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Veröffentlicht am 10.05.2026

Der erste Fall für de Cavallier und Bentaleb - gelungener Auftaktband

Léon und die Frau im blauen Kleid
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Alexander Oetker präsentiert das neue Ermittlerteam an der Côte d’Azur: Commissaire Léon de Cavallier, adeliger Leiter der Brigade criminelle von Nizza, nie unterwegs ohne Ferrari und Maßanzug und Commissaire ...

Alexander Oetker präsentiert das neue Ermittlerteam an der Côte d’Azur: Commissaire Léon de Cavallier, adeliger Leiter der Brigade criminelle von Nizza, nie unterwegs ohne Ferrari und Maßanzug und Commissaire Nadia Bentaleb, zuletzt im Einsatz in der Banlieue, nie unterwegs ohne ihre Kawasaki und ihre Lederjacke.

Diese ersten Infos sind absolut treffend. Beide sind sie erfahrene Commissaire, beide sind sie durchsetzungsstark, beide leben sie für ihren Beruf, auch wenn auf den ersten Blick der Anschein nach außen hin zuweilen trügt.

Zunächst erwartet mich auf der aufklappbaren Cover-Innenseite eine Karte mit den Orten, in denen sich die Ermittlungen um den Leichenfund an der Promenade des Anglais bewegen - ein erster Pluspunkt dieses Côte d’Azur-Krimis, der neben den kriminalistischen Elementen und den gar köstlichen Dialogen der beiden Hauptakteure noch mehr zu bieten hat wie etwa die reizvolle Umgebung oder auch die Dekadenz der Reichen und Schönen mitsamt der kontrastierenden Drogenkriminalität in den sozialen Brennpunkten Nizzas.

„Frauenleiche, Anfang zwanzig. Wurde angespült. Ihre neue Kollegin ist schon vor Ort…“ Die Worte des Gendarmen haben Léon de Cavallier eiskalt erwischt. Mit einem Gefühl, das ihm Gänsehaut verursacht, sieht er eine junge Frau mit dunkelbrauner Haut - Nadia Bentaleb.

Das erste Zusammentreffen des zukünftigen Ermittlerduos fällt frostig aus, Léon gibt gleich mal den Macho, den versnobten Spross aus reicher, aus adeliger Familie. Seine neue Partnerin dagegen ist der genaue Gegensatz. Aufgewachsen in einfachen Verhältnissen in den Pariser Banlieues weiß sie sich durchzusetzen, was sie alsbald unter Beweis stellen muss. „Ich weiß noch nicht, was das mit Ihnen beiden wird, aber ich kann mir vorstellen, dass es richtig gut wird. Oder es explodiert, und er wirft Sie sofort wieder raus. Alles ist möglich.“ Schon die erste Einschätzung eines Kollegen spricht Bände.

Es dauert schon ne ganze Weile, bis sie sich zusammenraufen. Wobei gefühlt Nadja an Léons Snobismus schwer zu knabbern hat, sie aber es versteht, ihn mit Witz und einer gehörigen Portion Abgeklärtheit zu nehmen, ihre Pariser Vergangenheit hat sie gelehrt, mit den unterschiedlichsten Charakteren zurechtzukommen und nicht nur das, ihnen auch Paroli zu bieten. Und damit punktet sie bei Léon, der trotz seiner zur Schau gestellten Überheblichkeit alsbald weiß, dass er in ihr eine starke, eine verlässliche Partnerin hat.

Der wendungsreiche Krimi führt in die High Society und in Nizzas Brennpunktviertel und auch ins Fürstentum Monaco. Es bedarf einer Sondererlaubnis, um auf monegassischem Boden zu ermitteln, was sich auch hier als Hürde erweist, die jedoch Léon zu umgehen weiß. Er kennt die Gepflogenheiten vor Ort, geht so besonnen wie trickreich mit den Verdächtigen um, die sich im mondänen Fürstentum sicher und dank ihres Reichtums unangreifbar wähnen. Der Umgang mit den harten Jungs dann ist für Nadia lang erprobter Alltag, was Léon zuweilen staunen lässt. Ich meine, die ersten Hürden ihrer Zusammenarbeit dürften sie souverän gemeistert haben.

