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Meinungen aus der Lesejury

Veröffentlicht am 21.07.2025

Besitzergreifende narzisstische Einflussfaktoren

Schattengrünes Tal
1

Lisa ist die Tochter des Besitzers eines in die Jahre gekommenen Familienhotels, idyllisch gelegen im schattengrünen Tal des Schwarzwaldes, das mehr oder weniger von seinen Stammgästen lebt. Mit ihrer ...

Lisa ist die Tochter des Besitzers eines in die Jahre gekommenen Familienhotels, idyllisch gelegen im schattengrünen Tal des Schwarzwaldes, das mehr oder weniger von seinen Stammgästen lebt. Mit ihrer äußerst auffälligen Fürsorge für Menschen steht sie sich oft selbst im Weg und lässt Simon, ihren Mann, in den Hintergrund geschoben zurück. Darunter leidet die Ehe. Während Simon seine Leidenschaft für die Natur zum Beruf gemacht hat, scheitert Lisa immer wieder an der sturen und selbstgefälligen Art ihres Vaters, mehr Verantwortung im Familienbetrieb zu übernehmen.
Als eines Tages eine Frau trotz widriger Umstände, die Heizung ist ausgefallen und es herrschen eisige Temperaturen im Haus, unbedingt in ihrem angemieteten Zimmer bleiben will, gerät Lisa durch das Verhalten dieser Fremden zusehends tiefer in Bedrängnis. Die Geschehnisse spitzen sich dramatisch zu und entwickeln sich zu einem handfesten Konflikt, durch besitzergreifende narzisstische Einflussfaktoren.
Kristina Hauff erschafft in ihrem Roman ‘Schattengrünes Tal‘ lebensnahe Charaktere, die aus abwechselnden Erzählperspektiven beschrieben werden, die ihre Gedanken und Gefühle realistisch offenlegen und damit eine Atmosphäre der Vertrautheit schaffen, mich tief in das spannende, aufreibende Geschehen hineingezogen haben. Klug baut sie Schritt für Schritt ein bemerkenswertes Spannungspotenzial auf, welches schmerzliche Momente aufweist, die zeigen wie schwierig es ist, mit Vertrauensverlusten umzugehen, es aber auch immer wieder Chancen im Leben gibt, die positiv genutzt werden wollen.
Wer sich gern mit menschlichen Herausforderungen auseinandersetzt, sich diesen stellt, wird in diesem Roman auf seine Kosten kommen.

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Veröffentlicht am 17.07.2025

Traumata von Generationen und indigenen Völkern

Auē
0

Becky Manawatu erzählt in ‚‘Aué‘ eine schmerzliche, traurige Geschichte über das Geschwisterpaar Árama und Taukiri, die ihre Eltern verloren haben und damit den Halt in ihrem Leben. Während der achtjährige ...

Becky Manawatu erzählt in ‚‘Aué‘ eine schmerzliche, traurige Geschichte über das Geschwisterpaar Árama und Taukiri, die ihre Eltern verloren haben und damit den Halt in ihrem Leben. Während der achtjährige Ámara bei seiner Tante und dem gewalttätigen Onkel auf einer abgelegenen Farm in Neuseeland unterkommt, sucht Taukiri mit seinen siebzehn Jahren sein Seelenheil durch Flucht vor der Heimat. Er reist quer durchs Land ohne feste Arbeit und macht auch vor dem kriminellen Drogenmissbrauch keinen Halt. Ámara findet in Beth, der Nachbarstochter, eine Freundin.
Die Geschichte wird nicht linear erzählt. Man taucht immer wieder in verschiedene Zeitebenen und Erzählperspektiven ein, sodass man erst nach und nach ein Verständnis für die familiären Zusammenhänge bekommt, für die Suche nach den Wurzeln und schließlich auch das schwere Leid der Maori, der Ureinwohner Neuseeland, verstehen lernt.
Der Buchtitel, der ein Synonym für wehklagen, weinen ist, weist auf den Schwerpunkt dieses außergewöhnlichen Romans. Er liest sich nicht flott dahin, sondern verlangt nach Aufmerksamkeit, verleitet zum Nachdenken, schenkt großen Lesegenuss durch seinen einzigartigen Sprachstil und Erkenntniszuwachs über das Leben von Menschen, die am anderen Ende unserer Erde wohnen.
Meine Leseempfehlung spreche ich sehr gern an dieser Stelle aus.

