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Veröffentlicht am 15.11.2020

Ein Blick hinter Palastmauern - Fakten oder Fiktion?

Teatime mit Lilibet
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Die Autorin Wendy Holden hat für britische Sonntagszeitungen gearbeitet und die Biografien von mehr oder weniger (im englischen Sprachraum) bekannten Persönlichkeiten geschrieben. In „Teatime mit Lilibet“, ...

Die Autorin Wendy Holden hat für britische Sonntagszeitungen gearbeitet und die Biografien von mehr oder weniger (im englischen Sprachraum) bekannten Persönlichkeiten geschrieben. In „Teatime mit Lilibet“, einem Roman, der dem Genre Biografische Fiktion zuzuordnen ist, stützt sie sich auf die Erinnerungen der Hauslehrerin Marion Crawford (The Little Princesses), die an der Erziehung der jetzigen Queen Elizabeth II: und ihrer Schwester Margaret über zwölf Jahre beteiligt war. Gut lesbar und unterhaltend, aber im Informationsgehalt eher dürftig.

Eigentlich will sich die junge Lehrerin um die Bildung sozial benachteiligter Kinder kümmern, kann sich aber der Argumentation ihrer Mentorin nicht verschließen, dass ihr pädagogischer Einfluss am ehesten zur Veränderung der Gesellschaft beiträgt, wenn sie an der Wurzel ansetzt, quasi den Marsch durch die Institutionen antritt. Über den Umweg einer Aushilfslehrerin (bei der Familie der Schwester der späteren Queen Mum) kommt sie in den Haushalt des Herzogs von York, der nach dem Abdanken seines Bruders (Wallis Simpson Affäre) 1937 zum König gekrönt wird.

Crawfords vorrangiges Erziehungsziel ist es, Elizabeth und Margaret mit dem „wirklichen“ Leben in Kontakt zu bringen, sie für das Leben der einfachen Leute zu sensibilisieren. Ob dafür eine Fahrt mit der London Underground oder das Einkaufen von Weihnachtsgeschenken bei Woolworth ausreicht, mag jede/r für sich selbst entscheiden. Es ist zwar eine Zeit der gesellschaftlichen Veränderungen, aber an den über Jahrhunderte gewachsenen Traditionen und dem auch heute noch tief verankerten Klassensystem Großbritanniens ändert auch der Zweite Weltkrieg, der vor der Tür steht, nichts.

Mit zunehmendem Alter vergrößert sich die emotionale Distanz zwischen Crawford und ihren beiden Zöglingen, ihr Einfluss nimmt ab, ihre Dienste werden nicht mehr benötigt, sie ist desillusioniert und verbittert, hat sie doch nach eigenem Empfinden ihre besten Jahre deren Erziehung geopfert. Aber hier fragt man sich zwangsläufig, was sie erwartet hat? Und so wird sie mit einer kleinen Abfindung und den üblichen Vergünstigungen für Bedienstete des Hofes entlassen. Nach ihrem Ausscheiden erhält sie von einer amerikanischen Zeitschrift ein gut dotiertes Angebot, über ihre Zeit am Hofe zu schreiben. Eine Verletzung der Regeln, und selbst die Intervention Elizabeths hindert sie nicht daran, Interna – wie deren Zwangsstörung – preiszugeben.

Nach dem Lesen stellt man sich zwangsläufig die Frage, ob Crawford das Ziel, mit dem sie angetreten ist, erreicht hat, ob diese subjektiven Schilderungen der Realität entsprechen, oder ob es nur weiteres Futter für die Klatschpresse ist. Aber das muss wohl jede/r Leser/in selbst entscheiden.

Veröffentlicht am 11.11.2020

Lebendige Vergangenheit

Vergeltung
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Es sind meist historische Ereignisse, die der produktive englische Autor Robert Harris als Grundlage für seine Romane wählt, oft aus der jüngsten Vergangenheit. So auch in seinem neuesten Werk „Vergeltung“, ...

Es sind meist historische Ereignisse, die der produktive englische Autor Robert Harris als Grundlage für seine Romane wählt, oft aus der jüngsten Vergangenheit. So auch in seinem neuesten Werk „Vergeltung“, in dem die Entwicklung und der Einsatz der nationalsozialistischen „Vergeltungswaffe 2“, kurz „V2“, bei den Luftangriffen auf England Mittelpunkt der Handlung ist.

Im Herbst des Jahres 1944 wird London erstmals mit der V2 bombardiert, aber das ist erst der Anfang. Sie ist tückisch, fliegt sie doch lautlos mit Überschallgeschwindigkeit und kann deshalb vor dem Einschlag weder von Radar noch Aufklärern entdeckt und geortet werden Die Resultate sind verheerend, unzählige Menschen fallen diesen Angriffen zum Opfer.

