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Veröffentlicht am 06.08.2025

Gesellschaftskritik par Excellence

Das Geschenk
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In Vorfreude schwelgend ersinnt Fuchs seine große Karriere im Bundestag. Er hat leicht einen sitzen, als er am frühen Morgen am Spreeufer entlang schlendert und selbstgefällig vor sich hingrient. Er zückt ...

In Vorfreude schwelgend ersinnt Fuchs seine große Karriere im Bundestag. Er hat leicht einen sitzen, als er am frühen Morgen am Spreeufer entlang schlendert und selbstgefällig vor sich hingrient. Er zückt sein Handy, lächelt gewinnend, hinter sich die Kuppel des Reichstages. Währenddessen badet in der Spree ein Elefantenbulle. Bezeugen könnte das derzeit nur ein Obdachloser, der viel zu früh unter der Brücke aufgewacht ist und seine Kippen vermisst.

Tag 1

Der Kanzler Hans Christian Winkler sitzt am Frühstückstisch und liest die Tageszeitung, die seine Gattin ihm, wie jeden Morgen, bereitgelegt hat. Säuerlich stellt er fest, dass seine Partei bei den letzten Umfragen deprimierende Werte eingefahren hat. Sein Handy reißt ihn aus dem Tief und als er rangeht, erfährt er, dass vier afrikanische Elefanten am Spreeufer gesichtet wurden. Er hört weiter, dass alle Elefanten der umliegenden Zoos auf Vollständigkeit geprüft wurden. Ein Mysterium. Er wird den Krisenstab zusammentrommeln müssen, die Bundeswehr wird es richten. Tatsächlich, aber das weiß Winkler zu diesem Zeitpunkt noch nicht, wurden inzwischen achtunddreißig Elefanten gezählt und der Schaden, den die Vielfraße in die Landschaft schneisen, wird ein erhebliches Loch in den Haushalt reißen.

Der botswanische Präsident Tebogo ruft im Bundeskanzleramt an und bedankt sich beim Kanzler höchstpersönlich für das Einfuhrverbot von Elfenbein. Er zeigt sich wenig erfreut darüber, dass über die Hälfte seines Landes Naturschutzgebiet ist. Er habe sich den Bitten des Westens gebeugt und muss seinen Bürgern nun erklären müssen, dass die gut geschützten Elefanten, mit einem Populationswachstum von jährlich sechs Prozent, über den Bürgern stehen. Und um sich angemessen dankbar zu zeigen, hat er Berlin nun 20.000 Elefanten geschenkt.

Fazit: Gaea Schoeters hat wieder zugeschlagen. Nach ihrem Erfolgsdebüt „Trophäe“ hat sie eine Inszenierung geschaffen, die sich mit den aktuellen politischen Ereignissen auseinandersetzt und folgenschwere Entscheidungen anprangert. Sie zeigt mithilfe eines allwissenden Erzählers im Eilschritt, welche Bedeutung freilaufende Elefanten in der Zivilisation bekommen und entwickelt ein Schreckensszenario. Gleichzeitig zeigt sie eine Kette von Entscheidungen in der Politik. Wie man andere Länder in schwierige Situationen bringt, um im eigenen Land die Wählerinnen bei Laune zu halten. Die Schwierigkeit, gegen eine rechte Partei anzustinken, um zu verhindern, dass die Bürgerinnen ihr die Mehrheit schenkt. Wie Politikerinnen, die nicht feminin genug sind aber anpacken können, vor einen Karren gespannt werden, um ihn aus dem Dreck zu ziehen. Die Autorin lässt eine Expertin von Talk Show zu Talk Show ziehen und trifft enorm den Zeitgeist. Vieles an dieser Geschichte hat mich an die mediale Erstattungsgeilheit während Corona erinnert, doch es gab auch Parallelen zur Asylpolitik 2015. Und außerdem habe ich ganz viel über das Sozialverhalten im Matriarchat von Elefanten erfahren, wovon wir uns als Gesellschaft ruhig etwas aneignen könnten. Das war Gesellschaftskritik par excellence und ich bin froh, dass Gaea Schoeters frischen Wind in einige Köpfe bringen wird. Das hat mir richtig Spaß gemacht.

