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Veröffentlicht am 12.06.2024

David Grann - Der Untergang der Wager - Eine wahre Geschichte von Schiffbruch, Mord und Meuterei

Der Untergang der "Wager"
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David Grann - Der Untergang der Wager - Eine wahre Geschichte von Schiffbruch, Mord und Meuterei
(C. Bertelsmann Verlag)

- Zeitzeugenbericht eines albtraumhaft strapaziösen Himmelfahrtskommandos und eines ...

David Grann - Der Untergang der Wager - Eine wahre Geschichte von Schiffbruch, Mord und Meuterei
(C. Bertelsmann Verlag)

- Zeitzeugenbericht eines albtraumhaft strapaziösen Himmelfahrtskommandos und eines Prozesses vor dem Kriegsgericht -

Wir schreiben das Jahr 1741, als ein vollkommen heruntergekommenes und zusammengezimmertes Boot mit 30 Mann Besatzung, in einer Bucht an der Südostküste Brasiliens anlandet. Bei den völlig entkräfteten, verwahrlosten und dem Tode naher Männer, handelt es sich um den kläglichen Rest einer Besatzung von 250 Mann, die am 23. August 1740 von Portsmouth, Großbritannien in See stachen. Ihr Auftrag lautete, eine mit Gold und anderen Kostbarkeiten beladene Galeere der königlich spanischen Armada zu entern und zu plündern. Am südlichsten Zipfel Südamerikas, am Kap Hoorn geriet die 1734 (eigentlich als Handelsschiff) gebaute Wager in einen heftigen Sturm, in deren weiteren Verlauf sie am 14. Mai 1741 um ein Haar sank und die Überlebenden für Monate auf eine unbewohnte Insel vor der Küste Patagoniens verbannte. Aus Wrackteilen der Wager bauten sich die Männer ein Boot, in dem sich 81 der Übriggebliebenen auf den beschwerlichen Weg machten, bewohntes Land zu erreichen. Die dreieinhalb Monate andauernde Fahrt besiegelte den Tod weiterer 50 Männer. Der Rest trotzte starken Winden, schwerem Seegang, Eisstürmen und Erdbeben, bis 30 von ihnen tatsächlich das brasilianische Festland erreichten. Als sechs Monate später drei weitere Männer in noch schlimmeren Zustand, in einer Art selbst zusammengeschusterten Einbaum mit zusammengeflicktem Segel, an der Küste Chiles angespült wurden, erhoben diese später, zurückgekehrt in ihrer englischen Heimat, schwere Vorwürfe gegenüber ihren übrigen Schiffsgefährten. Sie seien keine Helden, sondern Meuterer und Mörder. In den folgenden Auseinandersetzungen wurde klar, wie sehr die gestrandeten Männer der Wager auf der nach ihr benannten Insel leiden mussten. Kälte und Hunger zwang die ehemalige Besatzung, die sich provisorische Siedlungen errichteten, zu Plünderungen, Kämpfen, Mord und Kannibalismus. Für ein Land, das sich die Verbreitung der Zivilisation auch in den letzten Winkel dieser Welt auf die Fahnen geschrieben hatte, waren diese kriminellen Exzesse natürlich eine Schmach. Die Betroffenen trugen also gut daran, sich genau zu überlegen wie und vor allem was sie berichteten.

Für seinen exzellent recherchierten Zeitzeugenbericht "Der Untergang der Wager - Eine wahre Geschichte von Schiffbruch, Mord und Meuterei" hat der 1967 geborene US-Amerikaner David Grann jahrelang die unterschiedlichsten Manuskripte, Zeitungsartikel, Aufzeichnungen der verschiedenen Besatzungsmitglieder, Log- und Tagebücher, persönliche Briefe, Mitschriften, Konstruktionspläne, Gerichtsakten, Aufzeichnungen der Admiralität und der Regierung, sowie diverse historische Berichte zusammengetragen und selbige studiert. Sogar eine dreiwöchige Reise nach Westpatagonien hat der Journalist, Redakteur des New Yorker und Autor Grann unternommen, die ihn selbstredend auch nach Wager Island verschlug. Dabei hat Grann, der gerne mal als regelrecht besessen bezeichnet wird, eine ausgezeichnete und informative historische Geschichte rund um die Vorbereitungen auf und um den Krieg zwischen der britischen und der spanischen Krone zusammengetragen. Diese trägt er mit der Euphorie und Haltung eines Zeitzeugen vor und bindet sie ansatzweise in die damalige Ausdrucksweise ein. Auf geradezu enthusiastische Weise bringt uns David Grann somit seine Einschätzungen über die Wager und das karge Leben an Bord näher, geht dabei aber auch immer wieder auf allgemeine Anekdoten der Schifffahrt ein. Lediglich die zahlreichen Anmerkungen innerhalb seines Textes sind eher störend als hilfreich, dienen allerdings auch eher zum Nachweis und zur Untermauerung seiner Aussagen, als zur Aufklärung oder Unterhaltung seiner Leserschaft.

Während das britische Empire, im Oktober 1739, Spanien den Krieg erklärte, um deren Vorherrschaft im Pazifikküste Südamerikas bis zu den Philippinen zu unterbinden, wartete der stämmige Schotte David Cheap, seines Zeichens Oberleutnant auf der Centurion auf deren Instandsetzung. Sie war Teil eines Geschwaders aus mehreren Kriegsschiffen, plus der beiden Tender Anna und Industry, die von dem als ehrlich und ehrenhaft geltenden Kommodore George Anson befehligt wurden. Doch die Monate in denen Cheap zur Untätigkeit verdammt war zogen ins Land, denn die Beplankung der Centurion war wurmstichig, die Segel zerfressen und der Fockmast durchlöchert. Sie lief bereits bei ihrer Ausfahrt aus der Themse auf Grund. Bei den anderen fünf Schiffen des Geschwaders, der nicht ganz 40 Meter messenden Wager, der Gloucester, der Pearl, der Severn und der Trial sah es hinsichtlich der Schäden nicht viel besser aus. So klagte Dandy Kidd, der 56 Jahre alte Kapitän der Wager, sein Schiff sei instabil, ja sogar eine Fehlkonstruktion. Keine wirklich guten Voraussetzungen für ihren Auftrag, Schiffe der Spanier auszurauben und zu versenken. Die schon vor ihrem Beginn zum Scheitern verurteilte Mission stand also unter keinem guten Stern. Bevor es überhaupt losgehen konnte, kam es zu Zwangsrekrutierungen, da sich keine freiwilligen Besatzungsmitglieder finden ließen. Und da es zu dieser Zeit keine Wehrpflicht im Lande gab, wurden alsbald drastische Maßnahmen herangezogen, um Seeleute zu gewinnen. Kriminelle wurden zwangsverpflichtet, ausgediente Seefahrer wieder in Dienst gestellt, Invaliden an Bord gebracht und jeder, der nur nach Seefahrt aussah, entführt und verschleppt. Es waren die Elenden unter den Elenden. So kam es zu Ausbrüchen von Krankheiten und etliche Seeleute türmten bevor es überhaupt losging.

