinen Unschuldsbeteuerungen und übernehmen den Fall trotz der dürftigen Beweislage.

Die Ermittlungen gestalten sich äußerst zäh, denn es gibt kaum Anhaltspunkte, wer ein Interesse daran haben könnte, Waßmer zu ermorden und Maliki an den Karren zu fahren. Nicht gut, denn Pirlo und Mahler arbeiten auf Erfolgsbasis, d.h. wenn Faruk schuldig gesprochen wird, sehen sie keinen müden Cent.

So plätschern die ersten 200 Seiten vor sich hin, kurz unterbrochen von Rückblicken auf den erfolgreichen Abschluss des Falls aus Band 1, Pirlos unbewältigte Familiengeschichte in Form seines Bruders Ahmid, der Sophie anbaggert, und dem Auftauchen von Alena, einer attraktiven Femme fatale (Verbeugung vor dem Malteser Falken ???), die Pirlo den Kopf dermaßen verdreht, dass er Sophie mit der gesamten Arbeit an dem Fall hängen lässt. Wer diese Durststrecke überwindet, wird mit einem zweiten Teil belohnt, der es in sich hat und Faruks Geschichte samt einigen interessanten Entwicklungen im Privaten der beiden Anwälte zufriedenstellend zum Ende bringt.

Wenn ich Sympathiepunkte verteilen müsste, würde das Pendel ohne Frage zu Sophies Seite hin ausschlagen, was vor allem den endlosen Wiederholungen geschuldet ist, mit denen ihr Chef beschrieben wird. Ja, wir haben zur Kenntnis genommen, dass er seinen Kaffee extrastark trinkt, alkoholischen Getränken nicht abgeneigt und von seinen Haaren fast schon besessen ist. Und dass er ein Problem mit seiner Herkunft hat. Wesentlich schwerer ins Gewicht fällt jedoch, wie er Sophie hängen lässt, obwohl er weiß, dass es brennt. Kein Charakterzug, der mich für ihn einnimmt. Aber bei einem Blick auf das Cover des dritten Bandes scheint es zumindest so, dass Pirlo endlich Sophies Qualitäten würdigt und sie zur Partnerin macht. Wir dürfen gespannt sein.

Kurze Kapitel und knappe Sätze forcieren das Tempo, und auch die nebenbei eingeflochtenen politischen Statements haben immer wieder für ein zustimmendes Kopfnicken meinerseits gesorgt. Beispiel gefällig?: „Irgendjemand dankt Sophie und Pirlo für den Beitrag zur Zusammenarbeit zwischen den Völkern. Vielleicht bekommen sie sogar eine Auszeichnung. Man hat Obama den Friedensnobelpreis gegeben. Im Afghanistan-Krieg. Während das Lager von Guantanamo in Betrieb war.“ (S. 222)

Nach anfänglichen Zweifeln überwiegt dann doch der positive Gesamteindruck (mit kleinen Abstrichen) und lässt mich gespannt auf die Fortsetzung der Reihe warten.

Veröffentlicht am 10.08.2022

Wenn’s mal etwas einfacher gestrickt sein darf…

Die Hyänen
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Es beginnt wie immer. Greyhound-Fan Jack Reacher sitzt mit Kreditkarte und seiner Zahnbürste im Bus, fährt ziellos durch die Gegend und beobachtet die Fahrgäste. Aus der Tasche eines alten Mannes (Aaron ...

Es beginnt wie immer. Greyhound-Fan Jack Reacher sitzt mit Kreditkarte und seiner Zahnbürste im Bus, fährt ziellos durch die Gegend und beobachtet die Fahrgäste. Aus der Tasche eines alten Mannes (Aaron Shevick) ragt ein prall gefüllter Umschlag heraus, der offenbar eine größere Menge Bargeld erhält, was nicht nur Reacher sondern auch dem Kerl im Sitz vor ihm aufgefallen ist. Und der hat keine guten Absichten, folgt dem Mann, als er an der Haltestelle den Bus verlässt, passt eine günstige Gelegenheit ab und überfällt ihn. Hätte er besser nicht getan, denn natürlich ist unser einsamer Rächer als Retter in der Not zur Stelle und vereitelt den Überfall. So weit, so gut. Die klassische Einleitung, die den Boden bereitet für den Hauptteil, der den bekannten Mustern der Reihe folgt.

