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Veröffentlicht am 27.02.2019

Zwischen einst und jetzt oder Was würde Sherlock tun?

Der Mann, der Sherlock Holmes tötete
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Graham Moore, der mit einem Oscar ausgezeichnete Autor (für das Drehbuch zu The Imitation Game, 2015) findet die Inspiration für seine Werke in den Biografien interessanter Persönlichkeiten. Alan Turing, ...

Graham Moore, der mit einem Oscar ausgezeichnete Autor (für das Drehbuch zu The Imitation Game, 2015) findet die Inspiration für seine Werke in den Biografien interessanter Persönlichkeiten. Alan Turing, Nikola Tesla, Thomas Alva Edison und nun also Arthur Conan Doyle.

Die Handlung seines Romans „Der Mann, der Sherlock Holmes tötete“ (The Sherlockian, 2010) springt zwischen zwei Zeitebenen hin und her. Zum einen begleiten wir Arthur Conan Doyle in dem Zeitraum zwischen 1893 und 1900. Seines Protagonisten Sherlock Holmes überdrüssig, hat er diesen kurzerhand ins Jenseits befördert, nicht ahnend, welch schwerwiegende Konsequenzen dies auch für sein tägliches Leben haben würde – wobei Anfeindungen auf offener Straße noch die harmlosesten Reaktionen sind. Als eine Briefbombe in seinem Haus detoniert, weckt der Begleitbrief Doyles Neugier: ein Zeitungsausschnitt über einen Mord im East End, das Opfer offenbar nicht von Interesse für Scotland Yard. Gemeinsam mit seinem Freund Bram Stoker, Autor des „Dracula“, macht sich Doyle im viktorianischen London auf die Suche nach dem Mörder, nicht ahnend, dass die Tote im East End nur die Spitze des Eisbergs ist.

Im zweiten Handlungsstrang befinden wir uns im Jahr 2010, eine Zusammenkunft der Baker Street Irregulars, eine Vereinigung von Sherlock-Fans. Ein außergewöhnliches Ereignis steht bevor, hat doch Alex Cale, Mitglied und Experte des Zirkels, das lange verschollene Tagebuch Doyles gefunden, in dem die Zeitspanne zwischen Holmes Tod und dessen „Wiederauferstehung“ behandelt wird. Doch noch vor seinem Vortrag wird er ermordet. Und zum Leidwesen aller ist von dem Tagebuch keine Spur zu finden. Harold White, Die-Hard-Sherlockianer, ist überzeugt davon, den Mordfall mit Holmes‘scher Deduktion aufklären zu können und das Tagebuch zu finden. Unerwartete Unterstützung erhält er dabei von der Journalistin Sarah Lindsay, die notwendigen finanziellen Mittel für die Suche in Übersee stellt Doyles Urenkel Sebastian bereit.

Die beiden Handlungsstränge sind sauber getrennt und haben (mehr oder weniger) ihren eigenen Reiz, vor allem, was die Atmosphäre im „ Conan Doyle-Strang“ angeht. Einerseits London zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, mit seinen dunklen Gassen und den zwielichtigen Gestalten, sicherlich von besonderem Reiz für all diejenigen, die die heutige Metropole jenseits der Touristenpfade kennen. Andererseits die Schnitzeljagd von Harold und Sarah nach dem verschwundenen Tagebuch im Stile eines Dan Brown. Allerdings konnte mich diese Erzählebene nicht wirklich packen, das war mir zu konventionell heruntergeschrieben, sehr beliebig und ohne größere Überraschungsmomente.

Begeistert hat mich hingegen die Handlung rund um Conan Doyle, die mit zahlreichen Querverweisen zu bekannten Persönlichkeiten wie Bram Stoker, Oscar Wilde und Agatha Christie, einer detaillierten Schilderung der Lebensbedingungen im viktorianischen London sowie den sich anbahnenden politischen Veränderungen in Form der Suffragetten-Bewegung (hier vertreten durch die reale Emily Davison und Millicent Fawcett) punktet.

