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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 25.03.2024

Wenn Frauen zusammenhalten…

Der Pakt der Frauen
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1976: Katharina ist Historikerin an der Universität Wien und schreibt an ihrer Habilitation. Nicht nur die männlichen Kollegen, Post Docs und Professoren, auch die Studenten halten nicht viel von einer ...

1976: Katharina ist Historikerin an der Universität Wien und schreibt an ihrer Habilitation. Nicht nur die männlichen Kollegen, Post Docs und Professoren, auch die Studenten halten nicht viel von einer Frau auf ihrem Posten. Als sie in ihrem Kurs, aus der Not heraus geboren, historische Rezeptbücher als Thema behandelt, ahnt sie nicht, dass ausgerechnet eines dieser Bücher sie direkt in die Vergangenheit ihrer Mutter katapultiert.

Die Erzählperspektive wechselt zwischen Katharina (70er Jahre) und ihrer Mutter Jule (40er Jahre), sodass sich langsam aber sicher die Erzählfäden zu einem Gesamtbild schließen. Interessant ist, dass die Autorin im Nachwort berichtet, dass diese Geschichte mehr oder weniger die ihrer eigenen Familie ist. Dabei ist vor allem erschreckend, dass sich die Missgunst gegenüber einer Frau im Universitätsbetrieb bis in die Gegenwart zieht und man die Geschichte gar nicht in den 70ern hätte ansiedeln müssen, da die Autorin diesen Teil der Erzählung ihren eigenen Erfahrungen angelehnt hat (was ich mir leider tatsächlich sehr gut vorstellen kann, auch wenn ich persönlich glücklicherweise diese Erfahrung nicht machen musste).

Der titelgebende Pakt der Frauen findet sich in beiden Teilen der Geschichte wieder. Die Idee der „Verschwesterung“ hat mir sehr gut gefallen, weil ich mich bei historischen Romanen schon häufiger gefragt habe, warum die weiblichen Figuren nicht auf die Idee kommen, sich an andere Frauen zu halten, wenn die Männer ihnen Unterstützung und Hilfe verweigern. Meine Erklärung bis jetzt: die Realität hat gezeigt, dass die Frauen, auch gemeinsam, nichts ausrichten konnten. Deshalb finde ich es toll, dass genau dieser Aspekt hier in den Mittelpunkt gerückt wird. Wie anders würde die Welt vielleicht aussehen, wenn mehr Frauen paktierten? Ein Punkt, der zum Nachdenken anregt und auch heute noch brandaktuell ist. Auf jeden Fall lesen!

Veröffentlicht am 18.03.2024

Zurück in Bökersbrück

Grausames Garn
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Ein von Edda designtes Cape wird quasi über Nacht zum Verkaufsschlager. Besonders kuschelig wird es, wenn man Wolle der Skuddenschafe zum Häkeln hernimmt. Passenderweise hat die regionale Firma Seemannsgarn ...

Ein von Edda designtes Cape wird quasi über Nacht zum Verkaufsschlager. Besonders kuschelig wird es, wenn man Wolle der Skuddenschafe zum Häkeln hernimmt. Passenderweise hat die regionale Firma Seemannsgarn eine große Skuddenherde und stellt genau diese Wolle her. Eigentlich doch eine klassische Win-Win-Situation… wäre da nur nicht der Umstand, dass es auf dem Firmengelände zu einem tödlichen Unfall kommt.

Wir haben es hier mit dem zweiten Teil der Häkelclub-Krimis zu tun. Henri ist endgültig im „Nähschiff & Nadelflotte“ angekommen und der Handarbeitszirkel erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit. Ach, was wäre es schön, wenn es so einen Häkel- oder Stricktreff auch bei mir in der Nähe auch geben würde! Die Atmosphäre ist so heimelig, der Likör fließt in Strömen und die Granny Squares leuchten in allen möglichen Farben. Da bekommt man glatt Lust auch mal wieder etwas anzunadeln. Wenn du bei Granny Squares und Annadeln ausgestiegen bist, dann ist dieses Buch vielleicht nicht das Richtige für dich. Wenn dir Lauflänge, Mohair und halbe Stäbchen aber etwas sagen, dann bist du in Bökersbrück und bei Henri genau richtig.

Wie im ersten Teil steht auch hier der Krimianteil etwas hinten an, während der Häkelclub, seine Mitglieder und die Handarbeiten an sich die Hauptrolle spielen. Mir hat es viel Spaß gemacht und ich empfehle das Buch gerne weiter. Wer „Mörderische Masche“ oder auch „Maschenmord“ mochte, der wird hier auch seine Freude haben.

Veröffentlicht am 11.03.2024

Wunderbar kurzweilige Hommage an das Lesen

Die souveräne Leserin
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Die Queen trifft bei einem Spaziergang auf einen Bücherbus, eine fahrende Bibliothek, und obwohl sie wahrlich genug Bücher zu Hause hätte, ist es genau dieser Bus, der sie auf die Idee bringt zu Lesen. ...

