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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.06.2026

Wichtiges, sehr lesenswertes Buch

Nelka
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Svenja Leibers „Nelka“ ist ein stiller, aber eindringlicher Roman über Zwangsarbeit, Gewalt und das lange Nachwirken von Schuld. Er erzählt ein historisches Verbrechen nicht als bloße Kulisse, sondern ...

Svenja Leibers „Nelka“ ist ein stiller, aber eindringlicher Roman über Zwangsarbeit, Gewalt und das lange Nachwirken von Schuld. Er erzählt ein historisches Verbrechen nicht als bloße Kulisse, sondern als tiefe Verwundung von Körpern, Biografien und Landschaften.

Im Zentrum steht die 16-jährige Nelka, die 1941 aus Lemberg verschleppt und auf einem norddeutschen Gutshof zur Arbeit gezwungen wird. Leiber verbindet ihre Geschichte mit der Gegenwart: Jahrzehnte später kehrt Nelka an den Ort ihres Leidens zurück und konfrontiert Marten, den früheren Gutsverwalter, mit dem, was geschehen ist. Dadurch entsteht kein linearer Abhaken-von-Ereignissen-Roman, sondern ein vielschichtiges Erzählen über Erinnerung, Verdrängung und späte Abrechnung.

Besonders stark ist der Roman dort, wo er die Ausbeutung nicht nur als historische Tatsache, sondern als konkrete Erfahrung zeigt: als Übergriff, Abhängigkeit, Angst und Entwürdigung. Zugleich bleibt „Nelka“ nicht bei der Dunkelheit stehen. Immer wieder treten Momente von Solidarität, Freundschaft und Überlebenswillen hervor, die den Frauen Würde und Handlungsfähigkeit zurückgeben. Gerade das macht den Roman moralisch und literarisch überzeugend: Er blickt auf Opfer, ohne sie auf Opfersein zu reduzieren.

Auch sprachlich leistet Leiber viel. Ihre Prosa ist klar, achtsam und zugleich poetisch. Der Roman ist zwar in der Anlage eher konventionell gebaut, arbeitet aber mit wechselnden Zeitebenen und Perspektiven so präzise, dass die Geschichte umso eindringlicher wirkt. Die wiederkehrenden Motive des „Pfropfens“ und des Obstanbaus verleihen dem Text zusätzlich Tiefe: Was wächst, was verletzt wird, was sich verbinden lässt und was nicht, wird zum Bild für ein Leben unter Zwang.

Zusammenfassend lässt sich daher sagen: „Nelka“ ist ein wichtiges, klug komponiertes Buch über ein oft übersehenes Kapitel der NS-Geschichte. Es überzeugt weniger durch formale Experimente als durch seine Genauigkeit, seine moralische Wachheit und die Fähigkeit, großes historisches Leid in eine literarisch dichte, menschlich glaubwürdige Form zu bringen.

Veröffentlicht am 14.03.2026

Herzerwärmendes Kunst- Nachschlagewerk in Romanform

Monas Augen – Eine Reise zu den schönsten Kunstwerken unserer Zeit
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„Monas Augen“ von Thomas Schlesser ist ein berührender Roman über die „heilende Kraft der Kunst“, in dem die zehnjährige Mona nach einer plötzlichen, unerklärlichen Erblindung von ihrem Großvater auf eine ...

„Monas Augen“ von Thomas Schlesser ist ein berührender Roman über die „heilende Kraft der Kunst“, in dem die zehnjährige Mona nach einer plötzlichen, unerklärlichen Erblindung von ihrem Großvater auf eine faszinierende Reise durch Pariser Museen geführt wird.

Die Geschichte beginnt dramatisch: An einem Sonntag verliert Mona für genau 63 Minuten ihr Augenlicht – ein Schleier legt sich über ihre Welt, der sich wie ein „Rollo, das man hochzieht“, wieder hebt. Die Angst vor bleibender Blindheit bleibt, Ärzte und Psychiater tappen im Dunkeln. Statt Therapie entscheidet Großvater Henry, der kürzlich seine Frau verloren hat, für eine unkonventionelle Methode: Jeden Mittwoch besuchen sie Museen wie den Louvre oder das Centre Pompidou und widmen sich einem einzigen Kunstwerk – von Leonardos Meisterstücken über Monets Impressionismus bis zu Goyas düsteren Monstern und Soulages’ schwarzem Gemälde. Mona, wissbegierig und mit angeblicher Sehkraft von 180 Prozent, saugt Details und Geschichten auf, wächst innerlich und entdeckt, dass selbst Dunkelheit „nur eine Farbe“ sein kann.

