Profilbild von Literatursprechstunde

Literatursprechstunde

aktives Lesejury-Mitglied
offline

Literatursprechstunde ist Mitglied der Lesejury

Melde dich in der Lesejury an, um dich mit Literatursprechstunde über deine Lieblingsbücher auszutauschen.

Anmelden

Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 07.02.2025

Suizid-Hinterbliebene aufgepasst! Dieses Buch ist für Euch!

Von dem, der bleibt
0

Der Italiener Matteo Bianchi erzählt in seinem autobiografischen Roman „Von dem, der bleibt“ vom Suizid seines Ex-Partners, der sich in der gemeinsamen Wohnung erhängte, obwohl die beiden zu dem Zeitpunkt ...

Der Italiener Matteo Bianchi erzählt in seinem autobiografischen Roman „Von dem, der bleibt“ vom Suizid seines Ex-Partners, der sich in der gemeinsamen Wohnung erhängte, obwohl die beiden zu dem Zeitpunkt schon getrennt waren.
Aber es geht weniger um den Täter selbst, als vielmehr um die Hinterbliebenen, die zurückbleiben mit all dem Schmerz und den vielen Fragen, die solch eine Tat aufwirft.

Warum scheidet ein Mensch selbstbestimmt aus dem Leben?!
Vor zwanzig Jahren stand Bianchi mit dieser Frage so ziemlich alleine dar, denn der Mann, der einst Frau und Kind für Bianchi verließ, hat sich durch seinen Freitod dafür entschieden, Bianchi mit dieser Frage im Ungewissen zu lassen. Ein Telefongespräch zwischen den beiden entpuppt sich als Abschied für immer: „Wenn du wiederkommst, bin ich schon nicht mehr da“. Bianchi versteht diesen Satz als lapidare Information, ein folgenschweres Missverständnis, dass ihn noch lange beschäftigen wird.

Noch immer gilt Suizid als Tabuthema, deswegen mangelt es auch an Hilfsangeboten, vor allem für Hinterbliebene. Als Medizinerin und nach langjähriger Tätigkeit im Rettungsdienst könnte ich fast selbst ein Buch über dieses Thema schreiben. Fast immer erwischt es die Angehörigen kalt und sie haben so gar nicht mit dem plötzlichen freigewählten Tod des geliebten Menschen gerechnet. Es ist für alle Beteiligten stets eine Ausnahmesituation, denn sowas wird auch nach Jahren und zahlreichen (unterschiedlichsten!) Suiziden nicht zur Routine. Es ist für mich das erste Buch, das literarisch die Hinterbliebenen in den Vordergrund stellt und nicht den Suizidanten und wie ich finde, eine großartige Idee des Autoren Matteo Bianchi.

Ein wahrer Albtraum entfaltet sich 1998 für Bianchi mit dem Suizid seines Expartners „A.“. Wie groß muss die Verzweiflung eines Menschen sein, wenn er als einzige Lösung seiner Probleme den Freitod sieht?!

Nach sieben Jahren Beziehung trennte sich Bianchi drei Monate zuvor von A. - hätte er es auch getan, wenn er sich nicht getrennt hätte?! Schuldvorwürfe plagen ihn und er denkt darüber nach, ob nicht ein Suizid auch für ihn eine Lösung wäre:

"Wenn dir eine solche Tragödie widerfährt, dann willst du nur noch Schluss machen. Dich von allen und allem entfernen, der Qual auf einen Schlag ein Ende setzen. Und genau das ist das Einzige, was du nicht tun kannst."

Zwanzig Jahre bastelte er an „Von dem, der bleibt“ und 2024 kommt es endlich zur Veröffentlichung des Buches. Bianchi möchte damit vor allem zu einer Enttabuisierung des Suizids beitragen und auf den Mangel an Hilfs- und Präventionsangeboten aufmerksam machen, denn lange wusste er selbst nicht, wohin mit sich und fühlte sich schrecklich einsam und ausgegrenzt als Hinterbliebener eines Suizid-Toten.
Viele Streifzüge durch Psychiatrien und einige Therapien später hat Bianchi Leidensgenossen in einer Selbsthilfegruppe gefunden, die in der Lage waren, seinen Schmerz zu lindern.
Er rechnet uns vor, dass statistisch gesehen, alle 40 Sekunden ein Mensch Suizid begeht (weltweit) - wie erschreckend, oder?!

