"Berchtesgaden" von Carolin Otto - Perspektivenreich, doch oberflächlich
BerchtesgadenWorum geht's?
Berchtesgaden, in den letzten Kriegstagen 1945. Sophie und Magda, zwei junge Frauen, setzen sich jede auf ihre eigene Weise mit der Tatsache auseinander, dass der Krieg vorbei ist und ungewisse ...
Worum geht's?
Berchtesgaden, in den letzten Kriegstagen 1945. Sophie und Magda, zwei junge Frauen, setzen sich jede auf ihre eigene Weise mit der Tatsache auseinander, dass der Krieg vorbei ist und ungewisse Zeiten anbrechen. Während Sophie sich als Sekretärin beim Military Government bewirbt und dort mit den Verbrechen des NS-Staats konfrontiert wird, hat Magda nur Sophies Bruder Max, einen überzeugten SS-Mann, der sich in den Bergen versteckt und in den Magda seit langem (unerwidert) verliebt ist, im Sinn.
Zur Truppe in Berchtesgaden gehört auch Frank Rosenzweig, aufgewachsen in München, in den 30er Jahren in die USA emigriert und nun US-Militärangehöriger mit der Verfolgung und dem Verhören von Nazi-Funktionären beauftragt. Ihn begleitet unter anderem Meg Taylor, Pressefotografin, sowie Sam Cork, Sergeant, den eine beginnende Liebesgeschichte mit Sophie verbindet.
Außerdem werden die Perspektiven von Kriegsheimkehrern geschildert, deren Erfahrungen an der Front, in der Haft und im KZ. Sie alle versuchen nun, sich ein neues Leben aufzubauen.
Mein Leseeindruck
Alles in allem handelt es sich bei "Berchtesgaden" um ein interessantes Buch, das keine Angst vor den wirklich harten Aspekten dieser Zeit hat und die Gesamterzählung dadurch sehr realitätsnah wirken lässt. Durch das Episodenhafte der Kapitel fehlt jedoch ein roter Faden, es ist eher ein gleichberechtigtes Nebeneinander verschiedener Erzählstränge, die unterschiedliche Aspekte auf das Jahr 1945 in Berchtesgaden beleuchten. Das ermöglicht einen interessanten multiperspektivischen Blick auf die Zeit; wobei die Vielzahl der Themen, die Otto in dem Roman verarbeitet, dazu führt, dass diese nur angerissen werden, was mich stellenweise den nötigen Tiefgang vermissen lässt. Hinzu kommt, dass mich die vielen Charaktere gerade in den ersten Kapiteln ein wenig überfordert haben. Das wurde im Verlauf des Buches, als sich die Erzählungen kreuzten, besser; eine echte Bindung zu einzelnen Figuren konnte ich jedoch nicht aufbauen. Das ist um so bedauerlicher, da die Figuren interessante und größtenteils tragische Hintergründe haben, die zwar geschildert werden, aber keine Auswirkungen auf die erzählte Jetzt-Zeit haben:
Meg erfuhr als Kind traumatische physische und psychische Gewalt. Jetzt ist sie eine starke selbstbewusste Frau, die ihren eigenen Weg geht.
Frank emigrierte in den 30ern mit seiner Familie aus Deutschland in die USA und kehrt nun in die Heimat zurück, erinnert sich dort aber vor allem nostalgisch an seine Jugendliebe und Brez'n.
Die Erfahrungen von Rudolph Kriss und Pina Thanner nehmen deutlicheren Einfluss auf ihre Handlungen und ihren Blick in die (neue) Welt, die Erzählung bleibt aber auch hier leider an der Oberfläche.
Mein Fazit
Insgesamt fand ich das Thema des Romans sehr interessant. Auch der Ansatz, aus verschiedenen Perspektiven zu erzählen, hat mir grundsätzlich gut gefallen und passte zum zeitlichen Kontext, in dem ja verschiedene Wertvorstellungen, Weltsichten und Erfahrungen aufeinander getroffen sind. Meiner Meinung nach stellt der Roman einen guten Ansatzpunkt dar, um sich der spannenden "Stunde Null" überblicksartig zu nähern. Wer eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit diesem Kapitel deutscher Geschichte sucht, wird hier jedoch leider nicht fündig.