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Veröffentlicht am 03.03.2025

Eine anspruchsvolle Geschichte, der ich gerne gefolgt bin

Woran ich lieber nicht denke
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Ihr erster Gedanke gilt ihrem Zwillingsbruder. Wenn sie am Morgen erwacht, ist er da. Wie sie damals Waterboarding gemacht hatten. Er legte sich aufs Sofa und sie legte ihm ein Geschirrtuch über das Gesicht. ...

Ihr erster Gedanke gilt ihrem Zwillingsbruder. Wenn sie am Morgen erwacht, ist er da. Wie sie damals Waterboarding gemacht hatten. Er legte sich aufs Sofa und sie legte ihm ein Geschirrtuch über das Gesicht. Dann ließ sie Wasser in seinen Mund laufen, in einem feinen Rinnsal. Er hielt nicht lange aus, dann fesselte sie seine Hände und er bat sie aufzuhören. Danach war sie dran, aber sie zappelte und wand sich aus den Fesseln. Sie wollten wissen, wie die Leute in Guantanamo empfanden, wenn sie gefoltert wurden.

Die Mutter machte sich Sorgen um sie, weil sie keine Schönheit war. Um den Sohn musste sie sich nicht sorgen, der konnte alles und sie wusste: Aus dem wird einmal was. Er war zwanzig Minuten vor ihr geboren, als wäre das eine Erklärung für alles.

Nach einem Workshop bei Oshos Anhängern war ihr Bruder erleuchtet. Danach wusste er, dass das Leben keine Linie, sondern ein Kreis war. Sterben und wieder von vorne anfangen. Es gab nur zwei Aspekte des Lebens, die völlige Hingabe oder die akzeptierte Selbsttötung, um der Enge des Egos zu entkommen.

Mit achtzehn zogen sie aus, jeder in eine eigene Wohnung, nur dreihundert Meter voneinander entfernt. Sie studierte Englisch und jobbte in einem Secondhandshop. Er studierte Englisch und jobbte in einer Schwulenbar. Dann gefiel es ihm dort so gut, dass er sich exmatrikulierte und fest anstellen ließ.

Er wurde mit neun gemobbt. Auf einem Foto aus dieser Zeit sieht man, dass seine Augen langsam an Glanz verloren. Sie erinnert sich, wie er ganz allein auf dem Schulhof in der Ecke stand und sie ihn ignorierte. Sie spürte seine Bedürftigkeit und das passte nicht dazu, dass er ihr zuhause in allem überlegen war. Seine Sorgen, Ängste und Albträume begannen schon, als er zwölf war.

Fazit: Die Niederländerin Jente Posthuma hat eine fein abgestimmte Erzählung ähnlich eines Memoirs geschaffen. Darin zeigt sie ihre fiktive Protagonistin in ihrem Alltag, während sie sie immer wieder zurückblicken lässt. Sie versucht den Tod des geliebten Bruders zu verstehen. Ohne Bewertung blickt sie auf die vielen Ereignisse, die möglicherweise dazu führten, dass ihr Bruder depressiv geworden ist. Die Mutter, die Nähe schwer zulassen und keine schenken konnte. Der Vater, der die Familie frühzeitig verließ. Wie der Bruder glorifiziert wurde und ein Quell der mütterlichen Freude war. Der frühe Hang zur Melancholie beider Geschwister. Die Geschichte plätschert leise vor sich hin und erzeugt auch mit humorvollen, komischen Anekdoten eine einnehmende Stimmung. Die Tragik ist spürbar und die Verarbeitung des Verlustes tief und lang anhaltend. Eine anspruchsvolle Geschichte, der ich sehr gerne gefolgt bin.

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Veröffentlicht am 03.03.2025

Ein humorvoller Unterhaltungsroman mit gewissen Tiefen

Von hier aus weiter
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Marlene ist Mitte siebzig und gerade Witwe geworden. Ihr Mann war schwer krank und wollte in Würde sterben, sich die letzte Hürde der Pflegebedürftigkeit und der Schmerzen ersparen, deswegen hat er nachgeholfen. ...

