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Veröffentlicht am 24.02.2025

Verwirklichung von Lebensträumen mit Ausgangspunkt Berliner Plattenbau! ❤️‍🩹

Achtzehnter Stock
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Der 18. Stock eines Berliner Plattenbaus ist der Schauplatz des neuen Romans von Autorin Sara Gmuer.

Hauptfigur Wanda lebt als Alleinerziehende dort mit ihrer Tochter Karlie. Ein nicht funktionierender ...

Der 18. Stock eines Berliner Plattenbaus ist der Schauplatz des neuen Romans von Autorin Sara Gmuer.

Hauptfigur Wanda lebt als Alleinerziehende dort mit ihrer Tochter Karlie. Ein nicht funktionierender Lift, in dem „Müll“ gelagert ist ebenso Alltag, wie die finanziellen Probleme der meisten Bewohner. Sind sie angelangt am soziokulturellen Abgrund?!



Die junge Mama und Schauspielerin Wanda versucht den Spagat zu meistern zwischen Kindererziehung und der Verwirklichung ihrer eigenen Träume - doch gelingt es ihr?!

Als sie den Filmproduzenten Willhaus kennenlernt, sieht sie in ihm einen Stern am sonst sehr dunklen Plattenbauhimmel. Ein besseres Leben für sie und ihre kleine Tocher Wanda scheint plötzlich greifbar. Als sie zu einem Kennenlern-Dinner eingeladen wird, schnuppert sie schon förmlich die Luft Hollywoods:



"Die Männer am Nebentisch schwärmen von dem mit feinen Fettäderchen marmorierten Kobesteaks, angeblich die besten der Welt und die Frauen tupfen sich mit den weißen Stoffservietten die Mundwinkel, essen Carpaccio und spülen mit Weißwein nach. Die Kellner kommen mit dem Nachschenken nicht hinterher. Willhaus gießt selbst nach, die Gläser randvoll und gurrt bei jedem Schluck wie eine Taube. Das ist Hollywood."



Sozialkontakt pflegt sie mit einer Nachbarin von gegenüber, im Buch als „Aylins Mutter“ bezeichnet. Wanda fällt es schwer, sich mit ihrem sozioökonomischem Status zu identifizieren, daher strebt sie stets nach mehr und und sieht auch ihre Nachbarin nicht als ebenbürtig, da diese sich mit ihrer Rolle als Plattenbau-Mutti abgefunden hat:



"Carlie und Eileen spielen mit Barbies und einem echten Prinzessinnenschloss. Ayleens Mama steht verschwitzt in der Küche. Ich habe noch nie vom Kochen geschwitzt. Sie formt Bällchen aus Hackfleisch, Ei und Semmelbrösel und streicht sich mit dem Handrücken die Haare aus dem Gesicht. "Rindfleisch", sagt sie. "Kein Schwein". Bei ihr muss immer alles halal sein. Ganz wichtig. Außer bei Donuts."



Doch ist ein erfülltes Leben im Plattenbau überhaupt möglich?!



„Glück lässt sich von Pisse im Treppenhaus nicht abschrecken, Glück findet von Zeit zu Zeit sogar in den achtzehnten Stock.“



Da ich nicht hier schon den kompletten Plot vorwegnehmen möchte, geht’s an dieser Stelle weiter mit meinen persönlichen Gedanken zum Werk. Ich habe die Intention der Autorin verstanden, sie wollte ein Buch schreiben, das aufmerksam macht auf die Schwierigkeiten eines Lebens im Plattenbau und welche Unwägbarkeiten es mit sich bringt, wenn man dann doch versucht sich aus seiner sozialen Klasse zu befreien und nach höherem strebt, quasi einen neuen Lebensentwurf schmiedet. Doch hatte ich mit der Umsetzung so meine Schwierigkeiten.



„Wenn man auf die falschen Leute hört, ist man am Arsch. Als ob man Träume einfach ändern könnte. Echte Menschen verändern sich nicht einfach wie so eine fucking Romanfigur auf Heldenreise. Sie geben vielleicht auf, aber sie bleiben dieselben."



Es sind für mich Aussagen wie diese, die mich schwer schlucken lassen. Natürlich habe ich verstanden, was die Autorin ausdrücken wollte, aber es ist mir zu sehr schwarz-weiß, mir fehlen die Zwischentöne. Es kommt mir dabei auf Nuancen an, auch sprachlich und da hat sie mich leider nicht vollständig abholen können.



