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Veröffentlicht am 29.09.2020

Wunderwerk Körper mit einer besonderen Lupe betrachtet

Das Buch mit der Lupe: Mein Körper
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Der Körper ist ein erstaunliches Wunderwerk. Das stellt „Das Buch mit der Lupe- Mein Körper“ auf beeindruckende Weise dar.
Hier erfahren Kinder ab fünf Jahren auf 23 Seiten Wichtiges über Zellen, das ...

Der Körper ist ein erstaunliches Wunderwerk. Das stellt „Das Buch mit der Lupe- Mein Körper“ auf beeindruckende Weise dar.
Hier erfahren Kinder ab fünf Jahren auf 23 Seiten Wichtiges über Zellen, das Skelett, Knochen und Gelenke, Muskeln, den Blutkreislauf, die Verdauung, die Lunge und die Atmung, Entwicklung von Babys, Abwehrkräfte, das Nervensystem, das Gehirn und die Sinne und erhalten auf der letzten Seite noch Tipps zum Gesundbleiben.
Auf vier Seiten können sie mit einer festinstallierten, verschiebbaren Lupe verschiedene Ausschnitte des Körpers genauer betrachten. Auf der ersten Seite zeigt die Lupe das Herz, die Lunge, das Skelett und die Verdauungsorgane gemeinsam. Auf den weiteren Seiten werden unabhängig voneinander das Skelett des Rumpfes (Wirbelsäule), das Verdauungssystem und das Nervenssystem intensiver einzeln beleuchtet. Es ist nur möglich, kleinere Ausschnitte eines Bildes anzusehen, das gesamte Bild z.B. die Wirbelsäule als Ganzes ist nicht erkennbar. Die Illustrationen sind bewusst sehr schlicht, klar, plakativ und farbenfroh gehalten. Das jeweilige Thema steht im Fokus und wird nicht überlagert von anderen Illustrationen, die ablenken könnten. Fast ein wenig „retro“ wirken die großflächigen, teils gekörnten Bilder, sie erinnern an die 70er Jahre, was ich durchaus ansprechend finde. Kinder haben immer wieder Spaß daran, die Lupe hin und her zu bewegen und einzelne Bildausschnitte genauer zu erkunden, dieser besondere Mechanismus sorgt für Motivation und Abwechslung.

Die Texte sind strukturiert, kurz, verständlich und altersgemäß formuliert. Wie in einem Lexikon finden sich in dem Buch nähere Informationen zu den einzelnen Unterthemen. Das Buch von vorne bis hinten komplett durchzulesen, wird für kleinere Kinder vermutlich ein wenig „trocken“ sein. Die einzelnen Seiten sind sehr übersichtlich gestaltet, Text und Bild stehen in einem ausgewogenen Verhältnis.

Hervorzuheben ist noch die stabile Aufmachung des Buchs, die dicken Pappseiten im DIN A4-Format halten sicher einiges aus. Die Lupenfunktion ist ein toller Effekt, ich hätte mir allerdings noch mehr davon gewünscht und eine bessere, präzisere Handhabung - mitunter hakt die Lupe ein wenig. Insgesamt ein faszinierendes Bildersachbuch zum immer wieder Betrachten, das das Wunderwerk Körper sehr anschaulich näher bringt.

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Veröffentlicht am 28.09.2020

Aufwühlender Skandinavienkrimi um internationale Bandenkriminalität

Geburtstagskind (Ewert Grens ermittelt 1)
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Zana wird ihren fünften Geburtstag nie vergessen. An diesem Tag wird ihre gesamte Familie zu Hause auf brutalste Weise ermordet. Der Stockholmer Kommissar Ewert Grens ist der erste am Tatort und bringt ...

Zana wird ihren fünften Geburtstag nie vergessen. An diesem Tag wird ihre gesamte Familie zu Hause auf brutalste Weise ermordet. Der Stockholmer Kommissar Ewert Grens ist der erste am Tatort und bringt Zana in Sicherheit. Das Mädchen beginnt unter anderem Namen bei Pflegeeltern ein ganz neues Leben. Fast zwanzig Jahre später wird Ewert Grens in dieselbe Wohnung zu einem ominösen Einbruch ohne Beute gerufen, außerdem verschwinden die Akten zum frühere Fall spurlos aus dem Polizeiarchiv. Irgendjemand scheint nach Zana zu suchen. Anschließend kommt es zu weiteren Morden, die offensichtlich im Zusammenhang mit dem früheren Verbrechen stehen. Der komplexe Fall fordert Ewert auf besondere Weise heraus. Und nicht nur das: Der ehemalige Kriminelle und Aussteiger Piet Hoffman, der undercover für die Polizei arbeitet, bittet Grens zudem um Hilfe, denn seine Familie wird ernstlich bedroht...

