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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 09.03.2025

Warmherzig, witzig, wunderbar

Greta & Valdin
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Greta & Valdin ist ein echter Wohlfühlroman – intelligent, witzig und voller skurriler, aber liebenswerter Charaktere. Tatsächlich geht es nicht nur um Greta und Valdin, sondern auch um ihre kosmopolitische, ...

Greta & Valdin ist ein echter Wohlfühlroman – intelligent, witzig und voller skurriler, aber liebenswerter Charaktere. Tatsächlich geht es nicht nur um Greta und Valdin, sondern auch um ihre kosmopolitische, liebevoll-verrückte Patchwork-Familie, die zwar erst unübersichtlich war, mir dann aber ans Herz gewachsen ist.

Der Roman wird aus Sicht der titelgebenden Geschwister erzählt: Valdin hängt immer noch an seinem Ex-Freund Xabi, der nach Argentinien gezogen ist. Greta ist unglücklich in ihre Kollegin Holly verliebt, die nicht mal ihren Nachnamen Vladisavljević richtig aussprechen kann. Zu ihrer maori-russisch-katalanischen Familie haben die Geschwister sehr engen Kontakt. Beide stolpern durch ihr Leben, in dem Karrierefragen, Dating-Dramen und familiäre Exzentrik untrennbar miteinander verwoben sind.

Besonders mochte ich an der Erzählweise die unvermittelten, verblüffende Pointen zwischendurch - kann man nicht beschreiben, muss man lesen! Greta & Valdin ist aber nicht nur eine charmante Komödie – zwischen den Zeilen steckt auch eine tiefere Auseinandersetzung mit Themen wie Identität, Zugehörigkeit und Selbstwertgefühl. Es geht darum, was wir uns selbst wert sind, ob wir die Liebe verdienen, die wir uns wünschen, und wie Familie uns gleichzeitig herausfordert und auffängt. Kurz gesagt: ein kluger, witziger und warmherziger Roman!

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Veröffentlicht am 03.03.2025

Unterhaltsam, aber am Ende nicht meins

No Hard Feelings
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No Hard Feelings erzählt von Penny, die sich in einer Mischung aus Selbstzweifeln, On-Off-Beziehung und beruflicher Stagnation gefangen fühlt. Sie will ihr Leben in den Griff bekommen – doch statt konsequenter ...

No Hard Feelings erzählt von Penny, die sich in einer Mischung aus Selbstzweifeln, On-Off-Beziehung und beruflicher Stagnation gefangen fühlt. Sie will ihr Leben in den Griff bekommen – doch statt konsequenter Veränderungen verliert sie sich zwischen Instagram-Scrollen, durchzechten Nächten und verzweifelten Versuchen, Max endlich für sich zu gewinnen.

Der Roman liest sich unglaublich leicht und flüssig. Penny ist eine nahbare, realistische Protagonistin, mit der sich viele Leser:innen sicherlich identifizieren können. Ihr innerer Monolog ist oft witzig und trifft den Nerv der modernen Quarter-Life-Crisis: der Druck, alles im Griff zu haben, während man sich eigentlich ständig überfordert fühlt. Das hat mir wirklich richtig gut gefallen.

Was mich jedoch nach und nach irgendwie gestört hat, ist der Umgang mit Alkohol im Roman. Penny trinkt durchgehend – nach der Arbeit, aus Frust, zur Entspannung, mit Freunden, allein. Es ist offensichtlich, dass sie ein ungesundes Trinkverhalten hat, das viele ihrer Freunde auch haben, doch der Roman hinterfragt das nie wirklich. Dadurch entsteht eine Normalisierung, die aus meiner Sicht problematisch ist. Auch das Ende des Romans konnte mich nicht überzeugen: Es wirkte zu glatt, zu klischeehaft, das wurde dem Prozess der Selbstfindung, den Penny durchgemacht hatte, aus meiner Sicht nicht gerecht.

Trotzdem ist No Hard Feelings ein unterhaltsamer Roman mit scharfem Blick auf die Ängste und Unsicherheiten junger Erwachsener – aber mit einem Nachgeschmack, der mich nicht ganz loslässt.

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Veröffentlicht am 26.02.2025

Norddeutscher Roman über Pflege und Opioide

Die erste halbe Stunde im Paradies
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Janine Adomeit erzählt in „Die erste halbe Stunde im Paradies“ von Kai und Anne, die als Kinder zu früh erwachsen werden mussten. Die Geschwister wuchsen mit ihrer chronisch kranken, alleinerziehenden ...

Janine Adomeit erzählt in „Die erste halbe Stunde im Paradies“ von Kai und Anne, die als Kinder zu früh erwachsen werden mussten. Die Geschwister wuchsen mit ihrer chronisch kranken, alleinerziehenden Mutter auf – und hatten bald mehr und mehr die Rolle der Pflegenden, halten jedoch fest zusammen. Als Erwachsene haben sie sich längst aus den Augen verloren. Doch als Kai sich nach Jahren wieder meldet, muss Anne sich nicht nur ihm, sondern auch ihrer eigenen Vergangenheit stellen. Sie arbeitet für einen Pharmakonzern, doch ihr zunehmendes Interesse an Opioiden und insbesondere Fentanyl ist mehr als nur berufliche Neugier.

