✎ Susanne Abel - Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104
Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104Ich hatte mich mental schon auf eine emotionale Achterbahnfahrt eingestellt. Was ich aber bekommen habe, überstieg meine Erwartung. Gleich zu Beginn legt die Autorin eine Triggerwarnung vor - ein kluger ...
Ich hatte mich mental schon auf eine emotionale Achterbahnfahrt eingestellt. Was ich aber bekommen habe, überstieg meine Erwartung. Gleich zu Beginn legt die Autorin eine Triggerwarnung vor - ein kluger Schritt, denn die Schilderungen später sind nichts für Zartbesaitete. Man merkt von der ersten Seite an, dass hier kein Wohlfühlroman wartet, sondern einer, der aufrüttelt und nachklingt.
Der Roman „Du musst meine Hand fester halten, Nr. 104“ entfaltet sich über vier Generationen. Und anders als ich es oft erlebt habe, sind wirklich alle vier noch lebendig. In der Gegenwart steht Emily, die Urenkelin, im Zentrum. Durch sie wird der Schatten, den unausgesprochene Schrecken der Vergangenheit über Jahrzehnte werfen, spürbar. Die Vergangenheitsszenen verschmelzen mit dem Heute, und immer wieder kommen Gestern und Jetzt in ein Zerren - und das macht das Hören so intensiv.
Susanne Abel hält sich nicht zurück. Die Zustände im katholischen Kinderheim, die körperlichen und seelischen Gewalterfahrungen, Erniedrigungen - manches Mal musste ich kurz tief durchatmen, bevor ich weiterhören konnte, denn einige Szenen sind fast schwer zu ertragen.
Aber - und das ist für mich das Besondere - Abel verknüpft die Härte nicht mit Kälte, sondern mit Mitgefühl und Würde. Margret und Hartmut (Hardy) sind mehr als Opferfiguren: ihre Beziehung zueinander zeigt, was Nähe und Schutz in unmenschlichen Umständen bedeuten kann. Diese Figuren bleiben auch nach den Rückblenden noch präsent - nicht als Schatten, sondern als Lebende mit Brüchen, Wiederaufstehen, mit Liebe, mit Schuldgefühlen.
Nicht weniger stark wirkt, wie das Schweigen in der Familie weiterwirkt; wie Vergangenheit, wenn sie nicht ausgesprochen wird, sich durch Generationen zieht und sich in Verhaltensmustern, Ängsten und Geheimnissen manifestiert. Die Urenkelin Emily wird zur Figur, die Fragen stellt, wo andere weggeschwiegen haben - und das hat mich emotional vielleicht am meisten bewegt.
Wer eher leichtere Unterhaltung möchte, wer Bücher ohne tiefere, belastende Themen bevorzugt, wird hier mit der Schwere zu tun haben. Das Buch ist in manchen Abschnitten besonders düster und die Zeitsprünge zwischen Vergangenheit und Gegenwart sind gelegentlich etwas abrupt. Trotzdem empfinde ich, dass diese Struktur dem Roman dient: Die Brüche spiegeln die zerrissenen Leben, das Verdrängte und das Wiederaufflammen. Die Spannung bleibt über weite Strecken erhalten und das Ende überrascht nochmal unerwartet: Nach dem Gedanken, man habe schon alles gehört, kommt Abel mit etwas, das neu schmerzt.
Schreibstil und Tonfall sind ein weiterer Pluspunkt: klar, ehrlich, fast reduziert - ohne Schnörkel, aber niemals nüchtern. Abel schafft es, die Grausamkeit zu schildern ohne Voyeurismus, die Figuren zu zeigen ohne ihnen Opferrolle aufzuzwingen. Dieser respektvolle Umgang mit dem Thema macht für mich den Unterschied. Es wird nie pathetisch, obwohl die Gefühle sehr stark sind.
Wer sich auf dieses Buch einlässt, wird nicht nur mitgerissen, sondern muss auch aushalten können. Es ist kein Buch, das man schnell „wegliest“, sondern eines, das nachwirkt - in Gedanken, vielleicht in Gesprächen, vielleicht in der Erinnerung.
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