Schlesser, selbst Kunsthistoriker, webt 52 Kunstwerke nahtlos in die Handlung ein, ohne belehrend zu wirken – es entsteht eine literarische Reise, die Beziehung und Geheimnisse vertieft. Der Roman ist kein reines Kinderbuch, da Kunstanalysen Tiefe haben (Wörter wie „mondän“ oder „changieren“ tauchen auf), doch er fesselt jung und alt durch emotionale Wärme und Weisheiten wie die von Wassily Kandinsky oder Eugène Delacroix.

Kritikpunkte gibt es bei den Nebenfiguren: Monas Eltern wirken klischeehaft – Vater als trinkender Antiquitätenhändler am Rande des Ruins, Mutter überfordert –, und Schuldialoge klingen künstlich. Die Idee, Kunst könne Therapie ersetzen, wirkt konstruiert. Dennoch überwiegt der Charme: In Frankreich ein Bestseller, macht das Buch Lust auf Museen und zeigt, dass Schönheit Ängste vertreibt.

Fazit: Ein intelligentes, herzerwärmendes Buch für Kunstliebhaber – lesbar, inspirierend und zum Nachschlagen der genannten Werke einladend. Unbedingt empfehlenswert!

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Veröffentlicht am 14.03.2026

Tolle Retrospektive

Yayoi Kusama
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Yayoi Kusama zählt zu den bekanntesten, einflussreichsten und konsequentesten Künstlerinnen unserer Zeit, deren Werk über mehr als sieben Jahrzehnte eine unvergleichliche Beständigkeit ihrer Anliegen ...


Yayoi Kusama zählt zu den bekanntesten, einflussreichsten und konsequentesten Künstlerinnen unserer Zeit, deren Werk über mehr als sieben Jahrzehnte eine unvergleichliche Beständigkeit ihrer Anliegen offenbart. Der prächtige Katalog des Hatje Cantz Verlags begleitet ihre umfassende Retrospektive, die in drei Stationen – Fondation Beyeler in Riehen/Basel (12.10.2025–25.01.2026), Museum Ludwig in Köln (14.03.–02.08.2026) und Stedelijk Museum in Amsterdam (11.09.2026–17.01.2027) – zu erleben ist.

Die Künstlerin (geb. 1929 in Matsumoto, Japan) begann mit 10 Jahren, Polka Dots und Netze zu malen, studierte Nihonga in Kyoto, reiste 1957/58 nach New York, wo sie Infinity Nets, phallische Accumulation-Skulpturen, Happenings, Bodypainting und Spiegel-Installationen schuf.
Nach psychischen Krisen kehrte sie 1973 nach Japan zurück, lebt freiwillig in einer psychiatrischen Klinik und arbeitet weiter in Malerei, Skulptur, Performance, Literatur und Mode – international gefeiert seit der Venedig-Biennale 1993.

Die Ausstellung spannt einen Bogen von den frühen Gemälden und Arbeiten auf Papier, entstanden in ihrer japanischen Heimatstadt Matsumoto, bis hin zu jüngsten Werken um 2021 und erkundet damit die nachhaltigen künstlerischen Konzepte, die Kusamas Schaffen seit den 1950er Jahren prägen: „Unendlichkeit“, „Akkumulation“, „Vernetzung“ und „Fürsorge“. Sie beleuchtet die vollständige Bandbreite ihres innovativen Œuvres, das Medien wie Malerei, Skulptur, Installation, Zeichnung, Film, Performance, Literatur und Mode umfasst – wegweisende Ausdrucksformen, mit denen Kusama ihrer Zeit voraus war.

Der Katalog selbst erweist sich als optisches, haptisches und inhaltliches Kunstwerk für sich, gedruckt auf hochwertigem Munken Polar und Artosilk-Papier, dessen Qualität unmittelbar „auf der Hand liegt“. Die ikonischen „Polka-Dots“ erscheinen teilweise als Glanzpunkte oder Löcher auf der Oberfläche und spiegeln sich in der mitunter kreisförmigen Textformatierung wider, die den Leser nahtlos in Kusamas einzigartigen, psychedelischen Kosmos eintauchen lässt.

Diese formale Strategie umsetzt Kusamas lebenslange Auseinandersetzung mit der Unendlichkeit visuell nach: Die sich wiederholenden Punkte suggerieren eine endlose Vervielfältigung, die das Auge des Lesers in ähnlicher Weise fasziniert wie die immersiven Spiegelräume der Künstlerin.

In enger Zusammenarbeit mit der Künstlerin und ihrem Studio entstanden, bietet er nicht nur ikonische Werke, sondern auch europaweit neu gezeigte Frühstücke sowie aktuelle Produktionen – ein unverzichtbarer Begleiter, der die Essenz ihrer obsessiven Wiederholungen und unendlichen Räume greifbar macht.

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