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Veröffentlicht am 30.10.2022

Sehr viel Kürzeres sehr zusammengesammelt

Du kannst alles lassen, du musst es nur wollen
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Ich finde es großartig, dass Torsten Sträter (s)einen „Depressionstext“ mit in dieses Buch gepackt hat: auf den ersten Blick wirkt es womöglich seltsam, mitten in einem ansonsten doch sehr humoristischen ...

Ich finde es großartig, dass Torsten Sträter (s)einen „Depressionstext“ mit in dieses Buch gepackt hat: auf den ersten Blick wirkt es womöglich seltsam, mitten in einem ansonsten doch sehr humoristischen Buch über einen derart ernsten Erfahrungsbericht zu stoßen, aber zum Einen fügt sich dieser hier irgendwie doch ein und zum Anderen ist Sträter seit ein paar Jahren für sein immenses Engagement und seine Offenheit in punkto Depression bekannt, dass es noch viel seltsamer wäre, würde er das Thema völlig außen vor lassen.
„Du kannst alles lassen, du musst es nur wollen“ sammelt nun die (besten) Texte der letzten drei Jahre, was bedeutet, dass sie nicht nur sehr coronageprägt sind (wofür sich im Vorfeld direkt entschuldigt wird), sondern dass sich hier vor Allem auch Texte finden lassen, die bei Kurzauftritten im Fernsehen vorgetragen wurden, und weniger längere Geschichten enthalten sind, wie sie für Solo-Veranstaltungen üblich wären. Von daher ist dieses Buch für mich nun auch eher an Sammelsurium an öffentlich-rechtlichen Anekdoten und weniger Geschichtensammlung gewesen; da zeigte sich auch das für mich größte Manko: Ich höre Sträter zwar ohnehin lieber zu, als dass ich ihn lese, wobei ich inzwischen auch schnell seine Stimme und den typischen Ton im Ohr habe, wenn ich seine Geschichten lese, aber den Dingen, die er bereits in Fernsehsendungen vorgetragen hat, merkt man meiner Meinung nach doch sehr deutlich an, dass sie angesichts bestimmter zu jener Zeit diskutierten Themen und eben speziell fürs Fernsehen geschrieben wurden. Die Ansprachen ans Volk, die Pressesprecher-Aussagen… haben sich dabei mitunter selbst längst überlebt; der Johnson-Text ist z.B. noch kein ganzes Jahr her, und wir sind schon zwei britische Premierminister weiter; ich weiß auch gar nicht, wie es mit dem Mangel an LKW-Fahrer*innen auf der Insel weitergegangen ist, und da haftete vielen Dingen etwas von „ach ja, das war ja dann auch noch gewesen“ an. Da hatte ich nun schon häufiger das Gefühl, dass ich dieses Buch in 20 Jahren mehr schätzen würde, um mich an das alles zurückzuerinnern und mich mit späteren Generationen darüber zu amüsieren, wie völlig absurd diese letzten Jahre waren. Aber gegenwärtig hatte es für mich da eher was von Zettelsammlung mit diversen Glossen.
Beim Teil „Pandemie-Papiere“ fand ich es beim durchgehenden Lesen zudem verwirrend, dass diese zeitlich nicht geordnet waren. Warum? Das ergab gar keinen Sinn, dass man thematisch vom Jahresanfang 2022 wieder zum Frühling 2021 zurücksprang. Selbiges galt für den 8. Teil, in dem September, August und April aufeinanderfolgten.

Was ich für mich nun auch gemerkt habe: Nicht nur, dass ich den „Stories“-Teil klar am Unterhaltsamsten fand, sondern auch ansonsten finde ich Torsten Sträters Texte offensichtlich dann am Überzeugendsten, wenn sie für seine eigene Sendung anstatt für „fremde“ Formate geschrieben wurden. Die Rubrik „Kammanommakucken“ finde ich auch in der „Sträter“-TV-Show z.B. auch immer ungemein unterhaltsam (ich verfolge auch sehr gerne den nerdigen „Sträter Bender Streberg“-Podcast; viele Filme kenn ich gar nicht, habe nun aber dank dieser Drei zu all diesen eine Meinung) und ganz ehrlich, ein Buch, das nur daraus besteht, dass Sträter Filme beschreibt, zerreißt und empfiehlt, würde ich sofort kaufen. Da war ich definitiv enttäuscht, dass nach der „Poltergeist“-Bewertung dieses Buch plötzlich gefühlt einfach aufhörte.

