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Veröffentlicht am 13.03.2026

Auf dem Weg zum Erwachsenwerden – intensiv erzählt

Amokalarm
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H.C. Nachtnebel ist Kobe Bryant-Fan durch und durch. Er hat sogar ein Originaltrikot, getränkt mit Kobes Spielerschweiß, das ihn über so manch Tief hinweghilft. Auch ist H.C. selber ein Basketball-Ass, ...

H.C. Nachtnebel ist Kobe Bryant-Fan durch und durch. Er hat sogar ein Originaltrikot, getränkt mit Kobes Spielerschweiß, das ihn über so manch Tief hinweghilft. Auch ist H.C. selber ein Basketball-Ass, außerdem ist Mathe für ihn easy, ganz anders als seine Bros Mateo und Julian, die auf dem Gebiet nix checken.

So weit, so okay. Bis Keira mitten im Schuljahr in ihre Klasse kommt. Sie hat gleich mal ihren ganz besonderen Auftritt in der 10., als in ihren Augen ein Lehrer einem Mitschüler gegenüber ungerecht handelt. Sie ist überhaupt so anders als die anderen. Und sie sieht H.C., zieht sich wieder zurück, macht ihm Hoffnung. Nun ja, irgendwann schleicht sich zu dem spielerischen Miteinander mehr ein, doch weit gefehlt – es kommt ganz anders, als man denkt.

Die fiktive Story bietet jedoch sehr viel an Realität. Zunächst lese ich einen Jugendroman mit einer Sprache, die ich zwar (ansatzweise?) verstehe aber eben nicht spreche. Digga und aggro und safe und weird und sowas halt. Das geht ne ganze Weile so mit verknallt sein und sowas eben, Basketball geht voll ab, die Jungs machen ihr Ding. So ein Selbstfindungsding, ein Erwachsen-werden-Ding. Alle sind sie happy, als sie einen Lehrer bekommen, der locker drauf ist, der sie versteht.

Und dann kommt es zum Eklat, ab da geht’s rund. Was der Auslöser dafür ist, werde ich jetzt nicht breittreten, der AMOKALARM aber kündigt sich langsam an, die Story wird immer intensiver, jetzt bin ich voll dabei, es kommt so einiges zusammen, bis es richtig knallt.

Erzählt wird aus verschiedenen Perspektiven, zunächst sind die Kapitel mit Vorher, Davor, Raum 24 und Jetzt übertitelt, später dann sind es einzelne Personen, aus deren Sicht der Vorfall geschildert wird, der H.C. komplett aus der Bahn zu werfen droht.

H.C. ist sechzehn, ein ganz normaler Jugendlicher, der dabei ist, seinen Weg zu finden. Uli Black zeigt hier all die Gefühle eines Heranwachsenden auf bis hin zur Orientierungslosigkeit und der Verzweiflung, auch um die Verlogenheit der Menschheit. Und ja, es geht um Missbrauch, um Gewalt und Traumatisierung und dem Umgang damit. Um Halt, um Individualität und Selbstfindung geht es auch.

Ein starker Roman, ein wichtiges Thema, das der Autor hier anspricht. Er beginnt etwas zäh, was mich nicht unbedingt ins Buch gezogen hat, das Dranbleiben aber hat sich dann sehr gelohnt.

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Veröffentlicht am 11.03.2026

Trude Teiges erster Roman um eine starke Frau

Der Gesang der See
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Trude Teige ist als Tochter eines Fischers auf einer kleinen Insel an der norwegischen Westküste aufgewachsen, lässt die Autorin gleich mal wissen. Über ihre Ururgroßmutter Gertrud wollte sie ein Sachbuch ...

Trude Teige ist als Tochter eines Fischers auf einer kleinen Insel an der norwegischen Westküste aufgewachsen, lässt die Autorin gleich mal wissen. Über ihre Ururgroßmutter Gertrud wollte sie ein Sachbuch schreiben, bis ihr ihre Romanfigur Kristiane begegnet ist - eine taffe Frau, die sich in der Männergesellschaft behaupten musste, denn es ging um nichts weniger als den Lotsenposten, der in der Familie von Generation zu Generation weitergegeben wurde, es musste aber ein Mann sein, Frauen waren dafür nicht vorgesehen.