Als historischer Roman funktioniert das Buch, was mit Sicherheit daran liegt, dass sich Moore an historisch Verbrieftem orientiert und dies mit fiktionalen Elementen aufpeppt. Hier überzeugt der Roman mit wundervoll atmosphärischen Schilderungen und höchst interessantem Personal. Daran werden nicht nur die Fans des Meisterdetektivs Freude haben. Wobei es jenen mit Sicherheit großes Vergnügen bereiten wird, die diversen Anspielungen im Text zu entschlüsseln und in das Werk Arthur Conan Doyles einzuordnen.

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Geschichte
  • Atmosphäre
  • Figuren
  • Lesespaß
Veröffentlicht am 23.02.2019

Auf der Straße der Hoffnungslosigkeit

Desperation Road
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McComb, Mississippi, eine Kleinstadt im Delta, der die Hoffnungslosigkeit aus allen Poren quillt. Wo man nicht redet sondern zuschlägt. Wo Träume begraben werden, man einfach weiterrennt im Hamsterrad ...

McComb, Mississippi, eine Kleinstadt im Delta, der die Hoffnungslosigkeit aus allen Poren quillt. Wo man nicht redet sondern zuschlägt. Wo Träume begraben werden, man einfach weiterrennt im Hamsterrad eines trostlosen Lebens. Eines Lebens, dem immer irgendetwas dazwischenkommt. Wo die Sehnsucht nach Liebe ncht gestillt wird. Wo der Wunsch nach Rache und Vergeltung übermächtig ist. wo sich Leere in Hass Bahn bricht. Wo Hilflosigkeit und Verzweiflung übermächtig ist.

Eine Frau, vom Leben gezeichnet, erschöpft. Unterwegs mit ihrem kleinen Mädchen, ausgemergelt einen Müllsack mit ihrem gesamten Hab und Gut hinter sich her schleppend. Ein Mann, nach langjähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen und auf dem Weg zurück. Zwei Wege, zwei Schicksale, die unwissentlich miteinander verbunden sind und sich im Verlauf der Geschichte kreuzen werden. Die nicht in einem "und sie lebten glücklich und zufrieden" enden wird. Wo Entscheidungen gefordert sind, die mühsam aufgebaute Leben zerstören könnten.

Michael Farris Smith lebt mit seiner Familie in Oxford, dieser Kleinstadt im Bundesstaat Mississippi, die durch eine hohe Dichte an herausragenden Autoren (Tom Franklin, Larry Brown, William Faulkner etc.) auffällt, die sich mit der Ressentiment getränkten Realität der Südstaaten jenseits der Plantagenschnulzen auseinandersetzen. Wie bereits er Titel vermuten lässt, ist es harte Kost, die der Autor seinen Lesern serviert. Lakonisch, gradlinig erzählt, ohne überflüssige Sentimentalitäten und gerade deshalb umso eindringlicher. Es ist eine Geschichte von zweiten Chancen. Eine Geschichte über Menschen, die die Verzweiflung hinter sich lassen wollen. Die sich gemachter Fehler bewusst sind und für ihr Handeln Verantwortung übernehmen. Die einen Neuanfang wollen. Die nach Erlösung suchen. Und für die sich am Ende vielleicht ein Silberstreif am Horizont abzeichnet. Aber Garantie gibt es keine. Niemals.

Veröffentlicht am 21.02.2019

Auf der Jagd

Der Patriot
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Manche Journalisten lassen sich von Drohungen mundtot machen, stellen das Schreiben ein und ziehen sich ins Privatleben zurück. Andere wiederum, wie Stieg Larsson oder Petra Reski, nutzen ihr Talent, verbinden ...

Manche Journalisten lassen sich von Drohungen mundtot machen, stellen das Schreiben ein und ziehen sich ins Privatleben zurück. Andere wiederum, wie Stieg Larsson oder Petra Reski, nutzen ihr Talent, verbinden persönliche Erfahrungen mit Gesellschaftspolitik, und bringen das, was gesagt werden muss, in spannenden Thrillern verpackt in die Öffentlichkeit. So auch Pascal Engman, ehemals Journalist bei der schwedischen Boulevardzeitung „Expressen“, der mit „Der Patriot“ sein Debüt gibt.

Von der Vorstellung, dass das liberale Schweden ein Paradies für Einwanderer ist, musste man sich bereits vor längerer Zeit verabschieden. Man denke nur an Henning Mankell, der diese Thematik bereits in dem Anfang der neunziger Jahre erschienenen „Mörder ohne Gesicht“ behandelt hat.