"Im Treppenhaus liegen Bücher, zu verschenken. Als ob hier einer lesen würde."



Warum sollten Bewohner eines Plattenbaus generell kein Interesse an Literatur haben?! Natürlich bin ich mir im Klaren, dass es sich hier meist um bildungsfernere Bürger handelt, aber es gibt immer Ausnahmen, wie es auch Bücher aller Couleur gibt, für jeden ist was dabei, unabhängig vom sozioökonomischen Status. Ich finde die Pauschalisierung an dieser Stelle problematisch und hätte mir gewünscht, die Autorin hätte genau diese Idee mit den zu verschenkenden Büchern in eine andere Richtung hätte laufen lassen, wie beispielsweise eine Bewohnerin, die zwar sonst nicht viel hat, aber sich regelmäßig an diesen kostenfreien Büchern bedient und dadurch regelrecht zu einem Literaturfreak, ja vielleicht gar zu einer Intellektuellen geworden ist (mal überspitzt gedacht) - das hätte doch unser aller Bücherherz aufblühen lassen, oder?!



Wofür ich die Autorin sehr loben und was mir ausgesprochen gut gefallen hat, speziell aus meiner Perspektive als Medizinerin, ist die Anfangsszene, in der die Tochter von Wanda eine eitrige Ohrenentzündung hat, sie von Arzt zu Arzt tingeln, bis schließlich (nach langer Warterei!) in der Notaufnahme festgestellt wird, dass es sich um eine bakterielle Meningitis (=eine Hirnhautentzündung) handelt. Selten habe ich so eine Szene so lebensnah und gut ausgeführt gelesen, gerade im Hinblick auf den medizinischen Kontext. Sowohl die medizinischen Fakten sind gut recherchiert, wie auch das Verhalten des (immer ruhiger werdenden, da ernsthaft kranken) Kindes, als auch die wachsende Ungeduld (und Angst!) der Mutter, wirklich grandios! Danke Sara Gmuer, das hat mich wirklich literarisch tief beeindruckt!



Wie sieht denn nun mein Fazit zu „Achtzehnter Stock aus“?!

Wir ihr ja sicherlich gemerkt habt, blicke ich mit gemischten Gefühlen auf die Lektüre zurück - einerseits gehe ich mit einigen Ausführungen nicht konform, sehe manches Potential als nicht vollständig ausgeschöpft an - sei es sprachlich, oder seitens der thematischen Ausarbeitung. Andererseits gibt es auch Szenen, wie die der kranken Tochter Karlie, die wirklich einer schriftstellerischen Meisterleistung gleichkommen. Macht Euch also bitte Euer eigenes Bild von Sara Gmuers Werk, es bietet auf jeden Fall reichlich Diskussionsstoff, es eignet sich also perfekt als Lektüre für Buchclubs und co.!

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Veröffentlicht am 24.02.2025

Wow - berührendes Familienporträt, das mich emotional total abgeholt hat!

Wo der Name wohnt
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„Und irgendwo zwischen den beiden Häusern, ich zählte während der Wohnungsauflösung zum ersten Mal die Schritte, überkam mich die Sehnsucht. Ich wollte den Nachnamen wieder tragen, sehnte mich nach ihm, ...

„Und irgendwo zwischen den beiden Häusern, ich zählte während der Wohnungsauflösung zum ersten Mal die Schritte, überkam mich die Sehnsucht. Ich wollte den Nachnamen wieder tragen, sehnte mich nach ihm, wie nach Großmutters Gesicht, das ich nicht mehr sehen würde. Es waren ungefähr vierzig Schritte von Tür zu Tür.“

Ricarda Messner hat ein autobiografisches Werk über die Beziehung von Vergangenheit und Gegenwart geschrieben, das vom sowjetischen Lettland bis in unser Deutschland der Gegenwart reicht. Dabei zeichnet sie ein berührendes Familienportrait, das zurück zu ihren Wurzeln führt, sie geht dabei auf Spurensuche und versucht so, ihren Erinnerungen Raum zu geben.