Kristiane war immer ein Papa-Mädchen, sie wollte aufs Meer, gemeinsam mit ihrem Vater. Er hatte sie rudern und segeln gelehrt, er hatte ihr beigebracht, wie man anhand der Landmarken navigiert. Auch bei den Lotsenfahrten hatte sie ihn begleitet, er hat ihr die Fischgründe gezeigt, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Als sie älter war, konnte sie auch schwere Männerarbeit auf dem Schiff verrichten. Wäre sie ein Mann, könnte sie auf jedem Boot anheuern, hat er nicht ohne Stolz verkündet. So aber waren die Begehrlichkeiten der anderen nach der familieneigenen Lotsennummer groß, als Vater starb. Kristiane heiratet ihre große Liebe, das Lotsenmandat bleibt am Hof. Als ihr Mann bei einem Sturm ums Leben kommt, wird ihr nicht lange Zeit für eine Wiederverheiratung gegeben, ansonsten wird ihr das Mandat entzogen.

Trude Teiges Bücher kenne und schätze ich sehr, jedes einzelne hat mich tief bewegt. „Der Gesang der See“ ist ihr erstes Buch, das 2002 in Norwegen erschienen ist und jetzt, im Jahre 2026, von Günther Frauenlob ins Deutsche übersetzt wurde. Trude Teige schreibt über Frauen, die trotz aller Widrigkeiten ihr Leben meistern. Starke Frauen, die sich nicht unterkriegen lassen. Es ist die Zeit, in der die traditionellen Geschlechterrollen gelten, eine Frau hatte sich um Kind und Hof zu kümmern, das Sagen hatten jedoch die Männer. Auf rauer See hatte eine Frau nichts verloren, Kristiane aber hat ihnen die Stirn geboten, die Lorbeeren jedoch sollte sie nicht ernten - was ihr so gar nicht zusagte. Dunkle, sorgenvolle Zeiten waren es voller Schmerz und doch gab es auch helle Momente voller Leidenschaft und Freude. Dem Balanceakt zwischen Familie und der knallharten Realität auf See hat sie sich gestellt. Kristianes Geschichte geht unter die Haut, eine Geschichte über eine patriarchale Gesellschaft, eine Geschichte, auch über Liebe und Verrat.

Die nächste Generation steht schon parat, Kristianes Sohn Anders soll die Familientradition fortführen. Aber will er das? „Hinaus in den Wind“ erscheint im August 2026, ich werde auch seinen Weg gespannt verfolgen.

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Veröffentlicht am 11.03.2026

Spannender Einblick in die Erschaffungsgeschichte des Dreikönigenschreins

Der Schrein der Könige
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Sabine Weiss nimmt ihre Leser in ihrem neuesten historischen Roman „Der Schrein der Könige“ mit nach Köln ins ausgehende 12. Jahrhundert. Zunächst jedoch sind wir in Mailand, als Erzbischof Rainald von ...

Sabine Weiss nimmt ihre Leser in ihrem neuesten historischen Roman „Der Schrein der Könige“ mit nach Köln ins ausgehende 12. Jahrhundert. Zunächst jedoch sind wir in Mailand, als Erzbischof Rainald von Dassel die Gebeine der Heiligen Drei Könige an sich bringt, um diese dann nach Köln zu schaffen. Und hier ist es der Goldschmied Nicolaus von Verdun, der den Auftrag für den Dreikönigenschrein erhält.

Die Autorin versteht es, historisch Verbürgtes mit fiktiven Elementen anzureichern. Das Historische schwingt in ihrer Geschichte um Nicolaus von Verdun immer mit, wobei wir viel von der Goldschmiedekunst an sich erfahren. Auch sind es die Anfänge der Zunft der Goldschmiede, die sich in jener Zeit in Bruderschaften zusammenfinden. Der Lothringer Goldschmied und Emailmaler Nicolaus hatte dabei einen schweren Stand, galt er doch als Zugezogener und einer, der den Kölnern die Arbeit wegnimmt. Ihm werden neben dem Dreikönigenschrein etliche andere Werke zugeordnet wie etwa dem Marienschrein in Tournai (Belgien), der hier auch Erwähnung findet.

