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Veröffentlicht am 20.11.2025

Dystopischer Albtraum

An der Kreuzung der Parallelstraßen
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Eric hörte sie schreien, während er an dem Magazin der alten 45er Automatik bastelte. Der Spiegel, der Spiegel, heulte sie auf. Er wandte den Blick ab, konnte sie nicht mehr sehen, wie sie sich halb nackt ...

Eric hörte sie schreien, während er an dem Magazin der alten 45er Automatik bastelte. Der Spiegel, der Spiegel, heulte sie auf. Er wandte den Blick ab, konnte sie nicht mehr sehen, wie sie sich halb nackt in den Hüften wiegte, ihre Stimme, ihr Geruch widerte ihn an. Sie konnte von Glück reden, dass die Feder des Magazins klemmte, sonst hätte er ihr eine Kugel in die Stirn gejagt. Großvater duldete sie, weil sie irgendeiner Abstammungslinie entsprungen war. Der Spiegel ist blind, jammerte Marthe, jemand muss ihn verhext haben. Sein Vetter Anastase mischte sich ein, er möge Spiegel, sie seien das Auge Gottes, das uns ermögliche, uns zu sehen. Erst kürzlich bei einem Trip habe er einen Eselskopf mit tellergroßen Augen herausschauen sehen, das habe ihn zu einem seiner Gedichte inspiriert.

Endlich hatte Eric die Feder ins Magazin gefummelt. Jetzt strich er sanft mit dem Lauf über den Zeitungsausschnitt, auf dem Finanzminister Mataro in die Kamera lächelte. Wegen seinem Strukturanpassungsprogramm waren die Aasgeier von der Bank zusammen mit dem Gerichtsvollzieher bei ihm aufgetaucht, kurz nachdem Salomé ihn verlassen hatte. Er wird ihn abknallen und Mataro wird nicht der letzte sein. Anastase war widerwillig aufgestanden, um nach der plärrenden Martha zu sehen und schrie nun ebenfalls: „Der Spiegel wirft wirklich nichts zurück“. Eric musste hier raus.

Fazit: Gary Victor, einer der populärsten haitianischen Gegenwartsliteraten, bekannt für seine drastischen Schilderungen sozialer Missstände und für seine scharfen Kritiken an der haitianischen Gesellschaft, hat diesen Roman 2000 veröffentlichen lassen. Die Geschichte beginnt wie ein Krimi und verwandelt sich dann in einen dystopischen Albtraum. Der Protagonist will sich an der korrupten Regierung für seinen sozialen Abstieg rächen. Zuerst erschießt er Mataros Geliebten, den Transvestiten Vicky, dann muss Mataro ihn zum Präsidenten, genannt der „Erwählte“, führen, der einer Zeremonie beiwohnt, die sein Regierungsberater und gleichzeitig Schwarzmagier abhält. Ab da läuft alles aus dem Ruder. Die Geschichte spitzt sich zu, wie ein luzider Fiebertraum, in dem du weißt, dass du träumst und versuchst, den Ablauf zu beeinflussen. Die Kulisse gleicht einem Hexenkessel, Hitze, die sich über die Stadt legt, Autoschlangen, die die Dunstglocke über der Stadt forcieren und das Atmen erschweren, Starkregen mit Überschwemmungen, Slums auf Müllbergen, in denen Massen von Arbeitslosen hausen. Drogenclans und Banden, die ihre Viertel regieren, überall Gestank. Sodom und Gomorrha. Selten habe ich auf 130 Seiten so viele Szenen gesehen, die eine Welt erzählen, die sich so sehr von meiner unterscheidet. Aberglaube spielt eine große Rolle und scheint bestens geeignet, das Volk zu lenken. Die Armut ist unbeschreiblich, treibt junge Frauen in die Prostitution und lässt Aids Blüten treiben. Durch das Freihandelsabkommen werden amerikanische Produkte subventioniert und die Bauern in die städtische Armut gespült. Gary Victor hat die Gabe, schier unvorstellbare Zustände sichtbar zu machen und sich damit in Haiti nicht nur Freunde gemacht. Kein einfacher Unterhaltungsroman. Für alle Leser*innen, die an experimentellen Texten, die eine Botschaft transportieren, Spaß haben.