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Veröffentlicht am 04.08.2025

Konfliktreiche Beziehungen

Haralds Mama
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Haralds Mama und seine Freundin treffen sich auf dem Flughafen in der Pampa, um Harald abzuholen. Noch scheint unklar, mit wem er gehen wird. Die Freundin hat im Anschluss an Haralds Reha einen kurzen, ...

Haralds Mama und seine Freundin treffen sich auf dem Flughafen in der Pampa, um Harald abzuholen. Noch scheint unklar, mit wem er gehen wird. Die Freundin hat im Anschluss an Haralds Reha einen kurzen, wenn möglich erholsamen Spa-Aufenthalt gebucht, die Mama findet das unnötig und teuer. Die Freundin sinnt darüber nach, ob sie ihr kleines Vermögen damit rechtfertigt, dass sie den Betrag zusammengehurt oder einen Blancokredit aufgenommen hat oder doch bei der letzten Steuererklärung begünstigt wurde. Die Mama wird mir Harald auf die „Insel“ fahren und dort werden sie es sich ein,- zwei oder auch drei Wochen gemütlich machen. Das wolle sie an dieser Stelle einmal sagen. Die Freundin habe ihre Zeit unnötig verschwendet.

Ding Dong: „Der Flug aus Strömme verspätet sich wegen vereister Fahrbahn um eineinhalb Stunden“.

Die Freundin empfindet unspezifisches Entsetzen bei der Vorstellung, sich noch länger von einer alten Vettel anstinken zu lassen. Sie späht nach einer Nische, wo sie sich verstecken und leise weinen kann.

Es erstaunt sie selbst, dass sie sich in Harald verliebt hat. Wäre er ein Hund, dann ein Golden Retriever.

So einer, der voller Lust auf das Agility Feld galoppiert, um dann ohne Vorwarnung von der Hindernisbahn abzubiegen, weil er einen Tennisball erspäht hat, wie blöd loszurasen, und stolz und überglücklich mit einem riesigen Stock wiederzukehren. S. 21

Zum Ende seines Jurastudiums wollte er für Gerechtigkeit kämpfen und dann das Amt des Richters besetzen. Sein Vater hatte in Nicaragua für Demokratie und sauberes Wasser gekämpft und war zehn Jahre zuvor bei einem Autounfall ums Leben gekommen. Er war Haralds Trauer. Seine Mutter war genau das Gegenteil, praktisch, bodenständig und furchtbar effizient, hatte Harald ihr zufrieden erklärt.

Fazit: Johanna Frid hat ein effektives Kammerspiel geschaffen. Sie konzentriert sich auf drei Menschen, die innerhalb ihrer Beziehung konfliktreich aufeinandertreffen. Da ist zum einen Harald mit seinen psychischen Störungen und einer rasanten Talfahrt in die Psychopharmakaabhängigkeit. Die Hauptfigur, aus deren Sicht alles erzählt wird, die selbst psychisch labil und gesundheitlich angeschlagen ist und die kontrollierende, übergriffige Mutter, die sich nicht von ihrem Sohn lösen kann. Die Geschichte lebt von Momentaufnahmen, der Interaktion zwischen Mutter und Freundin und den Rückblicken der Freundin, die das ganze Drama ihrer Beziehung sichtbar machen. Die Sprache ist roh, die Gedanken der Protagonistin bissig und amüsant. Sie schluckt vieles runter, das augenscheinlich zu gemein ist und das Gewicht hätte den Konflikt richtig anzufachen. Die Autorin hat ein Händchen dafür, das ganze Drama einer Abhängigkeit mit allen Vertrauensbrüchen und Unzurechnungsfähigkeiten spürbar zu machen. Alle Beteiligten sind unsympathisch, wie im echten Leben und das befähigt mich als Leserin auf die Metaebene zu gehen und genüsslich von außen auf die Szenerie zu schauen. Die mehrfach ausgezeichnete Autorin hat eine einzigartige Stimme und kluge Gedanken und ich freue mich schon jetzt auf ihr nächstes Buch.