Reacher landet in einer nicht näher benannten Stadt, in der es von Kriminellen wimmelt. Rivalisierenden Albaner und Ukrainer tragen hier ihre Revierkämpfe aus, und natürlich gibt es da auch noch die Russen, die im Hintergrund auf ihre Chance lauern. Mittendrin jede Menge Unschuldige, die Reachers Hilfe benötigen, da die Polizei weitgehend tatenlos zuschaut. Unterstützung findet er bei seiner neuen Freundin, der Barkeeperin Abby, die ihn ohne groß Fragen zu stellen unterstützt und mit ihm in den Kampf zieht.

„Die Hyänen“ ist das vierundzwanzigste Buch und der letzte Band der Reihe, für den Lee Child allein verantwortlich zeichnet, bevor er die Fackel an seinen Bruder weiterreicht. Und er geht von Beginn an in die Vollen. Eine Actionszene reiht sich an die nächste, was zwar für Tempo sorgt, aber natürlich zu Lasten der Personen geht, die allesamt reichlich blass bleiben. Aber man weiß ja, was man bekommt, zumindest dann, wenn man die Vorgänger kennt. Wo Reacher draufsteht, ist Reacher drin, und diese Romane sind ja weder für den gewaltfreien Widerstand der Hauptfigur noch für deren filigran ausgearbeiteten Dialoge populär. Hier heiligt der Zweck die Mittel, und die Bösen bekommen am Ende das, was sie verdient haben. Basta.

Ein spannender Thriller mit jeder Menge Action, spannend erzählt, routiniert geschrieben und wie immer flüssig zu lesen. Wenn’s mal etwas einfacher gestrickt sein darf…

Veröffentlicht am 07.08.2022

Amateurdetektei Rizzoli

Mutterherz
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Amy Antrim, eine Jugendliche, wird von einem Auto angefahren. Der Fahrer kümmert sich nicht um das verletzte Mädchen und begeht Fahrerflucht.

Sofia Suarez, eine bei Nachbarn und Kollegen beliebte Krankenschwester, ...

Amy Antrim, eine Jugendliche, wird von einem Auto angefahren. Der Fahrer kümmert sich nicht um das verletzte Mädchen und begeht Fahrerflucht.

Sofia Suarez, eine bei Nachbarn und Kollegen beliebte Krankenschwester, wird nach Schichtende in ihrer Wohnung mit einem Hammer erschlagen.

Als wäre das nicht genug, tritt auch noch Angela, Jane Rizzolis Mutter, in die Fußstapfen von Miss Marple und beobachtet verdächtige Vorkommnisse in ihrer Nachbarschaft: Ein Mann und eine Frau, die bei Nacht und Nebel mit einem Umzugswagen vorfahren und das leerstehende Haus in der Straße beziehen, Gitter an den Fenstern einbauen und das Willkommensgeschenk, Angelas legendäres Zucchinibrot, nicht annehmen. Sehr verdächtig! Aber wozu hat man denn eine Tochter bei der Bostoner Mordkommission, soll die sich doch darum kümmern. Zu dumm nur, dass Jane, die mit ihrem Kollegen Barry Frost damit beschäftigt ist, den Mord an Sofia Suarez aufzuklären, und absolut keine Lust hat, sich mit den Ergebnissen von Hobby-Detektivin Angelas Schnüffeleien auseinanderzusetzen.

„Mutterherz“, der 13. Teil der Rizzoli & Isles Reihe hat mich überrascht, ähnelt die Story inhaltlich doch sehr stark dem, was wir von der mittlerweile eingestellten Fernsehserie kennen. Viel Familiengedöns und Drumherumgerede, die eigentlichen Ermittlungen im Fall der ermordeten Krankenschwester laufen eher nebenher.

Und dennoch, mich hat dieser Roman (Thriller würde ich ihn nicht unbedingt nennen) gut unterhalten, was den beiden sympathischen Protagonistinnen, in diesem Fall das Mutter-Tochter-Gespann, sowie den Fähigkeiten der Autorin geschuldet ist. Zum einen halten die Kapitel aus wechselnden Perspektiven das Interesse an dem Fortgang der Handlung hoch, zum anderen gelingt es Gerritsen, wie wir es von ihr gewohnt sind, die unterschiedlichen Baustellen der Handlung am Ende logisch und souverän zusammenzuführen.

Ein solider „Summer read“, den ich auch Leserinnen empfehlen kann, die es eher unblutig mögen.