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Veröffentlicht am 12.04.2022

Ein Sprung aus dem Wolken

Todesfall
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Bestes Wetter, um über ´the beautiful fjords´ abzuspringen. Das diesjährige Sportfestival in Voss verspricht richtig gut zu werden. Wen hat sie da gesehen, kurz nachdem das Flugzeug Vollgas gab? Ein Gesicht, ...

Bestes Wetter, um über ´the beautiful fjords´ abzuspringen. Das diesjährige Sportfestival in Voss verspricht richtig gut zu werden. Wen hat sie da gesehen, kurz nachdem das Flugzeug Vollgas gab? Ein Gesicht, von dem sie gehofft hatte, es nie wiedersehen zu müssen – oder hat sie sich geirrt?

„Dramatischer Todesfall bei der Eröffnung der Extremsportwoche in Voss“ lautet die Schlagzeige.

Inmitten Norwegens Bilderbuch-Kulisse findet sich die Starreporterin Agnes Tveit wieder, sie hat Oslo den Rücken gekehrt, um im heimischen Voss zu entschleunigen, auch das Private spielte bei ihrer Entscheidung eine Rolle und doch ist sie mit Leib und Seele ihrem Beruf verfallen. Das Unglück beschäftigt sie, kennt sie doch alle Beteiligten von früher.
Gespannt beginne ich zu lesen und werde hineingezogen in ein Konglomerat aus Freundschaft, Verrat und Lügen. War es ein tragischer Unglücksfall, gar die alleinige Schuld der in den Tod gesprungenen Mutter zweier Kinder? Es tauchen immer mehr Fragen auf und die Lösung scheint in weiter Ferne.

Agnes und ihr Hunger ist allgegenwärtig, ich rieche förmlich den geschmolzenen Käse. Sie geht der Sache auf den Grund, recherchiert und ist der Polizei gefühlt um Längen voraus. Ihre Alleingänge fördern so einiges zutage, sie stochert in der Vergangenheit, lässt einfach nicht locker, auch wenn sie sich dadurch immer wieder in Gefahr begibt. Eine Heldin ist Agnes allemal, zuweilen habe ich das Gefühl, dass sie mit ihrem unbedingten Aufklärungswillen aneckt, sie ausgebremst wird.

Streckenweise war es ein wenig langatmig, den Episoden am Rande, die das kriminalistische Element schon auflockern, wurde bisweilen zu viel Raum gelassen. Wiederholt zu viele private Details nehmen den Schwung aus der Story, hier wäre weniger mehr gewesen. Ein Fall, der undurchsichtig ist bis zum Schluss, das überraschende Ende ist der Autorin dann wieder gut gelungen.

Randi Fuglehaug ist mit ihrem „Todesfall“ ein gut lesbarer Einstieg in die Agnes-Tveit-Reihe gelungen, ihre Charaktere sind gut gezeichnet, man kann sich jeden einzelnen in seiner ganz eigenen Art vorstellen - ein in Teilen kurzweiliges Lesevergnügen.

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Veröffentlicht am 06.04.2022

Düster, mystisch, außergewöhnlich

Unser Teil der Nacht
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Juan und Gaspar - einer liebevolle Vater-Sohn-Beziehung folge ich. Gleich die ersten Seiten nahmen mich gefangen, ich wollte mehr wissen und doch konnte ich hier schon erahnen, dass nicht alles rational ...

Juan und Gaspar - einer liebevolle Vater-Sohn-Beziehung folge ich. Gleich die ersten Seiten nahmen mich gefangen, ich wollte mehr wissen und doch konnte ich hier schon erahnen, dass nicht alles rational erklärbar sein wird. Marina Enriquez entführt ihre Leser nach Argentinien, in ein Land der Extreme und in eine Zeit, in der Säuberungsaktionen Leute spurlos verschwinden ließ. Es sind die Jahre der Militärjunta.

Vordergründig ist es eine Familiengeschichte, die doch so viel mehr ist – die Geschichte einer Familie und deren Mitglieder, die zur reichen Oberschicht gehören, die sich in einem internationalen Zirkel aus Geld, Privilegien und Beziehungen bewegen.

Die Autorin ist Argentinierin und verrät, dass ihre Obsession der Okkultismus im weitesten Sinne ist und sie schreibt darüber, gibt den Mythen ihres Landes reichlich Platz. Der blinde Fanatismus in all seinen Auswüchsen dient als Metapher dessen, was in den lateinamerikanischen Diktaturen geschah.

Eine Düsternis tut sich auf, überall herrscht Dunkelheit, es ist mystisch, ja surreal, rational so gar nicht zu greifen und zu begreifen. Der Orden folgt seinen ganz eigenen Regeln, das Medium laugt sich aus, setzt seine Krallen an, sie gehen verletzt und doch beseelt daraus hervor. Das hört sich geheimnisvoll an, eher noch unwirklich und übernatürlich, ja irrational. Ich kann kaum glauben, was hier steht und will doch wissen, wie es ihnen allen ergehen wird, wie weit sie noch gehen werden, gehen müssen. Bei so manchen Szenen möchte ich laut aufschreien, bin entsetzt ob der Grausamkeiten, ihre Rituale lassen mich hart schlucken.

