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Veröffentlicht am 05.10.2021

Ein falsches Spiel?

Die andere Tochter
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Toni entrümpelt Wohnungen, lebt in einem windschiefen Haus, das ihre Oma ihr vererbt hat. Bei einer dieser Wohnungsauflösungen bekommt sie Säure in die Augen, erblindet. Dank einer Hornhauttransplantation ...

Toni entrümpelt Wohnungen, lebt in einem windschiefen Haus, das ihre Oma ihr vererbt hat. Bei einer dieser Wohnungsauflösungen bekommt sie Säure in die Augen, erblindet. Dank einer Hornhauttransplantation kann sie wieder sehen und bald hat sie den Wunsch, näheres über ihre Spenderin zu erfahren. Kurz entschlossen schreibt sie einen Brief an deren Eltern, auch wenn sie weiß, dass dieser – wenn überhaupt – nur anonymisiert weitergeleitet werden darf. Bald jedoch erhält sie eine Antwort von Clara - sie ist die Mutter der Verstorbenen, auch die anderen Familienmitglieder lernt sie näher kennen.

Monate später findet in der Wohnung von Tonis Eltern ein Drama statt. Was geschah hier? So ist die Ausgangslage und dazwischen liegt die ganze ungeschönte Wahrheit, die tröpfchenweise an die Oberfläche dringt.

Auf zwei Zeitebenen, die vier Monate auseinanderliegen, wird das Vorher und das Danach abwechselnd erzählt, nähert sich an. Ausgehend von diesem Säureunfall verbindet die zwei Handlungsstränge zunächst nichts, haben aber jeder für sich mit dem Leben der Protagonistin zu tun. Das scheint immer wieder durch, ist aber noch so gar nicht recht greifbar. Und dann diese Vergangenheit – sie wird immer mehr zum Albtraum. Eine Suche nach der eigenen Identität, nach den Wurzeln, nach dem so lange Verschwiegenen. Ein schmerzhafter Weg, auch zu sich selbst, ein Suchen und vielleicht ein Finden. Nichts ist, wie es scheint und doch ist da etwas, das freigelegt werden will.

„Die andere Tochter“ - der Beginn ist interessant, es dauert jedoch etwas, bis ich mich zurechtfinde, die Figuren einigermaßen ein- und zuordnen kann. Je weiter ich lese, desto mehr fiebere ich dem Ende regelrecht entgegen. Weil ich weiß oder ganz stark vermute, dass da noch mehr sein muss, nämlich die ungeschönte Wahrheit. Über Jahre totgeschwiegen, aber doch immer da, ganz tief drin versteckt - und diese Wahrheit drängt mit aller Gewalt an die Oberfläche.

Das schon sehr vielsagende Cover lässt erahnen, dass da lauter Versatzstücke sind, die mühsam ineinandergefügt werden sollten, will man ein ganzheitliches Bild erhalten. Dass einige Puzzleteile fehlen, macht das Zusammensetzen nicht gerade leichter, jedoch wäre es wünschenswert, das gesamte Bildnis vor Augen zu haben, die tiefgründige Geschichte ganz zu erfassen. Und - ist das Buch ausgelesen, weiß man um dessen Bedeutung.

Mit den Augen der anderen… Wer spielt hier falsch? Spielt überhaupt jemand falsch oder ist Toni überreizt, sieht Gespenster? Ein Krimi, ein Psychothriller gar. Ein perfides Spiel, das schnell verloren werden kann, das jedoch einzig der ehrliche Spieler gewinnen sollte. „The future is female.“

„Die andere Tochter“ ist so anders, ist beeindruckend. Zu Anfang etwas langatmig, steigert sich das Tempo, um dem unerwarteten Ende wieder etwas zu viel Raum zu geben. Trotzdem hat mich dieser Roman gut unterhalten und gerne empfehle ich ihn weiter.

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Veröffentlicht am 30.09.2021

Interessantes Zeitzeugnis - genussvolles Hörerlebnis

Berlin Friedrichstraße: Novembersturm
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Luise, Ilse, Johannes, Robert und Ella – sie kennen sich von klein auf. In den 1920er Jahren beginnt diese schicksalhafte Erzählung mit Rückblenden in die Kindheit. Ella steht aufgrund ihrer einfachen ...