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Veröffentlicht am 31.07.2025

Eine toxische Beziehung

Bittersüß
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Richard Aveling, Mitte Fünfzig, grau melierte Schläfen mit dichtem schwarzen Haar. Er ist der Vorzeigeautor des Verlags Winden & Shane und Charlie bewundert ihn schon seit Jahren. Sie hätte nie geglaubt, ...

Richard Aveling, Mitte Fünfzig, grau melierte Schläfen mit dichtem schwarzen Haar. Er ist der Vorzeigeautor des Verlags Winden & Shane und Charlie bewundert ihn schon seit Jahren. Sie hätte nie geglaubt, dass sie ihm einmal leibhaftig begegnen würde. Doch dann steht er vor ihr, als sie die Hintertür des Verlags aufstößt, um eine Zigarette zu rauchen. Charlie bewarb sich mit zweiundzwanzig, jetzt arbeitet sie seit einem Jahr dort als Assistentin der Pressearbeit unter ihrer direkten Vorgesetzten Cecile.

Ihre beste Freundin Ophelia bot ihr für kleines Geld ein Zimmer in einem Haus ihrer Eltern an. Schöner hätte sie im teuren London nirgendwo wohnen können. Jetzt wohnen sie mit Eddy in einer WG. Alle arbeiten bei Winden & Shane, kochen jeden Abend miteinander, besuchen Partys und tauschen sich über den neuesten Verlagsklatsch aus. Das hätte Charlie sich nicht träumen lassen, als sie aus dem Haus ihres Stiefvaters ausgezogen ist. An ihren richtigen Vater hat sie keine Erinnerung mehr, ihre Mom trennte sich frühzeitig und heiratete wieder. Auch das Bild ihrer Mom, ihr Geruch verblasst langsam. Sie starb, als Charlie sechzehn war.

An einem für London typischen regnerischen Montagmorgen schickt Cecile Charlie zu Avelings Wohnung, damit sie ihm die Druckfahne seines neuen Buches bringt. Cecile möchte, dass Charlie keinesfalls seine Wohnung betritt, aber dann bittet er sie mit nach oben zu kommen und lädt sie zu einem Kaffee ein. Sie kommen ins Gespräch und Charlie kann nicht anders, als diesen attraktiven, erfolgreichen Mann zu verehren.

Ich wollte locker und unkompliziert rüberkommen, ihm nicht zeigen, wie ich eigentlich war, ein nervöses Mädchen, das es allen recht machen wollte. S. 111

Fazit: Hattie Williams ist mit ihrem Debütroman etwas Besonderes gelungen. Sie lässt ihre Ich-Erzählerin die Vergangenheit rekonstruieren und schafft mit dieser fiktiven Geschichte eine Nähe von autobiografischer Schönheit. Die emotional labile Charlie trifft einen exzentrischen, verheirateten Mann, der ihr Vater sein könnte. Ihre Bedürftigkeit nach Sicherheit und das Bedürfnis, gesehen zu werden, treibt sie in eine Affäre, die er forciert. Sie ist ihm weder körperlich noch emotional gewachsen. Die Intension des Autors bleibt für Charlie nebulös. Im Laufe der Affäre spaltet er sie von ihren Freunden ab und treibt sie in die Isolation. Entweder er blockt ihren Wunsch zu reden ab, oder er erregt ihr Mitgefühl. Letztendlich geht es nur darum, sein Ego zu streicheln. Er wird größer und wichtiger, sie kleiner. Eine toxische Beziehung par excellence, die sich so subtil entwickelt, dass auch ich als Außenstehende zwischenzeitlich meine Zweifel an der Nichtaufrichtigkeit Avelings hatte. Das vorauszusehende Ende der Liaison ist grausam und weckt tiefes Mitgefühl und das Ende des Buches ist so berührend und heilsam. Die Autorin beherrscht die Kunst, sich ganz tief in ihre Figuren hineinzuversetzen und alle Gefühle zu zeigen. Auch das Thema Depression hat sie bestens umgesetzt. Chapeau, das hat mich unglaublich gut unterhalten

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Veröffentlicht am 30.07.2025

Spritzige, trashige Unterhaltung

Single Mom Supper Club
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Tamara ist oft mit ihren Kindern Anna, Charlie und Piper auf dem Spielplatz am Dreiländereck Kreuzberg, Neukölln, Treptow. An einem der Nachmittage stößt sie zu den Momfluencerinnen Lexi, Sascha, Nana ...

