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Veröffentlicht am 22.05.2026

Zeitzeugnis

Oma Jever
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Emma Lüttjes aus Jever hat zwei Kriege überlebt. Eigentlich hätte sie zur Sängerin ausgebildet werden sollen, aber ihr Vater mochte aus ihr lieber eine gute Partie machen und so ging sie auf die Haushaltsschule. ...

Emma Lüttjes aus Jever hat zwei Kriege überlebt. Eigentlich hätte sie zur Sängerin ausgebildet werden sollen, aber ihr Vater mochte aus ihr lieber eine gute Partie machen und so ging sie auf die Haushaltsschule. Um ihr praktisches Können zu vertiefen, schickte die Familie sie für sieben Jahre nach Düsseldorf. Dort wurde sie von Hilde im Putzen, Kochen und Handarbeiten angelernt.

1933 wurde der Aufstieg der NSDAP in Jever (Niedersachsen) gefeiert, wie nirgends sonst in Deutschland. Schon 1930 erlangten sie bei den Reichstagswahlen 39,7 %, deutschlandweit dagegen nur 18,3 %. 1931 bei der Rede Hitlers in der fahnengeschmückten Reithalle wurde er gefeiert wie ein heutiger Popstar. Das jeversche Wochenblatt verkündete danach frenetisch:

…der nationalsozialistische Führer ist nicht nur an Ideen, Kraft, sondern auch an Klugheit, Besonnenheit und unbeirrbarer Zielklarheit vielen Staatsmännern von heute turmhoch überlegen. S. 17

1934 wurde der Jude Fritz Levy wegen Unzucht mit einem deutschen Mädel in Haft genommen, da war Emma schon zum dritten Mal schwanger.

Emma und ihr Mann Gepke hielten Hühner, Lämmer, Kaninchen und Schweine. Im Nutzgarten spross das Wurzelgemüse und die Obstbäume trugen reichlich Früchte. Obwohl Gepke an die Front musste, hatte Emma durch viel Fleiß und die Unterstützung ihrer Töchter und ihres Vaters ein gutes Auskommen während des Krieges.

Fazit: Der 1962 geborene Autor und Satiriker Gerhard Henschel hat mit diesem Briefroman seine Familie geehrt und ein Zeitzeugnis geschaffen, das ich so noch nicht gelesen habe. Am Ende gelingt ihm ein Gesamtbild über die Menschen und die Umstände dieser Zeit, dabei schließt er auch die unangenehmen Wahrheiten (sein Opa hat sich als Herrenmensch aufgespielt, nachdem er durchs Warschauer Ghetto gefahren ist) nicht aus. Interessant fand ich, wie leicht es für diesen verrückten (aus heutiger Sicht) Mann Adolf Hitler war, so viele Menschen für sich zu gewinnen und wie dissoziativ der Großteil der Bevölkerung war, entweder so zu tun, als seien die Plünderungen, Enteignungen, Deportationen richtig oder als gäbe es sie nicht. Zu sehen, wie schon mit dem verlorenen 1. Weltkrieg der Grundstein für diese Katastrophe gesetzt wurde, beeindruckt mich. Zu verstehen, wie viel Trauma aus dieser Zeit bis in meine Generation geschwappt ist, erschreckt mich. Während des Lesens wurde mir bewusst, wie viel Kriegssprech sich bis in mein Vokabular geschlichen hat. Der Autor erwähnt auch immer wieder am Rande, wie die „Entnazifizierung“ gescheitert ist und Verantwortliche nach der Kapitulation um neue Pöstchen geschachert und ihre Pfründe gesichert haben. Tja und Emma (Oma Jever) wird so nett erzählt. Sie war fleißig, akkurat, stets freundlich und nützlich, wie die deutsche Frau eben erzogen wurde. Ein unterhaltsames, gut recherchiertes Zeitzeugnis, das ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 19.05.2026

Der Autor hat mich frühzeitig verloren

Grünkohl und Curry
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1974 sind Hasnains Eltern von Pakistan nach Deutschland gezogen. Vor den Toren Hamburgs in Twielenfeeth sollten sie ein Zuhause finden. Doch die Willkür der Ausländerbehörde hat es ihnen nicht leicht gemacht ...

