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Veröffentlicht am 12.02.2024

Spezieller Erzählton

Eine Fingerkuppe Freiheit
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"Eine Fingerkuppe Freiheit" verspricht, faszinierende Einblicke in das Leben von Louis Braille zu bieten, dem Erfinder der Blindenschrift Braille. Leider war der historische Roman von Thomas Zwerina für ...

"Eine Fingerkuppe Freiheit" verspricht, faszinierende Einblicke in das Leben von Louis Braille zu bieten, dem Erfinder der Blindenschrift Braille. Leider war der historische Roman von Thomas Zwerina für mich aber eine enttäuschende Lektüre, die die Versprechen aus der Inhaltsbeschreibung nicht erfüllen konnte.

Der größte Makel dieses Romans liegt im Schreibstil, den ich oft als altmodisch, kitschig und aufgesetzt empfunden habe. Anstatt den Leser in die Welt des 19. Jahrhunderts zu versetzen, ertränkt der Autor die Geschichte in ausschmückenden Metaphern und unpassenden Vergleichen. Ein Beispiel dafür ist die Passage: "Pigniers Herz vollführte einen Wettstreit an langen Seilen. Am Ende riss das Seil, und er holte den hohlen Kürbis der Verwunderung wieder vom Kompost zurück und füllte ihn mit Sanftmut und Neugier." Und auch wenn der Autor diesen Ton im Nachwort als groteske Überzeichnung kennzeichnet: Solche überladenen und künstlichen Beschreibungen kommen auf jeder Seite mehrmals vor und lassen den Roman für mich wie eine Karikatur historischer Literatur wirken. Auch im Nachwort ist der Ton immer noch geschwollen und jeder Satz wird durch gleich mehrere Adjektive und Nomen ausgeschmückt. Durch diesen Ton blieben auch die Charaktere für mich blass, da ich mich nicht gut einfühlen konnte.

Ein kleines, weiteres Problem liegt in der Inkonsistenz der historischen Genauigkeit. Während einige Aspekte von Louis Brailles Leben akkurat wiedergegeben werden, werden andere Ereignisse und Details weggelassen. Dies fällt zwar unter künstlerische Freiheit, allerdings hat mir ja gerade die künstlerische Umsetzung nicht gefallen.

Dennoch kann man dem Roman sein historisch adäquates Fundament zu Gute halten. Die Darstellung von Louis Brailles Kampf gegen seine Blindheit und sein unermüdliches Streben nach Bildung und Unabhängigkeit sind für mich gut deutlich geworden. Insgesamt hinterlässt "Eine Fingerkuppe Freiheit" jedoch einen zwiespältigen Eindruck. Während die Grundidee des Romans viel Potenzial hat, wird dieses durch einen mangelhaften Schreibstil und eine inkonsistente historische Darstellung zunichte gemacht. Leser, die nach einer präzisen und fesselnden Darstellung von Louis Brailles Leben suchen, werden hier leider enttäuscht sein.

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Veröffentlicht am 12.02.2024

Spannende Geschichte einer selbstbewussten Frau

Lil
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Markus Gassers „Lil“ ist ein Roman über Intrigen, Machtspiele und das New Yorker Leben um 1880. Sarah, eine New Yorkerin der Jetzt-Zeit, erzählt die Geschichte ihrer Urahnin Lil. Die Hauptfigur, Lillian ...

Markus Gassers „Lil“ ist ein Roman über Intrigen, Machtspiele und das New Yorker Leben um 1880. Sarah, eine New Yorkerin der Jetzt-Zeit, erzählt die Geschichte ihrer Urahnin Lil. Die Hauptfigur, Lillian Cutting, eine exzentrische Eisenbahn-Millionärin, wird nach dem Tod ihres Mannes durch einen Trick ihres Sohnes Robert gegen ihren Willen in einer Nervenklinik aufgenommen. Doch anstatt sich ihrem Schicksal zu ergeben, kommt sie durch ihre Intelligenz und Freunde, die ihre Hinweise richtig zu deuten wissen, frei und beschließt Rache an ihren mächtigen Feinden zu nehmen. Gasser erzählt die Geschichte mit erstaunlich großer Spannung, unerwarteten Wendungen und cleverer Komik. Einzelheiten um das New York der 1880er sowie die Darstellung der Diagnostik- und Behandlungsmethoden psychischer Krankheiten, insbesondere bei Frauen, sind genau recherchiert und zeichnen ein authentisches Bild der Zeit. Dazu gehört auch immer wieder Gewalt gegen Frauen, sowohl psychisch als auch physisch, hier wird nichts beschönigt oder ausgelassen. Die schonungslose Darstellung hatte ich so aus der Ankündigung allerdings nicht erwartet.