In „Der Patriot“ legt Engman eine Schippe drauf: Handlungsort ist Stockholm. Die Anzahl der Migranten hat sich um ein Vielfaches erhöht, Unmut innerhalb der Gesellschaft greift um sich. Schuldzuweisungen sind schnell gemacht. Es ist die Politik, die versagt hat, gedeckt durch die Presse, die unverblümt durch ihre Berichterstattung um Sympathie für die Einwanderer wirbt. Nationalistische Bewegungen, die ihr Land zurückhaben wollen, sind im Aufwind. Eine dieser Zellen wird von Carl Cederhjelm geleitet, der mit gleichgesinnten Patrioten als erstes diejenigen dafür bestrafen will, die für eine multikulturelle Gesellschaft trommeln. Ganz klar, die Journalisten der „Lügenpresse“ müssen bestraft werden, wenn es sein muss, auch mit dem Tod. Und schon bald sind erste Opfer zu beklagen…

Soweit also der Hintergrund, vor dem Engman seine Story entwickelt, deren Thematik sich sehr nah nicht nur an der schwedischen Realität orientiert. Man denke nur an die Aufmärsche der Rechtspopulisten in den diversen ostdeutschen Städten und die ausländerfeindlichen Parolen sowie die Anfeindungen, denen kritische Journalisten tagtäglich ausgesetzt sind. Letzteres vor allem in den Vereinigten Staaten. Und dass irgendwann ein Verrückter Amok läuft, scheint mir dann doch nicht ausgeschlossen.

Die Handlung hat von Beginn an Tempo und einen sauber ausgearbeiteten Spannungsbogen, der auch durch die verschiedenen Akteure, ihre Hintergründe und persönlichen Motivationen ständig hochgehalten wird. Ein spannender, intensiver Thriller, der mich mit leichtem Unbehagen zurücklässt. Scheint es doch nicht ausgeschlossen, dass die Fiktion in nicht allzu ferner Zukunft von der Realität eingeholt werden kann.

Veröffentlicht am 19.02.2019

Lola oder Wer ist hier der Boss?

Lola
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"Lola" ist das Debüt der amerikanischen Autorin Melissa Scrivner Love, die für so namhafte Serien wie CSI, Person of Interest und Life Drehbücher geschrieben hat. Und diese Nähe zum Film merkt man dem ...

"Lola" ist das Debüt der amerikanischen Autorin Melissa Scrivner Love, die für so namhafte Serien wie CSI, Person of Interest und Life Drehbücher geschrieben hat. Und diese Nähe zum Film merkt man dem Thriller auch an, der zum einen mit stimmigen Bildern arbeitet, zum anderen sehr rasant , aber auch mit jeder Menge Emotion daherkommt.

„Sie ist eine Frau. Sie ist klein. Sie ist nichts.“ Tja, wenn sich die bösen Buben da mal nicht täuschen, denn Lola fliegt unter dem Radar, operiert aus der Deckung heraus, die ihr ihr Freund Garcia bietet. Aber in Wirklichkeit ist sie das Oberhaupt der Crenshaw Six, einer sechsköpfigen Drogen-Gang, die in der Southside von Los Angeles Stoff für das Kartell vertickt. Dass der Kartell-Boss nicht erfreut ist, wenn andere Lieferanten in sein Gebiet eindringen wollen, ist logisch. Denen muss man eine Lektion erteilen. Und das sollen die Crenshaw Six übernehmen. Zuschnappen bei der Übergabe und sowohl den Stoff als auch die Kohle abgreifen. Guter Plan, aber leider läuft dabei so ziemlich alles schief, was schieflaufen kann. Kein Stoff, keine Kohle, aber jede Menge Ärger am Hals. 72 Stunden, so viel Zeit bleibt ihr, um die Sache zu regeln. Oder sie muss die Konsequenzen tragen

Sie ist intelligent, einer Planerin, die in größeren Dimensionen denkt, wieder aufstehen kann, wenn sie gefallen ist. Mit Druck und Verantwortung kann sie umgehen. Das hat sie in der Kindheit bei ihrer Junkie-Mutter gelernt. Sie macht darum kein Gewese, tut, was getan werden muss. Hackt Finger ab, verpasst Kopfschüsse, tötet ohne Reue. Ihre Emotionen hat sie im Griff, hält sie unter dem Deckel, die würden nur stören. Einzig bei einem vernachlässigten Kleinkind, in dem sie sich wiedererkennt, erlaubt sie sich Gefühle. Schwarz und Weiß, Gut und Böse, diese Kategorien greifen hier nicht, dafür ist Lola zu sympathisch. Man drückt ihr die Daumen, dass sie durchkommt.

