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Veröffentlicht am 13.02.2026

Die Fallstricke des Lebens

Unbegründete Ängste
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Chris arbeitet als Fitnesstrainer und sehnt sich nach einem festen Partner. Er hat ein Auge auf Nicolas geworfen, ein Kunde des Gym. Nicolas sei Tierpfleger, erfuhr er in einem ihrer seltenen Austausche. ...

Chris arbeitet als Fitnesstrainer und sehnt sich nach einem festen Partner. Er hat ein Auge auf Nicolas geworfen, ein Kunde des Gym. Nicolas sei Tierpfleger, erfuhr er in einem ihrer seltenen Austausche. Deshalb lässt sich Chris jetzt von seinem neuen Patenhund, Bullterrier Lui, durch den Wald zerren. Gerade macht er Halt, um sich eine Zigarette anzuzünden, wohl wissend, dass der Boden unter ihm furztrocken ist, da nutzt Lui die Gunst der Stunde, reißt sich los und sprintet einen Hang hinab. Chris stolpert panisch hinterher und sieht Lui in einiger Entfernung im Müll wühlen. Von weitem nähert sich die Linie 270 rasant. Lui sieht den Bus ebenso und läuft in die Richtung. Bremsen quietschen, Chris schließt die Augen und als er sie wieder öffnet, liegt Lui auf dem Asphalt und rührt sich nicht. Die Busfahrerin steht in der geöffneten Tür und starrt Chris an.

Nachdem er stotternd seine Daten angegeben hat, geht Chris nach Hause. Während er darüber nachdenkt, wie er Nicolas das erklären könnte, hört er ein Martinshorn. Und dann sieht er sie, mehrere Feuerwehreinsatzfahrzeuge rasen an ihm vorbei in die Richtung, aus der er kommt. Chris Atem beschleunigt sich, ihm wird schlecht. Sollte jetzt auch noch der Wald wegen seiner Kippe brennen, wird er seines Lebens nicht mehr froh.

Chris trifft sich, wie jeden Samstag, mit seinen Eltern zum Sektfrühstück. Sie sitzen auf der Terrasse des Bistros, seine Mutter sieht ihn und winkt stürmisch. Kaum sitzt er, da fragt sie schon, wie es ihm geht: „Du siehst blass aus Chrissi.“ Und streicht ihm zärtlich über den Rücken. Er solle doch mal wieder in die Praxis zur Blutentnahme kommen, die letzte liege ja schon fast ein Jahr zurück. Obwohl er zuerst keinen wollte, kippt er seinen Prosecco in einem Haps runter.

Fazit: Res Sigusch (Wesentliche Bedürfnisse 2024) hat einen 30-jährigen Mann erschaffen, der schon seit seiner Jugend Bodybuilding affin ist und in einem Gym arbeitet. Er hat genug von den oberflächlichen Dates mit Männern und ist auf der Suche nach etwas Festem. Trotz der netten Kolleginnen und dem super Chef verläuft sein Leben ziemlich trist. Seine Mutter klammert an ihm und zeigt stark übergriffiges Verhalten, dem er sich kaum entziehen kann, zu groß ist seine Angst zu enttäuschen. Insgesamt ist der Protagonist ein introvertierter Typ, der allen gerecht werden will. Die AFD in Sachsen erstarkt und schwul zu sein, in dem Kaff, in dem Chris lebt, könnte künftig gefährlich sein. Im weiteren Verlauf der Geschichte rücken Bedrohungen näher und er entwickelt eine Angststörung, die ich ausnehmend gut gezeigt finde. Auch die klammernde Mutter, die ihren Sohn pausenlos belästigt, natürlich unter dem Deckmantel der Liebe, finde ich gut dargestellt. Am Ende naht Hilfe aus unerwarteten Ecken und das versöhnliche Ende tut der etwas deprimierenden Story gut. Insgesamt ein sehr unterhaltsamer Roman, der mitten in die Fallstricke des Lebens greift und ein Thema verhandelt, das weit verbreitet ist. Für Leserinnen, die “ „Koller“ von Annika Büsing mögen.