Rein wegen des Kapitels „Warum ich kein Buch über meine Depression schreibe“ würde ich dies Buch hier nun zwar doch einfach allen empfehlen, aber wenn ich ganz ehrlich bin, ist es doch eher was für die Fans, die gerne auch seine Fernseh-Fremdformate-Kurztexte gerne verschriftlicht vorliegen haben möchten. Ich wünsche mir ansonsten, dass im nächsten Buch eben wieder mehr, auf Tour gelesene, „Lang-Stories“ erzählt werden. Oder dass es eben rein aus Filmkritiken besteht.

Veröffentlicht am 27.10.2022

Genau, was ich gewollt habe

Ihr könnt doch noch nicht satt sein!
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Dieses Kochbuch kommt genretypisch zum Einen in gebundener Form daher und ist zum Anderen ca. doppelt so groß wie die sonstigen broschierten Erzählbände der Online-Omi. Die Aufmachung entspricht mit der ...

Dieses Kochbuch kommt genretypisch zum Einen in gebundener Form daher und ist zum Anderen ca. doppelt so groß wie die sonstigen broschierten Erzählbände der Online-Omi. Die Aufmachung entspricht mit der weiß-roten Karooptik (jene ist übrigens auch im Prägedruck gestaltet, man kann den „Stoff“ quasi fühlen) nicht nur traditionellen Geschirrtüchern, sondern eben auch jenen Notizbüchern von einst, in dem bereits Uroma ihre Rezepte handschriftlich vermerkt hatte; selbst ohne die Online-Omi zu kennen, würde mir das Motiv da „Ommas Rezepte!!!“ auf den ersten Blick entgegenschreien.
Tatsächlich konzentriert sich dieses Buch auch voll und ganz auf die Rezepte: Es gibt ein kurzes Vorwort sowie zu jedem Rezept einen knappen, zumeist heiteren Kommentar Renate Bergmanns, aber auf launige Anekdoten muss man hier ansonsten komplett verzichten. Die Rezepte erstrecken sich jeweils über eine Doppelseite, wobei auf einer Hälfte davon ein Bild des fertigen Gerichts abgebildet ist und die andere Seite jeweils das Rezept bereithält. Was mir bei den Fotos positiv aufgefallen ist: die Essen sehen alle sehr gut ausgeleuchtet und minimal kontrastreicher gefiltert aus, wirken dabei aber weder gekünstelt noch so als würde das nachgekochte Gericht bei einem daheim doch immer komplett anders aussehen.

Nicht nur die Buchgestaltung sieht von vornherein nach Omas Rezepten aus, sondern ganz erwartungsgemäß präsentiert die Online-Omi auch ebensolche. Da ist dieses Kochbuch sehr traditionell, und es gibt nun auch eine kurze Abteilung „Wenn Kirsten kommt“, in der vegetarische Rezepte aufgeführt sind (zudem gibt es noch die Sektion „Beilagen“, in der auch diverse vegetarische Gemüserezepte zu finden sind; find ich im Übrigen gut, dass jene Beilagen nicht auch mehr oder minder verlegenheitstechnisch einfach mit bei den vollwertigen vegetarischen Gerichten einsortiert wurden), aber Veganer*innen kommen hier definitiv zu kurz: Oma kocht halt viel mit Sahne und Butter, oder brät in Schmalz an.
Die enthaltenen Rezepte sind definitiv auch nicht überraschend: das Buch enthält die typische deutsche Hausmannskost (Falscher Hase, Käse-Hack-Lauch-Suppe, Königsberger Klopse, Rahmwirsing, Grießklößchen, Erbsensuppe, Möhreneintopf, Serviettenknödel…) wie Mama, Oma, Uroma sie eben gerne auf den Tisch gestellt haben. Ich koche fast jeden Tag, quer durch die Weltgeschichte, und vor Allem quer durch diverse online verfügbare Rezeptsammlungen, und dabei kommen „Rezepte von Omma“ zugegeben sehr kurz; bei der einen Oma wüsste ich außerdem gar nicht, ob noch irgendwo irgendwelche Rezeptkladden vorhanden wären, und bei der anderen Oma hatte sowas zwar mal existiert, wobei sie ihre Rezepte immer in Sütterlin aufschrieb, was ein weniger großes Problem gewesen wäre, wenn sie nicht zusätzlich, und auch laut eigener Aussage, eine absolute Sauklaue gehabt hätte. Selbst wenn deren Notizbücher plötzlich wieder auftauchen würden, könnte ich also eher rein gar nix damit anfangen.
Das Kochbuch der Online-Omi wollte ich von daher nach einem kurzen Blick ins Buch unbedingt haben, einfach um so eine gedruckte, ordentliche Sammlung typischer Oma-Rezepte zu haben, die zudem vor Allem nicht wie in vielen Onlinedatenbanken „auf einem Rezept meiner Oma basieren, aber ich habe es auf diese und jene dann noch eine ganz andere Weise aufgepimpt“, sondern ohne verändertes Klimbim eben an der Basis geblieben sind.

