Große Leseempfehlung
“Es wird heute angenommen, dass rund 20 Millionen Menschen für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten, sowohl im »Deutschen Reich« als auch in den besetzten Gebieten. […] Eine ...
“Es wird heute angenommen, dass rund 20 Millionen Menschen für das nationalsozialistische Deutschland Zwangsarbeit leisten mussten, sowohl im »Deutschen Reich« als auch in den besetzten Gebieten. […] Eine eigene Rolle nehmen in diesem Kontext Frauen und ihre Körper ein.”
So schreibt Svenja Leiber im Nachwort zu „Nelka“, in dem sie kurz auf ihre persönlichen Bezüge und die historischen Hintergründe ihres neuesten Romans eingeht.
Nelka ist die Geschichte einer gleichnamigen jungen Zwangsarbeiterin, die von Soldaten aus ihrer Heimat Lemberg auf einen norddeutschen Gutshof gebracht wird, wo sie mit anderen Verschleppten schwere körperliche Arbeit verrichten muss. Der Verwalter des Gutshofes entwickelt bald eine Obsession für das junge Mädchen, die mit seinem starken Bedürfnis sich a die Regeln zu halten, die jeglichen Kontakt mit den Zwangsarbeiterinnen verbietet, im Widerstreit liegt. Er sucht auf andere Weise Kontakt zu Nelka Kontakt: Da ihr Vater ihr als leidenschaftlicher Pomologe (Obstbaumkundler) alles über den Apfelananbau beigebracht hat, nutzt der Verwalter ihre Kenntnisse für den Aufbau seiner eigenen Obstplantage.
Auf einer zweiten Zeitebene, Jahrzehnte nach den Kriegsjahren, ist der Verwalter, der nach dem Krieg zum Gutsbesitzer und erfolgreichen Obstbauern wurde, alt und erwartet einen besonderen Besuch. Nelka, mittlerweile ebenfalls gealtert und eine geliebte Großmutter, möchte den Gutshof, wo sie die harten Kriegsjahre verbracht hatte, nach all den Jahren noch einmal sehen.
Möchte sie den ehemaligen Verwalter konfrontieren? Was ist damals geschehen?
“Sie hatte nie darüber gesprochen. Über das Wichtigste hatte sie nie gesprochen.
Über das, was war und was nicht hätte sein sollen, nie ein Wort.”
Leiber erzählt die Begegnung der beiden älteren Figuren spannend und minutiös wie ein Kammerspiel. Dazwischen springt sie immer wieder in Ausschnitten in die Zeit des Krieges zurück um langsam das Puzzle der Ereignisse zusammenzusetzen. Gut, ich bin nicht wirklich überrascht, von dem was nach und nach enthüllt wird, schließlich sind die Optionen begrenzt. Und doch verzaubert die Geschichte mit Leibers großer Erzählkunst und psychologischer Genauigkeit. Der Roman zieht mich völllig in seinen Bann.
Vor allem die Figur des späteren Gutsbesitzer und sein Lebenslauf fasziniert mich. Auf den wenigen Seiten entfaltet Leiber ein komplettes Nachkriegsleben und lässt tief in die Seele eines typischen, deutschen Erfolgmenschen blicken. Und in seinen Umgang mit Schuld.
“Die Dinge sind kompliziert. Irgendwer muss auch die Drecksarbeit machen. Und im Krieg ist es mit der Schuld etwas anderes, denkt er, auch wenn er weiß, dass das nicht stimmt.”
Auch heute fehlt es in Deutschland an dem Bewusstsein, dass große Teile des Reichtums von Industriellenfamilien und Unternehmen auf einst geleisteter Zwangsarbeit beruht. Nicht nur das Erstarken der rechten Kräfte, sondern auch die in großen Teilen der Gesellschaft verbreitete Forderung nach einem „Es muss ja auch mal gut sein“ verhindern eine Aufarbeitung.
Umso wichtiger finde ich in diesem Kontext den Roman von Svenja Leiber, der mich gerade mit seinem Schluss sehr berührt hat. Große Leseempfehlung.