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Veröffentlicht am 01.11.2021

Hörbuch mit Musso-Effekt - fesselnd mit einigen unerwarteten Wendungen

Eine Geschichte, die uns verbindet
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Schriftstellerin Flora Conway muss in New York Schreckliches erleben. Während des Versteckspiels in der Wohnung verschwindet ihre kleine Tochter Carrie spurlos und wird auch nach Monaten nicht gefunden. ...

Schriftstellerin Flora Conway muss in New York Schreckliches erleben. Während des Versteckspiels in der Wohnung verschwindet ihre kleine Tochter Carrie spurlos und wird auch nach Monaten nicht gefunden. Flora ist verzweifelt und möchte nicht mehr weiterleben.
Auch dem Pariser Bestseller-Autor Romain Ozorski droht der Verlust seines Sohnes Theo, seine Exfrau plant, den gemeinsamen Sohn mit nach Amerika nehmen. Auch für Romain ist ein Leben ohne seinen geliebten Sohn unvorstellbar.
Beide Personen sind auf geheimnisvolle Weise miteinander verbunden. Aber wie genau, das bleibt zunächst ein Geheimnis.

Autor Guillaume Musso erzählt aus der Perspektive seiner Figuren, hauptsächlich aus Floras und Romains. Sein Schreibstil ist angenehm flüssig, klar und gut verständlich. Die beiden Sprecher Richard Barenberg und Heike Warmuth lesen betont, manchmal etwas nüchtern, aber für mich dennoch überzeugend und mitreißend.

Flora Conway und Romain Ororski sind Figuren, die durch den Verlust ihrer Kinder zu zerbrechen drohen. Sie leiden und ich litt mit ihnen, gibt es doch für mich wenig Schlimmeres, als die Vorstellung, ohne sein Kind weiterleben zu müssen. Musso hat erneut sehr interessante Protagonisten geschaffen, unglückliche Menschen, die offensichtlich an ihrem Schicksal zerbrechen, aber auch Geheimnisse vor den Lesern hüten. Die Nebenfiguren wie Polizist Mark oder Verlegerin Fantine haben ebenso etwas Undurchsichtiges, Rätselhaftes, sie sind schwer einzuschätzen.

Guillaume Mussos Romane warten stets mit besonderen Überraschungen auf. Kaum findet man sich in der Handlung gut zurecht, ist plötzlich alles ganz anders. Auch hier wird mit einem Knall offenbart, wie Flora und Romain zusammengehören, wer sie wirklich sind. Und dabei kommt es immer wieder zur Vermischung von Fiktion und Realität. Was passiert wirklich, was nur in den Köpfen den Figuren? An mehreren Stellen war ich so verwirrt, dass ich mich erst wieder orientieren und sammeln musste. Zum Schluss sind nicht alle Fragen beantwortet, aber die meisten und wichtigsten schon. Manches wird auch der Phantasie der Leserschaft überlassen.
Für mich stellen Mussos Bücher ein eigenes Genre dar. Es sind keine Liebesroman, keine Krimis, keine Thriller, kein Fantasy, aber irgendwie doch alles zusammen. Bisher wurde ich von jedem seiner Romane gepackt und durch die unvorhergesehenen Wendungen kalt erwischt. Auch „Eine Geschichte, die uns verbindet“ macht da keine Ausnahme: Ein packendes Hörbuch über Realität, Fiktion, Schicksal, das Leben als Schriftsteller und die besondere Liebe zu seinen Kindern. Empfehlenswert für alle, die sich gerne überraschen lassen.

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Veröffentlicht am 31.10.2021

Herrlich leichte, charmante „Wohlfühlprosa“

Die Zeit der Kirschen
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„Wir, Monsieur Chabanais, wir glauben an Wunder. Wer denn nicht, wenn Menschen wie wir, die wir von Geschichten leben. Wir verkaufen Träume, das haben sie mir selbst einmal gesagt, erinnern sie sich noch? ...