Der erste Fall für Léon und Nadia macht Lust auf mehr, die beiden Commissaires haben mich bestens unterhalten, die Auflösung dann hat mich verblüfft, ist aber in sich stimmig. Den nächsten Fall, der am 5. Mai 2027 erscheint, lasse ich mir nicht entgehen, ich werde pünktlich anreisen.

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Veröffentlicht am 07.05.2026

Spannend, fesselnd, düster

Home Before Dark
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„Jedes Jahr am siebzehnten November setzte ich mich in mein Auto und fuhr nach Nátthagi, wo ich aufgewachsen war, um diesen Jahrestag zu feiern, den niemand von uns feiern wollte.“

Eva Björg Ægisdóttir ...

„Jedes Jahr am siebzehnten November setzte ich mich in mein Auto und fuhr nach Nátthagi, wo ich aufgewachsen war, um diesen Jahrestag zu feiern, den niemand von uns feiern wollte.“

Eva Björg Ægisdóttir lässt Marsí (Marsíbil) und ihre ältere Schwester Stína (Kristín) im Wechsel zu Wort kommen. Dass damals, im November 1967, Stínas blutbefleckte Jacke gefunden wurde, von ihr aber bis heute jede Spur fehlt, ist bekannt. Auch wissen wir, dass sich die damals 14jährige Marsí mit Bergur, ihrem Brieffreund, treffen wollte. Niemand wusste von ihm, auch nicht, dass sie sich als die zwei Jahre ältere Stína ausgegeben hat. Marsí hat dies alles bis heute verschwiegen. Und jetzt, nach zehn Jahren Funkstille, erhält sie einen Brief von ihm. Warum nach so langer Zeit? Hat er etwas mit Stinas Verschwinden zu tun? Außerdem plagt sie das Gewissen um ihr Geheimnis schon lange – wird sie es dieses Jahr schaffen, ihren Eltern die Wahrheit zu sagen?

Die Story kommt mir zeitweise wie entrückt vor. Irgendwie seltsam, an der Grenze zum Unwirklichen. Ab Herbst 1966 sind es Kristíns Gedanken, denen ich genau so wie denen von Marsí zehn Jahre später folge. Dabei lerne ich sie beide und ihr Umfeld – ihre Familie, ihre Freunde - besser kennen, zunächst jedoch eher vage, denn vieles bleibt ungesagt, zudem sind sie mir alle nicht ganz geheuer, direkt unheimlich muten sie mir so dann und wann an, keiner ist so recht greifbar. Auch die Örtlichkeiten sind nicht dazu da, anheimelnd zu wirken.

Es ist ein düsterer Psychothriller, der nach anfänglichem, gefühltem Dahinplätschern dann so richtig fesselt, der lange gehütete Geheimnisse aufdeckt, bei denen nichts so ist, wie es den Anschein hat. Die Spannung steigert sich zusehends, bis hin zum bitteren Ende. Marsís Ängste, getrieben von Schuldgefühlen, aber auch von dem Willen, dem Vergangenen nachzuspüren, es aufzudecken, zeigt sich in so manch schockierenden Momenten.

Eva Björg Ægisdóttir hat es mit ihrem Psychothriller HOME BEFORE DARK geschafft, mich mit der spannenden, lange undurchsichtigen Story und den traumatischen, nicht gerade liebenswerten und doch vielschichtigen Figuren, bestens zu unterhalten. Sehr lesenswert, sehr empfehlenswert.

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Veröffentlicht am 04.05.2026

Im dunklen Schlingenwald…

DARKROOMS
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Ein Dorf an der irischen Küste, umgeben von dichtem Wald, ist Schauplatz von Rebecca Hannigans DARKROOMS. Hier verschwand vor nunmehr zwanzig Jahren die damals 9jährige Roisin, deren Schicksal bis dato ...

