Lebendiger und lesenswerter Briefroman
Über den Hass hinweg. Briefe zwischen Tel Aviv und TeheranSohrab kommentierte eines ihrer Instagram-Postings. Es dauerte nicht lange, bis sie begriff, dass er ihr aus dem Iran auf ihren Account #gutenmorgentelaviv schrieb. Zwischen ihnen lagen knapp zweitausend ...
Sohrab kommentierte eines ihrer Instagram-Postings. Es dauerte nicht lange, bis sie begriff, dass er ihr aus dem Iran auf ihren Account #gutenmorgentelaviv schrieb. Zwischen ihnen lagen knapp zweitausend Kilometer. Es machte sie stutzig, dass er sich so freundlich aus Teheran meldete. Israel online zu unterstützen galt in Iran als Verbrechen.
Nach dem Angriff der Hamas am 7. Oktober 2024 (finanziert und militärisch ausgerüstet durch den Iran) ist Sohrab einer der wenigen, die ihr echtes Mitgefühl schenken. Sie vermisst das bei ihren weltweiten, aber vor allem deutschen Freunden. Die Deutschen, die sie nicht frontal angreifen und ihre Nachtruhe rauben, halten sich einfach zurück. Sie hat Muskelschmerzen, eigentlich 7. Oktober-Schmerzen. Ihre Physiotherapeutin sagt, dass die Faszien, die Muskeln und Bindegewebe umhüllen, emotionalen Stress speichern und ermüden. Mit diesem Phänomen kämen jetzt viele zu ihr.
Sie schreiben sich E-Mails, weil das für Sohrab sicherer ist. Er schreibt von seiner Depression und seinem Wunsch zu sterben, weil er die Zustände in seinem Land nicht mehr erträgt. Seit dem Angriff des IR (Islamische Republik Iran) auf das US-Militär in Jordanien und Syrien ist der US-Dollar sprunghaft angestiegen. Die Preise seien in den letzten Jahren um das 12-15-fache gestiegen. Alle haben Angst. Es ist gefährlich, in der Öffentlichkeit über die Mullahs zu reden. Die Unberechenbarkeit des Systems bereitet ihm Panikattacken. Trotz der Women-Life-Freedom-Bewegung ist es immer noch brandgefährlich, ohne Hidschab auf die Straße zu gehen. Zur Zeit verbiete man Frauen ohne Kopfbedeckung das Autofahren.
Fazit: Die Autorin Katharina Höftmann Ciobotaru wurde in Rostock geboren, konvertierte zum Judentum und zog mit ihrem Mann nach Tel Aviv. Der Autor Sohrab Shahname (Pseudonym) wurde im Iran geboren und lebt in Teheran. Beide tauschten sich über sechs Monate per E-Mail aus und es entstand eine Freundschaft, die auf gegenseitigem Verständnis, der Sorge um die/den andere*n und tiefem Mitgefühl für die jeweilige Lebenssituation. Katharina erzählt über ihre Zerrissenheit in einem Land zu leben, das eine so andere Kultur lebt als ihre Deutsche. Sie liebt Tel Aviv und ihre Freiheit, die Menschen, die trotz aller traumatischer Erfahrungen ihr Leben feiern, als wäre es der letzte Tag. Sie lebt in einem freien Land, das täglich angegriffen werden kann. Sohrab lebt in einer Diktatur, in der noch immer Menschen gesteinigt werden. Durch Katharina kann ich den Schmerz, die Verzweiflung und die tiefe Trauer verstehen, die der Hamasangriff am 7. Okt. hinterließ. Eine perfidere öffentliche Zurschaustellung, (gefilmte Massenvergewaltigung, Abtrennung von Gliedmaßen) von Hass hat die Welt zuvor noch nicht gesehen. Ebenso schwer wird mein Herz, wenn ich mir Sohrab in einem Land vorstelle, in dem er für die Korrespondenz mit Israel getötet werden würde, erführen es die richtigen. Diese Zustände sind alle en détail gezeigt. Doch nicht nur das. Ich erfahre ganz viel über beide Kulturen, über Musik, Essen, Filme und Architektur. Sohrab schreibt auch viel über die Politik in seinem Land und die geschichtlichen Ereignisse. Und genau da liegt für mich die Krux. Es ist nicht zu leugnen, dass Iran seit Jahrzehnten extremen Machtmissbrauch am Volk begeht, beherrscht von irren Allmachtsfantasien und Größenwahn. Sohrab kritisiert die Herrscher seines Landes und riskiert dafür verschleppt oder getötet zu werden. Von der Autorin hätte ich mir auch etwas mehr Kritik an der eigenen Regierung gewünscht. Zum Beispiel über die Siedlungspolitik auf palästinensischem Gebiet wurde kein Wort verloren. Nichtsdestotrotz ist dieses Buch absolut lesenswert und lebendig erzählt.