„Wir, Monsieur Chabanais, wir glauben an Wunder. Wer denn nicht, wenn Menschen wie wir, die wir von Geschichten leben. Wir verkaufen Träume, das haben sie mir selbst einmal gesagt, erinnern sie sich noch? Wir werden nie aufhören, Träume zu verkaufen, und wir werden nie aufhören, an Wunder zu glauben.“

Seit sich Aurélie und André in „Das Lächeln der Frauen“ gesucht und gefunden haben, ist ein Jahr vergangen. André, der gerade seinen zweiten Roman als Robert Miller veröffentlicht hat, ist nun bereit für den nächsten Schritt, er möchte Aurélie, die in Paris das kleine Restaurant „Le temps des cerises“ führt, einen Heiratsantrag machen. Doch der richtige Zeitpunkt dafür will sich einfach nicht einstellen. Dann erhält Aurélie einen folgenschweren Anruf, der sie nicht nur beruflich noch lange beschäftigen wird und André macht bei der Vermarktung seines Buches eine reizvolle Bekanntschaft…

Nicholas Barreau schreibt unkompliziert und wunderbar leicht, sehr passend zum französischen Savoir Vivre. Abwechselnd schreibt der Autor in der ersten Person aus Andrés und Aurélies Sicht, er wechselt somit regelmäßig die Perspektive auf seine Geschichte. Vieler seiner kleinen, optimistischen Sätze habe ich gerne zweimal gelesen. So heißt es beispielsweise „Die Liebe ist vielleicht das, worauf wir am wenigsten Einfluss haben. Aber sie ist das Wichtigste in unserem Leben. Liebe ist die Antwort auf alles.“ oder „Die Liebe - das sind nicht Rosen und nicht Schokolade, das ist Zusammensein für immer.“ Solche Sätze machen einfach gute Laune.

Der Autor bringt es im Nachwort auf den Punkt: André und Aurélie sind im Alltag angekommen, mit ihren liebenswerten Eigenarten, ihren Unzulänglichkeiten, ihren Hoffnungen und Wünschen. André und Aurélie sind sympathische Figuren, beide sind ehrgeizig, genießen ihren beruflichen Erfolg und beide sind durchaus eifersüchtig. Sie haben nach außen völlig unterschiedliche Interessen: Für André ist Essen einfach nur Essen, für Aurélie können Speisen Kunst sein. André kann ohne Bücher nicht leben, Aurélie liest nicht. Aber Literatur und Kochen haben mehr gemeinsam, als man denkt, heißt es im Buch. Für beides braucht es ein gutes Gespür und eine große Leidenschaft. „Man kann die besten Zutaten verwenden oder die schönsten Wörter- wenn die Leidenschaft fehlt, wird daraus nichts Gutes werden.“ So wird aus der augenscheinlichen Unterschiedlichkeit der beiden dennoch eine Gemeinsamkeit. Auch wenn die Protagonisten sicher nicht die tiefgründigsten Figuren sind, wirken sie doch sehr menschlich, nahbar, vertraut und „echt“, sie entwickeln sich weiter, gestehen ihre Fehler ein.
Aber zwei ganz spezielle Personen drohen das Glück des Paares zu zerstören und stellen die Beziehung auf eine ernste Probe.