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Veröffentlicht am 11.02.2026

Schonungslos ehrliche Selbstanalyse

Einsamsein
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2021 kündigte seine Mutter an, auf „die Wolke“ zu gehen, so wie auch sein Vater schon 1984 auf die Wolke gegangen war. Der Vater hatte einen Baum gewählt, die Mutter bittet den Schweizer Sterbehilfeverein-Exit ...

2021 kündigte seine Mutter an, auf „die Wolke“ zu gehen, so wie auch sein Vater schon 1984 auf die Wolke gegangen war. Der Vater hatte einen Baum gewählt, die Mutter bittet den Schweizer Sterbehilfeverein-Exit um Hilfe. Er solle am 27. August in die Schweiz kommen und dann blieben noch zwei Tage Zeit, um alles Nähere zu klären.

Zu dieser Zeit lebte er allein in einer zugemüllten Hamburger Dachgeschosswohnung. Die Küche, wegen der Menge leerer Pfandflaschen unbegehbar, im Bad Wäscheberge, die Pizza-Kartons im Wohnzimmer erinnerten an das Innere eines Altpapiercontainers und das Bettzeug hätte schon vor Monaten gewechselt werden müssen. Erschöpfungsdepression mit psychotischen Akzenten lautete die Diagnose, also quasi:

Ihm flog nach Monaten des Schlafentzugs und panischer Angst der Vogel raus. S. 11

Nach einem Jahr als Korrespondent einer internationalen Zeitung kam der Zusammenbruch. Der Job war weg, die Kollegen verprellt und die Partnerin verjagt.

Das Haus seiner Mutter und ihres zweiten Mannes in Ascona, ein abgeriegelter Bunker mit Eingangstürattrappe und Panic (Room) Etage. Alles in Crème brûlée beige gehalten, so als wäre der Innendesigner auf Valium gewesen. Die ganze Abgeschiedenheit des alleinstehenden Hauses, die Einrichtung und die Bewohner deuten auf die, von je her, gewählte Art seiner Familie zu leben und zu vermeiden und die damit einhergehende Einsamkeit. Und nun lässt sie sich euthanasieren.

Vielleicht können wir einmal sagen, um was es wirklich geht: dass wir einsam sind, eingesperrt in unsere Rollen als Mutter, die um jeden Preis die Contenance bewahrt, und als Sohn, der Selbstzerstörung mit Revolte verwechselt. S. 32

Fazit: Daniel Haas hat ein Manifest geschrieben, das an Klugheit, Lebenserfahrung und Selbsterkenntnis kaum zu überbieten ist. Nachdem seine Mutter ihren Freitod angekündigt hat, schwelgt Daniel Haas in Erinnerungen. Er durchschaut seine Eltern, deren Vergangenheit und die Lebensentscheidung des Rückzugs aus der eigentlichen Angst vor Enttäuschung und Zurückweisung. Er durchschaut ebenso seine eigenen Abwehrmechanismen, die ihn daran hindern ehrlich, diszipliniert und verbindlich zu sein. Er sieht sich als Meister der Selbstsabotage und schafft es, sich mit diversen Abhängigkeiten wie Drogensucht und Liebesbesessenheit, aber auch mit einer großen Portion Selbstmitleid und Selbstherrlichkeit von einem eigentlichen Weg abzulenken. Er verprellt Freunde, die ihn zu unterstützen versuchen, um ganz auf sich allein gestellt ins Nichts zu stürzen. Er beschreibt die Phase seiner Depression und diverser Psychiatrieaufenthalte, die abrupt in die Phase der Manie wechselt so bildhaft und verständlich, wie ich es mir in diversen anderen Büchern gewünscht hätte. Das hier ist schonungslos ehrlich über die Schmerzgrenze hinaus, erkenntnisreich und versöhnlich und liebevoll. Dabei zusehen zu dürfen, wie sich ein Mensch aus eigener Kraft verändert ist sehr wohltuend und auch mutmachend. Es ist nie zu spät, den Pfad echter Liebesfähigkeit zu finden. Was mir an dieser Autobiografie auch so gut gefällt, ist der Schreibstil auf hohem Niveau, der den Lesefluss kein bisschen erschwert. Die Stimmfarbe ist humorvoll und voller Selbstironie. Das macht den Autor so nahbar und sympathisch. Respekt für diese Selbstanalyse.

