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Veröffentlicht am 30.10.2022

Schuld im Sinne von schuldig?

Als die Welt zerbrach
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Erst einmal musste ich tief durchatmen, das gerade Gelesene nochmal an mir vorüberziehen lassen. „Als die Welt zerbrach“ ist eine tieftraurige Erzählung um eine Schuld hinter der Schuld, dessen Namen die ...

Erst einmal musste ich tief durchatmen, das gerade Gelesene nochmal an mir vorüberziehen lassen. „Als die Welt zerbrach“ ist eine tieftraurige Erzählung um eine Schuld hinter der Schuld, dessen Namen die über 90jährige Gretel in ihrem langen Leben nie mehr aussprechen konnte. Sie hat viel erlebt, viel erlitten und noch mehr geschwiegen.

Die damals 12jährige flieht mit ihrer Mutter nach Frankreich, nachdem ihr Vater, ein hochrangiger KZ-Kommandant, hingerichtet wurde, aber auch in Paris holt die Vergangenheit sie ein. Als nach einigen Jahren ihre Mutter stirbt, wagt Gretel in Australien einen Neuanfang - immer darauf bedacht, ihr Lügenkonstrukt aufrecht zu erhalten. Selbst hier ist sie nicht sicher, London wird und bleibt ihr Zufluchtsort. Und hier lebt sie gut situiert in einem noblen Viertel, als in der Wohnung unter ihr Henry mit seinen Eltern einzieht. Der Neunjährige erinnert sie schmerzlich an Vergangenes und nicht nur das, sie schließt den verschlossenen Jungen ins Herz. Sie sieht viel zu viel, ringt mit sich selbst und kommt zu einem für sie folgenschweren Entschluss.

In zwei sich stetig abwechselnden Ebenen erzählt John Boyne vom Gestern und vom Heute, von der betagten Gretel in London 2022 und geht zurück, wechselt ins Jahr 1946, gibt Einblicke in „Die Tochter des Teufels“. Er nimmt seine Leser mit nach Sydney, wo sie 1952 ankam, gibt Zwischenspiele in Polen oder am Zaun, um nur einiges zu nennen. So erfahre ich sukzessive ihre Lebensgeschichte. Eine Geschichte, die mich tief berührt und zutiefst traurig gemacht hat. Sie war Kind, als das Schreckliche geschah, die Lebenslüge wurde ihr aufgedrängt und einmal damit angefangen, wird sie sie nicht mehr los. Und nicht genug damit, sie nimmt auch danach ihre Umgebung wahr, sieht hinter die Kulissen und muss doch einsehen, dass die Welt sich zwar weitergedreht hat, die Menschheit aber immer Mittel und Wege findet, die eigenen Unzulänglichkeiten zu vertuschen.

Gretels Lebensweg bin ich gerne gefolgt - eine toughe Frau, vom Leben geprägt, auch die anderen Charaktere waren authentisch dargestellt. Der Autor hat sie empathisch sein lassen, ich habe so einige gemocht, andere wiederum so gar nicht.

Hat eine 12jährige eine Chance, sich der unrühmlichen Vergangenheit ihrer Familie zustellen? Muss sie sich gar dem stellen? Die Bürde der Schuld auf sich zu nehmen? Und darf eine erwachsene Frau zusehen, wie anderen Leid zugefügt wird? Die so einfühlsam erzählte Lebensgeschichte hat mich sofort gefesselt und bis zum Schluss nicht mehr losgelassen. Beileibe keine leichte Kost und doch so lesenswert.

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Veröffentlicht am 30.10.2022

Gute Unterhaltung

Shorty
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Shorty ist sehr vielseitig, zumindest wenn man sein Berufsleben betrachtet. Man könnte auch sagen, er hangelt sich von Job zu Job. Jetzt gerade arbeitet er in einem Architekturbüro. Nein, nicht als Architekt ...

Shorty ist sehr vielseitig, zumindest wenn man sein Berufsleben betrachtet. Man könnte auch sagen, er hangelt sich von Job zu Job. Jetzt gerade arbeitet er in einem Architekturbüro. Nein, nicht als Architekt oder Bauzeichner, als Elektriker hat er hier zu tun. Und da – er hört Stimmen. Besser gesagt: Er hört eine Stimme, die ihm einen irrwitzigen Auftrag erteilt. Was soll das denn? Die Welt soll er retten und dafür muss er lediglich zur richtigen Zeit für einen Kurzschluss sorgen.

Jörg Maurer hat sich diesen Spaß ausgedacht, hat Shorty zum Leben erweckt, um ihn dann gleich mal in (s)eine utopische Welt zu beamen. Er stolpert sich durch das Universum, in der ihm altbekannten Welt, auch Erde genannt, ist immer mal wieder Bluna an seiner Seite. Sie ist ahnungslos, weiß nicht um die Wichtigkeit von Shorty. Und doch ist sie in so manch brenzliger Situation einfach da.