Ein Dorf an der irischen Küste, umgeben von dichtem Wald, ist Schauplatz von Rebecca Hannigans DARKROOMS. Hier verschwand vor nunmehr zwanzig Jahren die damals 9jährige Roisin, deren Schicksal bis dato ungeklärt ist. Ihre Schwester Deedee sucht noch heute nach ihr, deren Spur sich im Sommer 1999 verliert, als sie mit der damals ebenfalls 9jährigen Caitlin unterwegs war.

Der Thriller wird in zwei Zeitebenen erzählt, gleich mal begegnen wir Caitlin Ende 2019, die nun in London lebt. Nach dem Tod ihrer Mutter kehrt sie in das Dorf ihrer Kindheit zurück. Es bleibt nicht aus, dass sie Deedee begegnet, die mittlerweile als Polizistin arbeitet und nach wie vor nach Roisin sucht.

Caitlin und Deedee – von beiden Frauen wird so einiges bekannt, beide sind sie sehr speziell, um ihren Charakter wohlwollend zu umschreiben. Wobei sie es beide nicht gerade einfach hatten in ihrem bisherigen Leben. Die eine will wissen, was mit ihrer Schwester passiert ist, ob sie vielleicht noch lebt oder ihre Leiche irgendwo verscharrt ist. Und die andere scheint ziemlich abgebrüht zu sein, ihre Vergangenheit ist nicht ohne.

Man erfährt häppchenweise, wie die Hauptakteurinnen leben, immer wieder unterbrochen durch das Gestern, weiß um die Rolle der Polizei, der Vermisstenfall Roisin ist ungeklärt und auch tauchen einige mehr oder weniger seltsame Typen auf. Und immer wieder sind wir in besagtem Wald, dem Schlingenwald, der gerodet werden sollte. Unterschwellig tauchen Sätze auf, die zu Roisins Verschwinden passen würden. Aber – wäre das nicht zu einfach? Ein geheimnisvoller Plan wirft Fragen auf, Alkohol spielt mit hinein, auch scheinen hier sehr manipulative Mächte am Werk zu sein.

DARKROOMS ist raffiniert konstruiert. Die beklemmende Story lebt von Andeutungen, sie gibt eine Richtung vor und wenn man meint, diese würde zum Ziel führen, ändert sich die Sichtweise und man ist so klug als wie zuvor. Alle Figuren sind zutiefst verstörend, bis gegen Ende zu fehlt der Durchblick. Ein aufwühlender Thriller, der durchweg spannend ist, der mich trotz der beunruhigenden Geschichte bestens unterhalten hat.

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Veröffentlicht am 03.05.2026

Gespenstisch, unheimlich, gruselig

Komm spielen
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Der Bezug zu Stephen King kommt mir ein wenig haltlos vor, denn „grandios“ ist Linwood Barclays KOMM SPIELEN für mich dann doch nicht, wenngleich ich es schon über weite Strecken als gruselig, als nicht ...

Der Bezug zu Stephen King kommt mir ein wenig haltlos vor, denn „grandios“ ist Linwood Barclays KOMM SPIELEN für mich dann doch nicht, wenngleich ich es schon über weite Strecken als gruselig, als nicht recht erklärbar, empfunden habe.

Annie ist die Schöpferin von Pierce, einem Kinderbuchhelden, als ein Ereignis aus ihrer Leserschaft sie komplett aus der Bahn wirft. Zudem müssen sie und Charlie, ihr kleiner Sohn, den Verlust von John verkraften. Kurzerhand bucht Finnegan, ihr Lektor, für Annie und Charlie ein Ferienhaus, weitab von New Yorks Großstadtlärm.

Kaum in Castle Creek angekommen, geht Charlie auf Entdeckungstour und wie es so ist, macht ihn ein abgesperrter Schuppen neugierig. Annie lernt einen Nachbarn kennen, seine Frau jedoch will von ihr nicht viel wissen. Fotografen haben vorher hier gewohnt, momentan jedoch wird es ab und an vermietet, meist steht das Haus leer. Annie versucht, auch hier zu arbeiten, sie vermisst die Hintergrundgeräusche New Yorks, allerdings meint sie, einen Zug gehört zu haben. Was an und für sich nichts Ungewöhnliches sein sollte.