Von Riga nach Berlin führte der Weg der Großeltern und damit auch der von Ricardas Wurzeln. 1971 gelingt ihnen die Ausreise aus der Lettischen Sozialistischen Sowjetrepublik.
Mit „Wo der Name wohnt“ nimmt uns Ricarda mit in die Welt ihrer ganz eigenen Erinnerungen, in denen neben Gegenständen, Geschehnissen, gemeinsamen Erlebnissen, auch der Name „Levitanus“ eine wichtige Rolle spielt - denn den möchte sie bewahren, indem sie ihn wieder tragen möchte und ihn so vor dem Aussterben retten. Doch ist das so einfach in Deutschland möglich?! Ihr könnt die Antwort wahrscheinlich erahnen.

Zu ihrer Großmutter hat sie eine besondere Bindung, die nochmal stärker wurde, als sie ins Haus direkt neben ihr zog in Berlin - Hausnummer 36 und 37, fortan trennten sie nur 40 Schritte voneinander. Sie entwickelten gemeinsame Rituale, wie zusammen einzukaufen oder ihre Mahlzeiten miteinander einzunehmen. Wir erleben eine absolut rührende Großmutter-Enkelin-Beziehung, die in Ricarda nur den Wunsch verstärkt, den Familiennamen mit Stolz tragen zu wollen.

Was mich besonders berührt hat, ist die schonungslose Ehrlichkeit mit der die Autorin von ihren eigenen Unsicherheiten bezüglich ihres eigenen Verhaltens an Gräbern berichtet.

„Ich habe versucht, dort zu sitzen, habe den Stein flüstern hören. Auch er hat mich aufgefordert, erzähl mir was, aber ich wusste wieder nicht, was ich sagen sollte. Ich fürchte, ich weiß nicht, wie ich mich vor den Gräbern geliebter Menschen verhalten, in welcher Haltung ich den Steinen begegnen soll.“

Das war für mich persönlich der emotionalste Part des Buches, da es mir ganz genauso geht (daher vermeide ich Friedhöfe konsequent, was sicherlich nicht die richtige Lösung ist).

Nicht nur mich hat Ricarda Messner überzeugt mit ihrem Debütroman „Wo der Name wohnt“ - sondern ihr wird auch der Literaturpreis Fulda 2025 verliehen, absolut verdient, herzlichen Glückwunsch!
Ich kann Euch nur wärmstens empfehlen dieses Buch auf Eure Leseliste zu setzen, sofern Ihr es nicht bereits getan habt - lasst Euch dieses besondere Familienporträt nicht entgehen!

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Veröffentlicht am 19.02.2025

Eine Biografie, die sich wie ein hochspannender Abenteuerbericht liest, grandios! 🤩🌊⚓️❄️

Alfred Wegener
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Wie Ihr ja wisst, bin ich ein großer Fan der Meerliteratur und natürlich ist Alfred Wegener eine Persönlichkeit, der meine Faszination in vielerlei Hinsicht gilt. Daher war ich unglaublich gespannt auf ...

Wie Ihr ja wisst, bin ich ein großer Fan der Meerliteratur und natürlich ist Alfred Wegener eine Persönlichkeit, der meine Faszination in vielerlei Hinsicht gilt. Daher war ich unglaublich gespannt auf Günther Wessels Biografie „Alfred Wegener – Universalgelehrter, Polarreisender, Entdecker“! Und ich wurde nicht enttäuscht, denn sie zeichnet ein beeindruckendes Porträt eines Wissenschaftlers, dessen Name heute weltweit bekannt ist: Alfred Wegener. Wessel gelingt es, Wegeners facettenreiches Leben und seine bahnbrechenden Leistungen packend darzustellen.

Alfred Wegener (1880–1930) war ein außergewöhnlicher Wissenschaftler, dessen bahnbrechende Ideen die Geologie revolutionierten. Ursprünglich ausgebildet als Astronom, widmete er sich später der Meteorologie und Polarforschung. Seine berühmteste Leistung ist die Theorie der Kontinentaldrift – die Vorstellung, dass die Kontinente einst eine große Landmasse bildeten und sich im Laufe der Erdgeschichte auseinanderbewegten. Obwohl seine Idee zunächst belächelt wurde, legte sie den Grundstein für die heutige Plattentektonik.

Wegener war nicht nur ein brillanter Theoretiker, sondern auch ein abenteuerlicher Forscher. 1906 nahm er an einer Expedition nach Grönland teil, wo er Wetterballons einsetzte, um die Luftströmungen zu erforschen. Später durchquerte er als einer der Ersten das grönländische Inlandeis – eine waghalsige Unternehmung, bei der er und sein Team extreme Kälte, Stürme und Hunger überstehen mussten.