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Veröffentlicht am 10.02.2026

Scharfer Blick auf die japanische Gesellschaft

Richtig gutes Essen
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Nitani verbringt die meiste Zeit seines Lebens im Büro. In der Mittagspause bewundert er die Bentō-Boxen seiner Kolleginnen. Doch es käme ihm nie in den Sinn, sich am Abend noch in die Küche zu stellen, ...

Nitani verbringt die meiste Zeit seines Lebens im Büro. In der Mittagspause bewundert er die Bentō-Boxen seiner Kolleginnen. Doch es käme ihm nie in den Sinn, sich am Abend noch in die Küche zu stellen, um Omelette oder Tofu zu braten und Gurke oder Fisch zu filetieren. Nitani gießt einfach heißes Wasser auf seine Instantnudeln und weiß, dass er satt wird. Am Abend macht er es genauso, denn dann bleibt ihm noch etwas Zeit, um Playstation zu spielen, bevor er sich schlafen legt, um bald darauf schon wieder ins Büro zu gehen.

Sein Vorgesetzter Fuji hat mehr Glück, er hat immer ein liebevoll zubereitetes Bentō am Start. Nitani beobachtet, wie er versonnen in ein handgebratenes Omelette beißt, sieht, wie Fuji aufsteht und vor Ashikawas Schreibtisch stehen bleibt. Er nimmt ihre Teeflasche, schraubt sie auf und nimmt einen Schluck. Fuji dreht sich um und blickt in Nitanis Augen, lacht wie ein Kind, das erwischt wurde und sagt: „Ich war am Verdursten.“ Fuji stellt die Flasche zurück, geht zum Kühlschrank und nimmt sich eine Frische.

Nitani fragt sich, ob das Nippen an Ashikawas Flasche etwas damit zu tun hat, dass Fuji ein Mann mittleren Alters und Assistent der Geschäftsleitung ist und ist sich nicht sicher. Allerdings glaubt er, dass es damit zu tun hat, dass Ashikawa eine junge Frau ist.

Fazit: Junko Takase, für diese Geschichte ausgezeichnet mit dem Akutagawa-Preis, hat mir die Absurditäten des Arbeitsalltags gezeigt und mich zugleich auf einen Streifzug durch die japanische Küche mitgenommen. Ihr Protagonist ernährt sich mangels Zeit und Lust hauptsächlich von Instantnudeln. Seine Kollegin Ashikawa, die ihm so gut wie versprochen ist, wird versuchen, das zu ändern, weil sie eine hervorragende Köchin ist. Leider zeigt sie, aus Nitanis Sicht, in der Firma nicht den nötigen Arbeitseifer. Noch dazu lächelt sie alle Attacken weg und gleicht ihre mangelnde Verlässlichkeit mit feinstem selbst gemachten Gebäck für die Mitarbeiterinnen aus. Sie scheint eine wirklich „liebe“ Frau zu sein. Aber Nitani verliert die Achtung vor ihr und schmiedet mit einer anderen Kollegin, die Ashikawa hasst, Ränke. Die Autorin zeigt anschaulich die festgefahrenen Rollenbilder. Frauen rangieren hinter den Männern. Das gesamte Dasein besteht aus Etikette, die es einzuhalten gilt. Ich mochte diesen Einblick in die japanische Gesellschaft sehr. Ein bisschen schwierig fand ich die abrupten Szenenwechsel und manchmal auch den Satzbau. Insgesamt ist diese Geschichte, die auf 160 Seiten Platz findet, kein literarisches Feuerwerk, aber eine solide, anschauliche Erzählung, die ich gerne gelesen habe.

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Veröffentlicht am 03.02.2026

Eine außergewöhnliche Erzählung

Hirschtier
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Penobscot ist eine Kleinstadt mit ungeteerten Straßen, vielen Kirchen, vielen Gläubigen und einer Papierfabrik. Dahinter Felder mit mehligen Kartoffeln, Farmen mit Milchkühen, Schweinen und Schafen. Dahinter ...