David Grann beschreibt in seinem Werk ebenfalls die unterschiedlichen Besatzungsmitglieder, ihre Gepflogenheiten, ihre Eigenarten und ihre Herkunft, wobei die Unterteilung in Klassen an Bord längst nicht so viel Raum einnahm, wie an Land.

"Auf der Wager allerdings hatte sich eine außergewöhnlich hohe Zahl an widerspenstigen und streitlustigen Männern versammelt." Zitat S. 52

Während der Lektüre von David Granns intensiver Mischung aus Fakten und Erzählung, wird man sich der Gefahr, der Strapazen, der Schmerzen, der Sehnsucht nach der Familie, des Leids, der Krankheiten und des Todes, die während der großen Fahrt lauerten, gewahr. Wen das Fleckfieber, das von Läusen übertragen wurde oder der Skorbut nicht in die knochigen Arme des Sensenmanns führte, den erwarteten Stürme, Seeschlachten oder er wurde von dem albtraumhaft strapaziösen Himmelfahrtskommando, vom Hunger und dem kümmerlichen, entbehrungsreichen Leben in den Malstrom des Wahnsinns gezogen. In Granns Erzählung, die häufig aus der Sicht des britischen Seefahrers und Entdeckers John Byron verfasst ist, der seinerzeit als Fähnrich auf der Wager angeheuert wurde, schleichen sich schon mal weniger gängige Begriffe aus der Seefahrt ein.

Als das Geschwader Wochen später auf der brasilianischen Insel Santa Catarina ankam, um sich zu erholen und Proviant aufzunehmen, war bereits ein Gutteil der Besatzung Gevatter Tod zum Opfer gefallen, doch der gefährliche Part der Reise lag noch in weiter Ferne. Anhaltende Orkanböen, 30 Meter hohe Wellen und Wellentäler gespickt mit Eisbergen machten die 3.000 km entfernte Schiffspassage um Kap Hoorn zu einer der gefährlichsten Unterfangen der damaligen Seefahrt. Wenigen Seeleuten gelang zu jener Zeit die Umrundung des Kaps. Es war eine beschwerliche und verlustreiche Rundung, die letztlich zwar gelang, aber nur einige Wochen später zur Folge hatte, dass die Wager Schiffbruch erlitt, indem sie auf ein Riff auflief und sich nur wenige Überlebende auf die, später nach ihr benannte Wager Island in Westpatagonien flüchten konnten. Als die Vorräte immer knapper wurden, brachen sich Misstrauen, Aufsässigkeit, tumultartige Zustände, Wut, Verzweiflung, Streitereien, bis hin zu purer Anarchie Bahn, die nicht selten in Ungehorsam, Diebstahl, Verrohung, Meuterei, Mord und sogar Kannibalismus mündeten. Manche begannen gar zu halluzinieren und mit sich selbst zu sprechen. Behält man sich das beschriebene Ausmaß unter diesen Extrembedingungen und die Unfreiwilligkeit der Mission von Beginn an vor Augen, kann man den britischen Marineangehörigen ihr Verhalten eigentlich nicht zum Vorwurf machen. Doch genau das geschah zwischen Leere, Langeweile und Tristesse auf dem kargen Eiland bereits auf drastische, gar tödliche Weise. Doch, um vom Massengrab Wager Island fortzukommen, wollte ein Teil der Crew mit einem zusammengeschusterten Boot ca. 600 km nach Norden fahren (genauer gesagt nach Chiloé, um dort auf Commander Anson zu treffen), während es die restliche Besatzung vorzog 5.000 km zurückzufahren, um in Brasilien anzulanden. Beides waren absolut todesmutige Wagnisse. Tatsächlich schafften es 30 der 91 Überlebenden dreieinhalb Monate später in Brasilien anzulanden.

David Grann gibt einen höchst spannenden und lebensnahen Einblick in die damaligen Abläufe, dem sich wahrlich kein abenteuer- oder schifffahrtsbegeisterter Leser entziehen kann. Sein Augenzeugenbericht liest sich wie ein aufgebrachter Abenteuerroman. Mit Anekdoten aus der Seefahrt ausstaffiert, geht der Autor auf die Hintergründe und die Aufzeichnungen der Tagebücher ein, die so manch einem später vor dem Kriegsgericht zum Verhängnis zu werden drohten. Offensichtlich beschreibt Grann die Not, das Elend und die Verwahrlosung der gestrandeten Besatzung, die unter unmenschlichen Strapazen bis zur Selbstaufgabe kämpften, ziemlich detailgetreu. Der US-amerikanische Schriftsteller geht hierbei intensiv auf das brutale Siechtum ein und macht es so in Ansätzen erfahrbar oder zumindest nachvollziehbar. Das gilt allerdings nicht für das Militärgericht, das schon für Kleinigkeiten hohe Strafen vorsah, wenn sie auch selten Anwendung fanden.

„Die Kriegsartikel sahen auch für kleinere Vergehen wie das Einschlafen während der Wache die Todesstrafe vor, aber in der Praxis wurde oft davon abgewichen und eine weniger drastische Strafe ausgesprochen, wenn das Gericht es für vertretbar hielt.“ Zitat S. 330/331

Zurück in der englischen Heimat folgte, mit Beginn der Verhandlungen am 15. April 1746, ein denkbar kurzer Prozess mit erstaunlichem Ausgang. Auch auf Kommodore Anson, der ebenfalls schwere Verluste hatte hinnehmen müssen, geht Grann ein. George Anson konnte es nicht lassen und ließ sich sogar, trotz geschwächter und arg dezimierter Besatzung auf die unbarmherzigen Grausamkeiten kriegerischer Handlungen mit den Spaniern ein. Als die Centurion in England eintraf, wurden Anson und seine Crew mit Ruhm und Ehre überhäuft. Eine willkommene Ablenkung gegenüber der Schmach, den die Katastrophe um die Wager mit sich brachte.

Martin Scorsese und Leonardo DiCaprio, die David Granns Vorgänger "Killers of the Flower Moon" erfolgreich verfilmten, haben sich auch die Rechte an David Granns neuestem Bestseller "The Wager" gesichert. Für mich wäre diese Adaption ohne Frage ein absolutes must-see!

