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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 01.12.2019

Ein Klassiker in neuer, sehr schöner Auflage

Krippenspiel
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Das Krippenspiel selbst umfasst nur 41 Seiten. Es schließen sich weitere zwanzig Seiten der Literaturwissenschaftlerin und Herausgeberin Gunilla Eschenbach an, die verschiedene Zusammenhänge und Hintergründe ...

Das Krippenspiel selbst umfasst nur 41 Seiten. Es schließen sich weitere zwanzig Seiten der Literaturwissenschaftlerin und Herausgeberin Gunilla Eschenbach an, die verschiedene Zusammenhänge und Hintergründe ausführlich erklärt.

Borchardt schrieb das Krippenspiel in Paarreimform in einer einzigen Nacht, genauer gesagt in der Nacht vom 18. auf den 19. Dezember 1920 auf Schloss Neubeuern. Seine Gastgeberin, die Schlossherrin Ottonie von Degenfeld hatte ihn nicht darum gebeten, sondern das Krippenspiel regelrecht eingefordert, als Rudolf Borchardt mit seiner Frau Marel auf dem Schloss zu Gast weilte.

Nicht nur die Entstehungsgeschichte wird im Nachwort ausführlich erklärt, sondern auch sprachlich-stilistische Fragen werden erörtert.

Borchardt hat zahlreiche mittelhochdeutsche und frühneuhochdeutsche Begriffe in das Stück eingearbeitet, ebenso hat er sich dialektsprachlicher Wörter bedient, was nicht immer leicht verständlich ist; man muss sich etwas daran gewöhnen und einlesen, zumindest mir ging es so. Andererseits ist das Stück ausnehmend modern, denn im Gegensatz zu ihrer Rolle in den Evangelien verleiht Borchardt in seinem Stück Maria eine Stimme. Überhaupt hat die Rollenverteilung bei seinem Krippenspiel eine etwas andere Gewichtung als man sie normalerweise von der traditionellen Weihnachtsgeschichte kennt.

Für mich war es eine interessante Leseerfahrung im doppelten Sinn, einmal mit dem Stück selbst und auch bei Frau Eschenbachs ausführlichen Erklärungen. Die gebundene Ausgabe im kleinen Format ist ein richtiges bibliophiles Schmuckstück, vor allem auch durch die liebevolle Gestaltung mit vielen ausdrucksstarken Scherenschnitten, die immer wieder zum Betrachten einladen.

Veröffentlicht am 24.11.2019

Ereignisreicher, sehr gelungener vierter Teil der Myntha-Reihe

Mord im Badehaus
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Im vierten Band um die Fährmannstochter Myntha geht es wieder ganz schön turbulent zu. Nicht nur dass Molly, die Bademagd, ermordet aufgefunden wird und der mit der Klärung beauftragte Schöffe über die ...

Im vierten Band um die Fährmannstochter Myntha geht es wieder ganz schön turbulent zu. Nicht nur dass Molly, die Bademagd, ermordet aufgefunden wird und der mit der Klärung beauftragte Schöffe über die Stränge schlägt und jeden Mann verhaftet, der ihm irgendwie in die Quere kommt, auch Frederiks Gehilfe Hendrik hat seinen eigenen Kampf auszufechten und arbeitet nach wie vor daran, mit sich selbst ins Reine zu kommen und seine Rachegedanken zu zügeln. Inzwischen weiß man, woher er stammt und was ihm passiert ist. Andrea Schacht hat wieder alles ganz wunderbar in Worte gefasst und mit Myntha, Frederik, Hendrik, Lotte und vielen anderen hat sie besondere und sehr markante Charaktere geschaffen. Mir gefallen die Dialoge mit ihren Wortspielereien, die so typisch für Andrea Schachts Schreibstil sind. Auch die Handlung ist diesmal von Anfang bis Ende fesselnd.
Viele Fragen werden in diesem vierten Band geklärt, aber andere warten noch auf Antwort, und das Ende ist auch hier offen. Nur gut, dass der fünfte und letzte Band soeben erschienen ist, und ich bin natürlich sehr gespannt darauf, wie sich alles auflöst. Ich hoffe, in Wohlgefallen, und daneben bin ich neugierig, wie es Frau Freidank gelungen ist, das Werk der 2017 verstorbenen aber unvergessenen Andrea Schacht fortzuführen.