Penobscot ist eine Kleinstadt mit ungeteerten Straßen, vielen Kirchen, vielen Gläubigen und einer Papierfabrik. Dahinter Felder mit mehligen Kartoffeln, Farmen mit Milchkühen, Schweinen und Schafen. Dahinter der Wald, in dem Kinder spielen. Dort leben auch wilde Männer, die Kinder mit Rotwild verwechseln und auf sie schießen. Die Elche sind reizbar und wehrhaft. Wer unter ihre Hufe gerät, überlebt selten. Dort lebt auch eine Frau, stark, wütend – gut. Eine Kriegswitwe Florence und die liebt ihre Nachbarin Ruby. Florence arbeitet im Ort an der Mittagstheke, dort bezirzt sie die Männer, weil sie es noch nicht aufgegeben hat. Ihre Schwester Dolly arbeitet in der Papierfabrik. Beide leben in einem Haus und erziehen die kleine Margaret, Florences Tochter, die mit vier anfing, die ersten Engel zwischen Grashalmen zu sehen. Die Nachbarin Ruby Bickfort ist eine Gefallene. Ihr Mann haute ab, als Agnes gerade geboren war. Agnes ist Margarets beste Freundin und im Gegensatz zu Margaret ist sie energisch und standhaft wie ein Zinnsoldat.

Seit dem Tag der Schulhofüberschwemmung schreibt Margaret Geschichten, die gut enden. Nein, sie geht noch nicht zur Schule, denn sie ist ja erst vier. Sie kann lesen, weil sie Dolly schon ewig über die Schulter blickt, wenn die ihre Bibelverse vorliest. Margaret hat sich eine Geheimsprache ausgedacht. Sie schreibt in kleinen Zeichen, die nur sie versteht. Am Tag der Schulhofüberschwemmung hat Margaret Agnes Zuhause abgeholt und sie sind die Straße runtergelaufen. Agnes hat sich im Schlamm auf dem Schulhof gewälzt, aber Margaret wollte nicht mitmachen. Sie sind zu Agnes zurückgelaufen und haben sich in den Schuppen geschlichen. Agnes wollte unbedingt „Erwacht Prinzessin“ spielen und stieg in den alten Fischkühler. Margaret sollte den Deckel schließen, bis zehn zählen und dann die Prinzessin wieder herauslassen, aber sie bekam den Verschluss nicht mehr auf.

Fazit: Claire Oshetsky hat eine außergewöhnliche Geschichte geschaffen. Ihre Protagonistin Margaret verliert auf tragische Weise ihre beste Freundin. Sie kann mit niemandem darüber reden. Ihre Mutter hilft ihr aktiv das Ereignis zu verdrängen. Es bleibt ein diffuses Gefühl, einen großen Fehler begangen zu haben, das sie mit erfundenen Geschichten kompensiert. Für Agnes Mutter Ruby ist die Trauer überwältigend, bis sie Margaret beschuldigt, für den Tod ihrer Tochter verantwortlich zu sein und damit ein Hirschtier in Margaret zum Leben erweckt. Für Margaret war der psychische Zusammenbruch Agnes Mutter nicht fassbar. Ihre eigenen Gefühle spiegelten eher ein Vermissen wieder. Was mir gut gefallen hat, ist zu zeigen, wie sich ein Kind fühlt, das glaubt schuld am Tod der besten Freundin zu sein und dieses Hirschtier, das ihr ins Gewissen beißt, ganz alleine tragen muss. Ebenso hat die Autorin einen geübten Blick auf die Erwachsenen geworfen, die ihre eigene Verantwortung auf die damals Vierjährige abwälzen. Zu Anfang fand ich die einfache Sprache großartig, später nicht mehr so angemessen. Die Geschichten, die Margaret erfindet, hat die Autorin zum Teil mit der immerwiederkehrenden Anfangsszene eingeleitet, das fand ich hilfreich und gut gelöst. Dieser Linie ist sie aber nicht immer treu geblieben und das war für mich verwirrend. Eine sehr spezielle Geschichte mit einem soliden Grundgerüst über Trauma, Verlust und Schuld. Und sicher eine Herausforderung für die Autorin, die hiermit den Janet Heidinger Kafka Prize for Fiction 2025 gewonnen hat.