Marlene ist Mitte siebzig und gerade Witwe geworden. Ihr Mann war schwer krank und wollte in Würde sterben, sich die letzte Hürde der Pflegebedürftigkeit und der Schmerzen ersparen, deswegen hat er nachgeholfen. Vor fünf Jahren hatte die resolute Ida Polanski Rolfs Arztpraxis übernommen und wurde ihm eine Vertraute.

Rolfs und Marlenes Plan gab vor, gemeinsam zu gehen, doch dann war Marlene mit starken Kopfschmerzen neben ihrem leblosen Mann erwacht. Er hinterließ ihr das große Haus, eine gehörige Portion Wut und einen ganzen Schrank voller Sedativa.

Es dauerte nie länger als zwanzig Minuten, bis die Wirkung einsetzte, dieses wattige Rauschen, das ihre Gedanken auseinandertrieb und alles, was zuvor streng und unbarmherzig war, in breiweiche Belanglosigkeit verwandelte. S. 20

Die Beisetzung ist für Marlene eine Tortur, die sie schnell hinter sich bringen will. Rolfs drei Söhne aus erster Ehe und deren sechzehn Enkel haben sich um die angemessene Verabschiedung gekümmert. Die Kinder, von denen sie namentlich drei benennen kann, was die schwarzen Kostümchen, die sie wie Krähen erscheinen lassen, erschweren. Marlene hatte sich nie etwas aus Familienfeiern gemacht.

Wieder zu Hause angekommen empfängt Marlene den Klempner, den sie wegen ihrer Duscharmatur gerufen hatte und der entpuppt sich als einer ihrer ehemaligen Grundschüler, aber nicht nur das.

Fazit: Susann Pásztor hat eine skurrile Geschichte erzählt. Die Protagonistin lebte ihr Leben eher vor sich hin, als dass sie es gefeiert hätte. Deshalb fiel ihr der Gedanke, zusammen mit ihrem Mann aus dem Leben zu scheiden, gar nicht schwer. Sie hat keine eigenen Kinder und zu denen ihres Mannes keinen Bezug. Sie ist wütend, als sie erfährt, dass ihr absichtlich kein Freitod vergönnt war und hadert weiterhin mit ihrem Dasein. Im Laufe der Geschichte drängen sich verschiedene Menschen in ihre Existenz, die sie zum Weiterleben motivieren wollen. Die Autorin erzählt humorvoll und umschifft die harten Fakten einer Frau, die schon während ihrer Ehe einsam war und sich fremdbestimmt fühlte. Die Gefahr, dass die Geschichte ins Oberflächliche, Belanglose rutscht, ist vorhanden und hat mich Mitte des Buches eingenommen. Ich habe mich aber durch die Situationskomik amüsant unterhalten gefühlt. Tja, und müssen schwierige Lebensumstände auch immer schwerwiegend verhandelt werden? Ich denke nein. Ein humorvoller Unterhaltungsroman mit gewissen Tiefen.

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Brisant

Unter Grund
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Franka steht mit der Klasse am Eingang zum Oberlandesgericht. Hans Koser, genannt HK hat als Betreuungslehrer ein Auge auf die junge Referendarin. Franka stellt den Schülerinnen ihre Mitbewohnerin Hannah ...

Franka steht mit der Klasse am Eingang zum Oberlandesgericht. Hans Koser, genannt HK hat als Betreuungslehrer ein Auge auf die junge Referendarin. Franka stellt den Schülerinnen ihre Mitbewohnerin Hannah vor. Sie berichtet als Prozessjournalistin regelmäßig über den NSU-Prozess. Verhandelt wird seit 2013 nun das vierte Verhandlungsjahr. Als Jaroš die Angeklagte Zschäpe eine Nazischlampe nennt, driftet Franka weg. Hannah weiß nichts von Janna und Patrick vor fünf Jahren, nichts darüber was Franka und die beiden getan haben. Sie traut sich nicht darüber zu reden und gedenkt stattdessen auszuziehen.