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Veröffentlicht am 19.11.2025

Alles bleibt nebulös

Blinde Geister
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Karl liegt auf dem Boden. Rita beugt sich über ihn. Was machst du da unten, fragt sie. „Ruf Hilfe!“ Ist es also jetzt soweit, fragt sie und legt sich neben ihn. Er liegt seltsam verdreht, halb auf dem ...

Karl liegt auf dem Boden. Rita beugt sich über ihn. Was machst du da unten, fragt sie. „Ruf Hilfe!“ Ist es also jetzt soweit, fragt sie und legt sich neben ihn. Er liegt seltsam verdreht, halb auf dem Teppich, halb auf den Dielen, will sich zu ihr umdrehen, aber die Hüfte bremst ihn. Seit drei Tagen liegt er jetzt unweit der Stelle, an der er Rita auch schon einmal gefunden hat. Damals waren die Venen an ihrem Hals verschwunden. Er rief die Rettung und fuhr mit ihr im Krankenwagen mit. Sie hatte bald wieder die Augen geöffnet, aber aus ihrem Mund kam nur Stuss.

Sie fahren wie immer ans Meer und schlafen zu viert im VW-Bus. Olivia, ihre Schwester Martha, ihr Vater Karl und die Mutter Rita. Und wenn es auch nur für einen Tag ist, das Meer muss immer wieder sein. Zuvor kontrolliert Karl alle Schränke des Bullis und überprüft die Notfalltasche, die er das ganze Jahr im Auto lässt. Olivia weiß, dass Karl eine Pistole hat. Sie hatte ihn eines Nachts damit auf dem Fahrersitz kauern sehen, seine Hände hatten gezittert.

Martha ist drei Jahrgänge über ihr, deshalb hat sie einen anderen Sportlehrer. Olivia hatte sich solange vor dem Sportunterricht gedrückt, bis die Klassenlehrerin Rita unterrichtet hatte. Karl hatte gefragt: „Was hast du für ein Problem mit dem Sport?“. Jetzt robbt Olivia wieder mit den anderen Mädchen durch die imaginären Schützengräben der Turnhalle und lässt sich vom Tunzler anbrüllen.

An einem Abend kommt Olivia heim und sieht Oma Fritzchen bei Rita in der Küche sitzen. Die Oma war schon lange nicht mehr da gewesen. Später ruft Rita Olivia. Sie folgt der Stimme bis ins Badezimmer und sieht Fritzchen nackt in der Badewanne auf einem Hocker sitzen. Kein schöner Anblick. Pass mal kurz auf, sagt Rita und verlässt das Bad. Olivia weiß nicht, was sie machen soll. Fritzchen zittert und hat blaue Lippen. Olivia schreit nach Rita, aber die reagiert nicht.

Fazit: Lina Schwenk hat in ihrem Debüt Kriegstraumen verarbeitet und zeigt, wie diese Ängste an die nächsten Generationen weitergegeben werden. Während die Oma von ihrer Demenz auf ihr Langzeitgedächtnis zurückgeworfen wird und alle Gräueltaten, die ihr angetan wurden, der entsetzten Olivia erzählt, sprich der Vater gar nicht über das Erlebte. Jeder spürt jedoch durch seine stille Abwesenheit und das Bedürfnis, sich regelmäßig in den Keller zu retten, dass er schwer belastet ist. Ich kenne es selbst von meinen Großeltern. Der Opa hat nie über seine russische Kriegsgefangenschaft geredet, die Oma hat immer gestöhnt und der kleine Keller war voller Konserven und Einmachgläser mit dem Obst aus dem Garten, das wir das ganze Jahr geerntet und eingekocht haben. Ich habe den Kalten Krieg miterlebt und das Säbelrasseln der Großmächte USA und UDSSR. Meine Erinnerungen daran sind so klar und schillernd, als wäre es gestern gewesen, meine eigenen Traumata konnte ich, im Gegensatz zu meinen Eltern und Großeltern, aufarbeiten. Im Grunde eine Geschichte mit wichtigem Inhalt, die für mich jedoch, so wie sie gemacht ist, nicht funktioniert hat. Ich habe an keiner Stelle erkennen können, dass es die Zeit um 1950 ist. Wiederaufbau, Konrad Adenauer, Beginn des Wirtschaftswunders, Mode, Autos. Von all dem Aufschwung ist in der Geschichte nichts zu spüren. Zu Anfang liegen die Eltern in der Wohnung mehr oder weniger zum Sterben bereit. Später erfahre ich, dass sie noch sieben Tage gelebt haben. Mit nur einem Schluck Kaffee? Mir wird die Persönlichkeit Olivias nicht klar. Sie ist eine unzuverlässige Erzählerin. Kann ich ihr glauben, wenn sie von sich selbst erzählt? Nein. Die Eltern sind mit sich selbst verwoben, die Kinder bleiben außen vor. Alles dreht sich um das Sicherheitsbedürfnis des Vaters, das hat die Autorin gut gezeigt. Mir hat aber so vieles gefehlt, das die Protagonistin für mich greifbarer gemacht hätte. Alles bleibt nebulös und hindert mich daran, mich berühren zu lassen. Schade.