Anders Roslund schreibt flüssig, klar und gut verständlich, aus der Sicht von Ermittler Ewert Grens, Piet Hoffman und dem Mädchen Zana. Die verschiedenen Perspektivwechsel sorgen immer wieder für große Spannung und Abwechslung.

Ewert Grens leistet seinen Dienst nicht nur nach Vorschrift ab. Er lebt für seinen Beruf, „beißt“ sich regelrecht an seinen Fällen fest, gibt nicht auf. Auch seine Freizeit verbringt er häufig im Büro, möchte er doch so wenig Zeit wie möglich alleine in seiner großen Wohnung sein. Anders Piet Hoffman mit der prekären Vergangenheit, dem seine Familie über alles geht, und der nun abtauchen muss, um sie zu schützen. Die beiden ungleichen Hauptfiguren kennen sich schon lange und gehen einen hochbrisanten Pakt unter enormen Zeitdruck ein.

„Geburtstagkind“ beginnt mit einem unheimlich starken Prolog, der den Leser fassungslos und schockiert zurücklässt. Erst im Lauf der Geschichte ergeben sich aus den scheinbar unabhängigen folgenden Erzählsträngen Zusammenhänge, die völlig überraschen. Insgesamt logisch und nahezu perfekt konstruiert. Allerdings führt der Roman in eine ganz andere Richtung als anfangs angedeutet. Das schreckliche Einzelschicksal Zanas mündet in einem komplizierten Fall von organisierter Kriminalität, der letztendlich lückenlos aufgeklärt wird. Mir persönlich sind Kriminalromane mit Themen wie Infiltration von Polizei oder internationaler Waffenschmuggel mit zahlreichen weiteren Verwicklungen oft zu komplex. Mich hat der spannende Roman erstaunlicherweise dennoch gepackt, die individuellen Figuren und ihre teils unerwarteten Entwicklungen haben mich überzeugt. Im Mittelteil empfand ich manche Szenen, in denen es z.B. um Bandenkriminalität geht, als ein wenig langatmig und hatte Schwierigkeiten, diese mit voller Aufmerksamkeit zu verfolgen.
Für Fans von skandinavischen Krimis (mit vielen dubiosen Figuren und organisiertem Verbrechen) absolut empfehlenswert. Ich persönlich hoffe allerdings, dass es im nächsten Fall für Ewert Grens etwas „klassischer“ und weniger international verwickelt zugeht, wünsche mir mehr von der beeindruckenden Klarheit des Prologs. Ich bin sicher, das kann Anders Roslund auch.

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Veröffentlicht am 24.09.2020

Ein „Hauch von Nichts“ mit großem Wert: Wirtschaftswunder aus Sicht der Frauen

Fräulein Paula und die Schönheit der Frauen
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Für die Hamburgerin Paula Rolle hatte Schönheit schon immer eine große Bedeutung, aber das Jahr 1948 ist nicht die Zeit, in der Frauen sich besonders attraktiv fühlen können. Überall herrscht Mangel, Hamburg ...

Für die Hamburgerin Paula Rolle hatte Schönheit schon immer eine große Bedeutung, aber das Jahr 1948 ist nicht die Zeit, in der Frauen sich besonders attraktiv fühlen können. Überall herrscht Mangel, Hamburg liegt in Trümmern und die Folgen und Zerstörungen des Krieges sind ständig präsent. Als Paula bei dem ehemaligen sächsischen Strumpffabrikanten Wilhelm Röpke eine Anstellung als Assistentin findet, ändert sich ihr Leben grundlegend. Die beiden sind fest entschlossen, aus dem Nichts eine neue Strumpffabrik aufzubauen, um Nylonstrümpfe zu produzieren. Der Weg dahin, „die Schönheit ins Leben der Frauen zurückzuholen“, zeigt Paula völlig neue Welten, ist aber immer wieder mit Rückschlägen gepflastert. Und dann ist da auch noch der britische Offizier Felix mit den kornblumenfarbenen Augen, der Deutschland immer noch als Feind betrachtet, aber seine Gefühle für Paula nicht verleugnen kann.