Ich mag dieses Kochbuch nun wirklich sehr; es ist genau so sehr Oma-Rezepte, wie ich es mir gewünscht habe. Für jemand, der aber genau derlei Hausmannskost ständig zubereitet, dürfte es ein eher uninteressantes Buch sein; meine Mama täte z.B. vermutlich nur darauf hinweisen, dass sie schon zig Landfrauen-Kochbücher besitzt und außerdem doch genau weiß, wie man Kohlrouladen zubereitet und dass sie auch ohne nachzuschlagen einen Tortenboden backen kann. Mir fehlt dieses Wissen hingegen. Naja, jetzt nicht mehr. ;)

Veröffentlicht am 10.10.2022

Andersartig, aber doch auch typischer Mittelteil

This Charming Man
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Wenn ich im Buchladen ein Regal ignoriere, ist es häufig mit “Fantasy” angeschrieben: Mit diesem Genre tue ich mich generell eher schwer und liebe Bücher dieses Fachs mitunter aber dann doch sehr, wenn ...

Wenn ich im Buchladen ein Regal ignoriere, ist es häufig mit “Fantasy” angeschrieben: Mit diesem Genre tue ich mich generell eher schwer und liebe Bücher dieses Fachs mitunter aber dann doch sehr, wenn sie zugleich unter „Humor“ fallen, und skurriler Humor von der Insel sammelt generell zusätzliche Pluspunkte bei mir: Den ersten Band der (voraussichtlichen) Trilogie rund um die Stranger-Times-Redaktion hatte ich sehr gefeiert, da ist „This Charming Man“ nun in sehr große Fußstapfen getreten – und obschon ich diesen Roman wiederum sehr gerne gelesen habe, hat er die vorgelegten Spuren doch nicht ganz ausfüllen können.
Ein bisschen krankt „This Charming Man“ ebenfalls am für mich häufig typischen Problem des Serien-Mittelbandes: Dass er eine eigene Geschichte erzählen muss, die an den vorhergehenden Band anknüpft, aber noch genug erwartbare Handlung für den nächsten Band offenlässt, in dem sich erst wirklich alles aufklären darf.
Dass „This Charming Man“ nun mit einer Vampir-Thematik aufwartete, habe ich als sehr positiv empfunden; nicht, weil ich Vampirgeschichten ganz gerne mag, sondern weil im ersten Band eben null Vampirismus auftauchte und es hier somit um ganz andere „Monster“ ging, wobei die bereits bekannten magischen Gestalten allesamt abstritten, dass es Vampire überhaupt gäbe – was nun den Kern der Recherchen der Redaktion abbildete: denn da draußen fielen ganz eindeutig Menschen auf, die plötzlich alle Merkmale von Vampiren aufwiesen, aber wenn es doch keine Vampire gäbe, hätte doch auch niemand derart auffallen können?!