Können Aurélie und André alle Missverständnisse und verletzte Eitelkeiten hinter sich lassen oder kommt es zum Neuanfang mit neuen Partnern? Auch wenn ich als Leserin insgeheim sofort wusste, wie es ausgehen wird (was auch sehr gut so ist), hat mir die charmante, leichte Liebesgeschichte mit den vielen zuversichtlichen Sätzen viel Freude gemacht. Dass im Roman immer wieder auf Andrés Roman angespielt wird, der viel mit diesem Buch gemein hat, fand ich eine nette Idee. Ich hatte den Eindruck, André selbst könnte gut der Autor von „Der Zeit der Kirschen“ sein. Andrés Roman wird im Roman als liebenswürdige, nette, charmante Wohlfühlprosa bezeichnet und genau das ist „Die Zeit der Kirschen“ für mich auch. Zudem haben mir die leckeren Gerichte, die Aurelie kocht und isst Appetit gemacht. Romane und gutes Essen, für mich passt diese Kombination ganz prima zusammen. Oft ist es goldrichtig, die Welt nicht zu schwer zu nehmen und Dinge wie Bücher und Speisen einfach zu genießen. Auch Paris, das hier so atmosphärisch beschrieben wird, möchte ich nach der Lektüre gerne besuchen.
Nicholas Barreau hat erneut einen kurzweiligen Liebesroman für einen verregneten Sofatag verfasst. „Die Zeit der Kirschen“ kann für sich gelesen werden, aber noch mehr Spaß macht es, wenn man den ebenso lesenswerten Vorgänger „Das Lächeln der Frauen“ schon kennt. André macht sich im Roman über den abgedroschenen, vielzitierten Satz „Ich wünschte, dieser Roman möge niemals enden“ lustig, aber ich könnte diesen Satz über „Die Zeit der Kirschen“ mit voller Überzeugung ebenso sagen.

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Veröffentlicht am 31.10.2021

Die Stunde der Frauen - kurzweiliger Roman um eine junge, tatkräftige New Yorkerin während des Zweiten Weltkriegs

Die Frauen von New York – Glanz der Freiheit
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Lily Rose, Tochter „aus gutem Haus“, arbeitet 1942 im New Yorker Restaurant Valentino‘s als Sous-Chefin, was ihrer Mutter Viictoria sehr missfällt. Als immer mehr Männer an die Front gerufen werden, bekommt ...

Lily Rose, Tochter „aus gutem Haus“, arbeitet 1942 im New Yorker Restaurant Valentino‘s als Sous-Chefin, was ihrer Mutter Viictoria sehr missfällt. Als immer mehr Männer an die Front gerufen werden, bekommt Lily sogar den Posten der Küchenchefin in Aussicht gestellt. Gemeinsam mit anderen Frauen versucht sie das Restaurant am Laufen zu halten, was durch den Mangel an manchen Lebensmitteln immer schwieriger wird. Lilys beruflicher Höhenflug wird unter anderem nur dadurch ermöglicht, dass ihr Kollege Tom, in den Lily verliebt ist, eingezogen wird. Lily hofft sehr, dass er den Krieg überlebt, doch dann trifft eine beunruhigende Nachricht ein…

Die Geschichte lässt sich dank Ella Careys klaren und angenehm leichten Schreibstils sehr unkompliziert und flüssig lesen. Es war für mich kein Problem, in die Handlung hineinzufinden. Die Autorin erzählt chronologisch in der dritten Person.

Lily ist eine nette, sympathische Figur. Sie ist ehrgeizig, gibt sich aber dabei immer rücksichtsvoll, will niemandem etwas Böses. Mitunter wirkt sie etwas naiv, wuchs sie doch gut behütet in einer wohlhabenden Familie auf. Das Leben als Nur-Ehefrau würde Lily nicht ausfüllen, sie möchte beruflich auf eigenen Beinen stehen, es aus eigener Kraft schaffen. Mit Lily fieberte ich mit, hoffte sehr für sie, dass sich ihre Wünsche erfüllen. Vor allem Lilys Mutter Victoria versucht zu verhindern, dass sich Lily beruflich entfaltet. Für sie zählt nur der äußere Schein, eine gute Partie zu machen. Dass Lily arbeitet, passt Victoria gar nicht. Victoria ist sehr von sich überzeugt, auch wenn ihre Aussagen aus heutiger Sicht mitunter seltsam weltfremd anmuten: „Ich weiß, was Patriotismus bedeutet, Lilian. Schließlich habe ich im letzten Krieg Verbandsmaterial aufgewickelt.“
Großmutter Josie ist da eine wesentlich positivere Erscheinung. Sie hat Verständnis für ihre Enkelin, unterstützt sie und hört ihr stets zu.
Männern, die Lily und den Frauen allgemein nichts zutrauen, sind im Amerika der Vierziger Jahren keine Seltenheit und Lily muss sich mit Aussagen wie diesen auseinandersetzen: „Unsere Leser wird es genauso schockieren wie mich, dass eines der renommiertesten Restaurants in New York eine Frau als Chefkoch einstellen musste.“

