Alte Heimat greifbar nah
FernwehlandAls Kind der DDR- 1958 dort geboren und bis zur Wende 31 Jahre später dort gelebt- bin ich immer nach der Suche nach Büchern, die unser Leben damals unverfälscht wiedergeben. Doch die meisten Bücher über ...
Als Kind der DDR- 1958 dort geboren und bis zur Wende 31 Jahre später dort gelebt- bin ich immer nach der Suche nach Büchern, die unser Leben damals unverfälscht wiedergeben. Doch die meisten Bücher über die ehemalige DDR gefallen mir nicht. Sie stellen die Ereignisse überspitzt dar.
Katie Naumann ist eine Ausnahme. Sie entwirft ein sehr treffendes Bild des Staates DDR, der nicht nur eine vom Staat und der Staatssicherheit beherrschte Diktatur war, sondern auch Heimat. Anhand der Schicksale von Erwin und Henri kann man nachvollziehen, wie das Leben des Einzelnen durch Entscheidungen von Familienmitgliedern beeinflusst wurde. Man kann aber auch verstehen, warum nicht alle gegangen sind, sondern 17 Millionen Menschen in ihrer Heimat geblieben sind.
Die Autorin erzählt im beinahe dokumentarfilmartigen Stil die Familiengeschichte von Erwin und Henri von 1938 bis in die Gegenwart.und parallel die Geschichte des bekannten Passagierschiffes Völkerfreundschaft alias Stockholm alias Astoria. Es gelingt ihr durch die beiden Handlungsstränge den Auf- und Abstieg des ersten deutschen Arbeiter-und Bauernstaates fast emotionslos darzustellen.
Und doch ist dieses Buch so voller Emotionen. Nicht für den untergegangenen Staat sondern für die dargestellten Einzelschicksale. Obwohl eigentlich Erwin und sein Sohn Henri im Mittelpunkt der Geschichte stehen, gehört meine Sympathie und mein Mitgefühl vor allem zwei Frauen: Dora und Frida! Nicht nur den Männern wurde übel mitgespielt, auch diese beiden Frauen traf das Schicksal hart. Trotzdem haben sie sich bis ins hohe Lebensalter ihre Lebensfreude nicht nehmen lassen und waren eine verlässliche Stütze für die Familie bzw. in Fridas Fall ihre Mitmenschen.
Die Autorin hat die Geschichte des Schiffes aber auch die Heimatregion von Erwin und Henri und deren Entwicklung sehr gut recherchiert. Herzlichen Dank für die beigefügte Zeittafel und die bei Lovelybooks einsehbaren Fotos.
Obwohl die Schicksale von Dora, Erwin, Henri und Simone aber auch das der Schwedin Frida dem Leser schwer aufs Gemüt drücken, gelingt es Katie Naumann einen versöhnlichen Abschluss zu finden. Eine Meisterleistung- nicht nur das Buch, sondern vor allem das gelungene Finale.
Wie es Katie Naumann gelingt vor allem für die 85-jährige Frida, die seit 63 Jahren in einer Zeitschleife feststeckt, plötzlich eine Perspektive aufzuzeigen, das berührt das Herz. Damit meine ich nicht nur die Schlussszene sondern zum Beispiel auch wie sie an der Statue für die Hinterbliebenen von vermissten bzw. ertrunkenen Seeleuten im polnischen Gdynia erstmals nach so vielen Jahren einen Ort findet, wo sie von Ihrem Mann Abschied nehmen kann. Einfach meisterhaft gemacht.