Absolut selbstkritisch hinterfragt er seinen Opferstatus und möchte vor allem eins nicht : eine weitere Moraldebatte anzetteln!
Zur Überwindung seines Traumas und der damit verbundenen Schuldgefühle sieht Bianchi ein Zusammenspiel aus Hilfeannahme und Eigeninitiative von Nöten:

"Ist es möglich, einfach zu sagen: genug gelitten, jetzt fange ich wieder an zu leben? Bei mir war es so. Als würde man einen Schalter umlegen. Ich habe auf 'Ein' geschaltet, und die Lichter gingen wieder an."

War es nun ein Rückblick auf sein Leben oder vielmehr ein Tagebuch, ein Gedankenprotokoll oder eher ein journalistischer Recherchebericht, den Matteo Bianchi hier mit „Von dem, der bleibt“ verfasst hat?!
Ich würde sagen, es war ein äußerst gelungener Mix aus diesen Dingen und ich bin dem Autoren dankbar, dass er sich die Zeit genommen hat (20 Jahre!) sich so intensiv mit seinen Erfahrungen als Suizid-Hinterbliebener auseinanderzusetzen. Denn ich denke, es gibt sicherlich viele Leser*innen, die dieses Buch brauchen und die es hoffentlich zur richtigen Zeit finden. Ich hoffe, ich habe durch meine ausführliche Rezension meinen Anteil dazu beigetragen, auf das Buch aufmerksam zu machen und wünsche mir, dass es den Weg in die richtigen Hände findet!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.02.2025

Unsere Körper sind politisch - erfahrt in Olivia Laings Buch, warum!

Everybody
0

Warum ist unser Körper politisch?! Dieser Frage geht Olivia Laing in ihrem Buch „Everybody“ nach. Sie führt dabei eine tiefgreifende Analyse der politischen (und sozialen) Dimension unserer Körper durch. ...

Warum ist unser Körper politisch?! Dieser Frage geht Olivia Laing in ihrem Buch „Everybody“ nach. Sie führt dabei eine tiefgreifende Analyse der politischen (und sozialen) Dimension unserer Körper durch.
Sie zeigt uns die Ambivalenzen in allen ihren Nuancen, die zwischen Unterdrückung und Freiheit stecken und ordnet sie in historische Zusammenhänge, nimmt Bezug auf die Relevanz von Identität und erläutert die Rolle, die Aktivismus dabei spielt.

Besonders die Auswahl der Persönlichkeiten, über die Olivia Laing spricht, hat mich fasziniert.
So erfahren wir beispielsweise, dass die Essayistin Susan Sontag, die vornehmlich als Intellektuelle wahrgenommen wurde, auch sehr unter ihrer Krebserkrankung und den damit verbundenen Folgen für ihren Körper, litt. Oft nehmen wir Werke von Autorinnen mehr auf einer körperlosen Ebene wahr - aber die Gedanken über ein Werk wandeln sich enorm, wenn man den Körper als Aspekt hinzuzieht, es gibt ihm mehr Tiefe. Mein wichtigstes Learning aus „Everybody“: Die Berücksichtigung, aus welchem Körper ein Mensch spricht und schreibt, ist enorm wichtig! Düstere, schmerzvolle Bücher sieht man in einem anderen Licht, wenn man weiß, dass der/die Schreibende in einem Körper lebt, der dem Tod gegenübersteht.