Joe Ides I.Q und Wallace Strobys Crissa Stone, diese beiden Protagonisten fallen mir am ehesten ein, wenn ich Vergleiche ziehen müsste. Und Melissa Scrivner Loves Lola kommt dabei nicht nur sehr gut weg sondern ist für die beiden eine ernst zu nehmende Konkurrenz. Wer einen spannenden Thriller mit einer starken Hauptfigur sucht, kann und sollte hier ohne Bedenken zugreifen. Für 2020 hat Suhrkamp die Fortsetzung angekündigt. Ich werde sie mit Sicherheit lesen!

Veröffentlicht am 13.02.2019

Konnte mich leider nicht überzeugen

Die ewigen Toten
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In „Die ewigen Toten“ darf der forensische Anthropologe David Hunter sein Wissen in einem abbruchreifen Krankenhaus im Norden Londons unter Beweis stellen. Zuerst ist es nur eine mumifiziert Leiche auf ...

In „Die ewigen Toten“ darf der forensische Anthropologe David Hunter sein Wissen in einem abbruchreifen Krankenhaus im Norden Londons unter Beweis stellen. Zuerst ist es nur eine mumifiziert Leiche auf dem Dachboden, dann findet man durch einen „glücklichen“ Unfall einen verborgenen Raum, in dem zwei weitere Tote auf Krankenhausbetten festgeschnallt liegen. Das schockierende daran, sie müssen lebendig eingemauert worden sein. Zwei Fälle, ein Anthropologe? Nein, denn der verantwortliche Commander Ainsley setzt zusätzlich einenforensischen Taphonom auf den Fall der Eingemauerten an. Dr. Daniel Mears, blutjung und sehr von sich und seinem Können überzeugt, der sich schon beim ersten Kontakt mit Hunter entsprechend arrogant benimmt. Die Identifizierungen gestalten sich schwierig, denn noch schweigen die Knochen. Und auch die Suche nach dem Täter scheint ausweglos. In akribischer Arbeit setzen Hunter und die für den Fall zuständige DCI Sharon Ward die einzelnen Puzzleteile zusammen und kommt einem perfiden Verbrechen auf die Spur.

Nach dem wenig überzeugenden Vorgänger „Totenfang“ war ich skeptisch, ob Simon Beckett je wieder an die Qualität der ersten Bände der Reihe anknüpfen könnte. In „Die ewigen Toten“ ist ihm das zumindest in groben Zügen gelungen, allerdings nur im mittleren Teil. Aber er stellt die Geduld seiner Leser schon auf eine harte Probe. Natürlich weiß man, wenn man zu einem Hunter-Thriller greift, dass Forensik ein Schwerpunktthema ist, aber 120 Seiten bis die Fälle richtig in die Gänge kommen? Sorry, Mr Beckett, das ist mir eindeutig zu viel, und ich bin mir nicht sicher, ob ein Einsteiger in die Reihe nicht doch entnervt das Handtuch wirft. Spannung kommt hier jedenfalls nicht auf, wenn man zum zigsten Mal den Vorgang der Mazeration erklärt bekommt und das Gefühl hat, in einem Grundkurs für angehende Forensiker zu sitzen. Der Mittelteil ist soweit in Ordnung, hier kommt sogar eine gewisse Spannung auf. Aber dann das Ende…zum einen ist die Anzahl der Verdächtigen eh sehr überschaubar, das Motiv, na ja. Dann die Action à la Bond und das Gespenst aus der Vergangenheit. Keine Überraschungen, hat man alles schon einmal gelesen und konnte mich nicht überzeugen. Da schaue ich mir lieber die x-te Wiederholung von Bones an.