(Janko)

https://www.davidgrann.com/
https://www.facebook.com/DavidGrannAuthor
https://www.instagram.com/davidgrann/

Brutalität/Gewalt: 45/100
Spannung: 70/100
Action: 43/100
Unterhaltung: 86/100
Anspruch: 47/100
Atmosphäre: 61/100
Emotion: 55/100
Humor: 05/100
Sex/Obszönität: 01/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Wertung: 83/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Altersempfehlung: ab 16 Jahren (aufgrund des historischen Verständnisses)

David Grann - Der Untergang der Wager - Eine wahre Geschichte von Schiffbruch, Mord und Meuterei
C. Bertelsmann Verlag
Gesellschaft & Kultur
ISBN: 978-3-570-10546-7
432 Seiten
Hardcover mit Schutzumschlag (mit Karten und Farbbildteil)
Originaltitel: The Wager (2023)
Aus dem Englischen von Rudolf Mast
Erscheinungstermin: 24.04.2024
EUR 25,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-641-31863-5
Erscheinungstermin: 24.04.2024
EUR 19,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

ISBN Hörbuch Download (Ungekürzte Lesung mit Tobias Kluckert): 978-3-8445-5125-9
Erscheinungstermin: 22.04.2024
EUR 21,95 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Der Untergang der Wager - Eine wahre Geschichte von Schiffbruch, Mord und Meuterei" beim C. Bertelsmann Verlag: https://www.penguin.de/Buch/Der-Untergang-der-Wager/David-Grann/C-Bertelsmann/e626705.rhd

Leseprobe: https://www.penguin.de/leseprobe/Der-Untergang-der-Wager/leseprobe
9783570105467.pdf

Hörprobe: https://www.penguin.de/content/edition/audiofiles/1083126.mp3

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Veröffentlicht am 30.05.2024

Alma Katsu - The Deep - Spuk auf der Titanic

The Deep - Spuk auf der Titanic
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Alma Katsu - The Deep - Spuk auf der Titanic
(Festa Verlag)

- atmosphärische Spuk- und Liebesgeschichte mit einer Essenz Gothic-Novel -

September 1916. Die 22-jährige Ausreißerin Annie Hebbley ist Insassin ...

Alma Katsu - The Deep - Spuk auf der Titanic
(Festa Verlag)

- atmosphärische Spuk- und Liebesgeschichte mit einer Essenz Gothic-Novel -

September 1916. Die 22-jährige Ausreißerin Annie Hebbley ist Insassin des Morninggate Asylum, in Byshore Mews, Liverpool, England. Dort ist sie auf ihren eigenen Wunsch untergebracht. Doch der Erste Weltkrieg tobt und die Betten für die Versehrten sind rar. Somit folgt sie auf Anraten des Leitenden Arztes Nigel Davenport, dem schriftlichen Aufruf ihrer Freundin Violet Jessop, auf der kürzlich zum Lazarettschiff umgerüsteten HMHS Britannic als Krankenpflegerin zu arbeiten. Die Britannic ist das Schwesterschiff der Titanic, auf der Annie und Violet, bis zu deren Untergang in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912, den sie beide glücklicherweise überlebten, bereits als Stewardessen gearbeitet hatten. Die Arbeit auf dem Hospitalschiff ist extrem. Mit nichts zu vergleichen. Annie muss sich erst an die jungen, verzweifelten Männer mit zerschossenen Gesichtern, amputierten Gliedmaßen und vom Senfgas verätzten Lungen gewöhnen. An Bord der Britannic lernt sie den Ersten Bordfunker Charlie Epping kennen. Er interessiert sich dafür, wie Annie den Untergang der Titanic überlebt hat und lässt sich von ihr berichten.

Nach dieser kurzen Einleitung springt die US-amerikanische Schriftstellerin Alma Katsu also vier Jahre zurück ins Jahr 1912 und somit zu den Geschehnissen auf der RMS Titanic, vor und während ihres Untergangs. Auf angenehme und wenig brutale Weise, vermischt sie Fakten mit Fiktion und nutzt dabei eine, der damaligen Zeit angemessene, aristokratisch angehauchte, aber leicht verdauliche Sprache. Dadurch erzeugt Alma Katsu eine angeregte und gemütliche Atmosphäre, mit einer Essenz Gothic-Novel. Auch die bildhaft ausgeführten Schilderungen der jeweiligen Schauplätze tragen dazu bei, dass ein emotionales und einfühlsames Gefühl des Behagens entsteht. Hier trifft die Stewardess der Ersten Klasse Annie Hebbley erstmals auf den jungen und attraktiven Mark Fletcher, seine Ehefrau Mrs. Caroline Fletcher, sowie seine wenige Monate alte Tochter Ondine. Annie fühlt Mark gegenüber eine anziehende Vertrautheit. Als würde sie ihn kennen. Daraus entbrennt eine unerbittliche Sehnsucht nach dem attraktiven, aber verheirateten Mann in Annie, die sich allmählich zu einer wahnhaften bis geisteskranken Obsession entwickelt. Eine merkwürdige, beinahe tödliche Anziehungskraft entwickelt auch Teddy, der Dienstjunge der First Class Reisenden John Jacob und Madeleine Astor, als er wie magisch vom Meer gerufen wird, auf die Reling der Titanic klettert und nur noch fallen will. Er wird in letzter Sekunde vom Pugilisten David "Dai" John Bowen von den Stahlstreben gepflückt.

"The Deep - Spuk auf der Titanic" schwenkt zwischen den Geschehnissen des Jahres 1912 auf der Titanic und denen von 1916 auf dem Schwesterschiff Britannic hin und her. Das 560 Seiten starke, fiktionale Psychogramm ist in erster Linie auf die Studien der einzelnen Charaktere ausgelegt und hauptsächlich aus der Sicht von Annie Hebbley, Caroline Fletcher, aber auch weiterer Passagiere verfasst. Während die abergläubische und von einem gefährlichen Gemütsleiden geplagte Annie mit einer beschwingten, tagträumerischen Melancholie agiert, lässt sich Caroline ausgelaugt, verwirrt und von Kopfschmerzen geplagt, häufig vom Moment tragen. Als sich Caroline gemeinsam mit dem Millionär Benjamin Guggenheim, John Jacob Astor, dem angeblich reichsten Mann Amerikas, samt seiner Frau Madeleine Astor, sowie der Modeschöpferin Lady Lucille Duff-Gordon und ihrem Mann Cosmo einer Séance in W.T. Steads First Class Kabine anschließt, wird der Geist angerufen, der zuvor den Dienstjungen Teddy um ein Haar in die See gelockt hätte. Während dieser Geisterbeschwörung, die der bekannte britische Journalist, Redakteur und Spiritist W.T. Stead leitet, erleidet der junge Teddy in der Kabine der Astors einen epileptischen Anfall, dem er erliegt. Die sonderbaren Vorkommnisse häufen sich. Aus den irrationalen bis wahnhaften Gedanken, dem wirren Handeln, Passagieren im Drogenrausch, Okkultismus und übernatürlichen Geschehnissen, formt Alma Katsu eine charismatische Spukgeschichte, die auch leidenschaftliche Liebesgeschichte auf vielerlei Ebenen ist. Ich muss allerdings zugeben, dass der Mittelteil für meinen Geschmack zu aufgebauscht und daher etwas überladen rüberkommt.