Laing denkt auch - ausgehend von Wilhelm Reich - darüber nach, wie der politische Aktivist Malcolm X zu seinem Körper stand, über Nina Simone oder den Psychiater Sigmund Freud. Sie verwebt dabei eigene Protesterfahrungen mit diesen inspirierenden historischen Persönlichkeiten und zeigt uns deren Einflüsse auf die Gesellschaft auf. Jede einzelne dieser Figuren hat einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der politischen Dimension unserer Körper beigetragen. So war Malcolm X in doppeltem Sinne eingesperrt, im Gefängnis und in seinem Körper. Laing macht das Gefängnis in ihrem Buch zu einer Metapher - wir können unseren Körper nur durch das Sterben und den Tod verlassen. Im eigenen Körper zu leben, fühlt sich für viele Menschen an, wie eingesperrt sein, was muss das nur für eine unerträgliche Erfahrung sein?! Warum also kollidieren gesellschaftliche Normen und individuelle Freiheit immer wieder miteinander?! Laing hat
Antworten!

Bezüglich der Identitätspolitik plädiert Laing auf Solidarität und Kommunikation, es sei wichtig über Unterschiede miteinander sprechen zu können. Sie denkt über Gemeinschaftlichkeit mit Fremden nach, sieht alles im Wandel und spricht sich gegen Stammeszugehörigkeiten aus.

Die sozialen Medien sieht sie kritisch, da Menschen dort präsent sind, aber doch verborgen bleiben.
„Meine Gefühle den sozialen Medien gegenüber haben sich sehr verändert in den vergangenen zehn Jahren. Als ich „The Lonely City“ geschrieben habe, dachte ich noch, das seien positive Orte, in denen man in Kontakt treten kann. Jetzt denke ich, ein Grund, warum sie so gefährlich sind, ist, dass sie körperlos sind, dass sie keine Körper einbeziehen. Wie Sie sagen, präsentieren sie perfekte Versionen von Körpern. Und Menschen sprechen dort miteinander, wie sie es nie täten, wenn sie zwei Körper in einem Raum wären – wegen des sozialen Umfelds und der Vorsicht, die herrscht, wenn wir mit einem anderen Menschen zusammen sind. Wir sehen ein Gesicht und wir sehen, welche Wirkung unsere Worte auf dieses Gesicht haben. Ich bin also skeptischer, als ich es war, was die sozialen Medien betrifft. Sie fördern das Verlangen nach diesen unerreichbaren Körpern, besonders bei jungen Leuten seit der Pandemie, als sie so viel Zeit vor dem Computer verbracht haben. Sie wollen eine unangreifbare, perfekte Hülle. Gleichzeitig sind diese jungen Leute voller Zorn, Angst und Verzweiflung. Das wollen sie nicht zeigen, so ziehen sie Masken an, um ihre Gefühle verbergen zu können.“

Für wen ist „Everbody“ von Olivia Laing die passende Lektüre?!
Ich würde sagen, für alle Leser
innen, die sich für die Zusammenhänge von Gesellschaft, Körperpolitik und Geschichte interessieren. Schonungslos ehrlich animiert sie dabei, über unsere eigene Lebensrealität nachzudenken und diese zu hinterfragen. Sie berichtet vom langen Kampf um körperliche Freiheit und dessen Meilensteine, wie sexuelle Befreiung, dem Foranschreiten des Feminismus, LGBTQ-Bewegungen, dem Civil Rights Movement und so vielem mehr.
Mir hat „Everybody - warum unser Körper politisch ist“ in vielerlei Hinsicht die Augen geöffnet und ich könnte nicht dankbarer sein für die Lektüre. Absolute Leseempfehlung!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 07.02.2025

Ein Generationenroman rund um die literarische Aufarbeitung des Thema „Schweigen“ - großartig!

Portrait meiner Mutter mit Geistern
0

Rabea Edel springt durch Zeit und Raum in ihrem neuen Roman „Porträt meiner Mutter mit Geistern“. Die Protagonistinnen sind fünf Generationen von Frauen, die auch gleichzeitig das Zentrum des Romans bilden. ...