Das Hörbuch vom Argon-Verlag wird vom Autor selbst gesprochen, ein Riesenspaß. Seine Stimme mag ich sowieso, auch wenn eigentlich der bekannte Hörbuchsprecher Simon Jäger zunächst dafür vorgesehen gewesen wäre. Na, ich glaubs mal. Zumindest bei der An- und Absage durfte er ran.

Aufs Shorty sollte man sich schon einlassen, auch darf man nicht alles zu ernst nehmen. Die phantastische Geschichte entwickelt sich, der immer etwas unbedarft daherkommende Held kommt immer mehr in Fahrt. Der Blick hinter die Kulissen, in unsere Gesellschaft, ist schon ein kritischer. Manches ist arg an der Schmerzgrenze, ja absurd und aberwitzig und doch humorvoll mit einer gehörigen Prise Wortwitz. Ganz einfach - Jörg Maurer und Shorty haben mich gut unterhalten.

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Veröffentlicht am 28.10.2022

Spannung pur

Düsteres Wasser: Thriller
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Der mittlerweile siebte Band der Julia Schwarz-Reihe aus der Feder von Catherine Shepherd, ein wiederum exzellenter Thriller, ist ausgelesen. Viel zu schnell war er gelesen, denn einmal angefangen, entwickelte ...

Der mittlerweile siebte Band der Julia Schwarz-Reihe aus der Feder von Catherine Shepherd, ein wiederum exzellenter Thriller, ist ausgelesen. Viel zu schnell war er gelesen, denn einmal angefangen, entwickelte auch dieses „Düstere Wasser“ einen Sog, dem ich mich nicht entziehen konnte. Es auch gar nicht wollte.

Die Rechtsmedizinerin Julia Schwarz wird von ihrem jungen Kollegen Ferdinand Meisner von seinem Weggang informiert - gerade dann, als sie eine junge Frau auf dem Seziertisch haben. Diese wurde aus dem Rhein gezogen, sie war von einer Brücke in den Tod gestürzt. Sprang sie freiwillig oder wurde sie gestoßen? Alles deutet auf letzteres, denn bald findet Julia einen in Folie eingeschweißten Abschiedsbrief. Es ist nur ein einziger Satz, der so eindeutig wie mysteriös ist. Und sie findet noch mehr bei der Obduktion, es ist eindeutig ein Fall für Florian Kesser, den Kriminalkommissar, der auch privat mit Julia verbandelt ist.

Schon der Prolog gibt Rätsel auf - wie passen diese Zeilen zu diesem Todesfall, dem weitere folgen werden? Alle Opfer, die auf Julias Seziertisch landen, weisen Ähnlichkeiten auf, alle Indizien sprechen dieselbe Sprache. Und zwischendrin lese ich vom Gestern. Von den Gedanken eines geheimnisvollen Unbekannten. Es sind immer nur kurze Passagen, die zwischendurch eingestreut werden. Auch diese extrem rätselhaft.

Catherine Shepherd ist eine Meisterin des Verwirrspiels. Sie versteht es perfekt, ihre Leser auf Fährten zu locken, die viel zu oft ins Nichts führen. Alles ist sehr nebulös, hier ist keinem einzigen so richtig zu trauen. So mancher zwielichtigen Gestalt traue ich vieles, wenn nicht alles zu. Sie sind mir äußerst suspekt, sehr unsympathisch und höchst verdächtig. Die Spannung lässt keine Sekunde nach, von der ersten Seite bis zum verblüffenden Schluss fiebere ich mit, habe einen starken Verdacht, um dann doch wieder zu zweifeln. Die Charaktere sind allesamt authentisch – Typen wie aus dem echten Leben gegriffen. Natürlich ist auch ein wenig Privates eingestreut, schließlich sind Julia und Florian schon lange ein Paar. Nicht zu viel, aber doch viel genug, um ein stimmiges Bild der beiden mitsamt ihrem Umfeld zu erhalten.

Und wieder war es ganz anders, als ich die ganze Zeit vermutet hatte. Ich mag es, wenn ich als Leser immer wieder in eine Richtung tappe, die sich als ganz falsch erweist. Allen hätte ich es zugetraut, aber... denn erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Schade, dass das Buch zu Ende gelesen ist und schön, dass ich es gelesen habe. Ein so spannend wie nervenaufreibender Thriller der Extraklasse, den kein Thriller-Fan verpassen sollte.

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Veröffentlicht am 24.10.2022

Der Aufbruch nach Catan

Catan
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Die Siedler von Catan sind wohl jedem Spielebegeisterten ein Begriff. Klaus Teuber, der Erfinder dieses Brettspiels, hat nun einen Roman vorgelegt, die gekürzte Hörbuchfassung von USM Audio dauert 14 Stunden ...