Franka fährt in ihr Heimatdorf. Sie muss die Ereignisse ergründen, die im Sommer 2006, während der Fußballweltmeisterschaft ihren Anfang fanden. Damals zerbrach die Freundschaft zu Leo unwiederbringlich. Franka war elf, als Leo in ihre Klasse kam. Sie hatte gerade ihren geliebten Vater an den Krebs verloren. Sie zeigte Leo alles über ihre Traditionen der Fischzucht und die Weiher der Umgebung. Leo konnte sich für den glibberigen Teichschlamm und die glitschigen Fische nicht begeistern, aber er mochte ihre Familie. Ihre Großmutter, die alle im Dorf Fuchsin nannten, deren Zwillingsschwester Magda, die immer etwas zu Essen auf dem Herd hatte, und Frankas Tante June, die gerade aus Amerika heimgekehrt war. Die beiden verbrachten viel Zeit miteinander, Leo begleitete sie zum Abschlussball, obwohl da schon klar war, dass sie die letzte Klasse nicht geschafft hatte. An dem Abend berührten sich ihre Lippen.

Wenig später verabredeten sie sich zu einem Treffen der NPD. Franka interessierte sich nicht dafür, sie ging Leo zuliebe hin, weil er wissen wollte, was diese Leute umtrieb, aber Leo kam nicht und Franka lernte Patrick kennen und dann Janna.

Fazit: Annegret Liepold ist ein brisantes und hochaktuelles Debüt gelungen. Sie schickt ihre Protagonistin in die Hände einiger rechtsradikaler Jugendlicher, die in rauem Ton miteinander reden. Dennoch findet die verunsicherte Franka Anerkennung und das Ventil, ihre Wut über den Verlust des Vaters zu kanalisieren. Wirklich gut zeigt die Autorin die dörfischen Vorurteile und die Angst vor Überfremdung, denen mit gesundem Menschenverstand nicht beizukommen ist. Nahezu jeder dieser jungen Leute kann von jemandem innerhalb seiner Familie berichten, der sich als Obersturmführer oder anders bei dem Völkermord nützlich gemacht hat. Interessant und gut aufgearbeitet hat die Autorin ebenfalls die Neigung, den Holocaust zu verleugnen, so als habe es keine Enteignungen, Deportationen und unzählige Morde gegeben. Die Autorin wühlt tief im antisemitischen Dreck und deckt die Mechanismen auf, denen bestimmte Menschen in der Bevölkerung auf den Leim gehen, allen voran junge Menschen, die ganz andere Interessen haben als Geschichtsunterricht und sich mehr auf ihre Unsicherheiten konzentrieren. Der Roman macht nachdenklich. Wie können wir diese Kohortenbildung verhindern. Ich meine nur durch entsprechend ausgebildetes Lehrpersonal, das regelmäßig klasseninterne Diskussionen anleitet und ohne Bewertung zulässt, dass genau über solche Themen geredet wird. Wie war das damals? Was bedeutet Intoleranz? Nehmen mir geflüchtete Menschen wirklich den Arbeitsplatz weg? Muss ich als Frau wirklich Angst haben vor muslimischen Männern? Die Geschichte ist stringent, spannend und wichtig. Ich hoffe sie wird verfilmt. Unbedingt lesen!

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Veröffentlicht am 28.02.2025

Großer Leidensdruck

Erdbeeren und Zigarettenqualm
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„Ich wollte so dringend raus aus meiner Haut, aber ich konnte nicht. Ich konnte nicht hinaus, und niemand konnte herein. Die Grenzen des Körpers sind nicht verhandelbar.“

Lucia Osborne-Crowly ...

„Ich wollte so dringend raus aus meiner Haut, aber ich konnte nicht. Ich konnte nicht hinaus, und niemand konnte herein. Die Grenzen des Körpers sind nicht verhandelbar.“

Lucia Osborne-Crowly S. 7

Sie ist achtzehn und hat zum ersten Mal Verlangen zum Ausdruck gebracht, sich auf seinen Schoß gesetzt und ihn schmatzend geküsst. Er ist hübsch, schmal, die blonden Locken fallen ihm in die Augen. Dann liegt er auf ihr und es tut weh, aber nicht genug, um etwas zu sagen.