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Veröffentlicht am 29.01.2026

So schmerzlich wie fesselnd

Ein Mädchen verließ das Zimmer
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2017

Etwas bahnt sich in ihr Weg, das sie nicht benennen kann. Eg ist tot, friedlich verstorben, sah sie in einem Facebook Posting und dachte, endlich.

Es war 1980, sie war vierzehn, als sie Eg zum ersten ...

2017

Etwas bahnt sich in ihr Weg, das sie nicht benennen kann. Eg ist tot, friedlich verstorben, sah sie in einem Facebook Posting und dachte, endlich.

Es war 1980, sie war vierzehn, als sie Eg zum ersten Mal begegnete. Auf einer Vernissage ihres Vaters tauchte er mit ihrer Mutter hinter ihr auf. Sie blickte gerade durch das Objektiv ihrer Kamera. Ob sie Blow Up gesehen hatte, wollte er wissen. Seine Mutter stellte ihn als Schriftsteller vor. Er nahm ihr die Kamera aus der Hand und schoss ein Foto von ihr. Sie möge es ihm schicken, wenn sie es entwickelt hätte, dann habe er etwas, das ihn an sie erinnern würde.

Das Foto war schrecklich, sie haderte mit sich, kam dann aber ihrer Pflicht nach und steckte es in ein Kuvert. Den Brief, der das Bild begleiten sollte, schrieb sie dreimal um. Wenige Tage später bekam sie einen Brief von ihm, der mit den Worten, meine hübsche, hinreißende, liebe Tanja, begann. Nach wenigen Wochen des Briefwechsels konnte sie an nichts anderes mehr denken. In den einsamen Nächten streichelte sie ihr Gesicht, fuhr sich mit den Fingern über die Lippen, den Hals und tauchte schließlich unter die Bettdecke nach unten, als wäre es seine Hand.

Eg forderte sie auf, mit ihm zu telefonieren, aber das traute sie sich nicht, weil sie befürchtete, dass ihr die Worte fehlten. In den Briefen war sie jemand anders, eine erwachsene Tanja, die, die sie für Eg sein wollte. Sie fieberte jedem seiner Briefe entgegen, verschlang jedes Wort:

Kannst du etwas damit anfangen, dass du mir mehr bedeutest als ich mir selbst? S. 66

Eg gestand ihr, dass er als Dozent schon einmal ein so junges Mädchen gehabt habe. Er sei ihr Erster gewesen.

Fazit: Die dänische Dichterin Ulrikka S. Gernes hat in ihrem Romandebüt eine toxische Beziehung zwischen dem 44-jährigen Eg und der 14-jährigen Tanja beleuchtet. Es beginnt mit einem harmlosen Foto. Die Autorin lässt ihre heute 30 Jahre alte Protagonistin zurückblicken. Ausgelöst durch seinen Tod beginnt die Tortur der Erinnerungen. Tanja ist vulnerabel, ihr erfolgreicher, kränklicher Vater ist mit sich selbst beschäftigt und ungenießbar, ihre Mutter leidet darunter. Die Schule langweilt sie und da trifft sie ihn. Er macht ihr schnell mit schnulzigen Worten Avancen, für die sie sehr empfänglich ist. Ab ihrem 15. Geburtstag nötigt er sie mehrfach, sich mit ihm zu treffen. Sie belügt ihre Eltern. Er manipuliert gekonnt ihre Mutter, indem er sie mit verbaler Wertschätzung überhäuft. Tanja wird emotional abhängig. Die Geschichte wirkt so real und entwickelt einen Sog, dem ich mich nicht entziehen kann. Gebannt sehe ich dabei zu, wie er sie auf sich konditioniert. Tanja versucht für ihn eine erwachsene Frau zu sein und verpasst diese wichtige Entwicklungsphase, die sie nur mit Gleichaltrigen erleben kann. Alle sehen dabei zu, keiner kommt auf die Idee, dass es ihr nachhaltig schaden könnte. Dieser kranke, erfolgreiche Mann hat alles, was sie nicht hat. Er ist lebenserfahren, klug, galant, hat Freundschaften und wird bewundert. All das reicht ihm nicht. Wie ein Fass ohne Boden benutzt er sie, um sein Ego zu mästen. Ein schmerzliches, fesselndes Buch, das völlig verständlich ein Bestseller in Dänemark geworden ist.

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