"The Deep" birgt ein metaphysisches Flair aus übernatürlichen Geschehnissen, sowie einer mystischen, geheimnisvollen und übersinnlichen, gleichwohl aber auch leidenschaftlichen Romantik. Das erklärt vielleicht, warum der lebendig und nah gezeichnete Roman, mit erstaunlich wenig Action und Spannung auskommt. Die transzendente Erzählung lebt vielmehr von der sonderbaren atmosphärischen Tiefe, der eingehenden Charakterstudien der damaligen High Society und der nervösen Stimmung, die Alma Katsu unter den Passagieren heraufbeschwört. Als Annie Hebbley vier Jahre später auf der Britannic als Krankenschwester ihren Dienst verrichtet, wird ein bewusstloser Patient in den großen Behandlungssaal geschoben. In ihm erkennt Annie Mark Fletcher, der Annies Meinung nach, den Untergang der Titanic nicht überlebt haben kann. Doch wie ist das möglich, dass er ihr hier auf der HMHS (His Majesty's Hospital Ship) Britannic begegnet, wenn er doch eigentlich tot sein müsste? Und wie soll sie ihm weiterhin begegnen, nachdem er sie vehement abweist? Erneut steigert sich Annie in einen krankhaften Wahn, der sie beide in den psychischen, wie physischen Abgrund zu ziehen droht. Alma Katsu, die heute mit ihrem Mann, dem Musiker Bruce Katsu, sowie den beiden Hunden Nick und Ash in den Bergen von West Virginia lebt, hat mit "The Deep" eine seltsam faszinierende und sogartige Wirkung auf mich ausgeübt. Ein bisschen düsterer und draufgängerischer hätte ihr zweiter Roman im Festa Verlag aber dann doch gerne sein dürfen.

Edutainment-Facts:
Die 1887 bei Bahía Blanca, Argentinien geborene Krankenschwester Violet Constance Jessop ist eine real existierende Person, die bereits auf der Olympic (dem ersten von drei Schiffen der Olympic-Klasse) gearbeitet hat. Bereits hier war sie in ein Unglück verwickelt, als die Olympic am 20. September 1911 mit dem britischen Kreuzer Hawke zusammenstieß. Beide Schiffe wurden schwer beschädigt, sanken aber nicht. Sie überlebte ebenfalls den Untergang der Titanic in der Nacht vom 14. auf den 15. April 1912, auf der sie damals arbeitete. Die Überlebenskünstlerin entrann auch das dritte Mal dem Tod, als die Britannic am 21. November 1916 auf eine deutsche Seemine auflief und in der Folge verschiedener Nachlässigkeiten und Fehlverhalten der Besatzung, nur 58 Minuten nach der Explosion sank. Hierzu führten unter anderem die, gegen ausdrückliche Order, zur Lüftung offen stehenden Bullaugen, sowie fatalerweise auch ein Schichtwechsel, bei dem die Crew gegen die Vorschrift verstieß, die Schiffsschotts stets geschlossen zu halten. Violet Jessop saß in einem der beiden Rettungsbote, die verbotenerweise noch während des laufenden Motors der Britannic zu Wasser gelassen wurden. Hierbei gerieten die beiden Rettungsbote in die noch rotierende Schiffsschraube der Britannic und wurden dort zerschlagen. Violet konnte sich im letzten Moment durch einen beherzten Sprung ins Wasser retten und wurde von einem der anderen Rettungsbote aufgenommen. Erst Jahre später erfuhr Violet, dass sie sich bei dem Sprung ins Wasser, bei dem sie mit dem Kopf gegen den Kiel eines der Rettungsboote schlug, eine Schädelfraktur zugezogen hatte. Violet Constance Jessop heiratete in den späten 1920er Jahren, wurde aber kurze Zeit später wieder geschieden. Sie starb am 05. Mai 1971 an einer Herzinsuffizienz. Violet Constance Jessop wurde 83 Jahre alt.

Weitere vorkommende Personen, in Alma Katsus Roman "The Deep - Spuk auf der Titanic", wie der britische Journalist, Redakteur und Spiritist William Thomas Stead, der Immobilienmakler und Geschäftsmann Colonel John Jacob Astor IV, sowie seine 18-jährige schwangere Frau Madeleine, der Industriemagnat Benjamin Guggenheim und selbstverständlich der Kapitän der Titanic Captain Edward John Smith haben ebenfalls einen realen Hintergrund. Die Hauptprotagonistin Annie Hebbley ist allerdings frei erfunden.

(Janko)

https://almakatsubooks.com
https://www.facebook.com/AlmaKatsuBooks/
https://www.instagram.com/almakatsu/

Brutalität/Gewalt: 25/100
Spannung: 38/100
Action: 32/100
Unterhaltung: 82/100
Anspruch: 31/100
Atmosphäre: 65/100
Emotion: 57/100
Humor: 09/100
Sex/Obszönität: 09/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Wertung: 75/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Altersempfehlung: ab 14 Jahren (aufgrund der nicht allzu häufigen Brutalität und des einfachen Verständnisses)

Alma Katsu - The Deep - Spuk auf der Titanic
Festa Verlag
Horror/Thriller
Buchreihe: HORROR & THRILLER - Band 185
ISBN: 978-3-98676-114-1
560 Seiten
Paperback in der Festa-Lederoptik mit Umschlagklappen
Originaltitel: The Deep (2020)
Aus dem amerikanischen Englisch von Heiner Eden
Erscheinungstermin: 11.04.2024
EUR 16,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN Ebook (ePup): 978-3-98676-115-8
Erscheinungstermin: 13.03.2024
EUR 5,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"The Deep - Spuk auf der Titanic" beim Festa Verlag: https://www.festa-verlag.de/the-deep-spuk-auf-der-titanic.html

Leseprobe: https://www.festa-verlag.de/mpattachment/file/download/id/705/

  • Einzelne Kategorien
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  • Erzählstil
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  • Charaktere
Veröffentlicht am 18.05.2024

Ray Nayler - Die Stimme der Kraken

Die Stimme der Kraken
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Ray Nayler - Die Stimme der Kraken
(Tropen Verlag)

- abstraktes und anspruchsvolles Essay über Kommunikation, Bewusstsein und neuronale Netze -

Bezirk 3, der Autonomen Handelszone Ho Chi Minh, irgendwann ...