Sie studiert Gendertheorie und ist gerade ins Wohnheim gezogen. Ihre Gefühle für Ella sind riesig, aber sie versucht dieses heiße Knäuel geheim zu halten. Auf einer Party küsst sie zum ersten Mal eine Frau und findet Gefallen daran.

Sie zieht zu Ella in die Wohnung, die ihre Eltern ihr geschenkt haben. Sie nehmen jede Kampusparty mit, als würden sie nur dafür morgens aufstehen. Gin tonic, Wodka Lemon und Bier lassen sie tanzen, bis sie das Gleichgewicht verlieren. Ella fällt es leichter, sich den Lehrstoff anzueignen. Nach einem Jahr in der gemeinsamen Wohnung schmeißen sie ihre erste Party und nehmen sich vor, dafür zu sorgen, dass sie kultivierter abläuft, als alles, was sie bis dahin erlebt haben. Aber die Leute, die sie eingeladen haben, bringen drei andere mit, wovon zwei betrunken sind. Sie trinken den Tequila pur, weil die frozen Magueritas zu lange dauern, treten die Chips in den Teppich und kleckern Guacamole aufs Sofa. Um Mitternacht ziehen sie weiter und Ella und sie bestaunen das Chaos.

Sie hat die Pille abgesetzt, die Bauchkrämpfe sind unerträglich, zwingen sie, sich im Bett schweißnass zusammenzukrümmen.

Ihr Tutor hat ihr von ihrem ersten Tag in seinem Hörsaal an E-Mails geschickt. Sie beginnen ein Verhältnis dreimal pro Woche für dreißig Minuten in seinem Büro. Ella sagt: „Es wird dir über den Kopf wachsen und du weißt das“. Dann hält er sie hin und lässt sie abblitzen. Sie erfährt aus dem Internet, dass er auf Hochzeitsreise ist. Sie bricht das Studium ab und sucht sich einen Job.

Fazit: Madeline Docherty erzählt mir die Geschichte einer jungen, unsteten Frau, die nicht nur unter Endometriose leidet. Die namenlose Protagonistin wächst in einem gefühllosen Elternhaus auf. Der trinkende Vater zeigt keinerlei Interesse an ihr, die emotionslose Mutter nur, wenn sie funktioniert. In ihrer toughen Freundin Ella findet sie jemanden, der ihr stets zur Seite springt und ihre Probleme löst. Und weil sie viele Probleme erzeugt, gerät die Beziehung bald in ein Ungleichgewicht. Die Protagonistin ist harmoniebedürftig und stellt ihre Gefühle lieber hinter die anderer. Weil sie ihre eigenen Grenzen nicht kennt, kann sie sie nicht nach außen verteidigen. Die Grenzen anderer nimmt sie nicht wahr. Der Leidensdruck und die verminderte Lebensqualität durch ihre chronische Erkrankung ist riesig. Bis zur Diagnosestellung vergehen Jahre. An den Menschen, bei denen sie Zuneigung sucht, hängt sie wie ein Rucksack, der sich nicht abschütteln lässt. Dabei lässt sie keine Intimität, keine echte Nähe zu, weil sie sich nie ganz zeigt. Die Autorin hat die ungewöhnliche Form der 2. Person, also der Du-Erzählerin gewählt. Zuerst fand ich das nah und intim, doch im Verlauf der Geschichte und mit dem besseren Kennenlernen der Protagonistin hat es mich genervt und mich fühlen lassen, wie sich Ella gefühlt hat. Als würde die ganze Last des selbstzerstörerischen Verhaltens bei mir abgeladen. Ich kann mir vorstellen, dass die Autorin das beabsichtigt hat und deshalb gefällt mir der Einsatz dieses Stilmittels mit etwas Abstand im Nachhinein. Es scheint paradox, dass diese verschlossene Protagonistin bei mir eine Nähe sucht, die sie den anderen in ihrer Geschichte nicht zugesteht. Tatsächlich habe ich dieses Buch aber bis zur letzten Seite sehr gerne gelesen auch, weil ich mich selbst als junge Frau wiedererkennen konnte.

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Veröffentlicht am 27.02.2025

Muttersein in allen Facetten

Die Tochter
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Für Laura gibt es nur zwei Gruppen von Freundinnen. Die, die bereit sind, ihre Freiheit aufzugeben. Und die, die bereit sind, in den Augen von Eltern und Gesellschaft in Ungnade zu fallen. Alina gehört ...