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Veröffentlicht am 18.11.2025

Alkohol- und Co-Abhängigkeit

Das Schwarz an den Händen meines Vaters
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Motte hat viel von ihrer Mutter gelernt: Männer, die Schnaps trinken, werden aggressiv und Biertrinker plaudern gern Geheimnisse aus. Eine Frau sollte immer Fluchtgeld gebunkert haben, in einem alten Stiefel ...

Motte hat viel von ihrer Mutter gelernt: Männer, die Schnaps trinken, werden aggressiv und Biertrinker plaudern gern Geheimnisse aus. Eine Frau sollte immer Fluchtgeld gebunkert haben, in einem alten Stiefel im Schrank oder in einer Dose im Gefrierfach, auf der Linsensuppe steht. Sie sollte jederzeit die Kinder nehmen und abhauen können.

Motte sagt zuweilen in der Kneipe Sachen, die sie nüchtern nie gesagt hätte, ihrem Freund ist das peinlich. Das mit dem Trinken fing schon früh an. Auf den Schützenfesten ihrer Kindheit, wenn sie Kellnerin spielte, dann trank sie die Reste, bis diese wohlige Wärme aus dem Bauch heraufstieg. Jetzt gerade schafft sie es montags nicht zur Arbeit, erzählt von Todesfällen in der Familie oder Magen-Darm-Infekten. Ihre Freunde gehen lieber ohne sie aus.

Das war doch früher ganz normal, sagt die Großmutter. „Wir Frauen haben am Monatsende vor den Fabriktoren gestanden und unseren Männern die Lohntüten abgenommen, sonst hätten sie alles in die Kneipe getragen“.

Wenn der Vater von der Arbeit nach Hause kam, wurde still zu Abend gegessen. Weder ihr Bruder noch sie erzählten, wer sie in der Schule geschubst hatte oder wen sie geküsst hatten. Die Mutter legte den Zeigefinger auf die Lippen, der Vater stierte stumpf und glasig vor sich hin. Am Sonntag spielten sie immer draußen, damit der Vater lange ausschlafen konnte.

Sie verliebt sich in einen trinkenden Mann, weil sie das kennt. Sie weiß, wie man lügt und einen Mann zurechtrückt, so dass er morgens geduscht und kerzengerade am Küchentisch sitzt. Wie sie ihm Angst machen kann, damit er glaubt, dass sie ihn verlässt, bis die Drohung sich abnutzt.

Fazit: Lena Schätte, ausgezeichnet mit dem W.-G.-Sebald-Literaturpreis, hat eine Protagonistin geschaffen, die auf ihr Leben zurückblickt. Sie ist mit ihrem Bruder in „einfachen“ Verhältnissen aufgewachsen. Alkohol hat in ihrer Familie seit Generationen die größte Rolle gespielt. Sie erlebte den trinkenden Vater in allen Facetten, auf den die gesamte Familie Rücksicht nahm. Interessant, wie die Autorin die Co-Abhängigkeit gezeigt hat. Die Traumatisierung und die genetische Disposition treiben die Protagonistin selbst, in jungen Jahren in harte Abstürze durch Alkoholexzesse. Ich mochte, wie gut die Autorin das ganze Drama gezeigt hat, ohne pathetisch zu werden. Die Geschichte ist nicht chronologisch. Sondern in kleinen Anekdoten aneinandergereiht, das macht das Lesen in diesem Fall interessant, weil es die heftigeren Szenen immer wieder auflockert. Mir hat auch gefallen, dass die Autorin auf Gewalt verzichtet. Hier geht es wirklich um den zerstörerischen Aspekt der Sucht durch eine politisch und gesellschaftlich anerkannte Droge, die die Macht hat, ganze Familien und Existenzen zu zerstören und mehr braucht es gar nicht. Es ist so wichtig, diese Krankheit zu thematisieren, für die die Betroffenen am wenigsten können. Völlig verständlich, dass dieses exzellent transportierte Thema einen Platz auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2025 gefunden hat.