Die Siedler von Catan sind wohl jedem Spielebegeisterten ein Begriff. Klaus Teuber, der Erfinder dieses Brettspiels, hat nun einen Roman vorgelegt, die gekürzte Hörbuchfassung von USM Audio dauert 14 Stunden und 13 Minuten, vorgetragen von Alexander Bandilla. Es ist der erste von drei Teilen – Die Flucht.

Zunächst musste ich mich schon konzentrieren, da die Namen der einzelnen Figuren für meine Ohren fremd und irgendwie ähnlich klingen. Die Halbbrüder Thorolf, Yngvi und Digur brechen auf ihre abenteuerliche Seereise auf, sie wollen nach Catan, ins Land der Sonne.

Bald habe ich mich eingehört und dann wurde es zunehmend spannend. Ihre Flucht beginnt im Winter 860 n. Chr. Die 17jährige Asla liebt Thorolf, ihr Vater jedoch will, dass Harfur um die Hand seiner Tochter anhält. Dieser hat schon zwei Frauen überlebt, er ist mit seinen 50 Jahren schon alt, ist gewalttätig und es könnte durchaus sein, dass er eine seiner Frauen totgeschlagen hat. So die Ausgangssituation.

Nie hätte ich gedacht, dass der Roman mich fesseln könnte und doch hat er es getan. Die Geschichte ist spannend geschrieben, sie ist gut erzählt. Ihrer beschwerlichen Reise mit all den Unzulänglichkeiten und den Schwierigkeiten konnte ich gut folgen. Die angenehme Erzählstimme von Alexander Bandilla hat für mich gut zu diesem historischen Roman gepasst. Ein Brettspiel, das auch als Hörbuch gut funktioniert.

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Veröffentlicht am 24.10.2022

Schuld und Verrat

Feldpost
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Der Anfang vom Ende, das ist der 22. Dezember 2000, ein Freitag. Cara sitzt in einem gut besuchten Café, sie schreibt Weihnachtskarten. Eine Unbekannte bittet, sich an ihren Tisch setzen zu dürfen. Sie ...

Der Anfang vom Ende, das ist der 22. Dezember 2000, ein Freitag. Cara sitzt in einem gut besuchten Café, sie schreibt Weihnachtskarten. Eine Unbekannte bittet, sich an ihren Tisch setzen zu dürfen. Sie kommen ins Plaudern und so unauffällig wie diese Frau gekommen ist, ist sie wieder verschwunden. Lediglich eine Tasche mit Feldpost-Briefen bleibt zurück. Cara findet darin nicht nur Briefe, auch Unterlagen über den dubiosen Verkauf einer Villa kommen zum Vorschein. Was tun? Kurzentschlossen macht sie sich auf die Suche.

Es ist die Zeit des beginnenden Nationalsozialismus, dann folgt der Zweite Weltkrieg mit all seinen Schrecken. Man muss nicht Jude sein, um ins Visier der Machthaber zu gelangen. Eine unachtsame Äußerung genügt.

In zwei sich abwechselnden Zeitsträngen erzählt die Autorin von damals, ab 1935, von der Entfremdung zweier Familien und von der heutigen Suche nach dem Verfasser dieser Briefe, die er vor über 50 Jahren geschrieben hat. Cara findet ihn tatsächlich, jedoch bleibt das Schicksal des Adressaten ungewiss.

Jeder Feldpostbrief ist ein Lebenszeichen, er ist wertvoll, wird herbeigesehnt. Das Cover zeigt dies eindrucksvoll, es ist der gelungene Einstieg in ein beeindruckendes Buch, in eine düstere Zeit. Zunächst musste ich mich schon einlesen, Caras Interesse an den Briefen war für mich eher nicht so prickelnd. Aber dann bin ich abgetaucht in die Vergangenheit und diese hat mich nicht mehr losgelassen. Ihr Schicksal hat mich sehr berührt, das Familiendrama vor dem geschichtlichen Hintergrund ist lebendig und authentisch dargestellt. Das Weiterlesen war unabdingbar, ihre Geschichte wie ein Sog, dem ich mich nicht mehr entziehen konnte und es auch nicht wollte.

Eine verbotene Liebe, ein Verrat und die fatalen Folgen eines Hausverkaufs sind Thema dieses erschütternden Zeitdokuments. Die tragische Familiengeschichte wird zunehmend intensiver, Mechtild Borrmann hat mich mit ihrer „Feldpost“ tief in diese Zeit, in ihre gut recherchierte Geschichte gezogen, die auf wahren Begebenheiten beruht. Sehr lesenswert, absolut empfehlenswert.

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