Die Goldschmiedekunst an sich mit all den edlen Materialien wie Gold, Silber, Edelsteine und mehr und die Erschaffung der filigranen, sehr lebendigen Figuren wird anschaulich beschrieben, daneben ist es die historische Figur Nicolaus und seine fiktive Familie mitsamt mehr oder weniger Gleichgesinnten, denen ich gespannt folge. Mit seiner früh verstorbenen Frau hatte er fünf Kinder, zwei davon sind ebenfalls schon gegangen. Mit Louis, Anne und Bastien zieht er des Auftrags wegen nach Köln, auch spielt sein Bruder Charles eine ziemlich finstere Rolle. Wir verfolgen den Weg von jedem einzelnen Mitglied der Familie, jeder hat auf seine ureigene Weise mit sich und so manch Unwägbarkeiten zu kämpfen. Wobei Louis eher dem leichtlebigen Charles gleicht, sich gerne mit halbseidenen Gestalten einlässt, Bastien dagegen hat schon in ganz jungen Jahren gesundheitliche Probleme und Anne ist es, die die Familie zusammenhält. Auch weiß sie viel über Kräuter und deren Heilwirkung, sie hat auch ein großes Herz für die Abgehängten, für diejenigen, die am Rande der Stadtgemeinschaft ihr kärgliches Dasein fristen. Durch diese fiktive Geschichte erfahren wir viel über das Leben anno dazumal, es ist ein kurzweiliger Einblick in die gesellschaftlichen Schichten und selbstredend dürfen die realen Begebenheiten und die damals lebenden Persönlichkeiten hier nicht fehlen.

Der historische Bezug ist stets gegeben, angefangen von Kaiser Friedrich I., als Barbarossa wohlbekannt, auf dessen Anweisung Rainald von Dassel, der auch Erzkanzler von Italien war und besagte Gebeine nach Köln holt über Nicolaus und seinem Entschluss, dem Kölner Domkapitel einen Entwurf für den Schrein zu präsentieren und seiner (fiktiv dargestellten) Reise nach Köln, bei dem er sich dem Tross eines Gewürzhändlers anschließt bis hin zur Ankunft und den anfänglichen Schwierigkeiten, eine Unterkunft zu finden und später dann seine Werkstatt einzurichten. Der Thronstreit nach dem Tod Heinrich IV. zwischen dem Staufer Philipp von Schwaben und dem Welfen Otto von Braunschweig mitsamt der Rolle, die Papst Innozenz III. dabei inne hat, ist ausreichend thematisiert. Wir begegnen noch so einigen historischen Persönlichkeiten, auch werden die Kinderkreuzzüge erwähnt bis hin zu Franz von Assisi, der hier aber eher als Randfigur fungiert. Dies ist lediglich ein kurzer Abriss dessen, was Sabine Weiss sehr eindrucksvoll in ihrem „Schrein der Könige“ beschreibt.

Das gut gegliederte Personenverzeichnis mit den historisch gekennzeichneten Figuren ist der perfekte Einstieg ins Buch, abgerundet durch das Glossar und die historischen Anmerkungen zum Schluss bildet der gut recherchierte Roman ein lesenswertes Gesamtbild um den goldenen Schrein, der auch heute noch in all seiner Pracht im Kölner Dom besichtigt werden kann.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt

Alt genug
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Irgendwann in letzter Zeit bin ich auf Ildikó von Kürthys Recherchen aufmerksam geworden, die sie auf Instagram mit ihren Leserinnen geteilt hat. Ihre geplante Bewerbung bei GNTM war Thema, auch ihr New ...

Irgendwann in letzter Zeit bin ich auf Ildikó von Kürthys Recherchen aufmerksam geworden, die sie auf Instagram mit ihren Leserinnen geteilt hat. Ihre geplante Bewerbung bei GNTM war Thema, auch ihr New York-Trip und noch so einiges mehr. Schon da war für mich klar, dass ich davon lesen möchte. Gelesen habe ich „Alt genug“, wie sie ihr neuestes Buch nennt, dann doch nicht, aber – ich habe es mir von ihr vorlesen lassen, was eine gute Entscheidung war.

Sehr offen lässt sie ihre Leser (ihre Hörer) daran teilhaben, wie sie nun, da sie alt genug für bequeme Unterwäsche ist, mit dem Alter umgeht. Dabei ist sie mit ihren nunmehr 58 Jahren nicht alt, wie ich finde. Sie ist im besten Alter, um ihr Leben mit allen Sinnen zu genießen, was auch heißt, dass sie nicht mehr alles braucht, nicht mehr alles mitmachen muss. Nicht unbeschadet, sogar ziemlich angeschlagen, hat sie die Lebensmitte überschritten, wie sie berichtet. Hat geliebte Menschen gehen lassen müssen, ist voller neuer Erkenntnisse, ist zuweilen gescheitert, hat gekämpft und nicht immer gesiegt. Und ist doch voller Zuversicht, hat endlich Mut zur Unvollkommenheit.