Manny kam in diesem Band nun kaum vor, was ich schade fand, aber dafür traf man umso mehr, auch abseits Hannahs, mit den restlichen Redaktionsmitgliedern zusammen; während sich Band 1 noch sehr auf Hannah fokussiert hatte, gab es in diesem Fall nun nicht den einen übermäßig in den Mittelpunkt gestellten Mitarbeitenden der Stranger Times. Da fand ich das „Aufmerksamkeitsverhältnis“ nun deutlich gleichmäßiger und mir ist aufgefallen, dass ich auch gar nicht den oder die eine von der Stranger Times benennen könnte, der oder die mir am Liebsten ist. Da sind mir alle gleichermaßen ans Herz gewachsen, selbst der bärbeißige Banecroft, der hier mitunter erstaunlich freundschaftliche und einfühlsame Züge zeigt.
Allerdings zerstreut sich die Redaktion hier wiederum frühzeitig und ermittelt in kleineren Teams in diverse Richtungen: hier treten sehr viele neue Figuren auf den Plan, dass es tatsächlich sinnvoll sein kann, sich während des Lesens eine grobe Personenübersicht zu notieren. Einige dieser Charaktere spielen für die Hauptgeschichte hier letztlich keine Rolle und da ist zu vermuten, dass sie in Zusammenhang mit ein paar offenbleibenden Dingen stehen und entsprechend im dritten Band nochmals einen (größeren) Auftritt haben werden. Da könnte es sich dann auch als praktisch erweisen, wenn man da während des Lesens noch auf diese Notizen zurückgreifen könnte. (Ich hatte vor „This Charming Man“ tatsächlich den ersten Band nochmals überflogen; generell würde ich auch unbedingt dazu raten; und es gab nun dennoch Momente, während derer ich dachte: „Warte mal… wurde das im ersten Band schon erwähnt, was mit dieser oder jener Person (geschehen) ist?“ Ich bin festen Willens, den dritten Teil definitiv auch zu lesen und werde zuvor die ersten beiden Bände bestimmt nochmals lesen und mir dabei auch eine Personenkarte erstellen. Prinzipiell wäre es natürlich schön, wenn es in den einzelnen Bänden nun entsprechende „Stammbäume“ gäbe.)

Der Schluss von „This Charming Man“, erneut ein Showdown, hat mir im Übrigen besser als jener des vorgängigen Bandes gefallen: Der war dieses Mal „geordneter“ und meinem Empfinden nach klarer nachzuvollziehen; die anschließende Danksagung war auch wieder sehr lesenswert, wobei mir das „Zukunftsorakel“ aus dem ersten Teil doch noch klar besser gefallen hatte.

Insgesamt war „This Charming Man“ für mich nun eine durchaus gelungene Fortsetzung, die einem mittleren Band entsprechend aber doch auch irgendwie in der Schwebe hängenblieb und mir einmal mehr deutlich machte, dass ich Reihen Serien definitiv vorziehe. Aber ich werde garantiert nicht ohne den dritten Band dieser Serie bleiben!

Veröffentlicht am 04.10.2022

Digitale Extras wären noch toll gewesen!

Lina Knut. Schülerin, Gamerin, Weltenretterin
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Die Protagonistin Lina ist just in die 5. Klasse gekommen und spielt in ihrer Freizeit sehr gerne, auch im Onlinestream, das Abenteuer-Computerspiel „Aarona“; da wird ihr kurz nach Schuljahresbeginn angeboten, ...

Die Protagonistin Lina ist just in die 5. Klasse gekommen und spielt in ihrer Freizeit sehr gerne, auch im Onlinestream, das Abenteuer-Computerspiel „Aarona“; da wird ihr kurz nach Schuljahresbeginn angeboten, das Spiel mit einem noch nicht erschienenen Add-on zu spielen, wozu ihr eine Woche Zeit gegeben wird. Nach einigem Widerstand ihrer Mutter (Linas Computerzeit ist strikt begrenzt und ein tägliches Zocken während des ganzen Nachmittags eigentlich ein Unding) gibt diese letztlich doch nach und gestattet Lina, diese Chance zu ergreifen. Doch während Lina nach Unterrichtsschluss nun daheim mit Hausaufgaben, Gassigehen und eben Zocken beschäftigt ist, vernachlässigt sie darüber hinaus vor Allem ihre beste Freundin Mia, mit der sie ansonsten fast jeden Tag verbringt: Dieses Buch konzentriert sich vor Allem auf Lina und ihre Zeit im Game, welches auch sehr detailliert beschrieben wird, so dass man durchaus Lust darauf bekommen kann, dieses Spiel selbst einmal zu zocken. Da wurde sich definitiv sehr viel Mühe gemacht, ein Spiel zu erfinden, was es in der Realität so also (bisher?) nicht gibt. Da wäre es definitiv ein nettes Gadget gewesen, zusätzlich zumindest ein entsprechendes Minispiel anzubieten, was man via eines QR-links bzw. über die Verlagsseite herunterladen hätte können; stattdessen wird eingangs verkündet, man könne während des Lesens Achievements freischalten: auch da hatte ich angesichts des Themas eher etwas Multimediales erwartet oder ein Quiz in Antolin-Manier. Stattdessen werden ganz simpel nur „Auszeichnungen“ vergeben, sobald man soundsoviele Seiten gelesen hat.
Da fand ich es definitiv schade, dass man das Buch hier nicht über mehrere Kanäle hinweg aufgezogen hat, zumal KOSMOS ansonsten doch auch Technikwissen und Forscherdrang sehr fördert; das ist definitiv ein Verlag, dem ich Multimedia zutraue.