1974 sind Hasnains Eltern von Pakistan nach Deutschland gezogen. Vor den Toren Hamburgs in Twielenfeeth sollten sie ein Zuhause finden. Doch die Willkür der Ausländerbehörde hat es ihnen nicht leicht gemacht und die anpassungsfähige Familie mehrfach mit Ausweisung bedroht.

Nach fünfzig Jahren in Deutschland hat der Vater das Bedürfnis, seine Heimat wiederzusehen und so macht er sich mit seinem Sohn auf die lange Reise nach Lucknow. Endlich im Afzal Mahal angekommen, erkennt der Vater den Brunnen in der Mitte des Hauses wieder. Er ist stillgelegt, weil es längst fließendes Wasser gibt. Vieles hat sich verändert, mehrere Anbauten sind entstanden. Die Wohnräume zur Straße sind an Geschäftsleute vermietet. Die Straße vor dem Haus wurde zur Hauptverkehrsader. Ihre Ankunft hat sich herumgesprochen. Am Abend kommen alle ansässigen Verwandten, um sie willkommen zu heißen.

Die Schwester des Vaters erinnert sich an die schreckliche Zeit, als der Vater noch klein war und das alles wegen des Pfeffers. Ende des 16. Jahrhunderts kontrollierten die Niederländer den Gewürzhandel und hoben die Pfefferpreise an. Die aufsteigende Großmacht Britannien wollten sich dem Pfefferdiktat nicht beugen und wurden zuerst Handels- dann Kolonialmacht. 1757 unterwarfen die gierigen Briten Indien und boten die Spanier und Franzosen aus. 1857 probten indische Infanteriesoldaten innerhalb der britischen Armee einen Aufstand (Sepoy-Aufstand). 70 Jahre später startete der Rechtsanwalt Mahatma Gandhi symbolische Aktionen zum Ausdruck indischer Gewaltfreiheit und Beharrlichkeit, um die Briten zum Abzug zu bewegen.

Fazit: Der Autor und mehrfach ausgezeichnete Journalist, Hasnain Kazim, hat mich auf eine Reise eingeladen, von der ich frühzeitig abgesprungen bin. Ich habe das Buch auf Seite 67 abgebrochen, weil ich auf dem nicht uninteressanten, aber beschwerlichen Weg durch die Historie sowohl Orientierung als auch Geduld verloren habe. Die Geschichte des Kolonialismus finde ich wichtig, aber der Stil der Dokumentation ist unendlich dröge. Die vielen indischen Namen ließen mich immer wieder zurückblättern. Ich hätte mir ein wenig mehr Prosa gewünscht, stattdessen bekam ich, zumindest bis zu dem Punkt an den ich es geschafft hatte, journalistische Trockenheit vorgesetzt. Und ich liebe gute journalistische Artikel, wie ich sie im Spiegel finde und weiß, dass man die Dinge auch interessant beschreiben kann. Wie dem auch sei. Das Buch erschien erstmals 2009 und wurde von Penguin in überarbeiteter Form neu verlegt.

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Veröffentlicht am 18.05.2026

Hat mich nicht überzeugt

Richtig großes Glück
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Im ersten Semester des letzten Studienjahres wertet sie Statistiken aus und sitzt stundenlang vor dem Bildschirm, um sich Videos von Kleinkindern anzusehen. Die Studie will beweisen, dass ein Kind, das ...

Im ersten Semester des letzten Studienjahres wertet sie Statistiken aus und sitzt stundenlang vor dem Bildschirm, um sich Videos von Kleinkindern anzusehen. Die Studie will beweisen, dass ein Kind, das öfter nach Gegenständen greift, schneller sprechen lernt als die Desinteressierteren. So richtig will sie sich immer noch nicht in das Studium der Psychologie einfinden.