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Veröffentlicht am 12.07.2025

Brutal eskalierender Femizid

Lilianas unvergänglicher Sommer
0

Cristina Rivera Garza, eine erfolgreiche in den USA lebende mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, ist die sechs Jahre ältere Schwester von Liliana. Beide wachsen wohlbehütet in einem Intellektuellenhaushalt ...

Cristina Rivera Garza, eine erfolgreiche in den USA lebende mehrfach ausgezeichnete Schriftstellerin, ist die sechs Jahre ältere Schwester von Liliana. Beide wachsen wohlbehütet in einem Intellektuellenhaushalt in Toluca auf, der Hauptstadt des Bundesstaates Mexico, gelegen circa 65 Kilometer südwestlich von Mexiko-City. Im Alter von zwanzig Jahren wird Liliana Opfer eines brutal eskalierenden Femizides, eines Mordes, der einzig und allein darauf ausgerichtet ist, die patriarchalen Besitzansprüche an einer Frau, die als persönliches Eigentum betrachtet wird, geltend zu machen. Die Geschehnisse datieren sich auf das Jahr neunzehnhundertneunzig und sind bis zum heutigen Tag ungesühnt geblieben, obwohl der Verdächtige unmittelbar nach seiner Tat als der ehemalige Freund namens Ángel identifiziert wurde.
Die Autorin schildert in ihrem Roman ‘Lilianas unvergänglicher Sommer‘ mit großem Einfühlungsvermögen und sprachlicher Schönheit den Werdegang ihrer geliebten Schwester. Sie schreibt über ein lebensfrohes und lebenshungriges Mädchen, das zu einer selbstbewussten, klugen Frau heranwächst, sich in ihrem großen Freundeskreis als beliebte Gefährtin etabliert, die mutig ihren Weg geht, sich viele konstruktive Gedanken um ihr Dasein macht und bereit ist, diese positiv zur freien Entfaltung der weiblichen Persönlichkeit umzusetzen. Dabei stand die Liebe zu den Menschen im Zentrum ihres Handelns und Strebens. Unzählige Tagebucheinträge, Briefe und Aussagen von Wegbegleitern Lilianas hat die Autorin zusammengetragen, um fast dreißig Jahre nach den schrecklichen Ereignissen aufzuarbeiten, was als Schuld und menschliches Versagen bei den Hinterbliebenen und insbesondere bei ihr hängen geblieben ist. Dabei setzt sie sich besonders kritisch mit den gesellschaftlichen Verhältnissen ihres Heimatlandes Mexiko auseinander, in denen Korruption, Drogenhandel aber eben auch patriarchische Strukturen gefährliche Ausmaße zeigen.
Dieser Roman, der sicherlich Züge eines Berichtes besitzt, wird Leser begeistern, die sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen unserer menschlichen Gemeinschaft auseinandersetzen. Er zeigt auf welche Möglichkeiten zur Befreiung vom patriarchalen Zwängen es geben kann und vor allem wie wichtig es ist, Femizid zu erkennen, um brutale Eskalationen zu verhindern.

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Veröffentlicht am 11.07.2025

Schatten der Vergangenheit

Die Hummerfrauen
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Mina ist achtundzwanzig als sie nach vielen Jahren an den Ort unbeschwerter Kindertage zurückkehrt, die damals ein abruptes Ende fanden. Hier in Maine sucht sie Ruhe, um die in sich tragende Trauer zu ...