Neben seinen geologischen Erkenntnissen leistete er auch bedeutende Beiträge zur Meteorologie. Er war einer der Ersten, der die Existenz des Jetstreams erkannte und untersuchte Wetterphänomene in den Polarregionen.

Tragischerweise kam Wegener 1930 auf einer Expedition in Grönland ums Leben. Sein letztes Ziel war es, eine inländische Forschungsstation inklusive der dort zur Überwinterung ansässigen Wissenschaftler mit einem Nachschub an Vorräten zu versorgen, das Ganze versuchte er auf Skiern und war auf dem Weg Richtung Küste. Sein Leichnam wurde Monate später gefunden – friedlich in seinem Schlafsack liegend, auf dem endlosen Eis, das ihn so faszinierte.

Heute gilt Alfred Wegener als Pionier der modernen Geowissenschaften, und seine Theorie der Kontinentaldrift ist eine der bedeutendsten wissenschaftlichen Entdeckungen des 20. Jahrhunderts. Wahnsinn, oder?! Was ein einziger Mensch in der Lage ist zu erreichen in seinem Leben, da kann ich nur staunen und bin voller Bewunderung.

Günther Wessel nimmt uns mit auf eine Reise durch ein bewegtes Leben. Er startet bei Wegeners großen Sehnsucht, führt uns durch seine Jugend, sein Studium und seine Forschung, nimmt uns mit auf seine erste Polarfahrt (1906-1908); Wegeners Marburger Jahre folgen und seine Grönlandzeit (1912-1913), anschließend wird’s persönlich und wir erfahren mehr über seine Hochzeit und sein bürgerliches Leben. Und schließlich führt uns seine letzte Grönlandreise (1930/31) zu seinem ewigen Grab im Eis.

Günther Wessel konzentriert sich was sein Schreiben angeht hauptsächlich auf umweltpolitische und kulturhistorische Thematiken. Mir hat er in dieser Biografie wissenschaftliche Zusammenhänge verständlich vermittelt und gleichzeitig ist es ihm dabei gelungen, die menschliche Seite Alfred Wegeners so in Szene zu setzen und akzentuieren, wie er es verdient hat. Wie ein hochspannende Abenteuerberichte haben sich Wegeners Expeditionen dadurch gelesen, großartig!

Für wen ist also das Buch die passende Lektüre?!
Für alle, die sich bereits mit Alfred Wegener beschäftigt haben, aber auch für jene, die damit starten wollen. Es enthält auch Karten und einen Bildteil, die mein Leseerlebnis besonders bereichert haben. Und für alle, die sich für die Geschichte der Wissenschaft und die Persönlichkeiten dahinter interessieren, ist diese Biografie eine klare Empfehlung. Also, Fans der Meeresliteratur - habt Ihr das Schätzchen schon gelesen, oder es noch vor?!

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Veröffentlicht am 17.02.2025

Sprachliebhaber*innen aufgepasst: Dieses Büchlein ist für Euch! 🤩

Trost
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Warum bereiten uns Begriffe wie die Ewigkeit oder Lebenszeit Sorgen? Stig Dagerman findet mit „Trost“ tröstende Worte für den Schmerz, den uns das Leben bereitet:

„Kurz ist mein Leben nur, wenn ich es ...

Warum bereiten uns Begriffe wie die Ewigkeit oder Lebenszeit Sorgen? Stig Dagerman findet mit „Trost“ tröstende Worte für den Schmerz, den uns das Leben bereitet:

„Kurz ist mein Leben nur, wenn ich es auf dem Richtblock der Zeitrechnung platziere. Begrenzt sind meine Lebensmöglichkeiten nur, wenn ich die Wörter oder Bücher zähle, die ich noch erschaffen werde, bevor ich sterbe. Aber wer bittet mich eigentlich zu zählen? Zeit ist ein falsches Maß für Leben. Zeit ist ein grundsätzlich nutzloses Messinstrument, denn es erfasst nur die Äußerlichkeiten meines Lebens.
Doch alles Wesentliche, was mir geschieht und meinem Leben seinen wunderbaren Inhalt gibt: die Begegnung mit einem geliebten Menschen, die Liebkosung der Haut, die Hilfe in der Not, der Mondschein in den Augen, der Segeltörn auf dem Meer, die Freude über ein Kind, das Schaudern angesichts von Schönheit spielt sich ganz und gar außerhalb der Zeit ab. Denn ob ich der Schönheit eine Sekunde oder hundert Jahre lang begegne, ist unerheblich.“