Mein 8jähriger Neffe ist im Gaming-Bereich erstaunlich firm, aber nicht so sehr der begeisterte Leser, und ihn würde diese Geschichte deutlich mehr bei Leselaune halten, wenn es eben entsprechende digitale Extras gäbe. Seine Zwillingsschwester ist da nicht so zockbegeistert, aber eine totale Leseratte: Mit dem zahlreichen vorhandenen Gaming-Vokabular, mit dem „Aarona“ mitunter beschrieben wird, könnte sie persönlich nicht so viel anfangen; allerdings werden diese Ausdrücke zumeist innert der Geschichte erläutert und würde sie ein Wort dennoch nicht einordnen können, könnte sie zweifelsfrei ihren Bruder fragen – theoretisch wäre dies ein Buch, was die Beiden toll zusammen entdecken könnten, aber es fehlen eben die Gaming-Extras.
Die Altersempfehlung ab 9 finde ich völlig okay; die Protagonistin Lina ist als Fünftklässlerin halt zwar ein bisschen älter, aber meine Nichte liest aktuell mitunter auch schon Literaturempfehlungen für die 5./6. Klasse, wobei ich im Fall von „Lina Knut“ nun davon abraten würde, es Kindern zu lesen zu geben, die sich mit dem Lesen (noch) etwas schwerer tun, nicht zuletzt wegen der häufig englischbasierten Spielausdrücke oder auch einfach nur bestimmter erfundener Bezeichnungen im Spiel.

Ich dachte zunächst, dass es eventuell schwierig sein könnte, dass eine Hauptfigur hier hauptsächlich vor dem PC sitzt, aber es wird eingangs sehr deutlich, dass Lina nur jeden zweiten Tag sehr begrenzte Onlinezeit eingeräumt bekommt, und es nun um eine Woche absoluter Ausnahmesituation geht; letztlich wird Lina auch sehr schmerzhaft bewusst, dass ihr Offline-Leben da bereits arg gelitten hat. Es ist also nicht so, dass (dauerhafte) Bildschirmzeit völlig normalisiert wird; zudem wird auch frühzeitig erklärt, worauf Kinder online achten sollen, welche Regeln es gibt, und was mir gut gefallen hat, war, dass der Stream, in dem Lina sich bewegt, auch als geschützter Raum beschrieben wurde; diese Community war speziell für Kinder gestaltet und wurde auch von erwachsenen Aufsichtspersonen monitort. Da war es also nicht so, dass Lina zum Beispiel über eine Plattform wie Twitch, mitten im allgemeinen Netztrubel, gestreamt hätte.
Auch die normalen Alltagsprobleme (beispielsweise Lina stottert, wenn sie vor einer größeren Gruppe reden soll; einer ihrer Mitschüler foppt den Rest der Klasse ständig…) der Kinder werden thematisiert, bis schließlich erkannt wird, dass jede*r seine kleinen Macken hat. Es geht also nicht nur darum, ob es Lina gelingen wird, das Spiel aktuell in der vorgegebenen Zeit durchzuzocken, auch wenn das das absolute Oberthema bleibt.

Die Illustrationen sind toll gemacht, absolut angemessen; die Chatverläufe, die vorkommen, sind auch entsprechend dargestellt, wobei ich da einräumen muss, dass mir hier die Texte teilweise doch ein wenig arg klein erschienen, nicht nur für eventuell sehbehinderte Kinder, sondern generell auch für eine Zielgruppe, die doch noch eher den Leseanfängern zuzurechnen wäre. Wenn da typische Chatsprache geschrieben wird, finde ich es doch etwas schwieriger, Buchstaben und Zeilen relativ gedrängt zu setzen.

Alles in Allem sehe ich „Lina Knut. Schülerin. Gamerin. Weltenretterin“ aber als ein gut geeignetes Buch für Kinder zwischen 9 und 11 an, sich sowohl gerne lesen als auch gerne zocken. Sehr gut wäre es für mich, wenn es eben eine multimediale Anbindung gäbe.