Rabea Edel springt durch Zeit und Raum in ihrem neuen Roman „Porträt meiner Mutter mit Geistern“. Die Protagonistinnen sind fünf Generationen von Frauen, die auch gleichzeitig das Zentrum des Romans bilden. Die Ich-Erzählerin Raisa berichtet von ihren Vorfahrinnen, die alle eine Gemeinsamkeit haben: sie sind vaterlos. Raisa aber möchte mehr wissen, wer ist eigentlich ihr Vater? Was ist passiert?

Ganz vorne (und auch nochmal am Ende) gibt es einen Stammbaum der Familie, für den ich mehr als dankbar war, denn immer wieder habe ich nachgeschaut, um mich zu orientieren, wer denn nun eigentlich gerade wie, wann und wo erzählt. Das Buch ist strukturell anspruchsvoll, aber es lohnt sich, sich an der einen oder anderen Stelle durchzukämpfen, was Personen, Verknüpfungen usw. angeht (schaut bitte während der Lektüre immer wieder in den Stammbaum, das hat mir enorm geholfen!).
Das Buch beginnt in den 1990er Jahren, dann geht es zurück in die 1950er, springt anschließend ins Jahr 2014, später auch in die 1920er Jahre, in die Zeit des 2. Weltkriegs. Haupterzählerin Raisa befindet sich in den 1980er und 1990er Jahren, ihre Mutter Martha erzählt aus den 1950er und 1960er Jahren in der amerikanischen Enklave Bremerhaven, aber auch die Jugendstränge zu Jakob wechseln sich ab und sind miteinander verflochten. Vor allem die Töchter haben in diesem Buch eine schwierige Position, denn sie sind dem eisernen Schweigen ihrer Mütter ausgesetzt, bezüglich der Väter behalten sie alle Informationen lieber für sich, sei es die Herkunft, die Umstände des Verschwindens und co. Übrig bleibt natürlich die Frage nach dem Warum - warum schweigen die Mütter?! Das möchte ich an dieser Stelle nicht vorwegnehmen, denn das würde Euch den Spaß an der Lektüre vermiesen. Aber eins möchte ich Euch verraten: Die Enthüllungen haben es in sich!

Der Haupthandlungsort ist Bremerhaven (auch gleichzeitig die Heimat der Autorin Rabea Edel), was für mich ein typisches Meeresnähe-Flair versprüht hat. Der Ozean und der Hafen sind präsent, welcher ja quasi sinnbildlich das Tor zur Welt darstellt (ich bin ein Fan dieses Bildes und der damit verbundenen Atmosphäre). Ein Teil des Romans spielt auch in New York und einer der Väter fährt zur See. Das Buch spielt zu großen Teilen in den 1950er und 1960er Jahren, als Bremerhaven eine amerikanische Enklave war und die GIs dort stationiert waren, die der ganzen Stadt eine Atmosphäre von Aufbruch und neuen Optionen verliehen haben, was auch für Martha die Möglichkeit schuf, aus der Familie herauszukommen und eine komplett neue Welt kennenzulernen. Das Gegenbild waren die 1920er und 1930er, in denen sich Bremerhaven als erste Stadt als judenfrei deklariert hat - für mich eine neue Information und eine Tatsache, über die ich zum ersten Mal in Rabea Edels Buch gelesen habe.

Das Schweigen ist das zentrale Thema in „Porträt meiner Mutter mit Geistern“. In ganz vielen Generationen und Familien gibt es Themen oder Umstände, über die geschwiegen wird - vielleicht kennt Ihr es sogar aus der eigenen Familie?! Es kann oder wird über Dinge nicht gesprochen aus unterschiedlichsten biografischen oder historischen Gründen und Rabea Edel macht klar, wie wichtig es ist, dieses Schweigen aufzubrechen. Indem sie ihre Figur Martha weniger schweigen lässt, lässt sie die Geschichte zu einer Geschichte der Heilung und Selbstermächtigung werden, denn wer nicht mehr schweigt, ist in der Lage Ruhe und persönlichen Seelenfrieden zu finden.