Ray Nayler - Die Stimme der Kraken
(Tropen Verlag)

- abstraktes und anspruchsvolles Essay über Kommunikation, Bewusstsein und neuronale Netze -

Bezirk 3, der Autonomen Handelszone Ho Chi Minh, irgendwann in einer dystopischen, wenig schmeichelhaften Zukunft. Bei einem Geschäftsessen erzählt der ehemalige Tauchlehrer Lawrence einer Mitarbeiterin von DIANIMA, wie er und sein damaliger Kollege Son, während eines Tauchgangs zu einem Wrack im Archipel Con Dao, einen Kunden verloren hat. Jemand oder etwas hatte Selbigen im Wrack eingeklemmt und ihn seiner gesamten Ausrüstung beraubt. Des Atemreglers, der Sauerstoffflasche, der Tauchmaske. Jedes Mal, wenn Lawrence an den Vorfall dachte, war er sich sicher, dass nicht er etwas gesehen hatte, sondern dass vielmehr ihn etwas gesehen hatte. Drei Monate später ging die Evakuierung der Inselgruppe, samt ihres Wasserschutzgebietes los, auf der Lawrence zu der Zeit einen Tauchladen betrieb. Unmittelbar nach dem Geschäftsessen fällt Lawrence einem Anschlag zum Opfer.

In Zeiten von KI gesteuerten, autonomen Maschinen, Gesichts- und Stimmenabglanz, Sprengwespen, 3D-Projektionen, Palimpscreens, Rikscha-Drohnen, Flüssigkontrollsystemen und Nanoreinigern, wird Dr. Ha Nguyen zum Forschungsvorposten Con Dao eingeladen, um einen freilebenden, kommunikativen Oktopus zu studieren. Der internationale Technologiekonzern DIANIMA, kaufte die Inselgruppe, um den Forschungsstützpunkt zu errichten, der mit allen erdenklichen Mitteln verteidigt wird. Hier soll Dr. Ha Nguyen, gemeinsam mit dem KI-Androiden Evrim, dessen Künstliche Intelligenz die vollständige, wachsende Komplexität des menschlichen Geistes nachbildet, sowie der Sicherheitsbeauftragten Altantsetseg, Forschung an einem, im Schiffswrack vor Con Dao lebenden Oktopus betreiben, um die komplexe, vielschichtige Sprache der Kraken zu verstehen und zu erlernen. Mit einem Tauchroboter rücken sie dem Kraken immer wieder auf die Pelle, bis der Krake von sich aus an Land kommt und tatsächlich über Symbole mit ihnen zu kommunizieren beginnt. Doch wie werden sich diese Ergebnisse, wenn sie erstmals publik werden (mit all ihren gierigen, halsabschneiderischen und ausbeuterischen Folgeerscheinungen), auf die Population der Kraken an sich auswirken?

"Das Großartige und das Schreckliche an der Menschheit ist: Wir werden immer das tun, wozu wir in der Lage sind." Zitat S. 50

Der 1976 in Québec, Kanada geborene Schriftsteller Ray Nayler, hat in seinem abstrakten und anspruchsvollen Essay "Die Stimme der Kraken", interessante technologische und neurologische Überlegungsansätze verarbeitet. Er stellt Fragen über Kommunikation, Bewusstsein und neuronale Netze. Was ist die genaue Definition von Bewusstsein, wie kann man es messen und wie kann man es nachweisen? Wo fängt ein Bewusstsein an? Was ist Sozialität? Wer hier allerdings einen waschechten Wissenschaftsthriller erwartet hat, wird bitter enttäuscht sein, denn "Die Stimme der Kraken" ist vielmehr eine philosophische Betrachtung mit esoterischem Sachbuchcharakter, eingebunden in ein vages Hard SF-Gewand. Nayler liefert durchaus interessante Gedankenspiele zur Gesamtheit von Körper, Geist und Seele, geht in seiner ausufernden Fantasie auf die Komplexität und Wertigkeit von Mensch und Tier ein, auf Ethik, Moral, Rechtschaffenheit, das Leben an sich und das Gewimmel aus programmierten Impulsen, die sich endlos wiederholen. Neuronen, Konnektome, KI. Was daraus letzten Endes erwächst, wie damit umzugehen, wie es zu regulieren, und wie damit zu leben ist. Der kanadische Autor vergleicht die Persönlichkeit und Kreativität des Individuums von Mensch, Tier und KI, vergisst darüber jedoch eine konsequente Handlung in seinem Roman aufzubauen und seinen Plot mit Leben zu füllen. Die gesamte Thematik wirft einen tiefen esoterischen Schatten und ist mir persönlich zu theoretisch umgesetzt, um ernsthaft Spannung oder einen dynamischen Flow zu generieren. Jedes Kapitel wird durch wissenschaftliche Aussagen, Blickpunkte oder Gedankenspiele aus den fiktiven Büchern von Dr. Ha Nguyen oder Dr. Arnkatla Mínervudóttir-Chan eingeleitet, bietet letzten Endes aber wenig Neuerungen. In Naylers vielschichtigem Epos "Die Stimme der Kraken" geht es aber auch um die Rekonstruktion des Geistes, mit all seinen Erinnerungen, bis ins allerkleinste Detail, die erschreckend schnell voranschreitende Ausbeutung der Meere, um Ökonomie und Algorithmen, sowie die moderne Sklaverei der Arbeitswelt.

Eiko, der nach seiner Entführung aus der Autonomen Handelszone Ho Chi Minh, als Sklave auf dem KI gesteuerten Fischtrawler "Sea Wolf" arbeiten muss, wollte sich in Ho Chi Minh eigentlich einen gut bezahlten Job als Programmierer bei der Firma DIANIMA sichern. Nun muss er Fische ausnehmen und schockgefrieren. Tagein, tagaus. Ohne Aussicht auf ein Ende. Er und seine knapp 20 Kameraden werden von bewaffneten Söldnern beaufsichtigt. Eine Flucht scheint unmöglich. Sein Freund Son, ebenfalls Sklave auf dem autonomen Fischtrawler, erzählt Eiko von einem Seeungeheuer, das vor Con Dao immer wieder Menschen angegriffen und getötet hat. Das sei Sons Meinung nach auch der eigentliche Grund für den Kauf des Archipels durch die DIANIMA und der Grund für die Vertreibung der Bevölkerung, sowie die anschließende Evakuierung der Inselgruppe. Als die Sklaven eine Meuterei anzetteln und gegen die KI antreten, trifft sie alsbald eine bittere Erkenntnis und die Crew muss sich eingestehen, dass sie sich mit ihrem Aufstand gegen die "Sea Wolf" tief in den eigenen Finger geschnitten hat.