Besonders beeindruckt hat mich, wie der Roman Fragen wie familiäre Verantwortung, die Rolle von Verwandten als Pflegenden und verdrängte Wut mit einer beeindruckenden Klarheit verhandelt. Die Pflegeproblematik wird ungeschönt gezeigt: der immense Druck, die mangelnde Unterstützung, die still ertragenen Opfer. Dennoch wird auch die tiefe Verbundenheit zwischen den Geschwistern gezeigt. Diese realistischen, schmerzhaften Beschreibungen haben mich sehr beschäftigt. Die Einblicke in Annes Arbeit als Pharmareferentin, durch die man die Gelegenheiten bekommt, hinter die Kulissen hinter der Schmerzmittelindustrie zu schauen, fand ich unglaublich spannend. Ich hatte zur Opioidkrise in den USA bereits Dokus und Serien gesehen, aber der Roman zeigt eindrücklich, dass auch Deutschland nicht davor gefeit ist.

Adomeits Stil ist nüchtern, aber genau dadurch so eindringlich – die Emotionen entstehen zwischen den Zeilen. Ich habe den Roman fast an einem Stück gelesen, weil er mich so gefesselt hat. Diejenigen, die nun befürchten, dass es in dem Roman nur um düstere Themen geht, kann ich beruhigen: Es gibt auch in schwierigen Zeiten noch einen Funken Hoffnung auf Zusammenhalt und Verbundenheit.

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Veröffentlicht am 22.02.2025

Im positiven Sinne absurd

Nimms nicht persönlich
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Tom Hofland liefert mit Nimms nicht persönlich eine absurde Satire auf die Kälte der modernen Arbeitswelt – absurd im besten Sinne! Die Hauptfigur Lute steckt als Qualitätsmanager eines Pharmakonzerns ...

Tom Hofland liefert mit Nimms nicht persönlich eine absurde Satire auf die Kälte der modernen Arbeitswelt – absurd im besten Sinne! Die Hauptfigur Lute steckt als Qualitätsmanager eines Pharmakonzerns in der Bredouille: Er soll alle Mitarbeitenden seiner eigenen Abteilung entlassen. Im Gegenzug dürfe er seinen Job behalten. Lute trifft auf den zwielichtigen Lombard und seine Gehilfen, die Lute dabei unterstützen, die Mitarbeiten loszuwerden - die Arten, wie das geschieht, werden bald immer absurder und skurriler.

Besonders gefallen haben mir die skurrilen Einblicke ins Bürogeschehen – überaus überzeichnet, aber dann doch oft mit einem Bezug zur realen Arbeitswelt. Hofland schafft eine grotesk-komische Atmosphäre, die mich in diesen Szenen gut unterhalten hat, ich mag es aber auch, wenn es in Romanen ein bisschen schräg wird. Allerdings hat sich der Roman gegen Ende für mich dann trotz der wenigen Seiten doch spürbar gezogen, vor allem durch die Ausflüge ins Privatleben von Lute, aber auch weiterer Figuren, die für mich nicht wirklich Mehrwert hatten.

Insgesamt eine kreative Lektüre mit Kapitalismuskritik – leider für mich nicht durchgängig fesselnd.

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Veröffentlicht am 20.02.2025

Typischer Kapitelman

Russische Spezialitäten
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Dmitrij Kapitelman erzählt in Russische Spezialitäten von Identität, Heimat und seiner Familie, die zwischen den Fronten steht – geografisch, politisch und emotional. Mit dem russischen Angriff auf die ...

Dmitrij Kapitelman erzählt in Russische Spezialitäten von Identität, Heimat und seiner Familie, die zwischen den Fronten steht – geografisch, politisch und emotional. Mit dem russischen Angriff auf die Ukraine zerbricht das fragile Gleichgewicht in seiner jüdisch-ukrainisch-deutsch-moldawischen Familie: Die Mutter glaubt Putins Propaganda, der Sohn verzweifelt daran. Sein Versuch, sie mit der Realität zu konfrontieren, führt ihn mitten in den Krieg nach Kyjiw und mitten hinein in seine innere Zerissenheit.

Kapitelman bleibt seinem unverwechselbaren Stil treu: Scharf beobachtet und pointiert, aber nie zu vereinfachend, gleichzeitig humorvoll und mit Sprache spielend, aber auch tief berührend. Doch während „Eine Formalie in Kiew“ oft noch mit Leichtigkeit spielte und kämpferisch in die Zukunft blickte, ist „Russische Spezialitäten“ ein dunkleres, schmerzhafteres Buch. Es geht um seine Liebe zu Sprache, zu Orten, zu Menschen – und darum, was passiert, wenn diese Liebe auf Hass, der von außen übernommen wird, trifft.

Ein kluges, intensives Buch, das hoffentlich viele Leser:innen findet - denn ich glaube, eigentlich gibt es diese inneren Zerissenheiten in vielen Familien. Eine Empfehlung für alle, die verstehen wollen, was es für eine wahrscheinlich sogar typisch europäische Familie bedeutet, wenn Krieg und Hass nicht nur Länder, sondern auch Familien spaltet.

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