Veröffentlicht am 25.09.2022

(Zu)Treffend

Schlangen im Garten
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Was hatte mich die poetische und doch bildgewaltige Sprache vor Schultes in ihrem Debüt „Junge mit schwarzem Hahn“ doch bereits begeistert und mich glauben lassen, sie könne mir die ödeste Geschichte der ...

Was hatte mich die poetische und doch bildgewaltige Sprache vor Schultes in ihrem Debüt „Junge mit schwarzem Hahn“ doch bereits begeistert und mich glauben lassen, sie könne mir die ödeste Geschichte der Welt präsentieren und ich würde mich ob ihres Ausdrucks dennoch von der ersten bis zur letzten Seite an jener erfreuen. Mit ihrem zweiten Buch verfestigte die Autorin nun diesen Eindruck; noch zwei Bücher mehr und ich werde einfach jedem von meiner neuen, liebsten zeitgenössischen deutschen Autorin vorschwärmen.
„Schlangen im Garten“ wirkt im Gegensatz zum Debüt nicht wie ein mystisches Märchen, sondern viel mehr wie eine kalte Dystopie, in der Emotionen nüchtern begegnet werden soll, die aber konträr zu dieser Erwartungshaltung von Impulsivität und Individualität geprägt sind: Erzählt wird von einer Familie, die kürzlich die Mutter bzw. Ehefrau verloren hat, und deren Mitglieder allesamt anders mit ihrer Trauer umgehen und sich, in den Augen Außenstehender, viel zu sehr darin verlieren, weswegen sich das „Traueramt“ einschaltet, das auf schnellere Akzeptanz drängt, und prüfen will, ob die Familie überhaupt „richtig“ trauert.

Wie ich schon sagte, fehlt „Schlangen im Garten“ zwar die durchgängige märchenhafte Mystik des Debüts der Autorin, beinhaltet aber doch ein gewisses Maß an Fantastik und auch die Bildsprache muss hier vielfach noch gedeutet und interpretiert werden. Es ist kein einfaches Buch, das nicht noch ein Mit- oder Nachdenken erfordern würde. Trotz solcher Elemente wie dem Traueramt habe ich diesen Roman nun doch auch sehr zeitgenössisch, und gar nicht als in irgendeiner Zukunftsvision oder zumindest in einer alternativen Gegenwart angesiedelt, empfunden, wozu sicherlich vor Allem beigetragen hat, dass diese Thematik der Trauer gegenwärtig ist. Es wird vermutlich keine Lesende dieses Buchs geben, die nicht bereits selbst einmal einen geliebten Mensch verloren haben; wir alle kennen wohl diese Sprüche in Richtung „So langsam muss er aber mal drüber hinwegkommen, Mama ist schon zwei Jahre tot.“ oder „Was? Sie hat jetzt einen Neuen? Schon? Ist ihr Mann nicht grad erst zwei Jahre tot?“ oder „Der hat sich auf der Geburtstagsfeier prächtig amüsiert; ich selbst hab den da einmal lachen sehen!; obwohl seine Frau vor fünf Monaten erst beerdigt worden ist.“ oder oder oder.
„Schlangen im Garten“ konzentriert sich sehr auf die Gefühlswelt der einzelnen Figuren; abseits der Trauer passiert hier nix; und ich fand es wunderbar, wie und dass die Charaktere hier so unterschiedlich gezeichnet wurden und man merkte, dass es da einfach kein richtig und kein falsch, geschweige denn diese eine bestimmende, Verhaltensweise gab.
Hier dürfte es immer die eine Person geben, mit deren Verhalten man sich identifizieren kann, und die Anderen eignen sich, die eigene Meinung und eventuelle Vorurteile zu reflektieren; mir hat es zumindest geholfen, bestimmte Auftretensweisen innert einer Trauerphase mal anders betrachten zu können. Bei einem akuten Todesfall im persönlichen Umfeld würde ich definitiv nicht zu diesem Roman greifen, aber zum Abschluss einer Trauerphase könnte ich es mir durchaus als tröstlich und „verstehend“ vorstellen; generell würde ich „Schlangen im Garten“ aber eher in einer nachdenklichen und eventuell sentimentalen Phasen des Lebens, die völlig losgelöst von jeglichen (erwartbaren) Todesfällen sind, zu lesen vorziehen. Es rührt doch schon sehr an.