Autorin Caroline Bernard formuliert klar und flüssig. Svenja Pages liest ihren Roman angenehm und gut betont vor. Die unterschiedlichen Charaktere interpretiert sie auf individuelle Art und Weise. Es macht Spaß ihr zuzuhören. Manche Dialekte wie Sächsisch trifft die Sprecherin meiner Meinung allerdings nicht hundertprozentig, aber das empfinde ich nur als winzig kleinen „Schönheitsfehler“.

Die Frauen der Familie Rolle sind interessante Hauptfiguren. Sie haben während des Krieges gelernt, ohne die Hilfe eines Mannes zu überleben: Paulas Vater ist nicht aus dem Krieg zurückgekehrt, auch Paulas Verlobter Konrad ist spurlos verschwunden und vermutlich tot. Mutter Wilhelmine musste stets hart arbeiten, um die Familie durchzubringen. Die älteste Tochter Pauline, genannt Paula verdient zunächst mit kleineren Näharbeiten etwas dazu. Doch sie träumt davon, endlich wieder schicke Kleider zu tragen. Paula hofft inständig, in Zukunft beruflich auf eigenen Beinen zu stehen, ohne von einem Mann finanziell abhängig zu sein. Sie ist klug, einfallsreich, willensstark geschäftstüchtig und selbstbewusst. Auch die mittlere Schwester Gertrud wünscht sich einen eigenen Beruf, der sie erfüllt. Gertrud ist praktisch veranlagt und interessiert sich -für Frauen damals ganz untypisch- für Technik. Die jüngste Schwester Uschi möchte hingegen erst einmal das Leben genießen und endlich wieder Spaß haben. Sie kokettiert immer wieder mit ihrem Plan, einen reichen Ehemann zu finden. Mir gefällt, wie unterschiedlich die Schwestern sind und sich verhalten. Jede versucht, ihren eigenen Weg zu finden. Auch wenn die Not groß ist, die Folgen des Kriegs noch überall zu spüren sind, ist 1948 auch ein Jahr des Aufbruchs und der Zuversicht. Endlich können Frauen auch etwas anderes sein als Hausfrau und ehrgeizige Männer wie der sympathische Wilhelm Röpke bekommen die Möglichkeit, mit Ausdauer und zündenden Ideen die Wirtschaft anzukurbeln.

Caroline Bernard erzählt anschaulich von den Herausforderungen, mit denen die Menschen, vor allem die Frauen nach dem Krieg zu kämpfen haben. Sie zeichnet ein eindrückliches Bild von den damaligen Zuständen und den Träumen der kleinen Leute von einer besseren Zukunft. Kein temporeiches, sondern ein ruhiger, aber authentischer Roman. Ich habe mit Paula und ihren Schwestern gefiebert und gerne miterlebt, wie sie auf eigene, individuelle Weise ihre Chance der Emanzipation nutzen. Nylonstrümpfe, ein Hauch von Nichts werden zum Symbol des Neuanfangs, zeigen sie doch, dass Frauen es sich wieder leisten können, Wert auf sich und ihr Aussehen zu legen. Ein unterhaltsamer, kurzweiliger und leiser Roman für alle, die Mode, historische Romane und Geschichten von starken Frauen mögen.

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Veröffentlicht am 22.09.2020

Wenn der Geburtstag zum Höllentrip wird: hochdramatisch, actiongeladen und dabei teuflisch komisch

Luzifer junior (Band 8) - Ein Geschenk der Hölle
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Luzie freut sich schon seit Tagen auf seine erste Geburtstagsparty. Doch die Feier bei Onkel Wolfram wird jäh von einer schlimmen Nachricht unterbrochen, noch ehe Luzie sein Geschenk auspacken kann: In ...