Sie hasst die Literary Society, weil sie sich nicht einbringen kann, obwohl sie gerne genauso eloquent wäre wie ihre Kommilitoninnen, stattdessen trinkt sie stundenlang den billigen Rotwein aus Plastikbechern, bis sie öfter als sonst gegen Tischbeine stößt. Ihre Mitstreiterinnen erzählen schlimme Sachen von Tutoren und sie fragt sich, warum ihr noch nie etwas Ähnliches passiert ist. Sie scheint niemandes Typ zu sein.

In der Gemeinschaftsküche im Wohnheim trifft sie zum ersten Mal auf Luke, der sich ein Curry kocht. Wieder auf ihrem Zimmer schaut sie sich ausgiebig sein Facebook-Profil an. Ein wirklich netter Typ, der überall immer Spaß zu haben scheint und eine Freundin. Und dann sitzt Luke weinend vor ihr, weil seine Freundin ihn verlassen hat und überfordert sie.

Mein Leben lang war ich davon überzeugt, Gefühle seien die Produkte intellektueller Metanarrative, die Menschen um ihr Leben herum konstruieren, um Bedeutung zu erzeugen und das Leben auf ein menschlicheres, edleres Niveau zu heben. S. 36

Fazit: Harriet Armstrong hat in ihrem Debütroman eine namenlose studierende Protagonistin der Generation Z erzeugt, die Schwierigkeiten hat, sich in ihr Leben und die Welt einzubringen. Sie fühlt nichts außer ihre eigene Unzulänglichkeit. Völlig verkopft und verschlossen bleibt sie überall außen vor und dann trifft sie den lässigen Luke und beginnt eine einseitige Obsession. Der Roman wurde im Klappentext als furioses Debüt mit den Worten „scharfsinnig und herrlich ironisch“ verkauft. Das habe ich so leider nicht erlebt. Auf mich traf eine ellenlange Litanei des „Ich bin nichts und kann nichts“ und ich gebe zu, das kann, sofern herrlich literarisch verarbeitet, eine feine Leseerfahrung sein. Hier jedoch traf ich auf eine Atmosphäre, die ich am ehesten J.D. Salingers „Fänger im Roggen“ zuordnen würde, den die Protagonistin auch mehrfach erwähnt. Die Stimmung ist dystopisch und bleibt es bis zum Schluss. Einige Wortwiederholungen wie schlechtes Gewissen (bis Seite 19 schon 6x) zeugen nicht von Qualität. Die Tatsache, dass sie aus ihrem Zimmer rausmusste und es geräumt hat, um einige Seiten später wieder hineinzuspazieren und die Blumen zu gießen, ist nicht stringent. Ein paar Bilder hätten der Geschichte auch guttun können, denn ich hätte gerne erfahren, wie die Protagonistin aussieht. Statt des seichten Innenlebens und der penetranten Selbstzentrierung hätte mich interessiert, wie sie so unfreiwillig exzentrisch werden konnte. Obwohl der Roman augenscheinlich von Presse und Leser
innen „heiß geliebt“ wurde, konnte er mich nicht überzeugen.

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Veröffentlicht am 15.05.2026

Überraschend gut

Fünf Tage im Licht
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Frühmorgens läuft Sophie zum Strand, alle anderen schlafen noch. Zuerst trauerte sie dem abgebrochenen Schlaf hinterher, schließlich waren sie einige Stunden geflogen und gestern erst spät angekommen, ...