Zeitlebens jagte Stig Dagerman selbst dem Trost hinterher:

„Ich selbst jage Trost wie ein Jäger Wild. Wo immer ich ihn in den Wäldern auftauchen sehe, schieße ich. Häufig treffe ich nur ins Leere, aber manchmal fällt eine Beute zu meinen Füßen. Da ich weiß, dass die Beständigkeit des Trosts so kurz ist wie die des Winds in einem Baumwipfel, eile ich, mich meines Opfers zu bemächtigen.“

Leider war seine Jagd am Ende vergeblich, denn der Schmerz, den ihm das Leben bereitete, war letztlich stärker und er beging 1954 mit nur 31 Jahren Suizid. 1923 wurde er nördlich von Uppsala/Schweden geboren und führte in seinem kurzen Leben einen beständigen Kampf gegen seine schweren Depressionen und wurde von existenziellen Krisen gebeutelt.

Schreiberisch beschäftigte er sich mit seinen persönlichen Krisen und auch seine prägenden Nachkriegserfahrungen (als Reporter) ließ er in seine Texte, Essays, Theaterstücke, Reportagen und Bücher fließen. Er wurde als Stern am Literaturhimmel gefeiert und erlangte schnell Bekanntheit. Doch er hatte nicht nur produktive Schreibphasen, stets hatte er auch mit Schreibblockaden zu kämpfen.

Auf der Suche nach dem Sinn des Lebens hadert Stig Dagerman mit Gesellschaftsnormen, wünscht sich mehr individuelle Freiheit. Er ist nicht gläubig und denkt, ihm bleibe aufgrund dessen sein persönliches Glück verwehrt. Trost zu finden sieht er nicht nur für sich selbst als immer unerreichbarer, sondern auch für die Menschheit an sich. Was für ein armer, getriebener Geist er doch war!

Die Berliner Autorin Felicitas Hoppe erläutert und ergänzt mit Ihren Erläuterungen Stig Dagermans autobiografisches Vermächtnis, seine Gedanken und Worte.

Sprachliebhaber*innen aufgepasst: Dieses kleine Büchlein „Trost“ von Stig Dagerman ist ein wahres Sprachjuwel! Seine destruktive Gedankenwelt und innere Zerrissenheit spiegeln sich wunderschön in seiner Sprache wider. Eine klare Leseempfehlung für alle, die den Schmerz des Lebens etwas lindern wollen, indem sie sich von der Schönheit der Sprache trösten lassen!

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Veröffentlicht am 15.02.2025

Ein berührender Brief an ihre abgetriebene Tochter Stella! ❤️‍🩹

Liebe Stella oder Radikal hoffnungsvoll in die Zukunft
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„Als ich sagte, dass ich kein Kind bekommen will, zerriss die Gynäkologin das Ultraschallbild.“

„ Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, Mutter zu werden, der Gedanke allein fühlte sich surreal an, ...

„Als ich sagte, dass ich kein Kind bekommen will, zerriss die Gynäkologin das Ultraschallbild.“

„ Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, Mutter zu werden, der Gedanke allein fühlte sich surreal an, ich musste immerzu an die schmelzenden Uhren von Dalí denken, die da in meinem Uterus vor sich hin tickten“

Stefanie de Velasco hat mit „Liebe Stella oder radikal hoffnungsvoll in die Zukunft“ einen Brief an ihre ungeborene Tochter verfasst. Sie entschied sich an einem Wendepunkt ihres Lebens für das Schreiben und gegen die Schwangerschaft und damit gegen ihre Tochter Stella, die heute 14 Jahre alt wäre. Ihre eigene Kindheit war geprägt von den Erfahrungen Mitglied einer radikalen Glaubensgemeinschaft zu sein, den Zeugen Jehovas. Als Jugendliche schaffte sie schließlich den Ausstieg, gegen den ausdrücklichen Willen ihrer Mutter.