Ray Nayler wirft immer wieder interessante Fakten, Thesen und philosophische Betrachtungen über den Sinn von Sprache, Buchstaben und Symbolen ein und wie wir uns dadurch von den unterschiedlichen Kommunikationsebenen der Flora und Fauna unterscheiden. Er beleuchtet dabei die Kommunikationsarten, sowie die Evolution verschiedener Kopffüßer, nutzt hierbei hin und wieder Fremdwörter aus Medizin und Wissenschaft, die nicht unbedingt jedermanns Vokabular entsprechen dürften und ist daher auch nicht durchgehend leicht zu lesen. "Die Stimme der Kraken" ist schon ein sehr kopflastiges Buch geworden, das nicht jedermanns Sache sein dürfte. Mir persönlich ist das Verständnis und Hineindenken in Lerneffekte, Handlungen und Kommunikation, letztlich in die Stimme der Kraken, ein wenig zu konstruiert, zu theoretisch und zu abstrakt arrangiert. Nayler, der heute mit Frau und Tochter in Washington D.C. lebt, interpretiert ein bisschen zu viel vages Gedankengut in den "Geist" und die Kommunikation der Kraken hinein. Ich weiß um die Recherche, die vielen Stunden und die damit verbundene Arbeit, die Ray Nayler in seinen Roman gesteckt hat. Für einen belletristischen Roman herrscht mir hier definitiv zu viel Spekulation und eindeutig zu wenig Handlung. Sein 2020 im Original erschienener Debütroman wirkt dadurch regelrecht zerstückelt. Schade eigentlich!

(Janko)

https://www.raynayler.net/
https://www.facebook.com/raynayler/
https://www.instagram.com/raynayler/

Brutalität/Gewalt: 37/100
Spannung: 30/100
Action: 28/100
Unterhaltung: 51/100
Anspruch: 50/100
Atmosphäre: 38/100
Emotion: 29/100
Humor: 03/100
Sex/Obszönität: 07/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Wertung: 42/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Altersempfehlung: ab 25 Jahren (aufgrund der anspruchsvollen und abstrakten wissenschaftlichen Thematik)

Ray Nayler - Die Stimme der Kraken
Tropen Verlag
SciFi/Fantasy/Öko-Thriller
ISBN: 978-3-608-50013-4
464 Seiten
Gebundene Ausgabe mit Farbschnitt
Originaltitel: The Mountain in the Sea (2020)
Aus dem amerikanischen Englisch von Benjamin Mildner
Erscheinungstermin: 20.04.2024
EUR 26,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-608-12249-7
Erscheinungstermin: 20.04.2024
EUR 20,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

ISBN Hörbuch Download (Ungekürzte Lesung mit David Nathan): 978-3-7424-3176-9
Erscheinungstermin: 20.04.2024
EUR 25,95 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Die Stimme der Kraken" beim Tropen Verlag: https://www.klett-cotta.de/produkt/ray-nayler-die-stimme-der-kraken-9783608500134-t-8556" target="_blank">https://www.klett-cotta.de/produkt/ray-nayler-die-stimme-der-kraken-9783608500134-t-8556

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Veröffentlicht am 08.05.2024

- harter, investigativer und packender Krimi/Thriller mit Know-how und Verstand -

Bad Axe County
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John Galligan - Bad Axe County
(Polar Verlag)

- harter, investigativer und packender Krimi/Thriller mit Know-how und Verstand -

April 2016, in einem vergessenen Landstrich Wisconsins. Als der Sheriff ...

John Galligan - Bad Axe County
(Polar Verlag)

- harter, investigativer und packender Krimi/Thriller mit Know-how und Verstand -

April 2016, in einem vergessenen Landstrich Wisconsins. Als der Sheriff des Bad Axe Countys, Raymond Gibbs eines natürlichen Todes verstirbt, sucht der Rat des Countys einen Interims-Sheriff. Dieser ist im ehemaligen Deputy Heidi Kick schnell gefunden. War sie es doch, die den Mörder Horst Zimmer hochgenommen hat. Viele Deputys, allen voran der 60 Jahre alte Chief Deputy Elvin "Boog" Lund, dem man den Titel des Sheriffs ein paar Tage nach Gibbs Tod wieder abnahm, um ihn kurzerhand an Interims-Sheriff Heidi Kick weiterzugeben, bekunden offen ihre Abneigung gegen einen weiblichen Sheriff. Denn anders als Raymond Gibbs, der gerne mal wegschaute, in die eigene Tasche wirtschaftete oder als indirekter Sponsor von Sex-Partys auftrat, stellt sich Heidi Kick als das genaue Gegenteil und somit als Gefahr für diesen, von Männern dominierten Verwaltungsbezirk dar. Auch Angus Beavers geht der Arsch auf Grundeis, hat sein Dad doch eine Leiche in der Tiefkühltruhe, in der alten Wellblechbaracke im Good Old Bad Axe County. Drum kehrt er aus Jacksonville in seine alte Heimat Wisconsin zurück. Während ein Eissturm aufzieht, lassen die Leute im Ease Inn, beim Veteranen-Treffen oder bei der illegalen Sex-Party in der alten Faulkner-Farm die Sau raus. Unterdessen wird Walt Beavers, ehemaliger Coach der "Bad Axe Rattlers", dem hiesigen Baseballteam, das zu jener Zeit bis auf Heidis Ehemann Harley Kick und das auf der Bank verrottende Naturtalent Angus Beavers, ausschließlich mit Losern besetzt war, in seinem schäbigen Zuhause überfallen und beinahe totgeschlagen. Als Interims-Sheriff Heidi Kick hinzustößt, geht es ihr massiv an den Kragen.

John Galligans, 2019 im Original, ebenfalls unter dem Titel "Bad Axe County" erschienener, investigativer und gewaltbereiter Krimi/Thriller, bietet ein absichtlich leicht verwirrendes, mit subtilem Humor unterfüttertes Storyboard, in einer typisch Ami-like ausgeschmückten, kleinbürgerlichen "Idylle". Im fiktiven Bad Axe County, in der sich die Bewohner alles andere als grün sind, erschließt sich dem Leser, eine weitreichende Aneinanderreihung unfassbarer Verbrechen. Die nasskalte Atmosphäre aus Regen, Schnee, Eis und Überflutungen, die kaputten Typen, die widrigen Umstände, die permanente Gefahr, die unsäglichen Abartigkeiten, die verdammte Heuchelei, die bösartige Wurzeln austreibende Missgunst und mittendrin, nachdenklich bis zur Selbstaufgabe, Interims-Sheriff Heidi Kick. Die 29 Jahre alte, dreifache Mutter ist eine toughe Frau, die nicht auf den Mund gefallen, dafür aber äußerst gewieft und verdammt hart im Nehmen ist. Sehr zum Missfallen vieler Einwohner des Countys, sowie nahezu des gesamten Baseballteams, jagt Heidi Kick Geistern aus der Vergangenheit hinterher. Ein haushoch verlorenes, peinliches bis demütigendes Baseballspiel gegen die Dells vier Jahre zuvor, welches in einem Tumult endete, eine ausufernde Party, sowie ein totes Mädchen auf der Ladefläche von Walt Beavers Pick-up, sind die Aufhänger der Story. Daneben versucht Heidi herauszufinden, wer ihre Eltern auf dem Gewissen hat, denn der offiziellen Version, ihr Vater habe zwölf Jahre zuvor erst ihre Mutter und dann sich selbst gerichtet, kann und will sie keinesfalls Glauben schenken.