Frühmorgens läuft Sophie zum Strand, alle anderen schlafen noch. Zuerst trauerte sie dem abgebrochenen Schlaf hinterher, schließlich waren sie einige Stunden geflogen und gestern erst spät angekommen, aber das glitzernde, glasklare Wasser versetzt sie sofort in gute Stimmung. Sie schwamm eine Weile, bemerkte in einiger Erfahrung einen Mann mit schwarzen Haaren und nahm seine Anwesenheit als gute Gelegenheit, wieder zur Villa hochzulaufen. Das große Haus gehörte Alessias Vater, der eine Galerie in Athen besaß. Sophie schwebt mit nackten Füßen über den kühlen weißen Marmor und hinterlässt kleine Pfützen Wassers, das ihr aus dem Haar tropft. Helena sitzt wie eine blond gelockte Göttin auf einem der kobaltblauen Samtsofas und wischt über ihr Handy. Na, warst du schon schwimmen? Helena zeigt ihr das Diadem, mit den Orangenblütenwachsblumen, das ihre Mutter auf ihrer eigenen Hochzeit getragen hat. Sie wünscht sich, dass Helena es diesmal trägt. Helena findet das Ding scheußlich und wünscht sich etwas, das sie noch anmutiger aussehen ließ, als wäre das möglich.

Sophie öffnet die Fensterläden zur Terrasse und sieht Alessia an dem runden Tisch mit dem Mosaik sitzen. Sie streicht Butter auf ihren Toast, den sie nur zur Hälfte essen wird und summt leise. Ines lümmelt auf einer der gepolterten Liegen am Pool und Sophie ist froh, dass sie ihr noch nicht begegnen muss. Ines hat gestern im Flieger demonstrativ ihre Earpods reingesteckt und kein Wort mit Sophie geredet. Sie schafft es durch ihre Gesten jederzeit, dass Sophie sich minderwertig fühlt. Sophie ist die einzige in dieser Viererfreundinnenschaft, die aus einfachen Verhältnissen kommt. Während ihres gemeinsamen Studiums war das zu Anfang nicht spürbar, doch dann folgten jovial bezahlte Abendessen, unbezahlte Praktika und Urlaube in der Karibik, während Sophie im Kunstshop des Museums aushalf.

Fazit: Rhiannon Lucy Cosslett, Autorin und Journalistin, hat mich mit ihrem zweiten Roman schwer überrascht. Ihre Protagonistin feiert den Junggesellinnenabschied ihrer besten Freundin auf einer griechischen Insel. Ihnen bleiben fünf Tage, um sich zu vergnügen, bis ihre Partner kommen. Sophie nutzt die Zeit, um Alessia als Akt zu zeichnen und eine Affäre mit einem Einheimischen zu beginnen. Die anfang Dreißigjährige fühlt sich von ihrem Partner in Kinderfragen bedrängt und hadert auch mit ihrem Minderwertigkeitsgefühl. Der griechische Adonis sieht sie und mit ihm erlebt sie eine Leichtigkeit, die ihr in England fehlt. Ich habe nicht damit gerechnet, dass ich einen feministischen Roman zu lesen bekomme, aber das ist er. Die Autorin lässt ihre Protagonistin zwanzig Jahre später die Ereignisse dieser Tage Revue passieren. Jedes Kapitel wird mit einem Bild (Gemälde, Foto, Installation) einer Künstlerin eingeleitet. Diese Künstlerinnen sind entweder vergessen, selbst durch die Mutterschaft gegangen, waren suizidal oder hatten einen Unfall (Frida Kahlo). Es hat mir riesig gefallen, die Bilder, die sie beschreibt, aufzurufen und quasi mit ihr zu betrachten. Die Sprache ist großartig. Es ist, als sei ich dabei, so detailliert sind die Sinneswahrnehmungen beschrieben. Der psychologische Plot entwickelt sich zaghaft, nimmt an Fahrt auf und endet drastisch. Die Sexszenen sind spicy und machen das Interesse Sophies an der Affäre klar. Diese Geschichte hat einiges zu bieten, ohne überladen zu sein. Hier geht es um Körperlichkeit, weibliches Begehren und weibliche Selbstbestimmung. Für alle, die gern Anne Freytag lesen.