Luise, Ilse, Johannes, Robert und Ella – sie kennen sich von klein auf. In den 1920er Jahren beginnt diese schicksalhafte Erzählung mit Rückblenden in die Kindheit. Ella steht aufgrund ihrer einfachen Herkunft immer ein wenig abseits, trotzdem verlieren sie nie so ganz den Kontakt zueinander, auch wenn ihnen der Erste Weltkrieg gehörig in ihrer Lebensplanung dazwischenfunkt.

Ulrike Schweikert hat ein gelungenes Porträt einer Gesellschaft vorgelegt, deren junge Nachkommen aufbegehren, nicht in den alten Mustern und Rollen leben, sondern ihren Weg selbstbestimmt gehen wollen. Als Frau will sie sich behaupten ohne Ehemann im Hintergrund, den lesbischen Neigungen nachgehen, die bürgerlichen Normen durchbrechen. És sind die Ausnahmen, nicht jedem und jeder ist ein Leben jenseits dem Üblichen gegönnt. Und doch ist der Hunger nach Leben ist da, sie wollen sich amüsieren.

Der Krieg gerade mal vorbei, sind die Nationalsozialisten schon sichtbar. Neben viel Hunger und Elend ist auch die Glitzerwelt mit ihren Stars zu erahnen. Sowas wie Nebenrollen spielen hier Erich Kästner, Marlene Dietrich und noch so einige der damaligen Berühmtheiten. Das Schicksal zweier Familien, die Emanzipation der Frau einerseits und die alleinerziehende Mutter, das uneheliche Kind andererseits. Der aufstrebende Akademiker gegen das Schicksal eines Kriegsversehrten.

Hörend konnte ich der Handlung gut folgen auch und vor allem dank der von mir sehr geschätzten Sprecherin Sabine Arnhold. Sie schafft es, den einzelnen Charakteren Persönlichkeit mitzugeben, ihre Stimmungen akzentuiert der jeweiligen Situation anzupassen. Die Sprechpausen zwischen den einzelnen Kapiteln sind gut zu erhören, das gesamte Werk klar und angenehm wahrnehmbar.

Der Argon Verlag mit seiner Sprecherin Sabine Arnhold hat mir angenehme Hörstunden geschenkt. Ein interessantes Zeitzeugnis, ein einzigartiges Bauwerk, ein genussvolles Hörerlebnis, das ich sehr gerne weiterempfehle.

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Veröffentlicht am 30.09.2021

Schicksalhafte Jahre in Kriegszeiten

Die Übersetzerin
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Hedy, die junge österreichische Jüdin, glaubt hier auf der Insel Jersey ein von den Nationalsozialisten unbeobachtetes Leben führen zu können, jedoch ist dies ein Trugschluss. Bald sind die deutschen Besatzer ...

Hedy, die junge österreichische Jüdin, glaubt hier auf der Insel Jersey ein von den Nationalsozialisten unbeobachtetes Leben führen zu können, jedoch ist dies ein Trugschluss. Bald sind die deutschen Besatzer auch hier und für sie heißt dies, sehr vorsichtig zu sein. Ein Übersetzer wird gesucht und da Hedy fließend englisch neben ihrer deutschen Muttersprache spricht, bewirbt sie sich nach anfänglichem zögern. Als einzig fähige Kandidatin wird sie eingestellt, jedoch mit dem Vermerk, jüdisch zu sein. Zufällig begegnen sie sich: Hedy und Kurt – sie Jüdin, er Oberstleutnant, sie sehen sich, fühlen sich zueinander hingezogen, verlieben sich. Eine Liebe, die nicht sein darf in diesen Jahren der Naziherrschaft.

Eingebunden in das schwere Schicksal all jener, denen immer mehr weggenommen wurde, deren Rechte nach Gutdünken beschnitten und deren Existenz bedroht war, ist diese Liebesgeschichte. Spätestens als Kurt klar wird, was sie mit den Juden machen, weiß er, dass er sich mit schuldig macht. Einfach nur deshalb, weil er auf dessen Seite steht.