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Veröffentlicht am 17.11.2025

Schönes Debüt mit fein austarierten Sätzen

Zerbrichmeinnicht
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Sibylle hat Angst, dass ihr Leben die beschissene Fortsetzung des Lebens ihrer Eltern ist. Ihre Oma ist von Graz nach Bulgarien geflüchtet, gerade als das mit Hitler immer größer wurde. Ihr Sohn Nasko ...

Sibylle hat Angst, dass ihr Leben die beschissene Fortsetzung des Lebens ihrer Eltern ist. Ihre Oma ist von Graz nach Bulgarien geflüchtet, gerade als das mit Hitler immer größer wurde. Ihr Sohn Nasko flüchtete 1954 in die mütterliche Heimat Österreich, als das mit dem bulgarischen politischen System erkennbar aussichtslos wurde. Die Tochter blieb und fand Werner, der kurz vor Sibylles Geburt wieder verschwand. Sibylles Mutter arbeitete als Dolmetscherin und besorgte Sibylle einen Platz in einem DDR-Kindergarten, als sie fünf war. Dank Stefanie aus Leipzig lernte Sibylle Sächsisch. Sie hatte schon früh das Gefühl, dass sie nicht nach Bulgarien gehörte. Kurz vor dem Mauerfall, als sie dreizehn war, fuhr sie mit ihrer Mutter zum Bruder nach Österreich. Da erlebte sie ihren ersten Kulturschock. Das Städtchen war hübsch, bunte kleine Häuschen, selbstbewusste, erfolgreiche Menschen, die von Reisen erzählten, demokratische Wahlen, Bananen und Cola.

Mit neunzehn öffnete Sibylle sich Österreich für eine Umarmung, die ausblieb. Sie hatte an ihrem exzellenten Notendurchschnitt gearbeitet, um einen Platz an einer österreichischen Uni zu ergattern. Die Verpflichtungserklärung eines österreichischen Staatsbürgers zur finanziellen Absicherung und das Visum hatte sie in der Tasche. Sie fand österreichische Freunde, die zwar deutlich freundlicher zu ihr waren als ihre eigene Familie, aber dieses ständige Fragen, woher sie denn käme, gab ihr das Gefühl, anders zu sein, nicht gut genug, nicht so wie sie. In den nächsten sechs Jahren holten sie Fragen nach ihrer Kindheit ein. Sie entsinnt Erinnerungen an die drei Zimmer Wohnung, die sie sich mit den Großeltern teilten. Sibylle hatte ein eigenes Zimmer, aber kein Bett. Sie teilte ihr Nachtlager mit der Mutter, bis sie vierzehn war.

„Kaum ein Tag verging, an dem ich nicht stundenlang auf dem Bett saß und mich mit Pippi Langstrumpf und Winnetou aus der Realität schoss.“ S. 82

Fazit: Sibylle Reuter hat mit ihrem autofiktionalen Debüt ihre osteuropäische Herkunft aufgearbeitet. In dem kommunistischen Bulgarien von 1976 gab es nicht viel. Die Menschen blieben, hinter dem eisernen Vorhang, sich selbst überlassen. Die späte Schwangerschaft der Mutter mit dreißig ohne Mann war den Leuten suspekt und es kam zu bösem Gerede. Die emotional unterkühlte Beziehung zur Tochter und die Leistungserwartung werfen Sibylle früh auf sich selbst zurück. Sie schafft den Sprung in den Westen, wird jedoch das von klein auf eingeimpfte Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht los. Sie versucht mit Leistung zu überzeugen, bleibt aber in sich leer und heimatlos. Die bulgarische Entwicklung nach dem Mauerfall (Gaunereien und mafiöse Strukturen) lässt sie ihre Herkunft verheimlichen. Je länger Sibylle ihr eigenes Leben lebt, desto fordernder wird die mittlerweile psychisch kranke Mutter, die an ihrer Tochter zerrt. Die emotionale Belastung ist für die junge Frau kaum zu ertragen, dennoch versucht sie ihren eigenen Weg in ein erfülltes Leben zu finden. Obwohl die Geschichte nicht linear erzählt ist, konnte ich ihr gut folgen. Die Autorin hat die Gabe, mit fein austarierten Sätzen Bilder zu vermitteln, die mir das empathische Mitgehen erleichtern. Ein gelungenes Debüt, das mich gespannt auf mehr sein lässt.