Veröffentlicht am 23.11.2019

Stricken, ein Wollgeschäft und die Highlands, eine richtige Wohlfühlmischung

Der kleine Strickladen in den Highlands
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Maighreads Leben ist ziemlich aus den Fugen geraten, denn sie hat gerade ihren Job und auch ihren Freund verloren. Als sie während eines Besuchs bei ihrer Mutter alte Fotos findet und sie nach den abgebildeten ...

Maighreads Leben ist ziemlich aus den Fugen geraten, denn sie hat gerade ihren Job und auch ihren Freund verloren. Als sie während eines Besuchs bei ihrer Mutter alte Fotos findet und sie nach den abgebildeten Menschen fragt, lenkt Lindsay ab und lässt sich nichts entlocken. Erst durch hartnäckiges Nachfragen erfährt Maighread, dass es sich um ihre Großeltern handelt, die sie lange tot geglaubt hatte. Gegen den Widerstand ihrer Mutter macht sich Maighread auf die Reise zu dem kleinen Ort am Loch Lomond, um auf eigene Faust Kontakt zu ihren Großeltern aufzunehmen. Immer wieder wird sie von Bedenken geplagt, ob es richtig ist, was sie tut, und letztendlich lässt der erste Kontakt mit ihrer Großmutter die Zweifel nicht verschwinden, sondern noch größer werden. Aber dann entdeckt Maighread, dass sie und ihre Großmama einiges gemeinsam haben…
In einer anderen Sequenz begegnen wir Joshua McLaughlin. Er lebt auf Callwell Castle und ist beruflich in der Umweltforschung tätig, daneben kümmert er sich auch mit Leib und Seele um seine geliebte Schafherde.
Nicht nur die Protagonisten des Romans sind beide sehr sympathisch sondern es gibt noch einige weitere liebenswerte Charaktere im Roman. Da ist zum Beispiel die resolute aber gutherzige Eilidh, die Haushälterin auf Callwell Castle. Auch Chloe, eine gute Freundin von Joshua seit der Schulzeit, die sich auch schnell mit Maighread gut versteht und ihr nach der Ankunft am Loch Lomond hilft, habe ich gleich ins Herz geschlossen.

Bei diesem neuen Roman von Susanne Oswald hat mich gleich das Cover in seinen Bann gezogen, denn ich bin nicht nur eine Leseratte, sondern ich stricke auch sehr gerne und kann mich für schöne, kuschelige Wolle begeistern, und so ist das Bild vorne auf dem Buch genau mein Ding!
Auf die Wiedergabe des Klappentextes verzichte ich wohlweislich in diesem Beitrag, denn ich bin der Meinung, er nimmt zu viel vorweg.
Was den Stellenwert des Strickens und der Wolle im Buch angeht, so wurde ich nicht enttäuscht. Die Atmosphäre ist wundervoll beschrieben, und wenn Maighread und Chloe gemütlich zusammensitzen, wäre man nur allzu gerne dabei, denn diese beiden Frauen „fühlen“ sich nach kurzer Zeit an wie gute Freundinnen.
Dass es jedoch nicht nur ums Stricken geht, sondern auch der Weg der Wolle vom Schaf bis zum Schal thematisiert wird, gefällt mir ausgesprochen gut. In Maighread werden sich leidenschaftliche Strickerinnen wiederfinden, und als zusätzliches Schmankerl gibt es am Ende des Buches auch noch ein paar Anleitungen für schöne Werke aus Wolle. Wie sich Maighread nach und nach am Loch Lomond so wohlfühlt, dass sie am liebsten dort bleiben würde, ihre Begegnungen mit den Menschen, ihre Erfahrungen, die sie macht und was sie letztendlich über sich selbst und ihre Familie erfährt, das wird alles kurzweilig erzählt, eingebettet in wunderschöne Beschreibungen der schottischen Landschaft. Ich habe mich in der Atmosphäre dieses Romans sehr wohl gefühlt. Es werden interessante Themen angesprochen, es gibt keine langatmigen Passagen im Buch, spannend bleibt es fast bis zur letzten Seite, und auch die Romantik kommt nicht zu kurz. Nur hatte ich im letzten Teil das Gefühl, dass sich die Ereignisse überschlagen, und es geschehen einige unvorhergesehene Dinge, die vieles verändern. Das ging mir alles ehrlich gesagt ein bisschen zu schnell, und auf die tragische Wendung kurz vor Ende der Geschichte hätte ich gerne verzichten können.
Insgesamt ist es aber ein wundervoller Roman mit Wohlfühlcharakter.