Erlittene Traumata, Verdrängung, Verbrechen - kann Schweigen auch Schutz sein?! Verschonen die Mütter ihre Töchter vor der Wahrheit?! Nur wir Leser*innen erfahren die Wahrheit und ich konnte nach Beenden des Buches ehrlicherweise das Schweigen der Mütter nachvollziehen, denn es (=die Enthüllungen) ist schon harter Tobak - wie sollen die Töchter das bloß verkraften?! Mir hat Rabea Edel bewusst gemacht, dass Schweigen nicht immer nur etwas Negatives sein muss, es kann auch genau das Richtige für eine Situation, für einen Menschen sein. Eine Erkenntnis, für die ich sehr dankbar bin, denn in der Form der Aufarbeitung habe ich das Thema Schweigen noch nicht gelesen. Man kann (und sollte) nicht an allen Gegebenheiten rühren, manchmal steht das Schutzbedürfnis im Vordergrund oder der Schmerz, den das Durchbrechen des Schweigens auslösen würde, ist einfach zu groß. Danke Rabea Edel für die Sensibilisierung für das Thema Schweigen, ich habe aus dem Buch viel für mich selbst mitnehmen können - großartig, wenn Literatur dazu in der Lage ist, das ist einer der Gründe, warum ich das Lesen so sehr liebe!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.02.2025

Gelungenes Debüt - ein kosmopolitischer Familienroman!

Shanghai Story
0

Sie sind Töchter, sie sind Kosmopolitinnen und sie reisen für ihr Leben gern: Kiko, Yoko und Yumi Yang. Sie tingeln durch die ganze Welt, switchen dabei spielend leicht zwischen verschiedenen Sprachen. ...

Sie sind Töchter, sie sind Kosmopolitinnen und sie reisen für ihr Leben gern: Kiko, Yoko und Yumi Yang. Sie tingeln durch die ganze Welt, switchen dabei spielend leicht zwischen verschiedenen Sprachen. Wir folgen ihnen durch die Berg-und-Tal-Bahn des Lebens, es geht auf und ab, Glück und Unglück liegen meist nicht weit entfernt, macht uns die Autorin Juli Min bewusst mit „Shanghai Story“. Doch der eigentliche Clou des Buches ist seine Erzählweise, denn sie erfolgt: Rückwärts!

Aber bevor wir zu der eigentlichen Geschichte kommen, möchte ich Euch noch etwas über den Werdegang der Autorin Juli Min erzählen, denn dieser hat mich besonders beeindruckt. Sie wurde in Seoul in Südkorea geboren, ist in den USA in New Jersey aufgewachsen, hat in Harvard studiert, war Mitgründerin der Shanghai Literary Review (eine unabhängige Literaturzeitschrift) und lebt nun in Shanghai in China. Dort spielt auch ihr Debüt Roman „Shanghai Story“. Ein internationales Flair versprüht das Buch vor allem durch seine Protagonisten. Leo Yang, ein wohlhabender Immobilien-Investor bringt seine Ehefrau und seinen ältesten zwei Töchter in Shanghai zum Flughafen. Sie gehen in Boston zur Schule bzw. aufs College und seine Frau fliegt weiter nach Paris im Jahre 2040. Sie bewegen sich nicht nur mühelos zwischen den Orten, sondern auch zwischen den Sprachen und wechseln mal eben von Chinesisch, Französisch oder Englisch zu Japanisch. Mit fortschreitenden Kapiteln erfahren wir mehr über die Familie und ihren Beziehungen untereinander. Sehr sorgsam strukturiert erzählt Juli Min rückwärts, zuerst Jahr für Jahr - dann werden die Sprünge größer - und wir erfahren immer mehr Details bis hin zum Kennenlernen der Eltern. Vor allem die Story der jüngeren Tochter hat mich zutiefst berührt und bestürzt, denn wir lernen sie zu Mitte des Buches als unbescholtenes, smartes, mutiges Elfjähriges Mädchen mit gesundem Selbstbewusstsein kennen, wissen zu diesem Zeitpunkt aber bereits (aufgrund des Rückwärtserzählens), dass sie später Sex mit einem älteren Mann für Geld haben und weinend in einem Bett liegen wird. Das hat mich sehr traurig gestimmt.