Luzie freut sich schon seit Tagen auf seine erste Geburtstagsparty. Doch die Feier bei Onkel Wolfram wird jäh von einer schlimmen Nachricht unterbrochen, noch ehe Luzie sein Geschenk auspacken kann: In der Hölle gibt es einen Aufruhr, Onkel Azrael versucht erneut Luzifer Senior zu stürzen, um die Herrschaft zu übernehmen. Das können Luzie, Lilly, Aaron, Gustav und Cornibus natürlich nicht einfach so geschehen lassen. Also reisen sie in die Unterwelt, um Luzifer zu retten. Der Höllentrip wird diesmal noch gefährlicher, lebensbedrohlicher und dramatischer als alles bisher Dagewesene. So hatte sich Luzie seinen Geburtstag absolut nicht vorgestellt.

Jochen Till schreibt wie immer klar, gut verständlich, flüssig und absolut witzig. Die meiste Zeit nimmt er dabei Luzies Perspektive ein, lediglich der Prolog aus der Hölle stellt einen Dialog zwischen Luzifer und Steven dar. Die Einleitung, in der Luzifer mit diversen Widrigkeiten zu kämpfen hat, diesmal mit Geschenkpapier, ist für uns schon besondere Kult. Kult auch Raimund Freys phantastische Illustrationen, comicartig, ausdrucksstark und urkomisch. Sehr hilfreich für Neueinsteiger ist die Vorstellung der wichtigsten Charaktere am Anfang.

Was für ein Spaß, die Freunde aus St. Fidibus endlich wieder zu treffen! Luzie mit seiner unbeholfenen naiven Art, der eigentlich herzensgut und alles andere als diabolisch böse ist, muss man einfach mögen. Anders seine Zwillingsschwester Lilly, die in der Oberwelt aufgewachsen trotzdem unverkennbar die Tochter ihres Vaters Luzifer ist - vor allem dann, wenn es um Rachegelüste, ihre Unbeherrschtheit und Wutanfälle geht. Der hochintelligente Aaron mit seinen herrlich skurrilen Ticks ist ein ebenso guter Freund wie Gustav. Beide gehen für Luzie sogar -im wahrsten Sinne des Wortes- durch die Hölle. Heimlicher Star ist wie immer der drollige Hausdämon Cornibus mit seinen wunderbar witzigen Versprechern und der genialen Fähigkeit, sich in alles mögliche verwandeln zu können. Die Freunde sind schon eine einzigartiges Team. Immer wieder zum Totlachen auch der ebenso böse wie tollpatschige Luzifer Senior oder der eigentlich völlig unlustige, spröde Lehrer Holzapfel.

Ui, ist dieses neue Abenteuer spannend! Manche Szenen sind derart packend, dass es einem den Atem raubt. Luzie und seine Freunde geraten bis zum überraschenden Ende in mehr als eine extrem brenzlige Situation. Wir haben mit dem armen Luzie, der doch eigentlich nur eine schöne Geburtstagsfeier erleben möchte, ziemlich gelitten. Bei der ganzen Aufregung schafft es Autor Jochen Till trotzdem immer wieder, irre witzige Momente einzubauen: Cornibus drollige Ausdrucksweise, skurrile teuflisch-dämliche Dämonen, wiederholte Diskussionen über die Tragedauer von Unterhosen oder Rettungsaktionen der besonders bizarren Art. Erneut ein bitterböses, total komisches, schräges neues Höllenabenteuer. Für Leser von 8 bis 99 und jüngere Zuhörer ab sechs, die schwarzen Humor mögen und das Leben nicht ganz so ernst nehmen.

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Veröffentlicht am 21.09.2020

Kulturclash 1894 in München: skurriler Krimi mit sehr spezieller Atmosphäre

Der falsche Preuße
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„Einige der Gaffer hielten mittlerweile sogar Bierkrüge in den Händen. Es gibt wirklich kaum etwas, dachte Gryszinski bei sich, das den Bayern von seiner geliebten Gemütlichkeit abbringt.“

Der Preuße ...

„Einige der Gaffer hielten mittlerweile sogar Bierkrüge in den Händen. Es gibt wirklich kaum etwas, dachte Gryszinski bei sich, das den Bayern von seiner geliebten Gemütlichkeit abbringt.“

Der Preuße Wilhelm Freiherr von Gryszinski arbeitet 1894 erst seit kurzem in München als Sonderermittler für die Königlich Bayerische Polizeidirektion. Für ihn eine Herausforderung, sich den bayerischen Gepflogenheiten anzupassen. Und auch sein erster Kriminalfall hat es in sich: An der Isar wird ein Toter gefunden, eingehüllt in einen wertvollen Federumhang, daneben der Abdruck eines Elefantenfußes. Schon bald stellt sich heraus, dass die Aufklärung des Mordes über die Landesgrenze hinaus von politischem Interesse ist. Gryszinski muss sich entscheiden, wem seine Loyalität gilt: Der neuen Heimat oder der alten, Bayern oder Preußen?