„Unser Teil der Nacht“ ist in sechs ganz unterschiedliche Abschnitte gegliedert. Kurze und relativ lange, intensive und sehr informative Abschnitte, in denen man eine tiefe Liebe spürt wechseln sich ab mit gnadenloser Härte, in denen man keinerlei menschliche Regung mehr wahrnimmt, jede für sich hat ihren ganz eigenen Reiz.

Jede einzelne der hier agierenden Personen hat etwas Abstoßendes, keiner ist von Grund auf sympathisch, keinen möchte ich in mein Leben lassen. Und doch waren sie mir nahe. Zumindest einige davon auf eine ganz eigenartige Weise.

Mariana Enriquez erzählt von Argentiniens dunklen Zeiten. Von einem skrupellosen Orden, der durch grausame Rituale das Geheimnis des ewigen Lebens zu entschlüsseln versucht. Eine verstörende, alles einnehmende, zuweilen unerträgliche Geschichte die Zeit braucht, die nicht wie nebenbei gelesen werden kann.

Ein fesselnder Roman vor ernstem Hintergrund, der seine Leser fordert. Magisch, mystisch, einzigartig.

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Veröffentlicht am 06.04.2022

Eine Familiengeschichte mit viel italienischem Flair

Via Torino
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Schon der Titel weckt die Sehnsucht nach Bella Italia und das Cover, ein so typischer italienischer Ort, tut ein Übriges. Anja Leuthner erzählt in „Via Torino“ von drei Frauenschicksalen – eine deutsch-italienische ...

Schon der Titel weckt die Sehnsucht nach Bella Italia und das Cover, ein so typischer italienischer Ort, tut ein Übriges. Anja Leuthner erzählt in „Via Torino“ von drei Frauenschicksalen – eine deutsch-italienische Familiengeschichte.

Alles beginnt im Kreissaal und der Frau mit den wilden roten Haaren. Mit Eleonora, die für Gerechtigkeit kämpft, ihren eigenen Weg sucht, der mitunter ganz schön steinig ist. Rosalia, ihre Tochter hat einen ganz gehörigen Dickschädel, ihre Vergangenheit hält sie lieber verborgen, selbst ihre Tochter Milena – die Dritte im Bunde – dringt mit ihren drängendsten Fragen nicht zu ihr durch.

Die Lebensgeschichte von Eleonora, Rosalia und Milena erzählt die Autorin Stück für Stück. Nicht chronologisch, die Erzählstränge wechseln von 1969 bis 2018, dazwischen sind wir mit Rosalia um das Jahr 1995. Es dauerte schon eine Weile, bis ich mich zurechtfand. Kindheitsepisoden lösen sich ab mit erbitterten Arbeitskämpfen, allen vereint ist die Liebe zu Italien und – wie könnte es anders sein – zu den Italienern.

Alle drei sind sie starke Frauen, auch das Rebellische und sehr viel Stolz, der so manches Glück verhindert, ist ihnen gegeben. Gut sichtbar wird die Zeit, in der sie sich behaupten müssen. Ende der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war die Sicht auf die Gastarbeiter nicht gerade eine Versöhnliche, auch ihre Kinder bekamen den Hass und die Ablehnung zu spüren.

Das italienische Flair kommt gut durch, jede einzelne Figur hat seine ganz eigene Persönlichkeit, sie sind empfindsam, dem Leben zugewandt und zuweilen unnachgiebig. Es gab Passagen, die ich mir kürzer gewünscht hätte, aber je weiter ich las, desto intensiver wurde die Erzählung.

Eine schicksalhafte Zeitreise, die etwas holprig beginnt, um dann immer intensiver dem Duft Italiens nachzuspüren.

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Veröffentlicht am 03.04.2022

Giftige Geheimnisse

Die Rezeptur: Thriller
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Ich gestehe: Ich bin infiziert. Seit dem ´Puzzlemörder von Zons´ kann ich gar nicht anders als jedes neue Buch von Catherine Shepherd regelrecht zu inhalieren. Bastian Mühlenberg ist derjenige, der es ...

Ich gestehe: Ich bin infiziert. Seit dem ´Puzzlemörder von Zons´ kann ich gar nicht anders als jedes neue Buch von Catherine Shepherd regelrecht zu inhalieren. Bastian Mühlenberg ist derjenige, der es mir in ihren Zons-Thrillern am allermeisten angetan hat. Neben Oliver natürlich und all denen, die mich seit Jahren begleiten, deren Weg ich mit und in den Büchern dieser wundervollen Autorin immer wieder sehr gerne gehe.

500 Jahre liegen zwischen den beiden Erzählsträngen und doch weisen sie Gemeinsamkeiten auf. Geheimnisvolle Kräuter, der Traum der ewigen Jugend…

Kaum ist das Buch aufgeschlagen und die ersten Zeilen gelesen ist es mir nicht mehr möglich, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken. Der Prolog hat es gleich mal in sich und wirft Fragen auf – wer ist das und warum wurde dieser Person das angetan? Die Gegenwart führt in eine Schönheitsklinik, in der es hinter den Kulissen brodelt. Oliver Bergmann wird zu einem mysteriösen Todesfall gerufen, ein Wettrennen gegen die Zeit beginnt.