Dieser Roman beruht auf wahren Begebenheiten. Die Autorin hatte Zugriff auf Tatsachenmaterial und sie hat dieses wirklich Geschehene behutsam und gut lesbar aufbereitet. Die Schreckensherrschaft der Nazis, ihre Überheblichkeit gepaart mit dem unendlichen Leid der Bevölkerung und deren Überlebenskampf ist auf jeder einzelnen Seite glaubhaft dargestellt. Dazwischen die tiefen Gefühle, die im Verborgenen bleiben mussten – sie spiegeln das Leben unter dem strengen Regime der Deutschen wider.

Die beklemmende Grundstimmung in diesen Jahren der Besatzung war neben dem Kampfgeist und dem unbedingten Selbsterhaltungswillen, ja dem täglichen Überleben, genauso spürbar wie der Zusammenhalt der Zivilbevölkerung. Ein Thema, über das ich schon oft und viel gelesen habe, das aber nie vergessen werden darf.

Das sehr aussagekräftige Cover passt hervorragend zum gerade Gelesenen. „Die Übersetzerin“ ist ein gelungenes Zeitzeugnis, das ich zu lesen angefangen habe, es dann aber nicht mehr weglegen konnte und wollte. Und darum spreche ich eine klare Leseempfehlung aus.

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Veröffentlicht am 29.09.2021

Träume von einem besseren Leben

Wenn ich wiederkomme
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Moma lässt einen Brief an ihre Kinder zurück „…im Juli bin ich wieder da“. Und dann war sie wirklich da – mit vielen Geschenken. Aber bald ist der Sommer vorbei und sie muss zurück nach Mailand zu dem ...

Moma lässt einen Brief an ihre Kinder zurück „…im Juli bin ich wieder da“. Und dann war sie wirklich da – mit vielen Geschenken. Aber bald ist der Sommer vorbei und sie muss zurück nach Mailand zu dem alten Mann, für den sie sich abrackert. Daheim in Rumänien bleiben Manuel und Angelica, ihre Kinder. Das Geld ist immer viel zu wenig und was bleibt Daniela anderes übrig, als Arbeit im fernen Italien als Altenpflegerin anzunehmen.

Aus drei Blickwinkeln erzählt Marco Balzano von den Frauen aus Osteuropa, die ihre Familien zurücklassen müssen, um deren Auskommen zu sichern.

Manuel ist zwölf, schildert seine Sicht auf seine immer kleiner werdende Familie. Zunächst ist Moma weg, dann auch Papa, er transportiert Waren von A nach B in Polen und Russland. Minus zwei. Angelica geht in die Stadt zum Studieren. Minus drei. Übrig bleibt er, Manuel. Ohne den Lenker loszulassen, flog der mit dem Moped über die baumlose Landschaft. „Und jetzt wird es überall finster.“

„Hallo Salzkorn, träumst du?“ Moma sitzt am Krankenbett von Manuel, er liegt im Koma und sie erzählt ihm von ihrem Leben, von ihrer Zeit in Mailand und davor. Ein Jahr wollte Daniela bleiben, dann genug Geld haben, um in dieses Geisterdorf zurückzukehren - hierher nach Radeni, das sie in- und auswendig kennt, das sie vermisst. Sehr viel länger ist sie weggeblieben und in all den italienischen Jahren waren ihre Kinder sowas wie Waisenkinder.

Angelica kommt im letzen Teil zu Wort, sie sieht ihre Mutter sehr kritisch, macht ihr Vorwürfe, auch wenn sie durch deren Arbeit der Enge des Dorfes entfliehen und studieren kann. Eine gute Schulbildung ist Daniela wichtig und die nötigen finanziellen Mittel sind nun mal in Rumänien nicht zu bekommen.