Dass Uta Seeburg das Schreiben Vergnügen bereitet, ist beim Lesen deutlich spürbar. Sie erzählt mit Witz und bringt treffend und trocken allerlei Kuriositäten auf den Punkt. Ihr Spiel mit der Sprache sorgt allerdings dafür, dass der Lesefluss mitunter ein wenig ins Stocken gerät, der Sprachstil stellenweise etwas sperrig und gestelzt wirkt. Trotzdem wird dadurch eine spezielle Atmosphäre erzeugt. Fast als würde ein nüchterner Preuße versuchen, sich den bajuwarischen Gepflogenheiten anzupassen, ohne dabei, sein innerstes Wesen zu verleugnen...

Seeburgs Charaktere haben großen Unterhaltungswert: Da ist natürlich zunächst der sympathische preußische, etwas ungeschickte Ermittler Gryszinski, der stets korrekt und pflichtbewusst ganz nach Vorschrift arbeiten möchte und in der theoretischen Wissenschaft der Kriminalistik bewandert ist. Er erkennt schnell, dass in Bayern die Uhren anders ticken. Seine Begeisterung für regionale kulinarischen Spezialitäten mutet fast bayrisch an. Ob in ihm doch etwas Bayrisches steckt? Seine Frau Sophie hat mir ebenfalls gut gefallen, sie hegt leidenschaftliches Interesse für die Literatur und steht ihrem Gatten öfter mit Ratschlägen aus Romanen zur Seite. Immer wieder amüsant auch die Auftritte der unbemerkt schleichenden Haushälterin Frau Brunner. Ein Talent, das auch bei der Ermittlungsarbeit von Nutzen sein kann.
Der interessanteste Charakter ist wohl ein weiterer Preuße, der Verdächtige Eduard Lemke. Seine Villa sagt alles über den Mann mit der außergewöhnlichen Biographie aus.
Freilich setzt die Autorin allerhand Klischees ein, aber gerade das macht die einzelnen Figuren und bizarren Szenen so amüsant. Auch die Stadt München spielt hier eine besondere Hauptrolle. Gryszinski nennt sie „Kulissenstadt“, „als hätte jemand eine Schneekugel bis zum Rand mit Palästen, Tempeln und ganzen Boulevards vollgestopft“.

Der Mordfall an sich ist einfach strukturiert, scheint recht unspektakulär. Die Schatten, die der Fall wirft, sind hingegen alles andere als unbedeutend. Da geht es um weit mehr als um einen Todesfall, um Verschwörung, Verbrechen, Mord von größerem Ausmaß. Spannend, welche Verwicklungen und Zusammenhänge ans Tageslicht gelangen. Gryszinskis moralische Zwickmühle fasst ein Freund für ihn zusammen: „ (,,,) ein furchtbares Paradoxon. Halten sie sich an die die Wahrheit, richten Sie sich nach den urpreußischen Tugenden: Redlichkeit, Ehrlichkeit, Pflichtbewusstsein, Unbestechlichkeit, Gewissenhaftigkeit. Aber wenn sie diesen preußischen Tugenden treu bleiben, verraten Sie Preußen“.
Da fragt man sich als Leser natürlich: Wie wird sich Gryszinski entscheiden? Wem gehört seine Loyalität, Bayern oder Preußen? Und wer ist eigentlich „Der falsche Preuße“?
Wie kurios bayrische und preußische Eigenarten mitunter ausarten, zu welchen bizarren Verrücktheiten Größenwahn und Geld führen können, das ist alles höchst amüsant dargestellt. Und auch die allgegenwärtige Präsenz von bayrischen Köstlichkeiten wirkte auf mich äußerst anregend. Uta Seeburg lebt als Berliner selbst in München. Trotz aller Klischees macht es den Eindruck, als weiß sie, wovon sie schreibt, auch wenn Gryszinskis Fall fiktiv ist und zudem über 100 Jahre zurückliegt. Alles in allem hat mir ihr unterhaltsames, ungewöhnliches Debüt jedenfalls Spaß gemacht.

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