Tamara ist oft mit ihren Kindern Anna, Charlie und Piper auf dem Spielplatz am Dreiländereck Kreuzberg, Neukölln, Treptow. An einem der Nachmittage stößt sie zu den Momfluencerinnen Lexi, Sascha, Nana und Tugba. Sie haben sich über Insta mit ihr verabredet. Sascha ist voll schön mit ihren langen, glatten Haaren und dem coolen Styling, aber eigentlich sehen sie alle super aus und sie sind jung. So jung, dass Tamara sie in eine Zeitmaschine setzen und ihnen „die Pille danach“ in ihre Cornflakes rühren möchte. Sie fotografieren ihre Kinder beim Spielen, beim Essen und Schlafen und laden die Bilder bei Insta hoch. Alles ist nice, hell und sauber. Tamara und ihre Freundinnen vom Supperclub Antje, Kayla und Lina nennen die vier Grazien die „Cocaine Moms“. Sie sind ganz sicher die Insta-Royalties Berlins.

Manchmal fragt Tamara sich, warum sie mit Antje befreundet ist. Sie ist die einzige deutsche in der Gruppe und sie ist ätzend kritiksüchtig. Die anderen mögen sie auch nicht. Sie passt manchmal auf ihre Kinder auf, okay, hilft ihr bei der Ausländerbehörde und den Formularen, aber sie würde sie auch jederzeit problemlos beim Finanzamt anschwärzen, wenn sie wüsste, dass Tamara schwarzarbeitet.

Jochen hasst alles an Sad-Lina, ihre Haare, wie sie sich kleidet, wie sie redet, wie sie ihr Brot schneidet. Er hasst seine Arbeit, die Wohnung, in der sie leben und vor allem hasst er Georgie, Sad-Linas Sohn, der nicht von ihm ist. Sie ist froh, dass Jochen sich um sie kümmert, aber manches Mal, nach einem von Jochens Wutausbrüchen, fragt sie sich auch, ob sie eine toxische Beziehung haben.

Kayla muss zum Elternabend. Ihre Tochter Lucia braucht mehr Struktur, sagen die Lehrkräfte unisono. Es müsse jemand z Hause sein, wenn Lucia aus der Schule käme, jemand, der sie bei den Hausaufgaben unterstützt. Wie sie das schaffen soll, will Kayla wissen, wenn sie im Wechsel kellnert und putzt, um zu überleben.

Fazit: Jacinta Nandi hat eine Parodie geschaffen, die auf sarkastische Weise die gesellschaftlichen, strukturellen Beschränkungen alleinerziehender Mütter aufzeigen. Sie hat sich auf acht Frauen konzentriert, deren kultureller Hintergrund sehr unterschiedlich ist. Sie zeigt, welche Erwartungen auf Müttern lasten, ganz egal, ob sie Erziehung und Lebensunterhalt alleine stemmen müssen. Die einen versuchen durch Selbstoptimierung, Betäubungsmittel und der Hoffnung einen reichen Mann zu finden zu überleben, die anderen durch Schwarzarbeit. Der Supper Club ist der Berührungspunkt, der sie alle zusammenbringt, hier wird gekocht, gekokst und getrunken. Die Autorin hat die unterschiedlichen Charaktere großartig ausgearbeitet. Die Dialoge waren spritzig und die Sprache trashig. Die Geschichte an sich war mir zu oberflächlich, die Figuren teils stereotyp, was sicher beabsichtigt ist. Da waren einige schonungslos gezeigte Szenen, die mich haben schlucken lassen. Ich bin mir allerdings sicher, dass mein Lesevergnügen geschmälert wurde, weil ich den Humor nicht verstanden habe, denn das Buch hat viele Spitzenbewertungen bekommen. Wer also einen locker flockigen Unterhaltungsroman sucht, statt wie ich in Sinnfindung zu schwelgen, der möge dieses Buch lesen.