Dann ist da noch die minderjährige Stripperin und Prostituierte Pepper Greengrass, samt ihrem Zuhälter, dem Ex-Knacki Dale Hills. Die 16-jährige Pepper muss Geld verdienen, um zu ihrer Schwester nach Hungry Horse zu gelangen und dafür macht sie wirklich erschreckend viel. Interims-Sheriff Heidi Kick will ihr helfen, doch auch bei diesem Thema rennt sie gegen eine Mauer des Schweigens an. Heidi hat durchaus Verbündete, die ihr wohlgesonnen gegenüberstehen. Sogar in den eigenen Reihen. Die Meisten zeigen jedoch offen ihre unverhohlene Abneigung gegen die junge Polizistin. Alleine schon das demütigende Verhalten von Deputy Boog Lund spricht Bände. Die risikobereite, um nicht zu sagen leichtsinnige Heidi Kick, erhält jedoch Hilfe von unerwarteter Seite. Die Suche nach der verschwundenen Pepper Greengrass gerät für die junge Polizistin unterdessen jedoch allmählich zur Obsession und sie fragt sich immer wieder, auf welche Weise ihr Ehemann Harley Kick eigentlich in die ganzen üblen Angelegenheiten verstrickt ist? Wie bereits erwähnt, kann "Bad Axe County", aufgrund seiner Komplexität, seines sprunghaften Erzählstils, seiner zahlreichen Handlungsstränge und der massenhaft eingeworfenen Namen, durchaus eine Herausforderung darstellen. Gefühlt lernt man nämlich die gesamte Kleinstadt kennen. Da muss man schon an Ball bleiben. Es lohnt sich aber allemal, denn nach und nach entspinnt sich ein ausgeklügelt arrangierter, intelligenter und komplex ausgearbeiteter literarischer Trip, aus Lügen, Rache, Vertuschung, (sexualisierter) Gewalt, Missbrauch, Elend, Mobbing, Betrug, Klüngel, falschen Beschuldigungen, Geldwäsche, Menschenhandel und tief sitzendem Hass, der wahrlich seinesgleichen sucht.

Mich hat das, wie im Laufschritt erzählte, unmoralische, bewegende und adrenalingeschwängerte "Bad Axe County", mit seiner lebendigen Beschreibung der Geschehnisse und des Milieus, direkt abgeholt und megamäßig fasziniert. Auch die grandiose Übersetzung von Kathrin Bielfeldt ist definitiv gelungen und geht von Anfang an auf. Sie behält den ursprünglichen Charakter, den Charme und die Seele der Geschichte bei, ohne selbige auch nur im Geringsten zu entfremden. In seiner Einfachheit wortgewandt und durch ein paar humoristische Einwürfe, lockert der aus Madison, Wisconsin stammende John Galligan, seinen schockierenden und gewalttätigen Krimi/Thriller immer wieder auf. Dabei sind die harten und endgültigen Zusammenhänge erschreckend klug und tiefgehend ausgearbeitet, denn urplötzlich greifen alle Geschehnisse ineinander, wie Ebbe und Flut. Da bleibt einem nur zu hoffen, dass der Polar Verlag noch die weiteren, bereits erschienenen Werke dieser grandiosen Reihe, wie den zweiten Teil "Dead Man Dancing" (2020), den dritten Teil "Bad Moon Rising" (2021) und den vierten Teil "Bad Day Breaking" (2022), möglichst von Kathrin Bielfeldt, übersetzen lässt.

(Janko)

https://www.johngalligan.com
https://www.facebook.com/JohnGalliganAuthor/

Brutalität/Gewalt: 70/100
Spannung: 91/100
Action: 86/100
Unterhaltung: 97/100
Anspruch: 62/100
Atmosphäre: 85/100
Emotion: 84/100
Humor: 20/100
Sex/Obszönität: 44/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Wertung: 93/100

https://www.lackoflies.com" target="_blank">https://www.lackoflies.com - Altersempfehlung: ab 18 Jahren (aufgrund des allgemeinen Verständnisses, der vulgären Sprache, der sexuellen Handlungen und der Gewalt)

John Galligan - Bad Axe County
Polar Verlag
Kriminalroman
ISBN: 978-3-948392-94-9
432 Seiten
Taschenbuch
Originaltitel: Bad Axe County (2019)
Aus dem amerikanischen Englisch von Kathrin Bielfeldt
Erscheinungstermin: 18.03.2024
EUR 17,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-948-39295-6
Erscheinungstermin: 15.03.2024
EUR 11,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Bad Axe County" beim Polar Verlag: https://polar-verlag.de/produkt/john-galligan-bad-axe-county/

Leseprobe: https://www.book2look.com/book/9783948392949

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Veröffentlicht am 25.04.2024

Kiko Amat - Revanche

Revanche
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Kiko Amat - Revanche
(btb Verlag)

- Milieustudie und Familiendrama so gewalttätig wie ein Grizzly auf PCP -

Du bist Amador. Fran Amador. Vize-Capo der Lokos. Einer Gruppe hochkrimineller, psychisch gestörter ...

Kiko Amat - Revanche
(btb Verlag)

- Milieustudie und Familiendrama so gewalttätig wie ein Grizzly auf PCP -

Du bist Amador. Fran Amador. Vize-Capo der Lokos. Einer Gruppe hochkrimineller, psychisch gestörter Hooligans und skrupelloser, gewaltliebender Anhänger des FC Barcelona. Bekannt für Drogen- und Immobilienhandel, Gewaltdelikte und Schutzgelderpressung im ganz großen Stil, deren Alltag sich aus Gegner klatschen, Territorien gegen fremde Dealer verteidigen und Warnungen erteilen zusammensetzt. Ähnlich den Narcos in Südamerika. Mit Fußball hat das ganze wenig zu tun. 1972 geboren und aufgewachsen Mitten im Elend einer kaputten Welt, bist du indes ein wenig in die Jahre gekommen, pflegst aber nach wie vor deine Neigung zu unkontrollierten Gewaltausbrüchen. Du bewahrst ein Geheimnis, das deinen Tod bedeuten würde und sitzt mit deinem Capo Alberto Cid, genannt "El Cid", Diego Sáez, sowie Mikrobe vor einem Hotel in einem Auto und beobachtest einen Typen mit zwei Grazien. Einen Typen, der euch euer Geschäft streitig machen will. Alles, was ihr davon haltet, landet in seinem Gesicht. Ihr nehmt ihn mit, in eine verlassene Lagerhalle. Er ist gefesselt, bewusstlos, blutet. Du sägst an seinem Daumen. Er wacht wieder auf, verliert erneut das Bewusstsein und in dem Moment auch seinen Daumen.