Die Geschichte wird in fünf Akten dargeboten. Nachdem ich im ersten Akt Annie und Charlie folge, hat nun Harry, der Polizeichef, seinen Auftritt. Die beiden Erzählstränge wechseln sich ab. In Harrys Stadt geschieht Seltsames. Leute verschwinden, andere werden übelst zugerichtet aufgefunden, die Vorfälle häufen sich.

Natürlich war ich gespannt, was mich erwartet. Nach der für meine Begriffe zu langen Einführung ist es mäßig spannend, was den Vorteil hat, dass mir alle Figuren bald bestens vertraut sind. Und doch warte ich auf mehr. Annie und Charlie sind in der Gegenwart verortet, Harrys Part dagegen liegt schon einige Zeit zurück. Es passiert schon so einiges, das nicht zu erklären ist, der Ursprung allen Übels scheint aber dennoch sichtbar zu sein. Und dann fängt es richtig an, es wird zunehmend unheimlich, es treibt mich weiter, raubt mir den Atem, lässt mir das Herz bis zum Halse klopfen. Da ist Mr Choo, der in seinem Geschäft Eisenbahnen verkauft – nicht nur ein Kindertraum, auch Erwachsene erliegen dieser faszinierenden Welt aus ganzen Landschaften, durch welche die Züge fahren. Es geht gar gespenstisch zu, Unheimliches, nicht Erklärbares, lässt mich aufhorchen und mich frösteln.

Ein guter Thriller mit Horror-Elementen, das nach dem zu langen Intro viel zu bieten hat. Wenngleich ich ihn nicht mit King in einem Atemzug nennen möchte, denn der ist eine Klasse für sich.

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Veröffentlicht am 03.05.2026

Lebensgeschichten

Die Straße
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Wie das Leben eben ist. So könnte man DIE STRASSE in Kurzfassung beschreiben. Die Heidestraße. Sie ist irgendwo am Rande einer unbenannten Stadt.

Robert Seethaler erzählt in kurzen Episoden von den Leuten, ...

Wie das Leben eben ist. So könnte man DIE STRASSE in Kurzfassung beschreiben. Die Heidestraße. Sie ist irgendwo am Rande einer unbenannten Stadt.

Robert Seethaler erzählt in kurzen Episoden von den Leuten, die hier leben. Von den Bewohnern im Altenheim etwa und auch von dem Jungen mit der Steinschleuder, der die Tauben ins Visier nimmt. Ein anderer will Bücher vor dem Verfall retten, er eröffnet in einer ehemaligen Kohlenhandlung ein Buchantiquariat. Es sind alte, staubige Bücher und auch weiß man um den Kohlenstaub, der sich mit den Jahren in den Räumen abgesetzt hat. Es sind die Sorgen der kleinen Leute, deren Hoffnungen und Sehnsüchten Seethaler nachspürt. Der ganz normale Alltag eben in all seinen Facetten ist es mit den Bewohnern, die alle ein wenig wie entrückt wirken…

…was Matthias Brandt als Sprecher dieser ungekürzten Hörbuchfassung (4 Stunden und 9 Minuten) dann doch gerade gerückt hat. Er macht diese Straße mitsamt seiner Bewohner lebendig. Ihn schätze ich sehr, er brilliert in jeder seiner Rollen und auch hier gibt er jedem einzelnen der hier beschriebenen Charaktere seine ganz besondere Note.

Es sind viele Schicksale, die Seethaler in einem ruhigen, unaufgeregten Ton präsentiert. Alltagsgeschichten, wie jeder sie kennt oder von denen man zumindest gehört hat. Kurze Momentaufnahmen, die jede für sich steht, in Seethalers Straße sind sie alle zu finden.

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