Fünf Tage, zwei unterschiedliche Sichtweisen, wobei der Autor nicht in die Freund-Feind-Gut-Böse Falle tappt, sondern sensibel und deshalb umso eindringlicher mit dem Thema umgeht. Hier der Ingenieur Rudi Graf, Freund und Mitarbeiter Wernher von Brauns, der an den mobilen Startrampen in Scheveningen für die größtmögliche Verwüstung am Zielort verantwortlich ist. Dort Kay Caton-Walsh, Offizierin der Women’s Auxiliary Air Force, (Frauenhilfsdienst der britischen Luftwaffe), die anhand von Fotos den Abschussplatz der V2 ausfindig machen und die Flugbahn berechnen soll. Harris erzählt von gekaperten Kindheitsträumen, von moralischer Verantwortung und der Desillusionierung seiner Protagonisten, von den Schrecken des Krieges, den ausgemergelten Zwangsarbeitern, die unter menschenunwürdigen Zuständen im Außenlager die V2 montieren. Und nicht zuletzt von Wernher von Braun, dem Opportunisten und elitären Günstling der Nationalsozialisten, dessen Mitmenschlichkeit durch seinen wissenschaftlichen Ehrgeiz auf der Strecke geblieben ist.

Ein Stück lebendiger Vergangenheit, gut recherchiert, wie immer routiniert geschrieben, hochspannend durch den Wettlauf gegen die Zeit, durch die der Roman eine ganz besondere Dynamik entwickelt. Lesen!

Veröffentlicht am 10.11.2020

Zur Lage der Nation

Brandsätze
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„Brandsätze“ist nicht nur ein hochaktueller sondern auch ein höchst brisanter Roman, lenkt er unseren Blick doch auf eine zutiefst gespaltene amerikanische Gesellschaft, deren Leben nicht nur von Vorurteilen ...

„Brandsätze“ist nicht nur ein hochaktueller sondern auch ein höchst brisanter Roman, lenkt er unseren Blick doch auf eine zutiefst gespaltene amerikanische Gesellschaft, deren Leben nicht nur von Vorurteilen und Diskriminierung sondern auch von Angst im täglichen Miteinander geprägt ist. Diffuse Ängste, die Reaktionen provozieren, die über Generationen hinweg Familien verändern können und eine Pyramide von Vorurteilen, bei denen die Hautfarbe eine nicht unwesentliche Rolle spielt.

Zwei Familien, Täter und Opfer, ihr Schicksal verzahnt. Beide kommen zu Wort, wobei letztendlich bei genauem Hinsehen beide Familien Opfer sind. Opfer einer Gesellschaft, deren Wohlstand sich auf systemischen Rassismus gründet und der auch heute noch immer gelebt wird.

1991, South Los Angeles. Latasha Harlin. 15 Jahre alt und schwarz, geht in einen Mini-Market, um sich etwas zu trinken zu kaufen. Das Geld in der Hand, bereit zu zahlen, packt sie die Flasche in ihren Rucksack und wird daraufhin von der koreanischen Ladenbesitzerin des Diebstahls verdächtigt. Es kommt zu einem Wortgefecht und einem Handgemenge, das Mädchen reißt sich los, geht Richtung Ausgang und wird daraufhin von ihr in den Hinterkopf geschossen. Latasha ist auf der Stelle tot.

Wenn du schwarz bist, zählt dein Leben in den Vereinigten Staaten nichts. Die Vergangenheit und Gegenwart beweisen es tagtäglich, so auch in dem in den darauffolgenden Prozess. Die Ladenbesitzerin wird zu einer Bewährungsstrafe, gemeinnütziger Arbeit und 500 $ Strafe verurteilt. Soweit der reale Hintergrund, vor dem Steph Cha (Tochter koreanischer Immigranten) in ihrem Roman die Geschichte zweier Familien erzählt, die durch ein Tötungsdelikt auf unheilvolle Weise miteinander verbunden sind.

2019, Los Angeles. In den Straßen schwillt die Wut wegen wiederholter rassistischer Übergriffe durch die Polizei. Ein Vermummter schießt auf eine Koreanerin, die mit ihrer Tochter auf dem Heimweg ist. Es stellt sich heraus, dass das Opfer vor Jahren ein schwarzes Mädchen namens Ava getötet hat und damit quasi ungeschoren davon gekommen ist. Keine Frage für die Polizei, dass der Schütze Rache nehmen wollte. Und das grenzt die Zahl der Verdächtigen auf die Familie Avas ein.

Veröffentlicht am 09.11.2020

Viel Privates, wenig Spannung

Kaltes Gold
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Im ehemaligen Lappland legt die Schneeschmelze die Leiche eines Mannes frei. Olivia Rönning wird von ihrem neuen Chef damit beauftragt, sich den Fundort genauer anzuschauen. Auf dem Hinweg stürzt der Hubschrauber ...