Wer kennt sie nicht, die osteuropäischen Pflegekräfte? Die ihre Familien daheim lassen, ihre Kinder nicht aufwachsen sehen. Die Alten bleiben bei den Kindern und die Frauen überweisen das Geld in die Heimat. Mit viel Zuversicht kommen sie, um kurz zu bleiben und schnell erkennen sie, dass dieser Traum von einer besseren Zukunft bald ausgeträumt ist. Nur allzu oft werden sie illegal beschäftigt, es ist ein Leben am Rande der Gesellschaft. Im vermeintlich goldenen Westen werden sie meist Außenseiter bleiben und trotz harter Arbeit doch nie genug verdienen.

Ein Thema unserer Zeit, das Marco Balzano in diesem tieftraurigen, aber doch so lebendigen Buch eindrucksvoll erzählt. Die Geschichte der Familie Matei steht für die vielen Migranten, die gezwungen sind, wegzugehen. Um ein einigermaßen würdiges Überleben denen zu sichern, die daheimgeblieben sind - mit all denn Problemen und Schuldgefühlen der Weggegangenen.

Ein sehr lesenswertes Buch, das berührt und nachdenklich stimmt.

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Veröffentlicht am 29.09.2021

Einem Verbrechen auf der Spur?

Der Sucher
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Endlich kommt es hervor aus der Hecke. Trey, so heißt dieses wilde Geschöpf, das ihn beobachtet, nicht aus den Augen lässt. Was drängt dieses Kind zu Cal, dem ehemaligen Cop, der sich nach 25 Jahren aus ...

Endlich kommt es hervor aus der Hecke. Trey, so heißt dieses wilde Geschöpf, das ihn beobachtet, nicht aus den Augen lässt. Was drängt dieses Kind zu Cal, dem ehemaligen Cop, der sich nach 25 Jahren aus dem Polizeidienst zurückzieht. Ein altes, vermodertes Haus in Irland nennt er sein Eigen, will es auf Vordermann bringen. In Ruhe wollte er hier leben, fernab all der Gewalttaten im fernen Chicago und jetzt hat Trey ihm einen dicken Strich durch seine Pläne gemacht. „Mein Bruder Brandan ist verschwunden“ so viel bringt er endlich aus diesem wortkargen Trey heraus. Mam meint, er sei abgehauen, aber Trey glaubt, irgendwer hat ihn sich geschnappt, die Bullen werden nichts machen und nun ist Cal sein Hoffnungsschimmer. Auch wenn alles in Cal sich sträubt, so ist er bald tief drin, bringt diese allzu stummen Dörfler zum Reden, deckt so manch gut gehütetes Geheimnis auf, je tiefer er gräbt.

Tana French hat zwei Charaktere geschaffen, denen man nicht böse sein kann, auch wenn sie des Öfteren über die Stränge schlagen, sich nicht immer an Regeln halten. Cal ist der Aussteiger, dessen Privatleben ihm wegzudriften droht. Er hofft, hier seine Ruhe und nicht zuletzt sich selbst wiederzufinden. Trey, 13jährig, hat noch nicht viel Schönes erlebt, Brandan war dessen Stütze, war Familie.

Das irische Dorfleben, geprägt von so manch schrulligem Eigenbrötler, ist der Hintergrund dieses Romans, der auch als Krimi taugt. Tieftraurig und sehr lebendig, unglaublich emotional kommen diese Iren, kommt diese Suche daher, stur und wütend sind sie zuweilen, zu allem entschlossen. Das Gespann Cal / Trey war mir bald sehr vertraut, ich mochte sie beide. Sie haben mich gut unterhalten, auch wenn es nicht immer sanft - eher zuweilen derb - zuging. Der Schluss war stimmig, aber auch überraschend und in seiner Gänze ungewöhnlich.

Ein Wort noch zum Cover: Dunkle Wolken über der irischen Landschaft, windzerzaust. Hier braut sich etwas zusammen, nicht greifbar, bedrohlich. So sehe ich dieses gelungene Titelbild in Anlehnung an den lesenswerten Inhalt.

Mit „Der Sucher“ ist der irischen Autorin Tana French ein tiefer Blick in die Eigenarten derer gelungen, die so einiges zu verbergen haben, unter deren Oberfläche es zuweilen brodelt. Ein stimmungsvolles Porträt einer eingeschworenen Gemeinschaft inmitten wunderschöner Natur. Fesselnd geschrieben, sehr lesenswert.

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