Wie sehr der zweite Weltkrieg das Leben der New Yorkerinnen und New Yorker verändert, stellt der Roman aus Sicht der Frauen eindrucksvoll dar. Während die jungen Männer im Krieg kämpfen, bekommen Frauen die Möglichkeit, sich zu beweisen, müssen die Arbeit der Männer übernehmen und tun dies durchaus sehr erfolgreich und effektiv. Mir hat ihre Leistung imponiert. Die „Stunde der Frauen“ schlägt unter traurigen Umständen. Lilys packende, interessante Geschichte hat mich gut unterhalten, ein leichter Roman vor dem ernsten Hintergrund des Krieges, der sich fast wie von selbst liest. Gerade gegen Ende wird für mich dann vieles allerdings etwas zu schnell aufgelöst, die Folgen des Krieges bspw. auf die Psyche bestimmter Figuren wurden mir zu oberflächlich abgehandelt, manche Entwicklungen kamen zu überhastet. Dennoch empfand ich „Glanz der Freiheit“ als gelungenen Auftakt einer neuen Reihe. Ich möchte gerne noch mehr „Frauen von New York“ kennenlernen und werde die Fortsetzung auf jeden Fall lesen.

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Veröffentlicht am 31.10.2021

Viel Action, aber die meiste Zeit dennoch nicht mitreißend

Die Verlorenen
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Seit dem Verschwinden seines kleinen Sohns Theo vor zehn Jahren ist der Londoner Polizist Jonah Colley nicht mehr derselbe. Seine Ehe zerbrach und auch mit seinem ehemaligen besten Freund Gavin hat er ...

Seit dem Verschwinden seines kleinen Sohns Theo vor zehn Jahren ist der Londoner Polizist Jonah Colley nicht mehr derselbe. Seine Ehe zerbrach und auch mit seinem ehemaligen besten Freund Gavin hat er seit langem keinen Kontakt mehr. Jetzt meldet der sich plötzlich bei Jonah und bittet ihn um ein Treffen. Doch am Treffpunkt findet Jonah nur Gavins Leiche und drei weitere Opfer vor. Jonah selbst wird niedergeschlagen, die ermittelnden Polizisten zweifeln aber an seiner Glaubwürdigkeit. Jonah forscht auf eigene Faust nach und gerät dabei tief in seine eigene Vergangenheit: Was geschah damals wirklich mit seinem Sohn und besteht ein Zusammenhang mit Gavins Tod?

Simon Becketts Schreibstil ist recht einfach, mit kurzen Sätzen und viel wörtlicher Rede. Der Text ist gut verständlich, mitunter wirken die doch sehr schlichten Formulierungen etwas holprig und steif. Beckett erzählt meist chronologisch, es werden aber auch Rückblenden an die Zeit von vor zehn Jahren eingeschoben. So werden der aktuelle Fall um Gavins Tod und Theos Verschwinden in Zusammenhang gesetzt.

Jonah Colley ist unglücklich, wirkt gebrochen, kaputt. Wie ein Getriebener versucht er, der Wahrheit auf den Grund zu gehen, verhält sich dabei nicht immer vernünftig. Er scheint manchmal etwas naiv und unbedacht und schlittert so immer wieder in gefährliche Situationen. Bei seiner persönlichen Geschichte ist Jonahs Verhalten sicher teilweise verständlich. Obwohl mir sein Schicksal sehr leid tat, fand ich keinen richtigen Zugang zu Jonah. Er wurde mir zu oberflächlich und unklar dargestellt, ich konnte kein „tieferes“ Bild von ihm entwickeln, Jonah war für mich nur schwer zu fassen.