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Veröffentlicht am 13.05.2026

Zweifel an Lebensentscheidungen

Die Liebe, später
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Kora hat gestern Abend ihren Koffer gepackt, fast heimlich hat sie sich auf ihr Zimmer geschlichen, während Anselm für sie und ihre Freunde gekocht hat. Sie hatten sich eine ganze Weile nicht mehr gesehen, ...

Kora hat gestern Abend ihren Koffer gepackt, fast heimlich hat sie sich auf ihr Zimmer geschlichen, während Anselm für sie und ihre Freunde gekocht hat. Sie hatten sich eine ganze Weile nicht mehr gesehen, weil Kora am Herz operiert werden musste. Am Tisch hat sie dann ein paar launige Anekdoten aus der Reha zum Besten gegeben und gehofft, dass sie nicht tiefer nachfragten.

Eigentlich wollte sie die Geburtstagsfeier ihrer einstigen Freundin und Mentorin absagen, aber sie ist nicht der Typ, der kneift. Und wahrscheinlich wird dieser Fünfundachtzigste auch Gabriellas letzte große Feier sein. Sie liegt neben Anselm und möchte glücklich sein. Zwanzig Jahre schon haben sie ihrer Wochenendrituale gefrönt. Montag bis Freitag blieb sie allein in seinem Häuschen, schrieb Artikel und pflegte ihr Netzwerk, werkelte im Garten, während Anselm als Biologe in Berlin weilte. Zum Wochenende kam er dann mit den Sorgenfalten eines Ministeriumsreferenten um die Augen, um die wenige Zeit mit Kora zu genießen. Sie wartete immer mit dem Essen auf ihn, so als würde er nicht zurückkommen, wenn sie ohne ihn anfing und er schickte ihr manchmal stündlich Nachrichten, um sie auf dem neusten Stand der Verspätung der Deutschen Bahn zu halten. An guten Sonntagen machten sie vor dem Frühstück Liebe, dann brachte er ihr einen Tee und die Zeitung ans Bett und verbeugte sich galant mit dem Wort „Mylady“.

Dann ist sie tatsächlich zu Gabriella gefahren und hat Anselms Skepsis beiseite gewischt. Das Autobahnkreuz Heumar verschwindet hinter ihr und mit ihm ihre Zweifel.

Fazit: Gisa Klönne, bekannt geworden durch ihre erfolgreiche Krimireihe, erzählt in diesem Roman eine Frau um die Fünfzig, die eine schwere Herz-Op überlebt hat. Sie brach während einer, von ihr moderierten, Sendung zusammen und soll jetzt den Aufhebungsvertrag unterzeichnen. Es dauerte eine Weile, bis sie den Eingriff körperlich verkraftet hatte, aber jetzt vermisst sie ihre Arbeit. Mit diesen Ereignissen beginnen die Zweifel an ihren bisherigen Lebensentscheidungen, Zweifel an der Richtigkeit ihrer Beziehung zu Anselm, seiner Rentenplanung. Und auch das Trauma einer früheren Liebe holt sie ein. Gisa Klönne zeigt eine Protagonistin mit Angst vor zu viel Nähe, weil eine Verlusterfahrung sie emotional umgehauen hat. Das Arrangement aus Nähe und Distanz, die emotionale Unabhängigkeit passte ihr gut in den Sinn. Seit der Op ist sie dünnhäutig geworden und stellt alles infrage. Sie versucht sich mit Heimlichkeiten davonzustehlen und es kommt zu Reibungen zwischen dem Paar. Gisa Klönne zeigt sehr einfühlsam und klug die Zerrissenheit Koras. Die Geschichte hat mich herausgefordert. Zwischenzeitlich wollte ich Kora zu ihrem Glück zwingen, damit sie Beständigkeit und Sicherheit ihrem Freiheitsdrang vorzieht. Doch das Leben ist ein Prozess und bedarf keiner Ratschläge. Eine real dargestellte, bewegende Handlung, die mich solide unterhalten hat.

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