(Kleine Erläuterung zu den Zeugen Jehovas - könnt Ihr überspringen, wenn Ihr mit deren Glaubenslehre vertraut seid:
„Zwei Besonderheiten kennzeichnen die Lehre der Zeugen Jehovas. Erstens: Sie glauben, dass ihr Gott irgendwann sehr bald (wann genau, weiß man nicht, aber man ist jederzeit bereit dazu) in das menschliche Treiben auf Erden eingreifen und alle Menschen außer die gläubigen Zeugen Jehovas vernichten wird. Für die Geretteten errichtet er anschließend ein Paradies auf Erden, in dem sie ewig leben können. Zweitens teilen die Zeugen Jehovas Menschen weltanschaulich in zwei Räume ein. Sie selbst leben ‚In der Wahrheit‘, während der Rest der Menschheit vom Bösen beherrscht wird und ‚in der Welt‘ lebt. Die beiden Welten sind klar voneinander getrennt, aber es gibt eine Art Grenzverkehr, Korridore, denn bei den Zeugen Jehovas gilt es, so viele Weltmenschen wie möglich auf die andere Seite, also in die Wahrheit zu holen, ohne sich selbst von der Welt ‚anstecken‘ zu lassen.“)

Stefanie de Velasco war also Zeit ihres Lebens schon mit einer Art Weltuntergangsszenario konfrontiert, mit dem wir uns verschwörungstheoretisch erst mit Beginn der Pandemie auseinandersetzen mussten. Anhaltende Zweifel ließen sie das System hinterfragen:

„Was, wenn Jehova mich nicht für gut genug befand, ins Paradies zu kommen? Denn ich war nicht gut. Ich log, ich lästerte und masturbierte.“

Durch das Schreiben schuf sie gedanklichen Abstand zu den Zeugen Jehovas und fand somit Schritt für Schritt raus.

„Ich glaube, die Worte, Sätze, vollen Seiten meines goldenen Tagebuchs mit den Snoopystickern legten sich um mich wie eine Rüstung, die ich mir schmiedete - mit Kettenhemd, Schild und einem Schwert, mit dem ich mir einen eigenen Weg freischlagen konnte.“

Sie setzt sich mit ihrem essayistischen Text mit der Klimakrise auseinander, richtet berührende Worte an Stella, die verdeutlichen sollen, dass die Welt in der wir leben, kein guter Ort für sie wäre und bestätigt ihre Entscheidung gegen ihr Leben. Es tat weh, solch klaren Worte zu lesen - ich habe damit keine Erfahrung, aber hätte vermutet, dass mich zeitlebens Zweifel an der Entscheidung für die Abtreibung umtreiben würden. Aber ich kann die Gedankengänge der Autorin auch auf einer rationalen Ebene nachvollziehen, auf der Gefühlsebene fällt es mir doch schwer, sie zu verstehen. (Das soll keinesfalls Kritik an ihrer Entscheidung sein, das ist eine ganz individuelle Entscheidung, die nur eine Frau für sich selbst treffen kann und nicht von außen bewertet werden sollte). Ich möchte Euch lediglich meine persönlichen Gedanken und Gefühle dazu beim Lesen dieses Textes mitteilen. De Velasco möchte mit der gewonnenen Zeit, die sie nicht für das Aufziehen eines Kindes, von Stella, aufbringt, etwas sinnvolles anfangen, das ist zum einen das Schreiben, aber sie streikte auch von November 2019 bis Februar 2020 vor der Akademie der Künste in Berlin für eine gerechtere Klimapolitik und entspannte daraus den Plan, aus Schrott ein Wohnfahrrad zu bauen und damit durch Deutschland zu fahren, den sie in die Tat umsetzte.

„Die Abtreibung hinterließ eine produktive Lücke, in der ich mich fragte, was meinem Leben Sinn geben könnte, wenn es nicht die Religion oder eine Familie sein sollte. Die Lücke wurde zu meinem Glück (das Wort Glück kommt von Lücke, wusstest du das?)“

Ich weiß nicht, ob mich der Text inspiriert hat, radikal hoffnungsvoll in die Zukunft zu blicken, aber er hat mich zum Nachdenken über unser aktuelles Weltgeschehen angeregt. Auf jeden Fall habe ich mir jetzt mal „Das Gras auf unserer Seite“ von der Autorin auf die Leseliste gesetzt, da ich gerne mehr von Stefanie de Velasco lesen möchte.

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