Schon im ersten Kapitel wird deutlich, wie packend der Roman erzählt wird. Obwohl der Plot der ersten beiden Kapitel aus der Ankündigung des Romans bekannt ist, gelingt es Gasser, durch spannende Wendungen die Spannung hochzuhalten. Fast alle Kapitel enden mit Cliffhangern.
Eine weitere positive Überraschung ist die faszinierende Darstellung der New Yorker Upperclass. Gasser zeichnet ein lebendiges Bild dieser Gesellschaftsschicht, das sowohl unterhaltsam als auch zugespitzt ist. Die Darstellung erinnert an andere literarische Werke, die sich mit der New Yorker Upperclass beschäftigen, und zeigt Gassers Talent, sich nahtlos in das Genre einzufügen.

Obwohl im Roman eine Vielzahl an Figuren vorkommen, die entweder Antagonisten von Lil sind oder sie unterstützen, bieten sich oft kleine, genauere Einblicke in die Vorgeschichte der verschiedenen Figuren, die dadurch größtenteils authentisch wirken und nur manchmal klischeehaft erscheinen. Besonders auffällig ist dabei, dass es oft kontrastierende Figuren gibt, deren unterschiedliche Wertvorstellungen und Persönlichkeiten sich plakativ voneinander abheben. Dadurch wird es aber einfacher, die vielen Figuren einordnen zu können. Unklar blieb für mich die Figur der Erzählerin Sarah, deren Schicksal mit einem zunächst nicht behandelten Krebsleiden an die Haupthandlung anknüpft, aber deren Darstellung trotzdem nicht an die schillernden anderen Figuren heranreicht.

Insgesamt ist „Lil“ von Markus Gasser ein fesselnder Roman, der durch seine packende Erzählweise, überraschende Wendungen und facettenreiche Charaktere überzeugt. Ein absolutes Muss für Fans von spannender Literatur und intelligent erzählter Kulturgeschichte.

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Veröffentlicht am 09.02.2024

Beziehungsroman mit Spannung

Janes Roman
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Catherine Cussets Roman "Janes Roman" entfaltet eine fesselnde Geschichte, in der die Protagonistin Jane Cook, eine angesehene Professorin für französische Literatur, plötzlich mit einem Manuskript konfrontiert ...

Catherine Cussets Roman "Janes Roman" entfaltet eine fesselnde Geschichte, in der die Protagonistin Jane Cook, eine angesehene Professorin für französische Literatur, plötzlich mit einem Manuskript konfrontiert wird, das jedes Detail ihres Lebens akribisch beschreibt. Die Unbekannte oder der Unbekannte hinter diesem Werk offenbart ein beunruhigendes Maß an Kenntnis über Janes innerste Gedanken und ihre intimsten Beziehungen der letzten Jahre. Im Zentrum des Romans stehen vor allem das Manuskript und damit Janes Suche nach beruflichem, akademischem Erfolg und einer liebevollen Beziehung.

Was mich zunächst irritierte, war die leicht angestaubte Atmosphäre des Romans, der vor über 20 Jahren erstmals veröffentlicht und nun neu übersetzt wurde. Themen wie Abtreibung, Heirat und Frauenrolle werden heute in der Literatur oft aus einer anderen, weniger traditionellen Perspektive betrachtet. Teilweise schimmert Kritik an Janes verstaubter Haltung durch, dennoch findet im Roman hierzu eher keine Entwicklung statt. Trotzdem ließ mich die Neugier nicht los, wer hinter diesem Manuskript steckt und wie Janes Geschichte enden würde.

Die Übersetzung enttäuschte mich an einigen Stellen, insbesondere als das N-Wort auftauchte. Es wäre einfach gewesen, eine weniger diskriminierende Formulierung zu wählen, die den Sinn des Textes nicht verändert hätte. Solche sprachlichen Entscheidungen trüben für mich den Lesegenuss und lenken von der eigentlichen Handlung ab.

Trotz dieser Kritikpunkte entwickelte die Geschichte einen Sog. Mit jedem Kapitel wuchs meine Spannung, während Jane versuchte, den Verfasser des Manuskripts zu enträtseln. Die komplexe Dynamik zwischen Jane, den Männern in ihrem Leben und den Verdächtigen hielt mich bis zur letzten Seite gefesselt. Das hatte sogar ein bisschen „Yellowface“-Vibes - vielleicht wurde der Roman deshalb dieses Jahr neu übersetzt? Insgesamt ist "Janes Roman" von Catherine Cusset ein fesselnder, wenn auch inhaltlich leicht veraltet wirkender, sehr französischer und akademischer Beziehungsroman, der den Leser dennoch in seinen Bann zieht.

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Veröffentlicht am 04.02.2024

Freundschaft und Familie

The Fort
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Mit großer Begeisterung möchte ich meine Rezension zu Gordon Kormans Jugendroman "The Fort" teilen, der mich von Anfang bis Ende in seinen Bann zog. Die Erzählung nimmt den Leser mit auf eine emotionale ...