Mina ist achtundzwanzig als sie nach vielen Jahren an den Ort unbeschwerter Kindertage zurückkehrt, die damals ein abruptes Ende fanden. Hier in Maine sucht sie Ruhe, um die in sich tragende Trauer zu verarbeiten und ihrem Leben neue Perspektiven zu geben. In dem idyllischen, pittoresken Dorf Stone Harbor begegnet sie der zweiundsiebzigjährigen Ann, einer Hummerfischerin, die mit sich und ihrer Umwelt einen schroffen Umgangston pflegt. Auch Julie, die Mittfünfzigerin, übt den harten, kräftezehrenden Beruf einer Hummerfischerin aus, kämpfte sich nach einem schweren Unfall zurück in den Alltag. Beide Frauen wissen was es bedeutet, trotz schmerzlicher Verluste weiterzuleben und geben Mina die Kraft und Stärke, um den Geschehnissen jenes Sommers zu begegnen, die auch für Sams Familie einschneidende Konsequenzen hatte. Sam, der Junge, mit dem sie einst so herrlich frohgelaunte Sommertage verbrachte.
Beatrix Gerstberger zeichnet in ihrem Roman ‘Die Hummerfrauen‘ eine Geschichte, die das Leben in seinen dunklen Stunden zeigt und gleichzeitig die wundersame Energie von Freundschaft, Liebe und Zusammenhalt darstellt. Lebendig und lebensnah gestaltet sie die Charaktere ihrer Protagonisten, die sich den Herausforderungen jeden Tag aufs Neue stellen und in ihrer Gemeinschaft Halt und Geborgenheit, aber auch Liebe finden. Sie vermag es außerdem, diese wunderschöne Landschaft gekonnt in Szene zu setzen.
Die Autorin selbst hat nach einem Schicksalsschlag das raue Leben der Hummerfischer auf dem wütenden Meer vor Maine kennengelernt und weiß ganz genau wovon sie schreibt.
Ein lesenswerter Roman für entspannende, unterhaltende Sommertage.

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Veröffentlicht am 10.07.2025

Aufarbeitung historischer Gegenwart

Die Schrecken der anderen
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Martina Clavadetscher präsentiert mit ‘Die Schrecken der anderen‘ einen besonderen Roman, der durch seinen anspruchsvollen Schreibstil nach Aufmerksamkeit beim Lesen verlangt, der eine tiefe Nachdenklichkeit ...

Martina Clavadetscher präsentiert mit ‘Die Schrecken der anderen‘ einen besonderen Roman, der durch seinen anspruchsvollen Schreibstil nach Aufmerksamkeit beim Lesen verlangt, der eine tiefe Nachdenklichkeit heraufbeschwört und auffordert auch zwischen den Zeilen zu lesen. Die Autorin schreibt nüchtern, setzt das Geschehen geschickt und sprachgewandt in Szene, lässt dabei die Geschichte in zwei Handlungssträngen verlaufen, brilliert mit historischen Ereignissen, die in Bezug zur Gegenwart gesetzt werden möchten und vereint schließlich die Handlungsfelder zu einem Abschluss, der für mich ein offenes Ende beschreibt und auffordert einen Versuch zu unternehmen, aufkommende Fragen durch das aktuelle gesellschaftspolitische Weltgeschehen zu beantworten.
Präzise Darstellungen stellen menschliche Charaktereigenschaften in ihrer bedrückenden Einsamkeit, ihrer mentalen Stärke, ihrer fanatischen Sturheit in den Mittelpunkt, die schonungslos aufeinanderprallen, die ein zerfleischendes Konfliktpotenzial in sich tragen, die aber auch den Mut besitzen zerstörerisches Machtgehabe einzudämmen. Der Roman legt offen wie eine bedrohliche historische Erbschaft noch heute Machtansprüche auf die aktuelle gesellschaftliche Entwicklung erhebt.
Ein Leseerlebnis der besonderen und anspruchsvollen Art erwartet den interessierten Bücherliebhaber.

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