Veröffentlicht am 19.11.2019

Wie Ole der Bär sein erstes Weihnachtsfest erlebt

Das geheimnisvolle Weihnachtsgeschenk
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Es ist kurz vor Weihnachten. Draußen ist es bitter kalt, und es schneit. Der Bär Ole unterbricht seinen Winterschlaf und verlässt seine gemütliche Höhle, um mit seinen Freunden auf einer Waldlichtung Weihnachten ...

Es ist kurz vor Weihnachten. Draußen ist es bitter kalt, und es schneit. Der Bär Ole unterbricht seinen Winterschlaf und verlässt seine gemütliche Höhle, um mit seinen Freunden auf einer Waldlichtung Weihnachten zu feiern, denn Weihnachten soll das allerschönste Fest sein, das er auf keinen Fall verpassen möchte. Unterwegs findet er ein Geschenk und überlegt, dass es sicher für ihn ist. Aber er begegnet auch dem kleinen Wichtel, der Gans, dem Waschbären und der Maus, und alle sind sie der Meinung, das Geschenk sei nur für sie bestimmt. Darüber kommt es zum Streit, und Ole ist traurig, denn so hat er sich Weihnachten nicht vorgestellt. Aber dann klärt sich alles ganz anders.
Was es mit dem geheimnisvollen Geschenk auf sich hat und ob sich die Freunde wieder vertragen, das erfahren Kinder ab 5 Jahren in diesem schönen Bilderbuch. Die kurzen Texte sind kindgerecht, die klaren Bilder, in warmen, kräftigen Farben sorgsam gezeichnet, laden zum ausgiebigen Betrachten ein, denn gerade die Bärenhöhle ist so gemütlich ausgestattet, und auch im Winterwald gibt es viel zu entdecken. Hier wurde viel Wert auf kleine Details gelegt. Auch wenn der Hintergrund der Bilder meist dunkel ist, da die Geschichte ja nachts im Wald spielt, so hat die Autorin und Illustratorin auch immer Licht mit eingebracht. Diese Licht- und Schatteneffekte verstärken einerseits das Geheimnisvolle der Geschichte, aber das warme Licht führt auch direkt zu Weihnachten hin. Die Weihnachtsfeier der Tiere und der geschmückte Wald sind ganz bezaubernd illustriert. Beim Vorlesen wird sicher so mancher nachdenkliche Moment aufkommen, und einige Szenen im Buch geben interessanten Gesprächsstoff für die Kinder, denn da geht es um den Zusammenhalt und wie leicht sich manchmal Streit aus der Welt schaffen lässt, wenn jeder Einzelne nicht nur auf sich selbst schaut, sondern alle zusammenhalten.
Ein wunderschönes Bilderbuch für die Advents- und Weihnachtszeit. Es eignet sich gut als kleines Mitbringsel für Kinder oder natürlich auch für den Nikolaussack oder die Bescherung an Heiligabend.

Veröffentlicht am 11.11.2019

Ein grandioser, vielschichtiger historischer Roman

Im Schatten des Turms
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Die Protagonisten sind zwei junge Menschen im Wien des 18. Jahrhunderts, die sich gefunden und verliebt haben, deren Liebe aber hoffnungslos ist, da sie aus verschiedenen Gesellschaftsschichten kommen. ...