Die Queen trifft bei einem Spaziergang auf einen Bücherbus, eine fahrende Bibliothek, und obwohl sie wahrlich genug Bücher zu Hause hätte, ist es genau dieser Bus, der sie auf die Idee bringt zu Lesen. Das hat sie vorher nämlich nie getan. Lesen ist ein Hobby und die Queen hat kein Hobby zu haben, weil ein Hobby zu haben immer bedeutet eine bestimmte Menschengruppe, die diesem Hobby nicht fröhnen, auszuschließen (finde ich im Übrigen ein sehr interessante Sichtweise auf das Thema Hobby). In dem Fall der Queen kommt es allerdings überaus deutlich raus, denn ob den neu lieb gewonnen Büchern, vergisst sie fast die Welt im sich herum.

Und genau hier hatte mich der Autor. Es ist eine Geschichte darüber, wie wir uns in Büchern verlieren können und wie wir über das Lesen in andere Welten abtauchen, die für Nicht-Eingeweihte nicht zugänglich sind. Eine Hommage an das Lesen, die es auf gerade einmal etwa 100 Seiten auf den Punkt bringt, warum wir so gerne lesen, was es mit uns macht und zu guter Letzt welche Auswirkungen es haben kann (das Ende ist tatsächlich ein sehr überraschendes).

Das Büchlein ist eine tolle kurzweilige Geschichte, die sich wunderbar als kleine Lektüre für den Sonntagnachmittag oder als Geschenk für Bücherfreunde eignet.

Veröffentlicht am 11.03.2024

Wunderbare Coming of Age Geschichte mit viel Humor und Herz

Der Markisenmann
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Die 15-jährige Kim muss, aus sagen wir mal erzieherischen Maßnahmen, die Sommerferien bei ihrem, ihr unbekannten, Vater verbringen. Aus der schicken Villa in Köln zieht sie also für 6 Wochen zu Ronald ...

Die 15-jährige Kim muss, aus sagen wir mal erzieherischen Maßnahmen, die Sommerferien bei ihrem, ihr unbekannten, Vater verbringen. Aus der schicken Villa in Köln zieht sie also für 6 Wochen zu Ronald Papen, der in Duisburg eine Industriehalle hat, die ihm gleichzeitig als Zuhause und Lagerort für seine Markisen dient.

Auch wenn Kim am Anfang sehr extrem auftritt, so ist sie dennoch ein liebenswerter Charakter. Sie ist einfach ein Teenager, dem meiner Meinung nach schlichtweg der Rückhalt und die bedingungslose Liebe ihres Elternhauses fehlt. Und Ronald Papen, der zurückgezogen in seiner, sich selbst auferlegten Askese lebt, hat genau das zu geben. Doch warum hat er dann die Familie verlassen, als Kim zwei Jahre alt war? Das erfahren wir erst ganz zum Schluss. Bis dahin durchlebt man einem heißen Sommer am Rhein-Herne-Kanal zwischen Beton, Schlaglöchern und Rosis Pilstreff. Und natürlich Markisen.

Dieses Buch ist eine wahrlich schöne Coming-of-Age Geschichte mit viel Humor und noch viel mehr Herz. Die Erzählung ist wunderbar flüssig und trotz dessen, dass wirklich ernste Themen (die ich nicht alle verraten kann ohne zu spoilern) aufgegriffen werden, leicht. Mich hat das Buch an Paradise Garden erinnert, auch wenn das deutlich melancholischer war, und wer dieses mochte, wird Der Markisenmann lieben. Eine ganz große Leseempfehlung!

Veröffentlicht am 04.03.2024

Spannend, mitreißend und unglaublich atmosphärisch

Lichtspiel
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Kehlmann erzählt hier über das Leben von G.W. Papst, einem bekannten Regisseur der 30er Jahre, der während des zweiten Weltkrieges auch Filme für das nationalsozialistische Deutschland gemacht hat.
Pabst ...

Kehlmann erzählt hier über das Leben von G.W. Papst, einem bekannten Regisseur der 30er Jahre, der während des zweiten Weltkrieges auch Filme für das nationalsozialistische Deutschland gemacht hat.
Pabst wird als sympathischer Mann dargestellt, der in etwas hineingerät, das er nicht mehr kontrollieren kann.
Das Buch lebt von der Atmosphäre und hin und wieder verschwimmen Fiktion und Realität. Die Erzählweise und Sprache schafft so ein lebendiges Bild, dass man sich selbst wie im Film vorkommt. Das ganz gipfelt in der Flucht aus Prag 1945, die Pabst wie ein Filmdreh kommentiert. Grandios!

Das gesamte Thema des Filmes im Nationalsozialismus, und dabei insbesonde einzelnen Szenen, wie die Ausnutzung von KZ-Inhaftierten als Komparsen, sind schwere Kost, weil es ein Gefühl von absoluter Hilflosigkeit auslöst. Mich hat insbesondere die Figur von Jakob berührt, der Sohn von Pabst, der erst durch verschiedene Länder und von Schule zu Schule geschleift wird, versucht seinen Weg zu gehen und nicht unter die Räder zu kommen, bevor er dann in einem Internat der HJ-Gehirnwäsche anheim fällt. Er ist ein einfühlsamer und intelligenter Junge, der ein großes Talent für (abstrakte) Zeichnungen hat und dessen einzige Schuld es ist in der falschen Zeit geboren worden zu sein.

Kurzum ein absolut fesselnder Roman, der mich berührt hat und vor allem durch seine Atmosphäre besticht. Ganz große Empfehlung für alle, die Winter der Welt oder Das Neunte Gemälde so sehr mochten, wie ich.