Im ehemaligen Lappland legt die Schneeschmelze die Leiche eines Mannes frei. Olivia Rönning wird von ihrem neuen Chef damit beauftragt, sich den Fundort genauer anzuschauen. Auf dem Hinweg stürzt der Hubschrauber in einer Schlechtwetterfront über dünn besiedeltem Gebiet ab. Der Pilot ist schwer verletzt, und Olivia macht sich auf den Weg zu einem Angelcamp, um Hilfe zu holen. Dabei kreuzt sie den Weg eines dubiosen Pärchens, die offenbar auch zu dem Fundort gelangen wollen. Es kommt zu einem Schusswechsel. Olivia erschießt den Mann, wird selbst getroffen, die Frau kann fliehen. Schwerverletzt wird Olivia geborgen. Mette, ihre ehemalige Chefin, informiert den mittlerweile in Thailand lebenden Stilton, dieser kommt umgehend zurück und beteiligt sich an den Ermittlungen. Es stellt sich heraus, dass sie es mit einem Verbrechen zu tun haben, das bis in die Tage des Zweiten Weltkriegs zurück reicht und das bereits nicht nur Mette sondern auch Stilton und Olivias verstorbener Vater bearbeitet haben.

Aber…bis sie zu dieser Erkenntnis gelangen, sind von dem 500-Seiten-Krimi bereits knapp 300 Seiten vergangen, die mit ausufernden Beschreibungen des Privatlebens der Protagonisten gefüllt sind. Speziell die Liebesbeziehung zwischen Olivia und ihrem an einer dissoziativen Persönlichkeitsstörung leidenden Freund Lukas wird mit allen Höhen und Tiefen breit ausgewalzt. Dazu Mettes Befindlichkeiten, die sich nicht so recht in dem krankheitsbedingten Ruhestand zurechtfindet und Stilton Zweifel, ob er zu seiner Freundin nach Thailand zurückkehren oder in Schweden bleiben soll. Und Verweise zu Greta, Klimawandel und dessen Auswirkungen dürfen natürlich auch nicht fehlen.

Es ist ja nett, wenn man in einem Kriminalroman auch an dem Privatleben der Ermittler teilnehmen darf, aber für mich leider zu viel des Guten, hat unnötig aufgebläht, nichts zur Handlung beigetragen und damit die Spannung gekillt. Für mich leider der schwächste Band der Reihe.

Veröffentlicht am 06.11.2020

Ohne Gyros, Bifteki und Souflaki

Tante Poppis Küche
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Ein griechisches Kochbuch ohne Gyros, Bifteki und Souflaki, geht das? Ja, es geht, und wie gut das geht! Wer schon einmal das Glück hatte, sich in Griechenland abseits der touristischen Hotspots durch ...

Ein griechisches Kochbuch ohne Gyros, Bifteki und Souflaki, geht das? Ja, es geht, und wie gut das geht! Wer schon einmal das Glück hatte, sich in Griechenland abseits der touristischen Hotspots durch die Speisekarten kleiner Tavernen zu essen und auch in die Kochtöpfe zu schauen, wird mir zustimmen. Nicht umsonst empfehlen Internisten weltweit die „Kreta-Diät“, wenn es darum geht, aus dem Gleis geratene Blutwerte wieder ins Gleichgewicht zu bringen.

„Tante Poppis“ Küche ist aber kein Diätkochbuch, sondern eine inspirierende Sammlung traditioneller Rezepte (dazwischen locker eingestreut Geschichten aus der Großfamilie). Eine ehrliche, preiswerte Alltagsküche ohne Schnickschnack, in der die Gerichte ausnahmslos vegetarisch, teilweise auch vegan sind. Weder die Zutaten noch die Gewürze sind exotisch, sondern in jedem Supermarkt erhältlich. Allerdings sollte man, wie so oft wenn frisches Gemüse verarbeitet wird, etwas mehr Zeit für die Vorbereitung einplanen. Das Kochen an sich geht dann wieder fix - vieles wird im Backofen zubereitet – sodass man in der Regel nach einer Stunde ein leckeres und gesundes Essen auf dem Tisch stehen hat.

Die Einteilung der Rezepte entspricht der klassischen Menüfolge: Die traditionellen „Meze“ (Vorspeisen) werden von „Suppen & Eintöpfen“ gefolgt, die „Hauptgerichte“ (viele Aufläufe bzw. gefüllte Gemüse) durch „Pites & Brote“ ergänzt. Den Abschluss bildet „Süsses“, wobei hier fast ausnahmslos in jedem Rezept Honig zum Einsatz kommt.

Jedes Gericht wird auf einer Doppelseite vorgestellt, wobei auf der einen Hälfte Zutaten und Zubereitung beschrieben sind, während die andere Hälfte in einem ehrlichen Foto das fertige Essen zeigt.
Ganz gleich, ob Neuling oder Küchenprofi, wer neben Abwechslung auf dem Teller auch eine Prise Urlaubsfeeling in die Küche bringen möchte, sollte bei diesem Kochbuch zugreifen. Kali orexi – guten Appetit!