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Veröffentlicht am 14.11.2025

Von ausgestorbenen Tieren und Pflanzen

Wir dachten, wir könnten fliegen
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Die Ure gehen den Menschen von jeher aus dem Weg. Die gutmütigen Kolosse bleiben lieber unter sich. Zuerst haben sie sich höflich aus Vorderasien zurückgezogen, dann aus Südeuropa. Elche, Wisenten und ...

Die Ure gehen den Menschen von jeher aus dem Weg. Die gutmütigen Kolosse bleiben lieber unter sich. Zuerst haben sie sich höflich aus Vorderasien zurückgezogen, dann aus Südeuropa. Elche, Wisenten und Wildpferde sind ihnen die liebsten Nachbarn. In Masowien haben sie noch ein unberührtes Fleckchen gefunden mit Flechten an Baumstämmen, sattgrünem Moos, Fichten und Eschen. Die dichten Blätterdächer der riesigen Eichen bieten ihnen Schutz und der Mensch hält sich von den Sümpfen fern. Doch allmählich gibt es dort immer lichtere, trockenere Stellen, auch Felder, Häuser und Zäune. Menschen brennen alles nieder und zünden sich gegenseitig an. Nervös sind die Uren, kommen gar nicht mehr zur Ruhe, stehen geduckt unter nächtlichem Himmel, warten auf das Morgengrauen, das die Wiesen neblig benetzt und die Pflanzen schön knackig macht. Auf diese schmackhafte Morgenstunde machen sie sich immer aufmerksam. Aber warte! Der Ure erwacht aus seiner tüdeligen Trägheit, fragt sich, wann er zuletzt seinesgleichen gesehen hat. Er wird doch nicht der letzte seiner Art sein?

Julia Schoch „Das Feld räumen“

Sie wollten per Schiff nach Japan, um den letzten Honshü-Wolf zu besichtigen. Nun aber saßen sie in einer Pension herum Madame Chafroid, Dottore Malessere, Mister Eugene Crapulence und sie. Sie lasen, spielten Karten, tranken einen kurzen Scharfen und bemerkten, dass sie beobachtet wurden. Mein Herr, rief sie, wenn sie unsere Gesellschaft suchen, müssen sie sich schon etwas bemühen, denn nur durch Glotzen ward noch nie ein festes Band geknüpft …

Katerina Polandjan und Henning Fritsch „Die letzte Mazurka

Fazit: Matthias Jügler (Maifliegenzeit) hatte die Idee, Geschichten über ausgestorbene Tiere und Pflanzen erzählen zu lassen und hat einen Rundruf gestartet. Die von ihm geschätzten Autorinnen und Autoren ließen sich schnell von seinen Ambitionen überzeugen und so schufen sie 19 Kurzgeschichten. Das Ganze ist liebevoll gestaltet und wird von Bildern der Illustratorin Barbara Dziadosz untermalt. Jede Geschichte widmet sich einem Tier oder einer Pflanze, das/die ein großer Verlust für unser Ökosystem ist. Die Autorinnen haben sich mit dem Wegbrechen des Lebensraumes und der Ausrottung durch den Menschen auseinandergesetzt und ernste, komische, schräge, alles in allem aber liebevolle Beiträge geleistet. Der Auerochse findet einen Raum, die Wandertaube, der Riesenalk und viele mehr. Die Erzählerinnen sind T.C. Boyle, Alex Capus, Daniela Dröscher, Clemens J. Setz, Caroline Wahl, Iris Wolff und viele andere und geben einen schönen Vorgeschmack auf ihre Schreibkünste. Ein wundervoller Erzählband, den man auch gut zu Weihnachten verschenken kann.

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