Mit großer Begeisterung möchte ich meine Rezension zu Gordon Kormans Jugendroman "The Fort" teilen, der mich von Anfang bis Ende in seinen Bann zog. Die Erzählung nimmt den Leser mit auf eine emotionale Achterbahnfahrt, die durch die Verwüstung eines Hurricanes und die Entdeckung eines geheimen Bunkers ausgelöst wird.

Die Kleinstadt Canaan wird nicht nur durch die physische Zerstörung des Sturms heimgesucht, sondern auch durch die offenen Wunden und Geheimnisse, die die Jugendlichen Evan, Jason, Mitchell, C.J. und Ricky mit sich tragen. Der Bunker, den sie als ihr persönliches Fort adoptieren, wird zum symbolischen Rückzugsort vor den Stürmen des Lebens. Hier teilen sie nicht nur ihre Träume und Abenteuer, sondern nach und nach auch ihre tiefsten Ängste und Sorgen.

Die Spannung steigt, als Mitchells älterer Bruder und sein gewaltbereiter Freund das Fort bedrohen und die Freundschaft der Jungs auf die Probe stellen. Damit kommen auch Leser:innen, die Spannung und Action mögen, auf ihre Kosten.

Besonders beeindruckend fand ich aber, wie Korman die Vielfalt der familiären Hintergründe der Protagonisten einfängt. Von C.J., der vor seinem gewalttätigen Stiefvater Schutz sucht, bis hin zu Ricky, der aus einer Bilderbuchfamilie kommt, als Neuer aber ein Außenseiter ist, bietet jede Figur authentische Einblicke in familiäre Konflikte und die Suche junger Menschen nach dem eigenen Platz in der Welt. Die Charaktere bieten damit ein hohes Identifikationspotential für viele Leser:innen.

Insgesamt hat mich "The Fort" durch seine vielschichtigen Charaktere und die abwechslungsreiche Erzählweise aus der Sicht dieser Figuren gut unterhalten und am Ende auch sehr berührt.

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Veröffentlicht am 03.02.2024

Gegen das Vergessen

Als die gelben Blätter fielen
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Als ich das Buch „Als die gelben Blätter fielen“ von Marius Marcinkevičius in die Hand nahm, war ich zunächst von der zarten, ergreifenden und gleichzeitig kindgerechten Erzählweise des Autors beeindruckt. ...

Als ich das Buch „Als die gelben Blätter fielen“ von Marius Marcinkevičius in die Hand nahm, war ich zunächst von der zarten, ergreifenden und gleichzeitig kindgerechten Erzählweise des Autors beeindruckt. Die Geschichte von Alon und Riwka, zwei Kindern, die die Schrecken des Holocausts erleben, berührt auf eine besondere Weise. Durch die Augen dieser Kinder sehen wir das Grauen und die Hoffnung in einer Zeit voller Dunkelheit.

Die Charaktere sind liebevoll gezeichnet und nehmen den Leser mit auf ihre Reise durch das Getto von Vilnius. Alon, der gerne Bagels isst und Geige spielt, und Riwka, seine Freundin, mit der er auf dem Dach ihres Hauses sitzt und über die Stadt schaut, sind lebendig und authentisch dargestellt.
Besonders berührend fand ich die Verwendung des Kieselsteins als Symbol für Stärke und Überleben. Die Art und Weise, wie dieser die Verbindung zwischen Alon und Riwka über Jahrzehnte hinweg aufrechterhält und gleichzeitig einen Teil jüdischer Kultur darstellt, ist sowohl literarisch eindrucksvoll als auch bewegend.

Das Buch eignet sich hervorragend als Einstieg für jüngere Kinder, um einen Zugang zu den Themen Nationalsozialismus und Holocaust zu bekommen und dazu ins Gespräch zu gehen. Die künstlerischen Bilder tragen dazu bei, die Geschichte lebendig werden zu lassen und machen das Buch auch visuell ansprechend.
Allerdings ist es wichtig zu erwähnen, dass das Nachwort für eine historisch angemessene Einordnung unbedingt gelesen oder besprochen werden sollte, insbesondere wenn das Buch mit Kindern gelesen wird. Es ist dabei auch entscheidend, die Darstellung der Nazis im Buch zu problematisieren und den Kindern zu vermitteln, dass es sich nicht um isolierte "böse Männer" handelte, sondern dass ein beträchtlicher Teil der deutschen Bevölkerung den Nationalsozialismus unterstützte.

Insgesamt ist „Als die gelben Blätter fielen“ von Marius Marcinkevičius eine Lektüre für Menschen jeden Alters. Es erinnert uns daran, wie wichtig es ist, sich für Menschenrechte einzusetzen und der Banalität des Bösen keinen Platz in unserem Alltag zu lassen.

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