Auch wenn der Roman „leicht“ zu lesen ist, konnte er mich erst auf den letzten paar Seiten packen. Ich empfand den Plot durchaus als raffiniert und abwechslungsreich - obgleich ich es sonst lieber „klassischer“ und übersichtlicher mag - kam aber leider einfach nicht richtig ins Buch hinein, fand keinen Bezug zur Hauptfigur und zum Fall. Trotz der vielen Action und einiger unerwarteter Wendungen wurde ich von der Geschichte nicht mitgerissen. Mich hat der Auftakt dieser Thrillerserie insgesamt nicht überzeugen können, an Becketts „Die Chemie des Todes“ kommt „Die Verlorenen“ trotz des überraschenden Finales nicht heran. Am Schluss bleibt manches ungelöst, Potential für die Fortsetzung ist definitiv vorhanden. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich den Nachfolger lesen möchte.

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Veröffentlicht am 29.10.2021

Weihnachten in Sommerby - ein Schneesturm, allerhand Aufregung und echtes Weihnachtsgefühl

Sommerby 3. Für immer Sommerby
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„Und zum Glück ist da jetzt wirklich wieder dieses Gefühl, auf das sie bis eben vergeblich gewartet hat, zuerst auf der verregneten Fahrt und dann hier in Matsch und Grau. Das wunderbare Sommerby-Glücksgefühl. ...

„Und zum Glück ist da jetzt wirklich wieder dieses Gefühl, auf das sie bis eben vergeblich gewartet hat, zuerst auf der verregneten Fahrt und dann hier in Matsch und Grau. Das wunderbare Sommerby-Glücksgefühl. Ich bin wieder hier!, denkt Martha. Ich bin tatsächlich wieder hier!“

Weihnachten in Sommerby! Mats, Mikkel und Martha freuen sich riesig, dass sie mit ihren Eltern die Feiertage bei Oma Inge verbringen dürfen. Doch Ruhe und Besinnlichkeit wollen sich zunächst nicht einstellen. Die Nachricht, dass die Steuermannsinsel verkauft werden soll, trübt das Glück. Was soll da nur mit Aylin, Enes und Dilara werden? Dann beginnt es auch noch zu schneien. Und zwar ziemlich heftig, Sommerby versinkt unter einer tiefen Schneedecke, es ist kein Durchkommen mehr. Dass so ein Schneesturm auch große Gefahr bedeutet, müssen Mikkel und Mats am eigenen Leib erfahren….

Kirsten Boie erzählt klar, direkt und kindgemäß, sie wechselt immer wieder die Perspektive, schreibt mal aus Mats, mal aus Mikkels, mal aus Marthas Sicht, gibt dann die Gedanken und Gefühle der Kinder wieder. Dabei formuliert sie so, wie Kinder eben reden. Der Sprachstil mag am Anfang gewöhnungsbedürftig sein, enthält er doch viele umgangssprachlichen Ausdrücke, er wirkt aber sehr authentisch. Die Geschichte lässt sich flüssig vorlesen. Auch wenn die Leser nicht direkt angesprochen werden, hatten meine Kinder und ich beim Lesen doch das Gefühl, dass die Geschichte nur für uns persönlich erzählt wird, als würden die Hauptfiguren exklusiv für uns das Geschehen schildern und immer wieder zusätzliche Erklärungen liefern, damit wir uns auch wirklich „mitten drin“ in der Handlung fühlen können.
Die hübsch gezeichneten Vignetten von Verena Körting am Anfang der Kapitel zeigen idyllische kleine Winter- und Weihnachtsmotive, strahlen Gemütlichkeit aus und versetzen in Weihnachtsstimmung.
Das Buch richtet sich an Leser aller Altersgruppe, ein Familienbuch. Da die Kapitel recht umfangreich sind und die Schrift normal groß gedruckt ist, eignet sich das Buch für Selberleser ab zehn Jahren. Aber auch jüngere Kinder werden beim Vorlesen Freude an der Geschichte haben. Sie werden sich allerdings eher für Mats und Mikkels Erlebnisse als für Marthas Gefühlschaos interessieren.