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Veröffentlicht am 29.07.2025

Transgenerative Traumata

Evil Eye
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Yara fühlt die Worte, die sie nicht aussprechen kann, wie ein Brennen unter der Haut. Sie weiß nicht, woran es liegt, aber sind sie erst ausgesprochen, scheinen sie ihre Bedeutung zu verlieren. Deshalb ...

Yara fühlt die Worte, die sie nicht aussprechen kann, wie ein Brennen unter der Haut. Sie weiß nicht, woran es liegt, aber sind sie erst ausgesprochen, scheinen sie ihre Bedeutung zu verlieren. Deshalb schweigt sie meistens.

Auf dem Dach eines Gebäudes, einer überfüllten Unterkunft im Westjordanland, zeigte Yaras Großmutter Teta, Yaras Mutter Meriem, das Kaffeesatzlesen. Teta war eine anerkannte Koryphäe, die auch mit großem Geschick auf der Terrasse Obst und Gemüse anbaute. Und an Meriems Hochzeitstag las Teta endlich auch aus ihrer Tasse, doch der Blick in das Porzellan verhieß nichts Gutes. Meriem bekäme viele Kinder und müsse Hürden überwinden. Tete umarmte ihre Tochter weinend. Der Verlust brannte in der Kehle und stach ins Herz. Am nächsten Tag würde Meriem mit ihrem Mann nach Amerika fliegen und von einer Gesangskarriere träumen. Tete legte ihr die goldene Kette mit Fatimas Hand um den Hals, sie werde sie vor dem bösen Blick schützen.

Fadi macht sonntags frei, dann kommen seine Eltern zum Essen. Yara rauscht dann im Eiltempo durchs Haus, um Bäder und Fliesen zu schrubben. Danach kocht sie ein mehrgängiges Menü, das erwartet ihre Schwiegermutter von ihr. Und sobald Nadja die Wohnung betritt, kontrolliert ihr strenger Blick, ob Yara all ihren Pflichten nachgekommen ist. Nadja will, dass es ihrem Sohn gut geht, dass es ihm an nichts fehlt. Fadi, die beiden Mädchen und ihr Job als Dozentin für Kunst belasten sie, aber sie will ihre Arbeit nicht aufgeben, sich einen Rest Eigenständigkeit bewahren. Sie wird keinesfalls zulassen, dass sie wie ihre Mutter ans Haus gefesselt ist. Doch dann fühlt sie sich an der Uni angegriffen und schimpft eine Kollegin als Rassistin.

Fazit: Etaf Rum hat eine Geschichte über die Auswirkungen transgenerativer Traumen geschaffen. Sie schreibt fiktional über Vertreibung und Migration. Über das Fremdsein, die Entwurzelung mit sich bringt, aber auch über Aberglaube und Gottergebenheit. Yaras Eltern waren von Palästina nach Brooklyn ausgewandert. Yara leidet unter Alltagsrassismus und Vorurteilen, aber auch unter dem kulturellen und religiösen Druck der kleinen arabischen Gemeinde, der sie angehört. Die Autorin lässt ihre Protagonistin in einer Familie aufwachsen, in der die Rollenbilder klar verteilt sind. Sie sieht jahrelang die Misogynie des Vaters gegen die Mutter. Der Tenor, der ihre Kindheit begleitet, ist, dass Frauen nichts wert sind und jederzeit Schande über die Familie bringen können, dann entweder verbannt oder willkürlich bestraft werden. So wie Yaras Selbstwert leidet, steigt ihr Misstrauen. Mit kurzen Wutausbrüchen versucht sie sich Luft zu verschaffen, wird dann jedoch in erheblichem Maß verurteilt. Letztendlich findet sie sich in einer ebenso toxischen Beziehung wieder wie alle Frauen vor ihr. Ich mochte die Geschichte sehr, weil sie genau die Schieflage verständlich macht, in die Frauen in patriarchalen Kulturen geraten. Ein wichtiges Thema finde ich. Der Roman hatte einige Längen und Wiederholungen und eine entsprechende Streichung einiger Passagen hätte mein Lesevergnügen durchaus verbessern können. Doch im Grunde ist der Autorin ein grundsolider Roman mit einem bewegenden Ende gelungen.

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