Aber warum heißt denn das Buch nun eigentlich „Shanghai Story“?
So ganz klar ist mir das auch nicht, denn für mich ist es mehr Familienroman, als eine Geschichte über die Stadt Shanghai und lediglich der Schauplatz zu Beginn des Buches und der Ort mit dem der Vater Leo sehr verbunden ist, da es sein Herkunftsort ist. Ansonsten würde ich sagen, ist es für die Familie eine Stadt unter vielen in der Welt, in denen sie verkehren, die Yangs sind der Inbegriff von Weltbürgertum.

Asiatische Literatur hat bei mir ja meist von vornherein einen Pluspunkt - bin einfach ein Fan! Was mich aber an „Shanghai Story“ vor allem überzeugt hat, ist die Leichtigkeit mit der Juli Min schreibt, die auch den Lebensstil der Familie widerspiegelt. Alle Familienmitglieder sind Getriebene, sie sind auf der Suche nach etwas im Leben, dabei oft orientierungslos. Dadurch, dass die Geschichte so locker und leicht erzählt wird, fehlte es mir an mancher Stelle etwas an Tiefe bezüglich der Figurenzeichnung. Aber da es Juli Mins‘ Debütroman ist, will ich da mal nicht so streng sein und wünsche mir an dieser Stelle einen Teil 2 des Buches, der die Geschichte der Familie Yang und damit der Figuren weiterentwickelt und uns tiefer in deren Leben und Psyche eindringen lässt. Ein gelungener Anfang - danke Juli Min, ich bin gespannt, wie es weitergeht!

  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere
Veröffentlicht am 03.02.2025

Die Abgründe einer Mutter-Tochter-Beziehung im Tokioter Rotlichtmilieu!

Die Gabe
0

Die japanische Soziologin und Kolumnistin Suzumi Suzuki hat mit „Die Gabe“ eine Geschichte rund um das tokioter Rotlichtmilieu und eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung verfasst. Die Mutter ist sterbenskrank ...

Die japanische Soziologin und Kolumnistin Suzumi Suzuki hat mit „Die Gabe“ eine Geschichte rund um das tokioter Rotlichtmilieu und eine schwierige Mutter-Tochter-Beziehung verfasst. Die Mutter ist sterbenskrank und hat die selbstauferlegte Mission, ihr Gedicht „In Freiheit“ zu Ende zu schreiben. Wird sie es schaffen, oder ist der Tod schneller?!

Die namenlose Protagonistin begleitet den Sterbeprozess ihrer Mutter. Dabei fühlt sich von selbiger schon ihr ganzes Leben lang vereinnahmt: „Meine Mutter hat nie geheiratet. Auch nachdem ich die Hülle ihres Körpers verlassen hatte, bis ich selbst etwas zu essen greifen konnte wenigstens, hatte ich mit Haut und Haaren ihr gehört.“
Sie hadert mit ihrer Selbstbestimmung, fühlt sich von ihrer Vergangenheit verfolgt.

Um der Situation zu entfliehen und sich zu betäuben greift sie vermehrt zu Alkohol und anderen Suchtmitteln: „Die eine Hälfte des Tages verbringe ich in dunkler, die andere in schwindender Erinnerung. Hin und wieder treten unwahre Erinnerungen, Wahnvorstellungen oder Halluzinationen in den Vordergrund, aber das, von dem ich wünschte, es wäre Wahn, ist leider immer wahr, damit habe ich mich schon abgefunden.“

Eine gute Freundin hat sie in der Vergangenheit schon öfters kontaktiert und über ihren Suizid philosophiert, bzw. ihn angedroht - auch heute ist das wieder der Fall, doch warum sollte sie es gerade heute in die Tat umsetzen, wenn es vorher doch eher nur ein Heisch nach Aufmerksamkeit war?!
„Sie hatte so oft von Selbstmord gesprochen, dass wir das im Freundeskreis nur noch als Synonym für >>ich habe schlechte Laune <<, >>mir ist was trauriges passiert<< oder >>ich will dich sehen<< verbucht hatten.“
Und genau an diesem Tag meint sie es ernst und bringt sich um. Was löst das nun in unserer Protagonistin aus?! Selbstvorwürfe und -zweifel, Wut, Ohnmacht gegenüber der Situation - es lässt sich nicht ungeschehen machen, die Zeit verläuft nur nach vorne.