Selbstironisch erzählt sie etwa davon, wie sie daran scheitert, einen Tunnel zu durchfahren, auch sind Fahrstühle nicht unbedingt ihr bevorzugtes Transportmittel nach oben. Sie versteht es, all diese Anekdoten kurzweilig wiederzugeben, in diesen Szenen sprüht sie geradezu vor Witz und Charme, man hört ihr gerne zu.

Dies und noch so viel mehr erzählt sie in ihrem Buch „Alt genug“, das kein Roman ist. Ein Memoir, sehr ehrlich, sehr selbstreflektiert, sehr persönlich. Sie greift all die alltäglichen Themen auf, geht darüber hinaus und über ihre Grenzen, sie traut sich mehr zu. Ein kurzweiliges Hörvergnügen, sympathisch vorgetragen.

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Veröffentlicht am 08.03.2026

Beste Krimi-Unterhaltung

Giftiger Grund
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Frisch aus dem Knast entlassen sitzt er nun hier, in der Wohnung seines Vaters, auch Georg Kutowski, der Mann, der ihm damals ins Messer gelaufen ist, wartet auf ihn, denn das Schmerzensgeld, das er ihm ...

Frisch aus dem Knast entlassen sitzt er nun hier, in der Wohnung seines Vaters, auch Georg Kutowski, der Mann, der ihm damals ins Messer gelaufen ist, wartet auf ihn, denn das Schmerzensgeld, das er ihm seitdem regelmäßig zahlt, sollte auch jetzt weiterlaufen.

Zu dritt waren sie damals, Jorans Kumpel Aras und Marvin haben ihre Jahre für schweren Raub schon länger abgesessen und nun ist auch er draußen. Vor sieben Jahren haben sie die Tankstelle überfallen, die Beute konnten sie gerade noch rechtzeitig im Kanalschacht verstecken und nun sucht Joran danach. Was er aber findet, ist die Leiche seines Freundes Aras.

Die Tankstelle ist schon lange verlassen. Ein Lost Place, der Charu wie magisch anzieht. Sie betreibt ihren Internetkanal, ihr Markenzeichen ist eine Glitzerkatze. Ihr Equipment ist in der ehemaligen Waschstraße platziert, als sie Joran bemerkt. Außerdem ist da noch ein kleines Mädchen im Schlafanzug. Edda.

Die Tankstelle und deren verseuchter, giftiger Grund ist es, der diesem vielschichtigen, psychologischen Thriller seinen Namen gibt. Der morbide Charme der verfallenden Immobilie zeigt die Hoffnungslosigkeit, die auch jeder der drei Hauptakteure ausstrahlt: Jaron und seine Suche nach Halt und Arbeit, dazu der Fund der Leiche. Charu, die mit ihrer Schwester und deren Typen ständigen Trouble hat und Edda, die im Schlafanzug und Gummistiefel Nacht für Nacht hier auftaucht.

Rund um diesen Lost Place entwickelt sich eine Geschichte um (Über)Leben und Tod. Je mehr von den Protagonisten bekannt wird, desto undurchsichtiger und trostloser gestaltet sich gefühlt deren Dasein und auch wenn jeder von ihnen einen Rückzugsort hat, ist es dennoch für keinen ein Zuhause. Die Perspektiven wechseln von Joran zu Charu zu Edda, wobei Edda es ist, deren Hintergrund lange geheimnisumwoben bleibt, um dann doch deren Fassade Stück für Stück zum Einsturz zu bringen.

Alle drei sind sie verlorene Seelen, von der Welt im Stich gelassen. Vor allem Joran ist es, der es mit seiner kriminellen Vergangenheit schwer hat, Fuß zu fassen. Wird er wieder zum Täter, gleitet er erneut ab? Und was ist mit Charu, der nicht mal ihre eigene Schwester glaubt? Was hat das Leben den sowieso schon Abgehängten zu bieten? Mit Vorurteilen ist man schnell zur Hand, besonders dann, wenn das Vergangene gegen einen spricht.

Es dauert einige Zeit, bis sie für mich greifbar werden. Je weiter ich jedoch lese, desto mehr fiebere ich mit ihnen und ihrer vertrackten Situation, die ausweglos scheint, mit. Trotzdem fesselt mich der Krimi ab sofort, er treibt mich immer weiter. Nicht jedes kleine Detail wird geklärt, damit kann ich aber gut leben und der Schluss bietet dann nochmal ein Highlight der ganz besonderen Art.

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