Der spanische Schriftsteller und Journalist Kiko Amat (eigentlich Francisco de Asís Amat Romeu) nutzt seinen eigenen Slang, mit einem selbst erfundenen Wortschatz, den er Lokoslingo nennt und der innen auf der Umschlagseite seines neuesten Werkes übersetzt ist. Es sind allerdings nur ein paar vereinzelte Wörter. Überhaupt pflegt der, 1971 in Sant Boi de Llobregat, in der Provinz Barcelona geborene Allrounder einen, von subtilem Sarkasmus getriebenen, schmutzigen, kaputten, asozialen, rauen, vulgären, verschlagenen und obszönen Umgangston, der nach Körperverletzung, Sexismus, Vandalismus und Vergeltung schreit. Explizit und endgültig. Amats Sprache ist ungemütlich wie eine Backpfeife, trotz des "Slangs" aber leicht verständlich. Ein Beispiel gefällig? Here We go:

"Ganz vorn stehen ein paar fröstelnde Engländerinnen mit winzigen Klodagefetzen, die wie durch ein Wunder ihre Ausscheidungsorgane und Brustwarzen bedecken." Zitat S. 99 (Klodagefetzen = Kleidungsstücke)

César Beltrán, einstmals große Hoffnung seines Rugby-Clubs, ist Auftragskiller. Das führt den Problemlöser zu einem Vergewaltiger. Er liest ihm die Anklagepunkte vor und bestraft ihn anschließend mit einem Hammer. Einen Pädophilen erdrosselt er und wirft ihn aus dem siebten Stock. Als seine 49 Jahre alte, Alkohol und Drogen nicht abgeneigte Schwester Paloma und deren 15-jährige, fast komplett taube Tochter Lucía bedroht werden, nimmt César den bockigen Teenager vorübergehend bei sich auf. Von seinem Auftraggeber Fundador will er Informationen über einen Kerl namens Diego Sáez. Diego Sáez war der Ex seiner Schwester Paloma. Er ist bei den Lokos und hat ihnen eine Menge Geld entwendet. Die Lokos, die jede noch so kleine Provokation von außen zum Anlass nehmen, ein Exempel zu statuieren, einen Gewaltexzess vom Zaun zu brechen oder einfach mal Dampf abzulassen, wollen von Césars Schwester wissen, wo Diego steckt. Paloma wird dabei schwer gebeutelt und mehrfach in die Mangel genommen. Hier schließt sich der Kreis. Eine Spirale aus anschwellender Gewalt entbrennt, beginnt sich schneller und schneller zu drehen, um so manches blutverschmiertes, verstümmeltes und gefoltertes Opfer achtlos in die Gosse zu rotzen. Bis eine Grenze überschritten wird, César auf Amador trifft und die beiden Psychopathen ihre ohnehin hanebüchene Prinzipien über Bord werfen.

"Er war dem Alkohol ausgeliefert. Wie ein Hundewelpe seine Lumpenpuppe malträtiert, durch die Gegend schleift und dann irgendwo fallen lässt, so tat es der Schnaps mit dem wehrlosen Körper des Franzosen." (Zitat S. 263)

"Wie es schien, war dir das Händchen für die Umverteilung von Eigentum in die Wiege gelegt." (Zitat S. 263)

"Revanche" wurde hauptsächlich aus der Sicht von Amador, in der zweiten Person Singular (also in der Du-Form) verfasst. Damit wird der Leser direkt angesprochen und als homosexueller Amador, der acht Jahre lang im Knast saß, Teil des sprunghaften und rasanten Geschehens. Homophob sollte man als Leser also nicht gerade sein. Auch Gewalt gegen Tiere ist ein mehrfach vorkommendes Thema in Kiko Amats gewaltdurchfluteter Milieustudie. Da muss man durch oder man lässt es bleiben! Amats metaphorisch geprägte Peripherie in stakkatohaften Sätzen, mit ihrem melancholischen Unterton voller Gewalt, Tristesse und Sinnlosigkeit, führt den Leser in die frühe Jugend, die zerrütteten, familiären Verhältnisse, die streitenden Eltern, die Armut, die ersten sexuellen Erfahrungen und die prägenden, teils recht skurrilen Geschehnisse welche die einzelnen Protagonisten erlebt haben. Der Weg ist letztlich das Ziel in Kiko Amats derbem Gewaltexzess "Revanche", der sich um die Suche nach Sinn, Identität, Sexualität, Liebe und Zugehörigkeit dreht. Dennoch menschelt es häufig in seiner Verwahrlosung, mit all seinen dazugehörigen Unzulänglichkeiten. Amats unkonventioneller und humorvoller Schreibstil ist nix für Weichflöten. "Revanche" ist rau, unbequem, rüde und unsympathisch. Ein wahrer Dampfhammer von einem Buch!

(Janko)

https://www.instagram.com/amatkiko/

Brutalität/Gewalt: 89/100
Spannung: 52/100
Action: 62/100
Unterhaltung: 91/100
Anspruch: 47/100
Atmosphäre: 69/100
Emotion: 69/100
Humor: 18/100
Sex/Obszönität: 50/100

LACK OF LIES - Wertung: 89/100

LACK OF LIES - Altersempfehlung: ab 21 Jahren (aufgrund der expliziten Gewaltdarstellungen, der sexuellen Handlungen und des allgemeinen Verständnisses)

Kiko Amat - Revanche
btb Verlag
Thriller
ISBN: 978-3-442-77375-6
448 Seiten
Taschenbuch, Broschur
Originaltitel: Revancha (2021)
Aus dem Spanischen von Daniel Müller
Erscheinungstermin: 13.03.2024
EUR 17,00 Euro [DE] inkl. MwSt.

Weitere Formate:
ISBN eBook (epub): 978-3-641-28716-0
Erscheinungstermin: 13.03.2024
EUR 9,99 Euro [DE] inkl. MwSt.

"Revanche" beim btb Verlag: https://www.penguinrandomhouse.de/Taschenbuch/Revanche/Kiko-Amat/btb/e617999.rhd

Leseprobe: https://www.penguin.de/leseprobe/Revanche/leseprobe
9783442773756.pdf

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