Ihre Mutter ist derweil aufgrund ihres gesundheitlichen Zustandes ins Krankenhaus übergesiedelt. Sie denkt nun über ihr Verhältnis mit ihr zu Zeiten ihrer Kindheit nach. Sie war selbst eine Sxarbeiterin, aber versuchte dies stets zu verheimlichen vor ihrer Tochter. Als Alleinerziehende struggelte sie mit den Finanzen, schaffte es aber immer über die Runden zu kommen mit erspartem Trinkgeld, dass sie durch Gesang hinzuverdiente, gab Kurse und veröffentlichte einige Gedichtbände.
Ihre Mutter war keine, die oft schimpfte, doch eines Tages kam sie nach Hause, wurde von ihrer Mutter am Arm festgehalten und sie drückte ihre Zigarette an ihr aus, ihr T-Shirt fing dabei Feuer, was die Mutter mit ihrer Tasse Kaffee löschte. Was macht so eine Tat mit einer Tochter?! Brandwunden und eine wulstige Narbe bleiben ihr als Erinnerung, die sie später mit Tattoos zu überdecken versuchte, doch noch heute denkt sie oft an diesen Tag zurück:
„Da war ich zwanzig, hatte aber immer noch Angst, an der besonders wulstigen Stelle am Oberarm berührt zu werden. In meiner Erinnerung macht meine Mutter in dem Moment, in dem sie ihre Zigarette an mir ausdrückt, ein irgendwie verzweifeltes, weltvergessenes, getriebenes Gesicht. Es war keine Wut, das spürte ich. Sie war nicht wütend, sondern irgendwie ohnmächtig. An diesen Gesichtsausdruck meiner Mutter dachte ich manchmal, wenn ich in der Bar saß und auf Kundschaft wartete.“

Auch mit Klassismus werden wir in „Die Gabe“ konfrontiert. Die Protagonistin fühlt sich nicht zugehörig zur Gesellschaft, hadert mit ihrer Rolle als S
xarbeiterin:
„Es gibt wertvolle und weniger wertvolle Menschen auf der Welt, und wir gehörten zu jenen, die man gemeinhin wohl als weniger wertvoll bezeichnet, jede einzelne von uns.“

Klar und präzise, fast schon sachlich erzählt Suzumi Suzuki eine Geschichte über Prostitution in Japan, weibliche Selbstbestimmung, Suizid, häusliche Gewalt, Klassismus, finanzielle Abhängigkeit und die Abgründe einer Muttter-Tochter-Beziehung.
Wichtige Themen, die man nochmal in einem anderen Licht sieht, wenn man weiß, dass die Autorin früher selbst im Rotlichtmilieu als Sxarbeiterin tätig war.
Ich hätte mir eine zweite Perspektive gewünscht und zwar die, der Mutter und damit auch eine Umfangserhöhung des Buches.
„Die Gabe“ ist definitiv keine Wohlfühlgeschichte, aber sie behandelt Themen, die Aufmerksamkeit verdient haben.
Mich hat die Geschichte mit einem diffusen Gefühl zurückgelassen, dennoch bin ich dankbar ein weiteres Werk der japanischen Literatur zu meinen Leseerfahrungen zählen zu können. Denn die asiatische und besonders die japanische Literatur hat einen ganz besonderen Platz in meinem Bücherherz!
Triggerwarnung: Bitte überlegt Euch, ob Ihr gerade die psychischen Kapazitäten für diese Art Geschichte habt! (Themen wie zuvor angesprochen Suizid, S
xarbeit, Drogen, Sucht, häusliche Gewalt)


  • Einzelne Kategorien
  • Cover
  • Erzählstil
  • Handlung
  • Charaktere