Die Protagonisten sind zwei junge Menschen im Wien des 18. Jahrhunderts, die sich gefunden und verliebt haben, deren Liebe aber hoffnungslos ist, da sie aus verschiedenen Gesellschaftsschichten kommen. Helene ist aus adligem Haus und Halbwaise. Ihr Vater ermöglicht ihr ein behütetes Leben und eine, für die Frauen der damaligen Zeit, außergewöhnlich hohe Bildung.
Alfred ist Medizinstudent. Er stammt aus kleinen Verhältnissen, hat aber das Zeug dazu, ein guter Arzt zu werden. Sein Studium muss er sich mühevoll verdienen.
Wichtigster Schauplatz des Romans ist der Narrenturm in Wien, in dem die erste psychiatrische Heilanstalt der Welt untergebracht war. Bei einem Besuch der Medizinstudenten in der Anstalt fällt Alfred eine junge Frau auf, die Verletzungen an den Armen hat und die ihm anscheinend etwas mitteilen möchte. Aber sie ist stumm. Ihr Anblick lässt Alfred nicht los, und über die herrschenden Zustände im Narrenturm ist er entsetzt, und er nimmt sich vor, etwas dagegen zu tun. Dadurch behindert er jedoch unbewusst andere Interessen.
Der Ort ist schicksalhaft für Helene und Alfred. Die Liebenden treffen sich am Narrenturm, und dort verlieren sie sich auch wieder. In parallel erzählten Handlungssträngen erfährt man abwechselnd, welches Schicksal sie erwartet.
Beide machen eine starke Entwicklung durch, und beide müssen ihren eigenen Kampf ausfechten, jeder auf eine andere Art und Weise.
Der Roman hat mich von der ersten Seite an mitgerissen und fasziniert, denn René Anour beschreibt alle Szenen so eindringlich, dass man sich dem Gefühl, mitten in der Geschichte zu sein, gar nicht entziehen kann (und natürlich auch gar nicht entziehen will!). Sinnbildlich für die Liebenden wird das Märchen von Jorinde und Joringel erzählt, und die Schicksalswege von Helene und Alfred ähneln auch in gewisser Weise denen der Märchengestalten. Was mich besonders fasziniert hat, sind die gleichnishaften Verknüpfungen verschiedener Charaktere des Romans mit Vögeln. Da gibt es den Pirol und die Elster, den Wendehals und den Adler, und im Lauf der vielschichtigen Handlung kommen auch die Krähen ins Spiel, nicht zu vergessen die Nachtigall, die eine ganz besondere Rolle einnimmt. Das mag auf den ersten Eindruck verwirrend klingen, aber je weiter man liest, umso mehr erschließt sich die Symbolik.
Man muss diesen Roman einfach gelesen haben! Er kann mit einer dichten Atmosphäre und einer Vielzahl äußerst interessanter Charaktere aufwarten und zeugt im Aufbau und in seiner Entwicklung von gründlicher Recherchearbeit. Viele historische Fakten fließen mit in die Geschichte ein, und man begegnet auch diversen realen Persönlichkeiten der damaligen Zeit. Auch gewinnt man Einblicke in die Wissenschaft der Psychiatrie im 18. Jahrhundert und erfährt einiges über die damals oft schaurigen Behandlungsmethoden. Der gemütliche Wiener Dialekt einiger Personen bildet einen gekonnten und sehr interessanten Kontrast zu der zeitweilig düsteren Handlung und kann nicht über das Grauen hinwegtäuschen, dem man da begegnet.
Der Schreibstil des Romans ist großartig und reich an Metaphern, und die Handlung entwickelt sich dramatisch und immer auch ein wenig geheimnisvoll. Es war für mich faszinierend, die Entwicklung der verschiedenen Charaktere mit zu erleben.
Es gibt so viele mysteriöse Szenen und Details, die man beim ersten Lesen gar nicht alle erfassen kann. Daher habe ich fest vor, dieses Buch nach einiger Zeit noch einmal lesen und dann vermutlich vieles neu zu entdecken, was mir beim ersten Durchgang verborgen blieb. Ich kann definitiv schon sagen, dass dieser grandiose Roman zu meinem Jahreshighlights 2019 gehört.