Für Laura gibt es nur zwei Gruppen von Freundinnen. Die, die bereit sind, ihre Freiheit aufzugeben. Und die, die bereit sind, in den Augen von Eltern und Gesellschaft in Ungnade zu fallen. Alina gehört zur ersten. Sie sind Mitte dreißig und haben sich klar gegen eigene Kinder entschieden. Laura hat das mit einer Sterilisation untermauert. Der Verlust der Freiheit, die Unmöglichkeit einer Karriere, der Stress, die Stillzeit, die schlaflosen Nächte, das alles schreckt sie ab.

Als Juan ihre Räume noch mit dem Geruch von Ölfarbe füllte, da hatte sie zarte Anwandlungen verspürt. Im Gegensatz zu ihr konnte er gut mit Kindern. Immer wenn er sie traf, sprach er mit ihnen, das nahm ihr die Angst, brachte sie ihr näher, so dass sie sie wohlwollend aus der Ferne beobachtete. Zu dieser Zeit fielen ihr auch schwangere Frauen auf. Wenn sie mit ihnen in der Kinoschlange stand, sprach sie sie an, wollte wissen, wie selbstbewusst sie sich dafür entschieden hatten. Nachdem Juan dann seine übergroße Bereitschaft zeigte, ein Kind zu zeugen, machte sie kurzen Prozess, ohne ihn einzuweihen. Danach stellten sie schnell fest, dass sie unterschiedliche Lebensentwürfe hatten und sie zog aus.

Und nun vertraut Alina ihr an, dass sie seit einem Jahr versucht, schwanger zu werden. Laura spürt den Riss, der sich durch ihre Freundschaft zieht intensiv, im Gegensatz zu Alina. Nach zahlreichen Fruchtbarkeitsbehandlungen erwartet Alina ein Mädchen und macht ihren Aurelio glücklich. Während der Schwangerschaft machen die Ärzte Alina Angst. Eine Ultraschalluntersuchung zeigt ein zu kleines Gehirn und man rät ihr ein MRT machen zu lassen. Obwohl Alina unter Platzangst leidet, will sie das Beste für ihr Kind, aber sie hält es in der geräuschvollen Röhre nicht lange genug aus. Obwohl die Bilder stark verpixelt sind, ist sich die Ärzteschaft einig. Ihre Tochter hat einen sehr seltenen Gendefekt und die Odyssee beginnt.

Fazit: Guadalupe Nettel hat eine außerordentliche Geschichte geschaffen. Sie schreibt über Mutterschaft in all ihren Facetten. Über die Sorge, das Glück, die Wehmut, den Schmerz, den Frust und die Liebe. Alinas Sorge bekommt berechtigterweise einen großzügigen Raum. Die ganze Tortur, der sie ausgesetzt ist, weil sie einen Kinderwunsch verspürte, ist herzzerreißend und nervenaufreibend erzählt. Die Ich-erzählende Protagonistin, aus deren Sicht die Geschichte gezeigt wird, wirkt zuerst abgeklärt und unterkühlt. Das Schicksal ihrer Freundin aber reißt sie emotional mit und sie wird eine große Unterstützung. Sie selbst macht ihre eigenen Erfahrungen mit einem ihr fremden Jungen und seiner überforderten Mutter und erlebt selbst Zuneigung und Liebe, die sie Welten bewegen lässt. Und auch das schwierige Verhältnis zur eigenen Mutter findet einen Platz. Die Autorin erzählt mit einer Leichtigkeit, die mich durch die Seiten hat fliegen lassen, mich trotz aller schwierigen Themen nicht erdrückt, sondern mir eine positive Entwicklung zeigt. Ich habe mich in jede Figur hineinversetzen können und tief mitgefühlt. Die Rolle der Mutter wird unterschätzt und erfährt kaum Wertschätzung sondern wird als selbstverständlich und natürlich erstrebenswert betrachtet. Dieses Buch vermittelt Empathie und Toleranz für alle weiblichen Entscheidungen.

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