Der Blick zurück führt wieder in das Städtchen Zons, wir schreiben das Jahr 1503. Die Ordensbrüder im Franziskanerkloster müssen einen ihrer Mitbrüder zu Grabe tragen und wie sich herausstellt, ist dieser keines natürlichen Todes gestorben. Das ruft Bastian Mühlenberg auf den Plan, der mit seinem Spürsinn merkt, dass mehr dahintersteckt, er nicht locker lässt. Zumal es bei diesem einen plötzlichen Todesfall nicht bleibt und nicht nur innerhalb der Klostermauern, in denen ich mich gedanklich nicht nur einmal verlaufen habe, geht die Angst um.

Es waren wieder sehr intensive Lesestunden. Die Protagonisten sind mir alle ans Herz gewachsen, der mittlerweile 12. Band der Zons-Reihe besticht durch gut recherchierte Hintergrundinformationen. Ein wenig Privates darf natürlich auch nicht fehlen. Wohldosiert, sehr fein dazwischen gestreut. Wobei die telepathische Verbindung zwischen Bastian und Anna das ganz besondere Etwas ist. Nicht rational greifbar und doch so nah.

Ein Wort noch zum Cover – ein erster Blick darauf und man weiß, dass es ein Shepherd-Thriller ist. Perfekt! Was ich auch sehr gerne an Büchern mag, die in einem bestimmten Ort spielen ist, wenn ich eine erste Orientierung bekomme und dies ist hier mit dem Lageplan der Stadt Zons gegeben. So kann man immer mal wieder nach vorne blättern und ist nicht nur dabei, sondern mittendrin.

Mittendrin – das war ich wieder mit dieser sehr fesselnden, spannungsgeladenen und raffiniert gemixten ´Rezeptur´. Meine Reise zurück nach Zons und in eine Klinik im Hier und Heute, die Schönheit und Jugend verspricht, ist zu Ende. Mitreißend erzählt, so wie ich es von Catherine Shepherd gewohnt bin. Ein Thriller, der gelesen werden will, der mein Thriller-Herz höher schlagen lässt.

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Veröffentlicht am 31.03.2022

Von Abschied und Neuanfang

Für diesen Sommer
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Sommer, Sonne… Das Familienglück schien ungetrübt. Vater, Mutter und zwei Töchter, von denen die eine ziemlich bald ausscherte, dem idyllisch scheinenden Familienbild so gar nichts mehr abgewinnen konnte. ...

Sommer, Sonne… Das Familienglück schien ungetrübt. Vater, Mutter und zwei Töchter, von denen die eine ziemlich bald ausscherte, dem idyllisch scheinenden Familienbild so gar nichts mehr abgewinnen konnte. Und nun kommt sie zurück, die verloren geglaubte Tochter. Heinrich, ihr alter Vater ist gebrechlich und die andere Tochter überfordert. Franziska soll für ihn da sein – ob das gut gehen wird?

Nina Petri spricht den Part der Franziska, haucht ihr sehr viel Leben ein. Die Spannung zwischen Vater und Tochter ist deutlich spürbar. Franziska erzählt zwischendurch von ihren Lebensstationen, kramt in alten Erinnerungen und kümmert sich um Heinrich. Wolf-Dietrich Sprenger ist für Heinrichs Part zuständig. An ihn und seine Sprechweise musste ich mich erst gewöhnen, ich stellte mir einen sehr gebrechlichen alten Mann vor, was Heinrich nun mal ist. So gesehen ist Sprenger der richtige Sprecher für diese Rolle.

Die Geschichte entwickelt sich, gewinnt durch die Blicke in die Vergangenheit und entblößt ein Familiengeheimnis, das wohl niemals entdeckt worden wäre, hätte Franziska nicht ihr Elternhaus regelrecht entrümpelt. Vieles blieb ungesagt, Missverständnisse wurde hingenommen, nicht hinterfragt. Jeder war mit sich genug beschäftigt, hatte seine Träume, seine Ziele und Ideale, von denen nicht abgerückt werden konnte und wollte.

Gisa Klönne erzählt von Abschied und Neuanfang, von den Unzulänglichkeiten, denen wir alle irgendwann ausgesetzt sind. Vom sich eingestehen, gescheitert zu sein. Und doch schwingt Hoffnung mit in diesem Sommer.

Das Cover kommt sehr heiter daher, die windstille See lässt auf Harmonie und Leichtigkeit schließen, aber ist nicht oftmals der äußere Schein trügerisch?

Die Vergangenheit drängt sich unweigerlich auf. In Rückblenden höre ich von vielen Schuldzuweisungen – ist ein Neubeginn überhaupt möglich? „Für diesen Sommer“ lässt mich sehr nachdenklich zurück, in der Hörbuchfassung vom Argon Verlag intensiv erzählt von den beiden beeindruckenden Sprechern. Eine Geschichte, die nachhallt.

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