Die besonderen Charaktere machen die Sommerby-Reihe aus. Jeder Leser, je nach Alter, wird seine persönliche Lieblingsfigur finden. Da sind zunächst Mats und Dilara, die sich sehr gerne mögen, aber dennoch immer streiten müssen, was uns wiederholt zum Schmunzeln brachte. Die beiden erinnern fast an ein altes Ehepaar. Beide sind selbstbewusst, frech und aufgeweckt. Mikkel ist ein typisches Sandwichkind, so feinfühlig und rücksichtsvoll. Er hat ein großes Herz für alle, vor allem für Tiere, kann aber auch richtig wütend werden. Martha ist klug, kann gut einschätzen, was in anderen vorgeht. Sie bringt die Dinge oft auf den Punkt, scheint aber manchmal auch recht naiv. Martha steckt mitten in der Pubertät und im Gefühlschaos, sie weiß nicht genau, was sie gerade fühlt. Sie kümmert sich oft rührend um ihre kleinen Brüder, Mats und und Mikkel können sich immer auf Martha verlassen, auch wenn die typischen Geschwisterkabbeleien natürlich nicht ausbleiben. Und dann ist da natürlich die pragmatische Oma Inge, die stets zupackt und manchmal recht harsch und burschikos wirkt, aber ihre Enkel sehr liebt und das Herz am rechten Fleck hat. Mit ihrer Tochter Leonie gibt es einige grundlegende Konflikte, aber Inge zeigt sich durchaus lernfähig und kompromissbereit. Über ihren Schatten zu springen, fällt ihr allerdings schwer, weil sie genauso stur sein kann, wie ihre Tochter.


Da ist es wieder dieses ganz besondere Sommerby-Gefühl: Abenteuer und Aufregung und einerseits und eine ganz eigene Gemütlichkeit und ein spürbarer Zusammenhalt andererseits. In Sommerby werden Traditionen hochgehalten, es wird noch Plattdeutsch gesprochen. Am Ende gibt es sogar ein Glossar wichtiger Ausdrücke aus dem Plattdeutschen, was uns gut gefallen hat. Sommerby ist wie eine andere Welt, in Sommerby ticken die Uhren anders, die Natur spielt eine viel größere Rolle als in der Stadt, die Kinder erleben den Alltag hier viel intensiver. „Für immer Sommerby“ ist ein wunderbar weises Buch, in dem so viel steckt: erste Liebe, Gefühlschaos und Erwachsenenwerden. Es geht zudem um Freundschaft und Familie, um ganz verschiedenartige Beziehungen. Besonders das schwierige, konfliktbehaftete Verhältnis zwischen Mutter Inge und Tochter Leonie wird sehr realistisch dargestellt. Während die konservative Inge sparsam lebt, Traditionen pflegt, Kindern viel Eigenverantwortung übertragt und ihr Lametta seit Jahren aufhebt, geht Städterin Leonie mit der Zeit, braucht Internet, findet Veränderungen und Neues wichtig und notwendig und traut ihren Kindern oft wenig zu. Da treffen zwei sehr unterschiedliche Einstellungen aufeinander.
Aber Weihnachten ist die Zeit aufeinander zuzugehen. Und beide Frauen nähern sich auf leise, sachte Weise einander an. Auch der dritte Sommerby-Band war für uns wie Urlaub, eine perfekte Weihnachtsgeschichte, die daran erinnert, worum es an Weihnachten wirklich geht: Gemeinschaft, Liebe, Familie. Sommerby ist Glück zum Lesen. Diese Reihe können wir jedem, der manchmal mehr „Hygge“ im Leben braucht, nur empfehlen. Und wer braucht das nicht?

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